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Musiktheater
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Don Pasquale

Komische Oper in drei Akten
Libretto von Michele Accursi
Musik von Gaetano Donizetti

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

Premiere im Großen Haus im MiR am 11. Februar 2023

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Musiktheater im Revier
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Konflikt der Generationen

Von Thomas Molke / Fotos: Sascha Kreklau

Donizettis Don Pasquale ist die letzte komische Oper des "Vielschreibers" aus Bergamo. Dabei mag es zunächst verwundern, dass er dabei scheinbar einen Rückschritt zur Opera buffa machte und mit dem Personal aus der Commedia dell'arte die Form der komischen Operntradition des vergangenen Jahrhunderts wieder aufgriff. Allerdings ist diese Tatsache nicht irgendeiner Bequemlichkeit oder Schwäche des Komponisten zuzuschreiben, der seit 1842 bereits an Lähmungen und Krämpfen litt, die ihn schließlich 1846 ins Irrenhaus Ivry brachten. Dafür ist die musikalische Gestaltung zu farbenreich, und die Figuren sind mit viel Tiefgang gezeichnet, so dass in ihnen der versierte Meister zu erkennen ist, der zu Recht als Bindeglied zwischen Rossini und Verdi betrachtet wird. Anders als seine dramatischen Werke, die im Laufe des 19. Jahrhunderts allmählich von den Bühnen verschwanden und ihre Renaissance erst durch große Künstlerinnen wie Maria Callas und Edita Gruberova erlebten, konnte sich Don Pasquale dauerhaft seit der Uraufführung im Repertoire halten und ist nun auch im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen zu erleben.

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Don Pasquale (Urban Malmberg, rechts) will seinen Neffen Ernesto (Khanyiso Gwenxane, links) aus dem Haus haben.

Die Handlung basiert auf einem Dramma giocoso von Stefano Pavesi, das unter dem Titel Ser Marcantonio nahezu 30 Jahre lang zu den erfolgreichsten komischen italienischen Opern zählte und sich sogar gegen Rossini behaupten konnte (Das Belcanto Opera Festival Rossini in Wildbad präsentierte dieses Werk 2011, siehe auch unsere Rezension), bevor es in der Publikumsgunst von Donizettis Don Pasquale überholt wurde. Trotz seines fortgeschrittenen Alters möchte der alleinstehende Don Pasquale heiraten. Für seinen Neffen Ernesto, den bisherigen Alleinerben, der sich als Schmarotzer bei dem wohlhabenden Onkel eingenistet hat, ist daher kein Platz mehr im Haus, zumal Ernesto die ihm von Don Pasquale vorgeschlagene Braut ablehnt und eher an der mittellosen Norina interessiert ist. Pasquales Arzt Dr. Malatesta schmiedet einen Plan, um einerseits den alten Mann von seinen Heiratsabsichten abzubringen und andererseits seinem Freund Ernesto zu helfen. Er überredet Norina, die Pasquale nicht kennt, dem heiratswütigen alten Mann Malatestas Schwester Sofronia, eine sanftmütige und bescheidene Klosterschülerin, vorzuspielen, die dieser vom Fleck weg heiraten möchte. Nachdem ein fingierter Ehevertrag aufgesetzt worden ist, entwickelt sich Sofronia zur Furie und macht mit ihrer Verschwendungssucht Pasquale das Leben zur Hölle. Schließlich ist er bereit, alles zu tun, um sie wieder loszuwerden. So gibt er am Ende die Zustimmung, Norina mit seinem Neffen zu verheiraten, wenn dafür Sofronia aus seinem Leben verschwindet. Als er erkennt, dass Sofronia und Norina ein und dieselbe Person sind, fühlt er sich zunächst hintergangen, ist jedoch wegen der schrecklichen Erfahrungen von seiner Heiratsabsicht kuriert und offeriert Ernesto und Norina sogar eine großzügige Abfindung.

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Don Pasquale (Urban Malmberg, links) will Malatestas (Petro Ostapenko, rechts) vermeintliche Schwester Sofronia (Dongmin Lee) heiraten (in der Mitte: Yangcheng Chen als Notar):

Als Donizetti die Oper 1843 in Paris zur Uraufführung brachte, wollte er die Handlung eigentlich in die Entstehungszeit verlegen, was ihm allerdings verweigert wurde, so dass die Sängerinnen und Sänger wie in der Commedia dell'arte auftreten mussten. Das Regie-Team um Zsófia Geréb hält die Handlung jedoch weiterhin für aktuell und verlegt sie in die Gegenwart. In der Titelfigur sieht sie ein Nachkriegskind, das den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg miterlebt hat und sich mit Tatkraft und Sparsamkeit einen gewissen Wohlstand erarbeitet hat. Bühnenbildner Ivan Ivanov zeichnet diesen Wohlstand als abstrakten, nahezu loftartigen großen Raum, der mit teurer Kunst und edlen Designermöbeln ausgestattet ist, die für den "Self-Made Man" Pasquale Statussymbole darstellen. Während der Ouvertüre sieht man Pasquale in einem schäbigen Bademantel, der als Zeichen seiner Sparsamkeit interpretiert werden kann, mit alten an die Wand projizierten Dias in Erinnerung an seine Vergangenheit schwelgen, in der er sich den jetzigen Wohlstand aufgebaut hat. Dabei wird jedoch auch seine Einsamkeit betont und damit sein Wunsch nach einer Ehefrau nachvollziehbar. Norina und Ernesto werden von Geréb einer Bevölkerungsgruppe zugeordnet, die man heutzutage als "Millenials oder "Generation Y" bezeichnet und deren Lebensstil eher als hedonistisch und freizeitorientiert bezeichnet werden kann. Während Pasquales großer Raum relativ grau und farblos gehalten ist, stellt Ivanov ihre Welt im Bühnenraum eher bunt und einfach mit Second-Hand Möbeln dar. Ob sie aber, wie es während der Ouvertüre parallel zu Pasquale gezeigt wird, ihre Freizeit mit Popcorn bei einem alten Stummfilm auf dem heimischen Sofa verbringen, darf bei dieser Generation doch eher bezweifelt werden.

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Don Pasquale (Urban Malmberg) ist mit seiner jungen Braut (Dongmin Lee) alles andere als glücklich.

Ob Dr. Malatesta, wie Geréb ihn in ihrer Personenregie anlegt, wirklich als Vermittler im Konflikt zwischen Pasquale und seinem Neffen agieren will, ist von der Anlage des Stückes fraglich. Auch wenn der Name auf eine adelige Familie in der Romagna in Italien anspielen soll, lässt er sich bei Zerlegung in seine Bestandteile - "mala" für schlecht und "testa" für Zeuge oder Zeugnis - doch eher als negativer Charakter lesen, der Pasquale eine Lektion erteilen möchte und den alten Mann gemeinsam mit seinem Freund Ernesto ausnutzen will. Ob die eingefädelte Intrige dafür der richtige Weg ist, kann bezweifelt werden. Geréb stellt ihn während der Ouvertüre als Betrachter vor die beiden Bühnenräume, was wohl als Auslöser seines Plans fungieren soll. Während die Kostüme von Vanessa Vadineanu recht modern gehalten sind, fragt man sich allerdings, ob Norinas Auftritt als schüchterne Klosterschülerin Sofronia passend gewählt ist. Mit ihrem aufwändigen Tüll-Kopfschmuck und den Blumen im Haar wirkt sie eigentlich von Anfang an nicht gerade bescheiden. Auch die weißen Cowboy-Stiefel müssten Pasquale eigentlich von Beginn an erkennen lassen, dass diese Braut nicht seine Erwartungen an eine untertänige und ergebene Ehefrau erfüllt, die Malatesta im Gespräch mit Norina zuvor mit Projektionen von Werbeplakaten aufzeigt und die genau dieses Bild der "klassischen Hausfrau" präsentiert. Zwar darf der Kostümwechsel Norinas im dritten Akt als absolut mondän bezeichnet werden. Für Pasquale dürfte er allerdings nicht überraschend kommen. Aber Liebe macht ja bekanntlich blind.

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Don Pasquale (Urban Malmberg, unten links) und Malatesta (Petro Ostapenko, unten 2. von links) wollen Sofronia / Norina (Dongmin Lee, unten) der Untreue überführen. Ernesto (Khanyiso Gwenxane, oben mit dem Opernchor) beobachtet das Geschehen amüsiert.

Der Garten im dritten Akt, in dem Pasquale gemeinsam mit Malatesta seine junge Braut der Untreue überführen möchte, ist unter Pasquales Haus angelegt. Dafür wird die Bühne hochgefahren und zeigt eine Art Kellerraum, in dem sich Requisiten aus alten Produktionen des MiR befinden. So erkennt man auf der linken Seite den riesigen Stier aus der Otello-Inszenierung in der vergangenen Spielzeit. Dieser Stier dient Pasquale und Malatesta als Versteck, um Sofronia / Norina in flagranti zu ertappen. Das Rendezvous wird mit Bühnenmusik inszeniert. Dafür wird eine Harfe auf die Bühne gestellt. Ernesto tritt in diesem Keller wie ein klassischer Kavalier der alten Schule mit einem antiken Kostüm auf und wird von einem Lautenspieler begleitet. Dazu passt Norinas Outfit in Jeans eigentlich überhaupt nicht. Vielleicht soll damit erklärt werden, dass Pasquale seinen Neffen nicht als Liebhaber seiner Gattin erkennt und der Schwindel erst später auffliegt. Anders lässt sich dieser Regieeinfall nicht nachvollziehen.

Auch wenn das Stück zum Standardrepertoire für Häuser aller Größen zählt, hat es musikalisch seine Tücken. Da sind zunächst einmal die sehr schnellen Parlando-Stellen und Läufe zu nennen. Der recht stimmgewaltige Opernchor des MiR unter der Leitung von Alexander Eberle hat dabei beim ersten Auftritt im dritten Akt große Probleme und ist nicht immer synchron zu der Neuen Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Giuliano Betta. Vielleicht ist dies aber auch nur einer gewissen Premieren-Nervosität geschuldet. Ab dem zweiten Auftritt läuft es nämlich zwischen Chor und Orchester wesentlich besser. Betta agiert mit der Neuen Philharmonie Westfalen aus dem Orchestergraben mit viel Verve und Esprit, nimmt dabei aber stellenweise zu wenig Rücksicht auf die Sängerinnen und Sänger, die an einigen Stellen Probleme haben, über das Orchester zu kommen, was natürlich gerade bei den schnellen Parlando-Stellen den musikalischen Genuss ein wenig schmälert. So bleibt das große Duett zwischen Don Pasquale und Malatesta im dritten Akt, "Cheti, cheti immantinente", in dem die beiden planen, Norina / Sofronia der Treulosigkeit zu überführen, stimmlich ein bisschen schwach. Urban Malmberg ist in der Titelpartie dermaßen auf die Einhaltung der Tempi konzentriert, dass die Komik dieser Szene ein wenig verloren geht. Überhaupt bleibt er stimmlich als Pasquale ein wenig blass, auch wenn er optisch und darstellerisch den alten heiratswütigen Mann sehr glaubhaft verkörpert. Petro Ostapenko überzeugt als Malatesta mit beweglichem und kräftigem Bariton.

Khanyiso Gwenxane ist als Ernesto eine sichere Bank. Mit tenoralem Schmelz legt er den jungen Ernesto an, der zunächst recht cool mit Sonnenbrille auftritt und sich nach dem Rauswurf in der Pose des leidenden Kavaliers gefällt. Wieso er bei seiner großen Arie im zweiten Akt mit dem Golfschläger auftritt, den er zuvor der goldenen Statue des Onkels entwendet hat, und Papierkugeln über die Bühne schießt, bleibt unverständlich. Dass er seine große Arie zwischen den beiden Räumen ansetzt, darf wohl so interpretiert werden, dass er nirgendwo mehr zu Hause ist und er daher fortgehen muss. Dongmin Lee verfügt als Norina über einen lieblichen Sopran mit strahlenden Höhen. Mit ihrem koketten Spiel macht sie nachvollziehbar, dass Pasquale und Ernesto in sie verliebt sind. Und die beiden sind nicht die einzigen. Auch der Notar scheint ein Auge auf die Braut geworfen zu haben. Mit großartiger Slapstick-Komik spielt Yancheng Chen, Mitglied des jungen Ensembles am MiR, diese kleine Rolle, der sonst eigentlich nie große Beachtung geschenkt wird, aus. Zunächst baut er wie ein "guter deutscher Beamter" seinen Arbeitsplatz auf, um dann bei der Verfassung des Ehevertrags immer wieder an Norinas schönem Gesicht hängen zu bleiben. So gibt es am Ende großen Beifall für alle Beteiligten, in den sich auch das Regie-Team einreiht.

FAZIT

Zsófia Geréb zeigt, dass der in Donizettis angedeutete Generationenkonflikt durchaus zeitlos ist und bietet in einem beeindruckenden, abstrakten Bühnenbild von Ivan Ivanov gute Unterhaltung. Das Orchester sollte allerdings ein wenig zurückgenommen werden, damit die Sängerinnen und Sänger nicht überdeckt werden.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Giuliano Betta

Inszenierung
Zsófia Geréb

Bühne
Ivan Ivanov

Kostüme
Vanessa Vadineanu

Licht
Thomas Ratzinger

Bildprojektion
Sebastian Schiller

Choreinstudierung
Alexander Eberle

Dramaturgie
Anna-Maria Polke

 

Neue Philharmonie Westfalen

Opernchor des MiR

Statisterie des MiR

 

Besetzung

*Premierenbesetzung

Don Pasquale
Urban Malmberg

Dr. Malatesta
Petro Ostapenko

Norina
*Dongmin Lee /
Margot Genet

Ernesto
*Khanyiso Gwenxane /
Adam Temple-Smith

Notar
Yangcheng Chen

 


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