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Tannhäuser

Romantische Oper in drei Akten
Musik und Text von Richard Wagner

Aufführungsdauer: ca. 4h 10' (zwei Pausen)

in deutscher Sprache mit Übertiteln

Premiere im Opernhaus Wuppertal am 27. März 2022


Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Wartburg in der Kölner Keupstraße


Von Thomas Molke / Fotos:  Bettina Stöß und Jens Grossmann

Richard Wagners Tannhäuser ist nicht nur das Werk des großen deutschen Komponisten, das er am häufigsten revidiert und mit einschneidenden Veränderungen versehen hat. So hat er zum Beispiel für die Pariser Fassung von 1861  ganze Passagen des 1845 in Dresden uraufgeführten Werkes neu komponiert und ein für die Grand Opéra obligatorisches Ballett, das sogenannte Bacchanal im Venusberg, eingefügt. Doch auch diese Fassung, die in Paris zu einem Theaterskandal führte, wurde von Wagner weiterverarbeitet, und kurz vor seinem Tod soll er seiner Gattin Cosima gegenüber geäußert haben, der Welt noch einen "festspieltauglichen" Tannhäuser schuldig zu sein. Auch für die Oper Wuppertal hat diese große romantische Oper eine besondere Bedeutung, wurde doch die 1905 eröffnete Spielstätte in Barmen damit eröffnet. In diesem Sinne mag es dem Intendanten der Wuppertaler Oper Berthold Schneider ein besonderes Anliegen gewesen sein, dieses Werk gegen alle Widrigkeiten an der Oper zur Premiere zu bringen. Und dabei erschwerte nicht nur die immer noch andauernde Corona-Pandemie das Vorhaben. Die im Juli 2021 über die Ufer getretene Wupper verursachte so große Schäden am Opernhaus, dass man zu Beginn der Spielzeit nicht wusste, ob und wann das Haus wieder bespielbar ist. Als dann klar war, dass die für März angesetzte Premiere stattfinden konnte, startete man zuversichtlich in den Probenprozess, zumal die ab Anfang März gültigen Lockerungen für den Spielbetrieb ermöglichten, auch den für die Oper erforderlichen umfangreichen Chor und Extrachor auf die Bühne zu stellen. Doch die Corona-Pandemie ist leider noch nicht vorbei, und so führten zahlreiche Erkrankungen im Ensemble dazu, dass der ursprüngliche Premierentermin am 6. März 2022 und auch der zweite Premierentermin am 11. März 2022 abgesagt werden mussten. Aber wie heißt es so schön: Aller guten Dinge sind drei, und so konnte die Premiere schließlich im dritten Anlauf am 27. März 2022 im ausverkauften Haus über die Bühne gehen und wurde vom Publikum mit großem Jubel gefeiert.

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Multi-Kulti-Sängerwettstreit in der Keupstraße (Wolfram (Simon Stricker) mit dem Chor und der Statisterie) (© Bettina Stöß)

Dies dürfte nicht zuletzt einer guten Besetzung zu verdanken sein, die auch einen überregionalen Vergleich nicht zu scheuen braucht. Am Pult des Sinfonieorchesters gibt der neue Generalmusikdirektor Patrick Hahn seinen Einstand. Dass das Vorspiel noch ein wenig steif klingt, mag einer gewissen Premierennervosität geschuldet sein. Im weiteren Verlauf findet Hahn mit dem Orchester subtile Zwischentöne und arbeitet die unterschiedlichen Stimmungen in den einzelnen Akten differenziert heraus. Zu Recht wird er dafür vom Publikum mit großem Beifall gefeiert. Ob man der Deutung des Regie-Teams um Nuran David Calis folgen möchte, ist Geschmacksache. Für seine Auseinandersetzung mit Wagners Oper hat wohl seine Arbeit am Schauspiel Köln, Die Lücke - Ein Stück Keupstraße, Pate gestanden, die er anlässlich des 10. Jahrestages des Nagelbombenanschlags in der Kölner Keupstraße zusammen mit Anwohner*innen und Betroffenen entwickelte. So befindet sich die Wartburg in seiner Inszenierung eben in dieser Straße, und der Sängerwettstreit findet als großes Straßenkulturfest unter dem Titel "Birlikte #Zusammenstehen" statt. Mit diesem Fest wurden anlässlich des 10. Jahrestages des Attentats künstlerische und musikalische Zeichen gegen den Anschlag, Rassismus und rechtsextremistische Gesinnung gesetzt. Ob diese multikulturelle Gesellschaft wirklich von den Sängern auf Wartburg repräsentiert werden kann, ist fraglich. Da wirkt es nämlich schon recht unglaubwürdig, dass Tannhäuser wegen seiner progressiven Ansichten zur freien Liebe derart ausgegrenzt wird und einen Eklat auslöst. Vielleicht will Calis damit aber auch den scheinbaren "Gutmenschen" den Spiegel vorhalten und zeigen, dass sie keineswegs so tolerant sind, wie sie sich immer geben. Dass der Weg der Buße in dieser Lesart allerdings nach Rom führt, lässt sich kaum rechtfertigen.

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Tannhäuser (Norbert Ernst) und Venus (Allison Cook) (© Bettina Stöß)

Unklar bleibt auch, wo denn eigentlich der Venusberg sein soll. Anne Ehrlich, die für das Bühnenbild verantwortlich zeichnet, deutet ihn als ein Bordell im Rotlichtmilieu. Handelt es sich hierbei um die "dunkle Seite" der Keupstraße? "Il Paradiso", was in großen leuchtenden Lettern an einem Schaufenster in diesem Etablissement prangt, entpuppt sich später im zweiten Akt jedenfalls als ein Laden für Brautmoden. In diesem Venusberg treten alle mit Masken auf. Hier merkt man beim Bacchanal, dass - wie Schneider vor der Vorstellung ansagt - bei den Proben nie alle zusammen anwesend gewesen sind. Die Massen bewegen sich sehr hölzern und erinnern mit ihren Schrittfolgen eher an einen traditionellen Eröffnungstanz beim Ball in einer Tanzschule. Vielleicht ist auch einfach zu wenig Platz auf der Bühne, damit sich hier ein lustvolles oder orgiastisches Treiben entfalten könnte. Alles wirkt nahezu bieder und brav, wie man es von der Wartburg-Gesellschaft im zweiten Akt erwartet. Aber immerhin sind es ja auch die Sänger des Wettstreits, die maskiert im Venusberg ihre Lust ausleben. Einzig Tannhäuser zeigt hier sein wahres Gesicht und vergnügt sich mit Venus auf einem Balkon, bevor er schließlich erkennt, dass er darin keine Erfüllung mehr findet. Wenn die Sänger ihm dann am nächsten Morgen begegnen und die Maske auf ihrem Hinterkopf noch verrät, dass sie selbst auch im Venusberg gewesen sind, zeigt es, wie verlogen diese Gesellschaft ist.

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Tannhäuser (Norbert Ernst, Mitte) und die Sänger (von links: Walther von der Vogelweide (Sangmin Jeon), Wolfram von Eschenbach (Simon Stricker), Hermann (Guido Jentjens), Reinmar von Zweter (Timothy Edlin), Biterolf (Sebastian Campione) und Heinrich (Mark Bowman-Hester)) (© Bettina Stöß)

Drei große Bildschirme prangen über der Szene, die in Live-Projektionen von drei Kameras unterschiedliche Perspektiven aufgreifen. Mal treten von den Seiten Männer auf, die die Kameras justieren. Später sieht man im zweiten Akt auf den Bildschirmen einen Dokumentarfilm über das Nagelbombenattentat mit einem laufenden Spruchband, das vom Geschehen auf der Bühne ein wenig ablenkt. Im dritten Akt sind dann die Läden in der Straße verbarrikadiert. Hier wartet Elisabeth in einem weißen Hosenanzug, der mit den angedeuteten silbernen Flügeln auf dem Rücken wohl einen Engel andeuten soll, auf Tannhäusers Rückkehr mit den Pilgern und wählt, als er nicht im Herr der Pilger auftaucht, den Freitod. Ob Tannhäuser überhaupt irgendwo anders gewesen ist, lässt die Inszenierung offen. Wie aus dem Nichts taucht er schließlich als eine Art Penner unter einer Decke vor dem verschlossenen "Il Paradiso" auf, dessen Lettern ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Ob es eine Erlösung am Ende für Tannhäuser gibt, lässt Calis in seiner Inszenierung offen. Zwar entscheidet sich Tannhäuser erneut gegen Venus, als Wolfram Elisabeths Namen ruft und man sie auf dem mittleren Bildschirm wie einen Geist durch die Dunkelheit wandern sieht. Auch verkündet der Chor vom Wunder, dass der Stab des Papstes zu grünen begonnen hat. Aber Tannhäuser bleibt isoliert zurück. Elisabeth schreitet noch einmal über die Bühne. Dann ist er aber endgültig allein.

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Gemeinsam für den Frieden: Tannhäuser (Norbert Ernst) und Elisabeth (Julie Adams) (© Jens Grossmann)

Sein Debüt in der Titelpartie gibt Norbert Ernst, den man in den letzten Jahren vor allem als Loge im Rheingold, David in Die Meistersinger aus Nürnberg und Erik im fliegenden Holländer erlebt hat. Ernst verfügt über einen recht hellen Tenor, der die für die Partie erforderlichen Kraftreserven besitzt. Bei der großen Romerzählung im dritten Akt weiß er noch mit großer Dramatik zu glänzen. Im ersten Akt punktet er im Venusberg mit sauber angesetzten Spitzentönen und gibt sich im zweiten Akt beim Sängerwettstreit glaubhaft kämpferisch. Im Zusammenspiel mit Julie Adams als Elisabeth zeigt er auch stimmlich eine sehr lyrische Komponente. Auch Adams gibt als Elisabeth ein Rollendebüt. Während sie die Hallenarie noch mit starkem Vibrato anlegt und ein bisschen zu viel will, zeigt sie sich im weiteren Verlauf sehr sicher und findet auch wunderbar leise Zwischentöne. Besonders bewegend gelingt ihre Interpretation im dritten Akt. Allison Cook überzeugt als Venus mit laszivem Spiel und dunkel gefärbten Höhen. Ensemble-Mitglied Simon Stricker gibt ein umjubeltes Debüt als Wolfram von Eschenbach. Mit großer Melancholie legt er die Figur an und begeistert beim Lied an den Abendstern. Guido Jentjens punktet als Hermann mit sauberer Diktion. Auch die übrigen kleineren Partien sind mit Sangmin Jeon (Walther von der Vogelweide), Sebastian Campione (Biterolf) John Heuzenroeder als Gast für den erkrankten Mark Bowman-Hester (Heinrich der Schreiber) und Timothy Edlin (Reinmar von Zweter) gut besetzt. Aufhorchen lässt auch Sebastian Scherer von der Chorakademie Dortmund als junger Hirt.

Der um den Extrachor erweiterte Opernchor der Wuppertaler Bühnen unter der Leitung von Ulrich Zippelius überzeugt stimmlich, auch wenn er von Schneider als "etwas ausgedünnt" angesagt wird. In den Jubel für die Solist*innen den Chor und das Orchester mischen sich vereinzelte Unmutsbekundungen für das Regie-Team, die jedoch im allgemeinen Jubel untergehen.

FAZIT

Auch wenn nicht jeder Regie-Einfall überzeugen kann, darf man diesen Tannhäuser in Wuppertal insgesamt als gelungene Produktion betrachten, vor allem musikalisch.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Patrick Hahn

Inszenierung und Video
Nuran David Calis

Bühne
Anne Ehrlich

Kostüme
Anna Sünkel

Choreographie
Matteo Marziano Graziano

Choreinstudierung
Ulrich Zippelius

Dramaturgie
Marc von Reth

 

Sinfonieorchester Wuppertal

Opernchor der Wuppertaler Bühnen

Extrachor der Wuppertaler Bühnen

Statisterie der Wuppertaler Bühnen


Besetzung

*Premierenbesetzung

Hermann, Landgraf von Thüringen
Guido Jentjens

Tannhäuser
Norbert Ernst

Wolfram von Eschenbach
Simon Stricker

Walther von der Vogelweide
Sangmin Jeon

Biterolf
Sebastian Campione

Heinrich der Schreiber
Mark Bowman-Hester /
*John Heuzenroeder

Reinmar von Zweter
Timothy Edlin

Elisabeth, Nichte des Landgrafen
Julie Adams

Venus
Allison Cook

Ein junger Hirt
*Sebastian Scherer /
Nicolas Schröer

Edelknaben
Kinderchor der Wuppertaler Bühnen

 

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



Da capo al Fine

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