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Winter in Schwetzingen

Das Barock-Fest
28.11.2025 - 25.01.2026

Der in seiner Freiheit vergnügte Alcibiades
(La libertà contenta)

Barockoper in drei Akten
Libretto von Bartolomeo Ortensio Mauro
Deutsche Übertragung für die Hamburger Oper 1697 von Gottlieb Fiedler
Musik von Agostino Steffani


In deutscher Sprache mit Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 50' (eine Pause)

Premiere im Rokokotheater Schwetzingen am 28. November 2025
(rezensierte Aufführung: 14. Dezember 2025)

 


 

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Das Vergnügen der Freiheit

Von Thomas Molke / Fotos: © Susanne Reichardt

Dass Agostino Steffani, der knapp 20 Jahre vor Vivaldi die venezianische und neapolitanische Oper prägte und den musikalischen Übergang vom Hoch- zum Spätbarock markierte, in Deutschland nicht dem Vergessen anheim gefallen ist, ist wohl vor allem dem "Forum Agostino Steffani" in Hannover zu verdanken, das seit 2014 regelmäßig für eine Renaissance der Werke des italienischen Komponisten sorgt, da er Ende des 17. Jahrhunderts in Hannover eine bedeutende Rolle spielte. So wurde 1689 das neue Opernhaus mit seiner Oper Enrico Leone eröffnet, und vier Jahre später wurde der neu gewonnene Kurstatus der Stadt mit der Uraufführung seiner Oper La libertà contenta gefeiert. Da man beim Winter in Schwetzingen seit 2019 die deutsche Barockoper ins Zentrum stellt, hat man in diesem Jahr nicht Agostinos italienische Fassung auf den Spielplan gestellt sondern eine deutsche Übertragung von Gottlieb Fiedler, die unter dem Titel Der in seiner Freiheit vergnügte Alcibiades vier Jahre später an der Hamburger Gänsemarktoper herauskam. Clemens Flick hat das Werk nun für das Rokokotheater Schwetzingen neu bearbeitet.

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Alcibiades (Stefan Sbonnik, Mitte) liebt Aspasia (Amber Fasquelle, links) und Timea (Dora Pavlíková, rechts) (im Hintergrund: Fritz Spengler als Agis).

Die Handlung der Oper hat mit der Historie um den großen Feldherrn und Redner Alcibiades, der auch als bedeutender Schüler des Sokrates galt, nicht allzu viel zu tun, auch wenn seine Verbannung nach Sparta im Peloponnesischen Krieg die Grundlage der Geschichte bildet. Dass er als Ziehsohn des Pericles und der Aspasia aber ein Verhältnis mit der 20 Jahre älteren Frau gehabt haben soll, dürfte genauso fiktiv sein wie die Tatsache, dass Pericles mit Aspasia während des Krieges inkognito nach Sparta geflohen sein soll. Im Zentrum der Oper stehen vielmehr zahlreiche Liebesverwicklungen. Aspasia tarnt sich als Sklavin Doriclea und wird so Objekt der Begierde für den König von Sparta, Agis, der eigentlich der spartanischen Prinzessin Timea die Ehe versprochen hat. Doch auch Timea fühlt sich zu dem charismatischen Alcibiades hingezogen und sieht Aspasia / Doriclea somit in doppelter Hinsicht als Rivalin. Eingeführt wird auch noch ein historisch nicht belegter Vertrauter des Alcibiades, Telamides, der heimlich in Aspasia verliebt ist und Alcibiades nur schweren Herzens bei dessen Werbung um die attische Prinzessin unterstützen kann. Das Verwirrspiel wird komplett gemacht durch den spartanischen Feldherrn Lisander, der Eifersucht unter den anderen Figuren schürt und versucht, dadurch seinen Einfluss auf den König und Timea zu erhöhen. Nach einem Verwirrspiel im Garten bei Nacht, das schon fast an Mozarts Le nozze di Figaro erinnert, wendet sich aber schließlich alles zum Guten. Pericles und Aspasia werden erkannt, und Agis schenkt ihnen die Freiheit. Agis heiratet Timea, und Alcibiades verzichtet auf die beiden Frauen und freut sich stattdessen, ein "freier" Mann zu sein.

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Timea (Dora Pavlíková) greift nach der Macht (hinten: Jakob Kleinschrot als Lisander).

Das Regie-Team um Tom Ryser interessiert sich besonders für die zwei verschiedenen Welten, die in der Oper verhandelt werden. Während draußen der Krieg tobt, von dem man in der Oper eigentlich nicht viel mitbekommt, beschäftigen sich die Figuren des Stückes eigentlich nur mit Liebesdingen, was Ryser als Flucht vor einer äußeren Bedrohung in eine innere Welt betrachtet. Deswegen hat Bühnenbildner Stefan Rieckhoff einen Raum geschaffen, der diese Außenwelt mit hohen Wänden von den Figuren des Stückes abschottet. Nur kleine Ritzen in den Wänden, geben ihnen die Möglichkeit, einen Blick nach draußen zu wagen. Ansonsten sind sie in einem kreisrunden Raum hermetisch abgeriegelt und ständig auf der Bühne präsent. In der Mitte der Bühne befindet sich eine kreisrunde Scheibe, die durch Einsatz der Drehbühne immer wieder neue Perspektiven bildet. Auf dieser Scheibe befindet sich ein zweiter Vorhang, der von den Darstellerinnen und Darstellern auf- und zugezogen werden kann und wie der Hauptvorhang an Brecht'sches Theater erinnert. Die Kostüme, für die ebenfalls Rieckhoff verantwortlich zeichnet, stellt die Figuren mit weiß geschminkten Gesichtern und hellen Rüschenhemden in Maßen als barock dar. Im Laufe des Stückes ziehen alle noch ein rot schimmerndes Gewand über, was sie aber zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder ablegen.

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Alcibiades (Stefan Sbonnik, vorne) und Aspasia (Amber Fasquelle, vorne) werden von Agis (Fritz Spengler, hinten rechts), Timea (Dora Pavlíková, hinten) und Lisander (Jakob Kleinschrot, hinten Mitte) beobachtet.

In diesem Ambiente erzählt Ryser in einer ausgeklügelten Personenregie die stellenweise recht verworrene Geschichte absolut kurzweilig und mit einem gehörigen Augenzwinkern. Auch das Orchester bezieht er in dieses Spiel mit ein. Wenn Lisander zum Ende hin zu einer Abrechnung mit dem "Weibergeschlecht" ausholt, protestieren nicht nur die beiden Darstellerinnen der Timea und Aspasia auf der Bühne, sondern auch die Musikerinnen kommentieren den frauenfeindlichen Text mit Unmutsbekundungen aus dem Graben. Auch die Gartenszene im zweiten Akt, in der jeder jeden belauscht, wird mit großem Spielwitz umgesetzt. Großen Eindruck erweckt dann das Ende der Oper, wenn plötzlich eine Rückwand fällt und aus dem schwarzen Off weißer Nebel bedrohlich über die Bühne wabert. Wenn dann die Sängerinnen und Sänger von dem "Vergnügen der Freiheit" singen, bekommt das glückliche Ende plötzlich einen sehr faden Beigeschmack. Eingeleitet wird dieser Moment bereits an mehreren Stellen vorher durch heftiges Schlagwerk, das den musikalischen Fluss unterbricht. An zwei Stellen sinken die Darstellerinnen und Darsteller dabei alle zu Boden, so als ob sie von Kanonenkugeln getroffen wären. Hier wirken diese Szenen noch wie ein Fremdkörper im Stück, erschließen sich aber dann mit dem Ende und dem Appell an die Freiheit.

Musikalisch weist Steffanis Opern einige Perlen auf, die in der Instrumentierung stellenweise sehr modern klingen. So setzt die Partitur bisweilen auf sehr tanzbare Rhythmen, die von den Darstellerinnen und Darstellern mit vollem Körpereinsatz umgesetzt werden. Auch die Komik einzelner Szenen wird musikalisch sehr pointiert herausgearbeitet. Clemens Flick lotet mit dem Philharmonischen Orchester Heidelberg, das um eine Continuo-Gruppe erweitert ist, die vielschichtige Partitur sehr emotional aus und zeichnet so glaubhaft die Gefühle der Figuren nach. Eine besondere Herausforderung für ein Opernhaus ist es natürlich, wenn bei einem Werk, das erstmals wieder ausgegraben wird, eine Solistin krankheitsbedingt ausfällt. Dennoch ist es gelungen für Amber Fasquelle in der Partie der Aspasia einen Ersatz zu finden. Anne Elizabeth Sorbora kann die Partie zwar nicht szenisch darstellen, sondern singt sie aus dem Orchestergraben vom Blatt ab. Aber die Regie-Assistentin Marie-Christine Lüling ist mit der Inszenierung vertraut genug, so dass sie die Darstellung auf der Bühne übernehmen kann. So kann die Aufführung gerettet werden, ohne dass etwas gestrichen oder umgestellt werden muss. Sorbora begeistert stimmlich mit warmem Sopran und leuchtenden Höhen und lässt sich nicht anmerken, dass sie die Partie erst ganz kurzfristig einstudieren konnte. Zu Recht wird sie vom Publikum dafür mit großem Applaus gefeiert.

Doch auch die anderen Solistinnen und Solisten lassen keine Wünsche offen. Stefan Sbonnik legt die Titelpartie mit lyrischem Tenor an und zeichnet den Feldherrn als notorischen Schwerenöter, der sich gleich zu zwei Frauen hingezogen fühlt und auf beide eine Faszination ausübt. Dabei stellt er den "Don Juan" mit großem Spielwitz dar. Ipča Ramanović möchte man in der Partie seines Vertrauten Telamides schon fast als eine Art "Leporello" bezeichnen. Stimmlich stattet er die Partie mit kraftvollem Bariton aus und zeigt großen Spielwitz, wenn er beim Tanz Alcibiades zu imitieren versucht. Dora Pavlíková zeigt mit vollem Sopran, dass die spartanische Prinzessin Timea einen sehr starken Willen hat und keiner Konfrontation aus dem Weg geht. Erst wenn Agis ihr am Ende die Krone aufsetzt, scheint sie am Ziel ihrer Wünsche zu sein. Fritz Spengler zeichnet den spartanischen König Agis mit leicht schneidendem Countertenor als unberechenbare Figur, die stellenweise Züge eines Kaisers Nero annimmt, auch wenn er in der Begnadigung des Pericles und dem Verzicht auf Aspasia große Milde beweist. Jakob Kleinschrot und Aleksey Kursanov runden das Ensemble als intriganter Feldherr Lisander und Pericles mit weichem Tenor ab, so dass es für alle Beteiligten am Ende zu Recht großen Applaus gibt. Flick holt dafür auch das Orchester auf die Bühne.

FAZIT

Die Produktion erweckt den Wunsch, weitere Werke von Agostino Steffani auf der Bühne wiederzuentdecken. Das Regie-Team um Tom Ryser findet für Steffanis "heiterste Oper" eine sehr treffliche Modernisierung, die die Zeitlosigkeit unterstreicht.

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Produktionsteam  

Musikalische Leitung
Clemens Flick

Regie
Tom Ryser

Bühne und Kostüme
Stefan Rieckhoff

Lichtdesign
Andreas Rehfeld

Dramaturgie
Thomas Böckstiegel



Philharmonisches Orchester Heidelberg

Continuo-Besetzung
Theorbe

Leon Jänicke /
*Vanessa Heinisch

Violoncello
Johann Aparicio Bohórquez /
Dmitri Dichtiar

Cembalo / Orgel
Nanami Yamane

 

Solistinnen und Solisten

*rezensierte Aufführung

Alcibiades, ein athenischer Feldherr
Stefan Sbonnik

Telamides, sein Vertrauter
Ipča Ramanović

Agis, König von Sparta
Fritz Spengler

Timea, eine spartanische Prinzessin
Dora Pavlíková

Lisander, ein spartanischer Feldherr
Jakob Kleinschrot

Pericles, ein Staatsmann aus Athen
Aleksey Kursanov

Aspasia, eine athenische Prinzessin
Amber Fasquelle /
*Anne Elizabeth Sorbora (Gesang)
Marie-Christine Lüling (Spiel)




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