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Die Piraten

Komische Operette in zwei Akten
Text von William Schwenck Gilbert
Neue deutsche Übersetzung von Inge Greiffenhagen und Bettina von Leoprechting
Musik von Arthur Sullivan

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

in deutscher Sprache

Übernahme aus der Musikalischen Komödie in Leipzig

Premiere im Opernhaus Wuppertal am 9. Januar 2022


Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Die Queen wird es schon richten


Von Thomas Molke / Fotos:  Jens Großmann

Nachdem die über die Ufer getretene Wupper im Juli 2021 so große Schäden am Opernhaus verursacht hatte, dass man zu Beginn der neuen Spielzeit auf andere Spielstätten ausweichen musste, gab es im Dezember "Entwarnung": Das Opernhaus ist wieder bespielbar, mit einigen Einschränkungen zwar, da die Unterbühne immer noch nicht wieder voll einsatzfähig ist. Aber mit gut zweijähriger Verspätung konnte nun endlich an der Wupper die komische Operette Die Piraten von dem englischen Erfolgs-Duo Gilbert & Sullivan als Übernahme der Musikalischen Komödie in Leipzig über die Bühne gehen. Hinter Gilbert & Sullivan verbergen sich der Schriftsteller und Librettist William Schwenck Gilbert und der Komponist Arthur Sullivan, die es, inspiriert von der französischen "Opéra bouffe" Jacques Offenbachs, schafften, in England eine nationale Musiktheatertradition zu etablieren, die sich mit ihrem großartigen Sprachwitz und den irrwitzigen Geschichten zu Vorläufern des absurden Theaters entwickelten. Dass ihre Werke im deutschsprachigen Raum relativ selten auf den Spielplänen stehen, hängt zum einen mit der Auswahl der Themen, die stereotype britische Verhaltensweisen parodieren, und zum anderen mit dem englischen Sprachwitz zusammen, der sich vor allem in den Patter Songs schwer übersetzen lässt und auch in Form von Übertiteln die Komik aufgrund des Umfangs kaum vermitteln kann. Inge Greiffenhagen und Bettina von Leoprechting ist es jedoch bei den Piraten gelungen, den britischen Humor in eine treffliche deutsche Übersetzung zu übertragen.

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Der Piratenkönig (Sebastian Campione, links) will, dass Frederic (Sangmin Jeon, rechts) bei den Piraten bleibt.

Nur die Ausgangssituation lässt sich nicht ganz glücklich ins Deutsche übertragen. Das etwas schwerhörige Kindermädchen Ruth hat den jungen Frederic, weil sie die Ausbildungsstätte falsch verstanden hatte, zur Lehre bei den Piraten statt bei den Privaten gegeben. Im englischen Original sollte es eine Ausbildung zum "pilot" (Schiffslotse) statt "pirate" sein. Da Frederic aber als Sklave der Pflicht alle Verträge einhalten will und kein Versprechen gebrochen werden darf, absolviert er bis zu seinem 21. Geburtstag bei den Piraten seine Lehre, um anschließend ein ehrbares Leben zu beginnen. Am Strand trifft er auf den Major-General Stanley mit dessen Töchtern und Mündeln und verliebt sich sofort in Mabel. Doch auch die Piraten finden Gefallen an den jungen Mädchen und wollen sie rauben. Stanley kann sich und seine Töchter nur mit der Notlüge retten, dass er eine Waise sei, da er weiß, dass die Piraten aus Mitleid keine Waisen angreifen. Doch er fühlt sich nicht wohl dabei, da es gegen sein Pflichtgefühl ist, selbst Piraten gegenüber die Unwahrheit zu sagen. Als der Piratenkönig Frederic mitteilt, dass seine Lehre noch gar nicht zu Ende sei, da er am 29. Februar geboren sei und damit erst in 63 Jahren seinen 21. Geburtstag feiern könne, kehrt Frederic aus Pflichtgefühl zu den Piraten zurück und plant mit ihnen, den Major-General für dessen Lüge zu bestrafen. Die mittlerweile eingetroffene Polizei kann von den Piraten leicht überwältigt werden und einer Bestrafung des Major-Generals steht nichts mehr im Wege, bis der Polizeisergeant an das Pflichtgefühl der Piraten appelliert und fordert, als treue Monarchisten die Beute der Queen auszuhändigen. In diesem Dilemma können die Piraten überwältigt werden, doch da schreitet Ruth ein. Sie erklärt, dass die Piraten fehlgeleitete Männer von edler Herkunft seien. Daher verbiete es das Pflichtgefühl des Major-Generals, die Piraten zu bestrafen. Stattdessen werden seine Töchter und Mündel mit diesen "vornehmen" Herren vermählt.

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Die Queen (Joslyn Rechter) rettet die Lage (vorne rechts: Major-General Stanley (Simon Stricker), hinten links: Herrenchor als Piraten).

Das Regie-Team um Cusch Jung, der vielen Wuppertalern noch durch seine Inszenierung von My Fair Lady vor vier Jahren in bester Erinnerung sein dürfte (siehe auch unsere Rezension), fügt als besonderen Gag Queen Elisabeth II. als zusätzliche Figur ein. Sie ist es, die den Piraten letztendlich den Ritterschlag erteilt und sie zu edlen Herren macht, die für die Töchter des Major-Generals eine angemessene Partie darstellen. Joslyn Rechter begeistert dabei nicht nur optisch in ihrem zartrosa-farbenen Kostüm als Queen mit charakteristischem Hut, sondern arbeitet auch in feinstem Oxford-Englisch die königliche Noblesse heraus. Dass sie und nicht ihre Ur-Ur-Großmutter Queen Victoria, von der im eigentlichen Stück die Rede ist, auftritt, erklärt sie lapidar mit dem Satz, dass Victoria leider schon tot sei. Im Foyer des Opernhauses steht sie als lebensgroße Pappfigur für Selfies mit den Zuschauer*innen bereit. Wer es weniger adlig mag, kann sich auch eine Etage tiefer mit einer lebensgroßen Figur des Piratenkönigs fotografieren. Sebastian Campione, der in der Inszenierung von Holger Seitz am Gärtnerplatztheater in München vor über zehn Jahren noch als Hauptmann Samuel auf der Bühne stand, gibt mit seinem langen Bart und strengen Blick einen Ehrfurcht einflößenden Piratenkönig, der mit seiner Schusseligkeit und großen Komik aber schnell an Autorität einbüßt.

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Der Major-General Stanley (Simon Stricker, links) verhandelt mit dem Piratenkönig (Sebastian Campione, rechts).

Beate Zoff hat eine kreisrunde angeschrägte Drehscheibe als Bühnenbild konzipiert, die aufgrund der Schäden an der Unterbühne in Wuppertal manuell gedreht werden muss. Bedenkt man, dass teilweise während des Drehens ein Großteil der Akteure auf der Scheibe steht, dürfte das schon ein enormer Kraftakt sein. Die Drehscheibe zeigt die Ziffern einer Uhr, die aber nicht in der richtigen Reihenfolge angeordnet sind. So spielt ja auch das Stück mit der Zeit, da Frederic nach 21 Jahren erst seinen fünften Geburtstag gefeiert haben soll, weil er am 29. Februar geboren wurde. Im ersten Akt stellt die Drehscheibe erst das Piratenschiff und später den Strand dar, an dem Frederic auf Mabel und ihre Schwestern trifft. Im zweiten Akt deuten einige Grabsteine die Familiengruft an, bei der der Major-General Vergebung für seine Lüge sucht. Die Kostüme, für die ebenfalls Zoff verantwortlich zeichnet, sind der Zeit angepasst, in der das Stück spielen soll, so dass die Komik ganz auf das Libretto und die Musik vertraut. Und dieses Konzept geht dank der großen Spielfreude des Ensembles auf. Da ist zunächst Ruths Erzählung zu erwähnen, in der sie berichtet, wie Frederic einst zu den Piraten gekommen ist. Joslyn Rechter begeistert bei dieser Geschichte mit dunklem Mezzosopran und großartigem Spiel. Auch wenn sie sich später dem jungen Frederic als potenzielle Braut präsentiert, setzt Rechter diese Szene mit großer Selbstironie um. Ein weiterer Höhepunkt im ersten Akt ist die Auftrittsarie des Major-Generals, in der sich Simon Stricker in einem Patter Song mit großartiger Textverständlichkeit und schnellen Läufen vorstellt und mit seinen großen Kenntnissen prahlt. Sehr gelungen kann auch das Wortspiel mit den Wörtern "Waise" und "Weise" betrachtet werden.

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Frederic (Sangmin Jeon) erklärt Mabel (Ralitsa Ralinova), dass er noch bei den Piraten bleiben muss.

Sangmin Jeon stellt nach den zahlreichen tragischen Figuren wie Alfredo Germont, Rodolfo und Werther unter Beweis, dass er als Frederic auch das komische Fach beherrscht und punktet mit humorvollem Spiel, wenn er pflichtbewusst sowohl seinen Aufgaben als Piratenlehrling nachkommt, als auch genauso nach dem vermeintlichen Ende seiner Lehre die Piraten mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen will, dann aber sofort wieder die Seiten wechselt, nachdem man ihn überzeugt hat, dass er seinen Vertrag noch nicht vollständig erfüllt hat. Die Partie gestaltet Jeon mit gewohnt tenoralem Schmelz in den Höhen und großer Leidenschaft. Ralitsa Ralinova mimt als Mabel einen wunderbar naiven Backfisch und glänzt mit strahlendem Sopran. Oleh Lebedyev lässt mit kraftvollem Bariton als Hauptmann Samuel aufhorchen. Yisae Choi sorgt als nicht ganz ernstzunehmender Polizeisergeant mit witzigen Tanzeinlagen gemeinsam mit dem Extraballett der Wuppertaler Bühnen für komische Momente. Iris Marie Sojer und Rosha Fitzhowle runden als Edith und Kate das Solisten-Ensemble mit großem Spielwitz ab. Auch der Opernchor der Wuppertaler Bühnen zeigt sich überglücklich, dass wieder im Opernhaus gespielt werden kann, und punktet mit großer Spielfreude. Die Herren des Opernchors markieren eine stimmgewaltige Piratenbande, und die Damen des Opernchores amüsieren als leicht hysterische Mündel des Major-Generals. Johannes Witt arbeitet mit dem Sinfonieorchester Wuppertal die musikalische Leichtigkeit der Vorlage mit einem flotten, spritzigen Sound, wunderbar heraus, so dass es großen und verdienten Beifall für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Die Piraten bieten beste Unterhaltung im endlich wieder bespielbaren Opernhaus.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Johannes Witt

Inszenierung
Cusch Jung

Bühnenbild und Kostüme
Beate Zoff

Choreographie
Janet Calvert

Choreinstudierung
Markus Baisch /
Ulrich Zippelius

Dramaturgie
Elisabeth Kühne
Marc von Reth

 

Sinfonieorchester Wuppertal

Opernchor der Wuppertaler Bühnen

Extraballett der Wuppertaler Bühnen


Besetzung

Piratenkönig
Sebastian Campione

Samuel
Oleh Lebedyev

Frederic
Sangmin Jeon

Major-General Stanley
Simon Stricker

Polizeisergeant
Yisae Choi

Mabel
Ralitsa Ralinova

Ruth / Queen Elisabeth II.
Joslyn Rechter

Edith
Iris Marie Sojer

Kate
Rosha Fitzhowle

 

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



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