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Musiktheater
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La gazza ladra (Die diebische Elster)

Opera semiseria in zwei Akten
Libretto von Giovanni Gherardini
Musik von Gioachino Rossini


In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Vorstellungsdauer: 3h 30' (eine Pause)

Premiere am 16. November 2022 in Theater an der Wien

Logo: Theater an der Wien

Theater an der Wien
(Homepage)

Aus der Vogelperspektive

Von Roberto Becker / Fotos: © Monika Rittershaus

Auch wenn Sie heute selten als Ganzes zu sehen ist: Die Diebischen Elster war 1817 an der Scala in Mailand ein durchschlagender Uraufführungserfolg. Die Ouvertüre hatte sogar so viel Puste, dass sie als die Rolle als Platzhalter für das Werk in den Konzertsälen übernahm. Gioachino Rossinis Ruf wird heute vor allem durch das pure Vergnügen seiner Belcanto-Schmankerln bestimmt. Il barbiere di Siviglia und La Cenerentola, aber auch die L'italiana in Algeri haben einen Stammplatz im Repertoire und taugen immer noch als Kassenfüller. Doch er konnte auch anders. Es gibt nämlich einen ziemlich ernsten Rossini. Auch wenn La gazza larda, die diebische Elster, als semiseria, also als "halb ernst", gekennzeichnet ist, gehört sie, trotz des zwar stückadäquaten, aber dennoch putzig wirkenden Titels eher in die Abteilung fürs Ernste bzw. ganz und gar Ernsthafte seines Gesamtwerkes.

Vergrößerung Links hat die Elster einen Schlüsselbund im Visier, rechts ist Luci froh, dass die Soldaten ihr Silber nicht gefunden haben

Regisseur Tobias Kratzer, der jetzt im Theater an der Wien bzw. in dessen Ausweichspielstätte im Museumsquartier die Inszenierung besorgte, hat neben einer Italienerin in Algier (Weimar) auch schon zwei von Rossinis Opernschwergewichten inszeniert. In Lyon Guillaume Tell als Lehrstück über den Preis der Freiheit und in Aix-en-Provence im vorigen Sommer Moses et Pharao als eine Spurensuche nach dem Vergangenen in der Gegenwart. Er hat also heute eher selten gespielte, einst aber erfolgreiche Opernblockbuster auf ihre Gegenwartsrelevanz hin befragt, ohne dabei die Geschichte zu unterschlagen oder sich gegen die Musik zu stellen.

Genau das macht er auch jetzt mit der Diebischen Elster. Das titelgebende Federvieh spielt hier sogar mit. Mal ruft sie Namen dazwischen. Mal bekleckert sie den Mercedes des Podestà. Mal haut sie eine Mütze vom Kopf. In der Hauptsache aber sammelt sie alles, was glitzert und blinkt. Ein verlorenes Schlüsselbund hier, eine Kette da. Und eben auch mal einen Silberlöffel. Amüsant (und damit ist die komödiantische "Hälfte" des semiseria abgedeckt) ist die Vogelperspektive, die Manuel Braun und Jonas Dahl mit ihren Drohnenaufnahmen für die Flugvideos einnehmen. Aus der Elsterperspektive wird so alles, was blinkt und glitzert zu den Rosinen auf dem Kuchen Welt. Am Ende, als endlich klar ist, dass die Elster stibitzt hat, zieht sie alle Wut auf sich. Aber die gerade gerettete Ninetta lässt den Vogel frei. Und wir sehen, wie die sich vom Museumsquartier geradewegs in die Prunkkulisse des Kunsthistorischen Museums aufmacht und die (2003 schon mal von menschlichen Langfingern geklaute) Saliere ins Visier nimmt

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Die Tochter hilft dem Vater auf seiner Flucht

Was die Elster im Stück aber mit ihren Diebstählen im Paralleluniversum der Menschen anrichtet, hat um ein Haar tödliche Folgen. Denn die Besitzerin hat ihr Hausmädchen in Verdacht. Und da sie obendrein ihren Sprößling Giannetto (mit wunderbar geschmeidiger Tenorhöhe: Maxim Mironov) nicht an diese besagte Ninetta loswerden will, wird sie zum Schwiegermutterdrachen, noch bevor die beiden zusammenkommen. Nino Machaidze ist eine vokal großformatige Ninetta, die vor allem da auch darstellerisch überzeugt, wo sie bedrängt wird. Als der Löffel im Besteckkasten fehlt - kann es natürlich nur Ninetta gewesen sein. Hinzu kommt, dass die ihrem Vater, der sich beim Militär durch eine Unbeherrschtheit selbst in eine missliche Lage manövriert hat, beim Verkauf seines eigenen (Rest-)Silbers hilft, um ihm Geld für die Flucht zu verschaffen. Wie es das Opernpech so will, haben die beiden Familien auch noch die gleichen Initialen - FV steht für Ninettas Vater Fernando Villabella (Paolo Bordogna stattet ihn mit vokaler Pracht aus), und FV steht auch Fabrizio Vingradito - Fabio Capitanucci ist der Ehemann hinter der Hüterin von Tafelsilber und Sohnemann Lucia (Marina de Liso). Verschärft wird das Ganze, weil es mit der Justiz in diesem Operndorf nicht allzu weit her ist. Da spiegelt sich in der Oper das Drunter-und Drüber der Zeit nach den napoleonischen Kriegen und dem Wiener Kongress wider. Der Podestà (überzeugend übergriffig: Nahuel Di Pierro) kann ziemlich willkürlich Recht sprechen bzw. verbiegen, weil er auf die junge Angeklagte scharf ist und den Gönner spielen will.

Vergrößerung Die wahre Diebin und ihr Helfer, der Mann am Klavier

Es ist erstaunlich, wie bruchlos sich das in die jüngere Vergangenheit übertragen lässt, ohne dass es auch nur ansatzweise aufgesetzt wirkt. Das machen Kratzer und sein Ausstatter Rainer Sellmaier nämlich mit geradezu akribischem naturalistischem Charisma. Zwei Ebenen mit Küche, Dachboden, Schuppen und großem Tor. Ein exemplarisches Dorf, in dem der moralische Kompass mit seiner Einnordnung auf das Recht abhandengekommen ist und in dem die eigener Logik gehorchenden Soldaten den Ton angeben, die zu einer tolerierten Eskalation der Gewalt führt. Als eine Kreissäge herbeigeschafft wird, um Ninetta die Finger oder die Hand abzutrennen, macht sich Lucia zum aktiven Helfer dieser Beinahe-Selbstjustiz, die das Eingreifen des Podestà dann doch verhindert.

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Der Bürgermeister als "Freund" und "Helfer"

Das Interessante und auch Packende ist aber, dass hier alle erst sehr spät mitkriegen, was sie da eigentlich in Gang gesetzt haben. Vater und Tochter sind verurteilt und werden schon zur Hinrichtung geführt, als - und das ist dann das Opernglück - jenes Nest entdeckt wird, in dem die Elster ihr Sammelgut gehortet hat, und für den Vater ein Postbote angeradelt kommt, der einen Gnadenerlass des Königs dabei hat. So kann dann die großformatige Klage von Solisten und Chor (den Arnold Schoenberg Chor hat Erwin Ortner in Hochform gebracht) in Erleichterung und Jubel umschlagen. Und das Publikum durchatmen und sich über den Aus-Flug in den benachbarten Museumspalast freuen. Besonders aber über Antonino Fogliani und das ORF Radio-Symphonieorchester Wien, das sich bei diesem mindestens vierfünftel ernsten Rossini bestens bewährt hat und auch mit der Akustik in der Ausweichspielstätte klar kam.


FAZIT

Tobias Kratzer verlegt im Theater an der Wien Rossinis La gazza ladra ziemlich nah an unsere Gegenwart heran und überzeugt mit einer stringenten Erzählung der Geschichte. Am Ende war der Jubel nach einem langen Abend für alle einhellig.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Antonino Fogliani

Inszenierung
Tobias Kratzer

Bühne und Kostüme
Johannes Leiacker

Video
Manuel Braun
Jonas Dahl

Licht
Michael Bauer

Chor
Erwin Ortner

Dramaturgie
Bettina Bartz


Arnold Schoenberg Chor

ORF Radio-Symphonieorchester Wien

Hammerklavier
Robert Lillinger


Solisten

Fabrizio Vingradito
Fabio Capitanucci

Lucia
Marina de Liso

Giannetto
Maxim Mironov

Ninetta
Nino Machaidze

Fernando Villabella
Paolo Bordogna

Gottardo
Nahuel Di Pierro

Pippo
Diana Haller

Isacco
Riccardo Botta

Antonio
Johannes Bamberger

Giorgio
Timothy Connor

Ernesto
Alexander Aigner

Il Pretore
Zacharias Galaviz


Weitere Informationen

Theater an der Wien
(Homepage)





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