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La bohème

Oper in vier Bildern
Libretto von
Luigi Illica und Giuseppe Giacosa nach dem Roman Scènes de la vie de bohème von Henri Murger
Musik von Giacomo Puccini

Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Live-Stream aus dem Royal Opera House in London am 20. Oktober 2022 (UCI Bochum)


Royal Opera House
(Homepage)
Leise rieselt der Schnee

Von Thomas Molke / Fotos:  Tristram Kenton (Royal Opera House)

Giacomo Puccinis Oper La bohème gilt nicht nur als absolutes Meisterwerk des Opernrepertoires. Sie wird von vielen Opernfans auch gerne als "Einstiegsdroge" bezeichnet, die die Liebe zur Gattung zu wecken vermag. Schon bei der Uraufführung 1896 war nur ein einziger Kritiker der Zeitschrift La stampa der Meinung, dass diese Geschichte über die Liebe und Leidenschaft einfacher und armer Leute keinen großen Eindruck beim Publikum hinterlassen werde. Alle anderen erkannten sofort das Potenzial, das in diesem Werk steckte und dazu führte, dass die Oper schnell einen beispiellosen Siegeszug um die ganze Welt antrat. Das Royal Opera House, das seit 2008 Opern- und Ballettaufführungen als Live-Streams in mehr als 1300 Kinos weltweit überträgt, hat nun nach der durch Corona erzwungenen Pause in dieser Spielzeit wieder volle Fahrt aufgenommen und bietet insgesamt 13 Produktionen der beiden Sparten Oper und Ballett als Live-Erlebnis im Kino zu Preisen an, zu denen man in Covent Garden wahrscheinlich gerade einmal einen Randplatz in den Upper Slips ergattern würde. Dafür ist man zwar nicht wirklich live dabei, kommt den großen Stars durch die Kameraeinstellungen jedoch näher, als das im Opernhaus möglich wäre. Als zweite Opernproduktion steht nun die Wiederaufnahme von La bohème in der Regie von Richard Jones aus dem Jahr 2017 auf dem Programm.

Die Handlung der Oper basiert auf einem Fortsetzungsroman, in dem Henry Murger von März 1845 bis April 1849 in der Zeitschrift Le Corsaire Satan unter dem Titel Scènes de la bohème in einer lockeren Folge von Erzählungen ein farbiges Bild des Pariser Künstlermilieus entwarf, dem er selbst angehörte. Im November 1849 kam eine Bühnenversion unter dem Titel La vie de bohème im Pariser Théâtre des Variétés heraus, die ebenfalls begeistert aufgenommen wurde, so dass die 1851 überarbeitete Buchausgabe unter dem Titel Scènes de la vie de bohème zu einem der populärsten Künstlerromane des 19. Jahrhunderts avancierte. Puccini, der selbst seine Mailänder Studienzeit in ärmlichen Verhältnissen verbracht hatte, war nicht der einzige, der eine Vertonung dieser Erzählung in Angriff nahm. Auch Ruggero Leoncavallo zeigte sich von dem Stoff fasziniert und ließ sich zu einer Oper inspirieren. Während sich Leoncavallo jedoch eng an die literarische Vorlage hielt, betonten Puccinis Librettisten eher die Atmosphäre als den Handlungsablauf. Leoncavallos Vertonung kam ein Jahr nach Puccini in Venedig zur Uraufführung und konnte den Erfolg von Puccinis Oper niemals erreichen.

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Buntes weihnachtliches Treiben in Paris (Chor)

Die Inszenierung unterstreicht die Atmosphäre der Oper in eindrucksvollen Bildern, ohne dabei im Kitsch zu ertrinken. So sieht man quasi während der ganzen Zeit in den ersten drei Akten den Schnee aus dem Schnürboden herabrieseln, der im Lichtdesign von Mimi Jordan Sherin die kalte und triste Welt der armen Bohèmiens einfängt. Stuart Laing hat für die Künstlermansarde, in der der Maler Marcello und der Dichter Rodolfo zu Beginn des ersten Aktes hausen einen spartanischen Dachboden mit schrägen Holzbalken konzipiert. Hier ist wirklich kein Requisit zu viel. Ein einsamer Stuhl, ein winziger Ofen und eine riesige Kiste, die zu einem Tisch umfunktioniert werden kann, bilden das einzige Mobiliar. Eine niedrige Tür führt in diese Mansarde, so dass man sich bücken muss, um in diesen Raum zu gelangen. Auf eine Staffelei wird verzichtet. So malt Marcello zu Beginn auf ein imaginäres Bild, während Rodolfo durch eine Dachluke neidvoll auf die rauchenden Schornsteine der umliegenden Häuser blickt. Dieses karge Bühnenbild verwandelt sich im zweiten Akt in ein farbenfrohes Treiben in den Straßen von Paris. In opulenten Kostümen schlendert das Volk durch die Straßen. Mehrere Arkaden zeigen kostbare Schaufensterdekorationen. Bei Momus geht es dann sehr eng zu, so dass den Darstellerinnen und Darstellern nicht viel Platz bleibt. Aber auch das passt wunderbar zum Libretto. Das dritte Bild nach der Pause zeigt dann Paris in den frühen Morgenstunden von seiner traurigsten Seite. Und immer noch rieselt der Schnee.

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Es ist kalt im Winter in Paris (Chor).

Juan Diego Flórez ist als Star ein Zugpferd für diese Wiederaufnahme, auch wenn man ihn weniger mit dem Verismo in Verbindung bringt und ihn eher im Bereich des Belcanto verortet. Als Rodolfo zeigt er nun ganz neue Qualitäten. Dabei legt er die Partie erfreulich weich an, so dass er in den Spitzentönen absolut klar klingt. Die berühmte Arie "Che gelida manina" gestaltet er mit tenoralem Charme, der nachvollziehbar macht, wieso Mimìs Herz von diesem Dichter im Flug erobert wird. Auch darstellerisch punktet er bei seinem Flirt mit großem Humor. Im dritten Bild nimmt man seinem intensiven Spiel ab, dass er es nicht ertragen kann, die geliebte Frau leiden zu sehen und sich daher lieber von ihr trennen möchte. Seine Klage Marcello gegenüber rührt dabei zu Tränen. Wenn er Mimì am Ende dann wirklich verliert, hat man das Gefühl, dass er selbst echte Tränen in den Augen hat. Gleiches gilt übrigens auch für Ailyn Pérez als Mimì. Pérez begeistert mit wunderschönen lyrischen Bögen und großer Strahlkraft in den Höhen, die aber dennoch eine gewisse Zerbrechlichkeit besitzen, in der Mimìs Krankheit durchschimmert. Mit mädchenhafter Leichtigkeit präsentiert Pérez die berühmte Arie "Mi chiamano Mimì" und läuft mit Flórez beim berühmten "O soave fanciulla" zu Höchstform auf. Die zarten besungenen Gefühle stehen im großen Kontrast zum dramatischen Duett "Addio... Che! Vai?" im dritten Bild, in dem sie nach der zwischenzeitlichen Trennung beschließen, doch noch bis zum Frühling zusammen zu bleiben. Der schleichende Tod Mimìs im vierten Bild rührt durch Pérez intensives Spiel zu Tränen.

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Musetta (Danielle de Niese) in ihrem Element

Einen großartigen Kontrast zu Flórez und Pérez bieten Andrey Zhilikhovsky und Danielle de Niese als Marcello und Musetta. Zhilikhovsky arbeitet mit profundem Bariton die unterschiedlichen Seiten des Malers glaubhaft heraus und überzeugt einerseits als aggressiv eifersüchtiger Liebhaber, der sich von der lebenslustigen Musetta ständig provozieren lässt, und als einfühlsamer Freund andererseits, der sich das karge Leben in der Mansardenwohnung mit Rodolfo und den anderen durch manchen komischen Schabernack vertreibt, an dem Leid Mimìs jedoch genauso verzweifelt wie sein Freund Rodolfo. Danielle de Niese gibt Musetta als absolutes Vollblutweib und zieht mit einer enormen Bühnenpräsenz nicht nur die Aufmerksamkeit der anderen Männer auf der Bühne auf sich. Zu einem musikalischen und szenischen Höhepunkt avanciert ihre große Arie "Quando me'n vo", mit der sie schließlich den eifersüchtigen Marcello zurückgewinnt. Im dritten Bild fliegen dann regelrecht die Fetzen zwischen den beiden. So intensiv hört man das Quartett selten, in dem sich Rodolfo und Mimì erneut ihre Liebe schwören und Marcello und Musetta einen riesigen Streit vom Zaun brechen, weil Musetta erneut mit einem anderen Mann geflirtet hat. Wenn Marcello am Ende des Streits Musetta die Koffer vor die Tür stellt und Musetta einsam von dannen zieht, wirkt sie fast so gebrochen wie Mimì und Rodolfo. Im vierten Bild zeigt de Niese eindrucksvoll, dass Musetta auch zu echten, ernsten Gefühlen fähig ist und opfert ihre Ohrringe, um der sterbenden Mimì den Muff zu kaufen.

Ross Ramgobin und Michael Mofidian runden als Schaunard und Colline die zentralen Partien der Oper überzeugend ab. Ramgobin gibt dabei den Musiker mit markantem Bassbariton und komödiantischem Spiel. Mofidian punktet im letzten Bild mit sonorem Bass in der berühmten Mantel-Arie "Vecchia zimarra, senti". Auch die kleineren Partien und der Chor sind gut besetzt. Kevin John Edusei lässt mit dem Orchestra of the Royal Opera House ebenfalls keine Wünsche offen. Vor der Aufführung und in der Pause gibt es auch noch interessante Interviews hinter der Bühne. Da kommen neben den Solist*innen und dem Dirigenten auch noch eine Repetitorin zu Wort, die über ihre Arbeit bei der Neueinstudierung berichtet. Besonders charmant ist die Einführung des Musikdirektors des Royal Opera House, Antonio Pappano, der am Klavier wunderbar verständlich die unterschiedlichen Motive der Oper mit einer Liebe zum Detail herausarbeitet, die den Genuss des Meisterwerkes anschließend noch größer machen.

FAZIT

Der Live-Stream im Kino kann und sollte zwar den Besuch einer Opernaufführung nicht ersetzen, bietet aber neben herausragenden Solistinnen und Solisten und einer großartigen Inszenierung auch interessante Hintergrundinformationen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Kevin John Edusei

Regie
Richard Jones

Wiederaufnahme-Regie
Danielle Urbas

Bühnenbild und Kostüme
Stuart Laing

Lichtdesign
Mimi Jordan Sherin

Choreographie
Sarah Fahie

Chor
William Spaulding

 

Orchestra of the Royal Opera House

Royal Opera Chorus


Besetzung

Mimì
Ailyn Pérez

Rodolfo
Juan Diego Flórez

Marcello
Andrey Zhilikhovsky

Musetta
Danielle de Niese

Schaunard
Ross Ramgobin

Colline
Michael Mofidian

Benoît
Jeremy White

Parpignol
Andrew Macnair

Alcindoro
Wyn Pencarreg

Customs Officer
John Morissey

Sergeant
Thomas Barnard

 

 


Weitere Informationen
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