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La traviata

Oper in drei Akten
Libretto von Francesco Maria Piave nach dem Roman Die Kameliendame von Alexandre Dumas
Musik von Giuseppe Verdi

Aufführungsdauer: ca. 2h 35' (eine Pause)

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere der konzertanten Aufführung in der Historischen Stadthalle Wuppertal am 25. November 2021


Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Verdi nach dem Stream nun live


Von Thomas Molke / Fotos:  Bettina Stöß

Das Opernhaus in Wuppertal ist wegen des Hochwasserschadens immer noch nicht bespielbar. Nachdem man die ursprüngliche Eröffnungspremiere Giulio Cesare in Egitto als "Konzertinstallation in den Werkstätten der Wuppertaler Bühnen präsentiert hat und für Sciarrinos Il canto s'attrista, perché? in das Erholungshaus Leverkusen ausgewichen ist, hat man sich überlegt, die Zeit bis Januar 2022, wenn hoffentlich mit der Operette Die Piraten von Gilbert & Sullivan wieder im Opernhaus gespielt werden kann, mit einer konzertanten Aufführung von Verdis wohl erfolgreichsten Oper der Musikgeschichte in der Stadthalle zu überbrücken: La traviata. Die Oper zählt mit Rigoletto und Il trovatore zur sogenannten "Trilogia popolare", die Verdis Weltruhm begründet hat, und wurde 2010 vom Deutschen Fernsehen zur "beliebtesten Oper aller Zeiten" gekürt. Dabei kann man sich kaum vorstellen, dass die Uraufführung am 6. März 1853 im Teatro La Fenice zunächst ein Reinfall war. Aber die Handlung und Verdis Musik passten nicht zu der barocken Ausstattung, in die die erste Inszenierung gezwängt wurde, was ein Grund für die Ablehnung im Publikum gewesen sein mag. Als Verdi im Mai 1854 im Teatro San Benedetto das Stück auch optisch in die Gegenwart verlagern konnte, verbuchte das Stück den triumphalen Erfolg, der bis heute anhält und die Partie der Kurtisane Violetta Valéry zur Paraderolle für zahlreiche Sopranistinnen von Rosa Ponselle über Maria Callas bis hin zu Anna Netrebko gemacht hat.

Mit diesem Stück hat sich Julia Jones Ende der letzten Spielzeit als Generalmusikdirektorin von den Wuppertaler Bühnen verabschiedet. Da eine Aufführung vor Publikum aufgrund der Corona-Pandemie im Sommer noch nicht möglich war, hatte man die Produktion aufgezeichnet und ab 4. Juli 2021 als Online-Stream ins Internet gestellt. Weil die drei Hauptpartien allesamt hochkarätig mit Ensemble-Mitgliedern besetzt werden konnten, schien es absolut vernünftig, unter den momentanen Bedingungen, diese konzertante Darbietung nun in der Stadthalle vor Publikum zu präsentieren. Um das musikalische Erlebnis zu erweitern, bietet man für diese Aufführung den digitalen Opernführer "Share Your Opera" an, bei dem man über die kostenlose App "Opera Guru" während der Aufführung "Social Media Posts" von Violetta und den anderen Figuren lesen kann. Ob diese Art der Modernisierung erforderlich oder erstrebenswert ist, ist sicherlich Geschmacksache. Wer sich nicht dafür erwärmen kann, kann die Aufführung jedenfalls auch ganz klassisch verfolgen und genießen.

Ralitsa Ralinova als Violetta Valéry (im Hintergrund Demian Matushevskyi als Marchese d'Obigny)

Im Gegensatz zum Stream sitzt das Sinfonieorchester auf der Bühne. Die ersten Reihen im Parkett sind immer noch ausgebaut, da der Opernchor vor der Bühne und dem Orchester positioniert ist. Die Solistinnen und Solisten treten ohne Textbuch vor dem Orchester auf der Bühne auf und verleihen der Aufführung auch ohne Bühnenbild oder wechselnde Kostüme einen szenischen Anstrich, allen voran Ralitsa Ralinova in der Titelpartie, die die Rolle der Violetta regelrecht zu durchleben scheint. So strahlt sie beim Fest im ersten Akt pure Lebensfreude aus, wenn sie auf Alfredo trifft, und stimmt voller Kraft in das berühmte Trinklied ein. Doch die ersten Anzeichen von Violettas Krankheit lassen sich nicht verbergen, und Ralinova spielt diese Schwankungen großartig aus. Mit großer Dramatik gestaltet sie ihre große Arie "È strano" im ersten Akt, in der sie sich über ihre Gefühle für Alfredo bewusst wird. Mit glasklaren Koloraturen und sauber ausgesungenen Höhen punktet sie in der folgenden Cabaletta "Sempre libera degg'io". Auch im zweiten Akt lässt sie das Publikum ein Wechselbad der Gefühle durchleben. Das glückliche Leben auf dem Land wird von Alfredos Vater Germont gestört, der Violetta schließlich überzeugen kann, aus Rücksicht auf Alfredos Familie auf das eigene Glück zu verzichten. Großes Mitleid empfindet man mit ihr auf dem Ball, wenn sie von Alfredo vor der Gesellschaft gedemütigt wird. Bewegend gestaltet Ralinova auch den dritten Akt, in dem der todkranken Violetta klar wird, dass sie nur noch wenige Stunden zu leben hat. Die große Abschiedsarie "Addio, del passato" geht in Ralinovas Interpretation unter die Haut. In den gesprochenen Passagen präsentiert sie sich absolut fragil.

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Paraderolle für Sangmin Jeon: Alfredo Germont

Sangmin Jeon kann als Idealbesetzung für die Partie des Alfredo bezeichnet werden. Schon in seiner ersten großen Arie im ersten Akt, "Un di, felice, eterea", wenn er Violetta auf der Feier seine Liebe gesteht, versprüht er tenoralen Glanz mit exakt angesetzten Spitzentönen. In der Mittellage verfügt er über eine weiche und geschmeidige Stimmführung. Das berühmte Trinklied "Libiamo" stimmt er mit strahlenden Höhen an, wobei auch der Wuppertaler Opernchor dabei kräftig auftrumpft. Sehr lyrisch legt er seine Arie "De' miei bollenti spiriti" im zweiten Akt an, in der er sein Glück mit Violetta besingt. Doch dieses Glück ist nicht von Dauer. Als er erkennt, dass Violetta ihr ganzes Geld für dieses sorgenfreie Leben auf dem Land verbraucht, will er nicht länger tatenlos zusehen. Dass Violetta ihn bei seiner Rückkehr verlassen hat und scheinbar in die Arme des Barons zurückgekehrt ist, nimmt er mit großer tenoraler Eifersucht auf und macht ihr beim Ball auch darstellerisch eine Szene, die das Publikum im Sitz zusammenzucken lässt. Die Versöhnung kurz vor Schluss mit Violetta ist leider nur von kurzer Dauer, da sie in seinen Armen stirbt.

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Iris Marie Sojer als Flora Bervoix und Daegyun Jeong als Barone Douphol

Simon Stricker lässt als Alfredos Vater Giorgio Germont ebenfalls keine Wünsche offen. Mit profundem Bariton und einer gewissen Härte unterstreicht er den patriarchalischen Charakter der Figur und macht Violetta unmissverständlich klar, dass sie nicht für seinen Sohn bestimmt ist. Zwar erkennt er die aufrichtigen Gefühle der jungen Frau, überzeugt sie aber dennoch, auf Alfredo zu verzichten. Darstellerisch bewegend spielt er aus, wie Violettas Leidensfähigkeit die Vorsätze des alten Germont ins Wanken bringen. Eindrucksvoll finden Strickers Bariton und Ralinovas weich angesetzter Sopran im Duett der beiden zueinander. Mit großer Mühe versucht er anschließend, seinen Sohn davon zu überzeugen, dass eine Trennung von Violetta die einzige Lösung für ihn ist. Dabei gelingt Stricker auch die große Arie "Di provenza il mare, il suol" überzeugend. In den kleineren Partien überzeugen Iris Marie Sojer als Violettas Freundin Flora Bervoix mit verführerischem Mezzosopran und Ján Rusko als Gastone mit kräftigem Tenor. Auch Mitglieder des Opernstudios NRW sind bei dieser Aufführung beteiligt. Daegyun Jeong gestaltet den Barone Douphol mit dunkel gefärbtem Bass, und Demian Matushevskyi punktet als Marchese d'Obigny mit kräftigem Bariton. Heejin Kim verfügt als Annina über eine dunkel gefärbte Mittellage. Johannes Witt führt das Sinfonieorchester Wuppertal mit leichter Hand von einem musikalischen Ohrwurm zum nächsten, und der Opernchor punktet durch eine stimmgewaltige und saubere Diktion, so dass es am Ende zu Recht großen Applaus für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Es ist ein musikalischer Gewinn, diese Produktion nicht nur online sondern auch mit Publikum erleben zu können.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Johannes Witt

Chor
Markus Baisch

Dramaturgie
Marc von Reth

 

Sinfonieorchester Wuppertal

Opernchor der Wuppertaler Bühnen


Besetzung

Violetta Valéry
Ralitsa Ralinova

Flora Bervoix
Iris Marie Sojer

Annina
Heejin Kim

Alfredo Germont
Sangmin Jeon

Giorgio Germont
Simon Stricker

Gastone
Ján Rusko

Barone Douphol
Daegyun Jeong

Marchese d'Obigny
Demian Matushevskyi

Dottore Grenvil
Sebastian Campione

Giuseppe
Giorgi Davitadze

Diener / Kommissionär
Hak-Young Lee

 

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



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