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Rachefeldzug statt ErlösungVon Thomas Molke, Fotos: © Bayreuther Festspiele / Enrico NawrathEigentlich sollten zum 150-jährigen Jubiläum der Bayreuther Festspiele alle 10 von Wagner für festspieltauglich gehaltenen Werke nebst der ersten Inszenierung des Rienzi auf dem Hügel gespielt werden. Allerdings wurde klar, dass sich dieses Vorhaben nicht realisieren ließ, und so gibt es neben dem bereits erwähnten Rienzi, einem KI-generierten Ring-Projekt und der Wiederaufnahme des Parsifal in der Inszenierung von Jay Scheib aus dem Jahr 2023 "nur" den fliegenden Holländer in der Regie von Dmitri Tcherniakov aus dem Jahr 2021, der eigentlich schon 2024 abgespielt war. Sicherlich hätte es dem feierlichen Anlass eher entsprochen, Tobias Kratzers Tannhäuser-Inszenierung im Jubiläumsjahr zu spielen, die zum Besten zählt, was am Hügel in den vergangenen Jahren produziert worden ist. Das mag aber aus dispositionellen Gründen nicht möglich gewesen sein, und so gibt es den Holländer in großen Teilen neu besetzt auf hohem musikalischem Niveau. Dass man das Meer, an dem die Handlung spielt, zwar in der Musik hört, aber nur hinter der pittoresken Kleinstadt, die Regisseur Dmitri Tcherniakov auf die Bühne gezaubert hat, vermuten kann, mag man verschmerzen. Immerhin lässt sich aus dem Seemannschor zu Beginn des ersten Aufzugs auch ein lallendes "Alhohol" heraushören, was motivieren soll, dass die Oper nicht auf einem Schiff, sondern in einer Kneipe beginnt. Doch eigentlich beginnt sie bei Tcherniakov ja bereits viel früher im Vorspiel, dass er nicht nur inszeniert, sondern auch noch mit einer zusätzlichen Geschichte bestückt. Bei Tcherniakov ist es nicht eine stetige Rückkehr des verdammten Holländers alle sieben Jahre an Land, um eine Frau zu finden, die ihm Treue bis in den Tod schwört, sondern ein immer wiederkehrender Traum des als H. bezeichneten Protagonisten, der sich als Alptraum entpuppt. Demnach hat nämlich die Mutter des Holländers, als dieser noch ein Kind war, eine leidenschaftliche Affäre mit Daland gehabt. Ob dieses Liebesspiel, das der kleine Junge beobachtet, zur im Vorspiel motivisch anklingenden romantischen Ballade Sentas passt, ist Geschmackssache. Jedenfalls wird Daland diese außereheliche Beziehung zu viel, und er trennt sich von der Mutter des Holländers, die im Folgenden immer wieder die Nähe zu Daland sucht. Doch nicht nur der ehemalige Geliebte schneidet sie. Auch von der Dorfgemeinschaft wird sie ausgegrenzt. Als ihr dann auch die Kirche als Zufluchtsort verwehrt wird, sieht sie keinen anderen Ausweg, als sich zu erhängen. Traumatisiert muss der Junge seine Mutter sehen, wie sie an einem Strick baumelt. Deshalb kehrt er nach vielen Jahren in die Kleinstadt zurück, um Rache zu nehmen. Daland (Mika Kares, Mitte) und der Steuermann (Kieran Carrel, links) treffen den Holländer (Nicholas Brownlee, rechts) in der Kneipe. Aber wie soll diese Rache denn aussehen? Was ist der Plan, wenn der Holländer Daland um die Hand seiner Tochter Senta bittet? Will er Senta so verderben, wie Daland seine Mutter zerstört hat? Und welche Rolle spielt eigentlich Mary in Tcherniakovs Inszenierung? Dass die eigentliche Amme hier Dalands Ehefrau und damit Sentas Mutter oder Stiefmutter ist, mag noch vertretbar sein. Aber wieso hat Mary in ihrer Handtasche das Bild des Holländers, das Senta für die berühmte Ballade herausholt? Weiß sie von Dalands Beziehung zur Mutter des Holländers? Ist Daland vielleicht sogar der Vater des Holländers? Wäre die Rache dann eine inzestuöse Verbindung eines Halbgeschwisterpaares? Diese ganzen Fragen löst die Inszenierung auch nach fünf Jahren nicht auf, widerspricht sich vielmehr in einigen Punkten. Senta ist hier ein rebellierender Teenager. Da wirkt es absolut unglaubwürdig, dass sie einem Mann bedingungslose Treue bis in den Tod schwören soll. Wie selbstbewusst sie ist, zeigt sich vor allem im Zusammenspiel mit Erik, der ihr mit seinen ständigen Vorwürfen den letzten Nerv raubt. Dass Mary am Ende dem ganzen Spuk ein Ende bereitet und einen "Untoten" erschießt, macht genauso wenig Sinn, wie die Tatsache, dass sie anschließend von Senta getröstet wird. Kennenlernen beim gemeinsamen Abendessen: von links: Der Holländer (Nicholas Brownlee), Mary (Nadine Weissmann), Daland (Mika Kares) und Senta (Elisabeth Teige) Aber im Gegensatz zum KI-generierten Ring hat man beim Holländer wenigstens eine Inszenierung, die auch schlüssige Momente aufweist. Faszinierend ist vor allem das großartige Bühnenbild, das aus zahlreichen pittoresken Häusern besteht, die wie durch Geisterhand für die Szenenwechsel über die Bühne bewegt werden können. Dabei umfahren sie geschickt die fest positionierten Laternen und lassen so immer wieder neue Bilder entstehen. Die Frauen des Dorfes versammeln sich hier nicht zum Spinnen sondern zu einer Chorprobe vor den Häusern, um unter Leitung Marys ein unverbindliches Lied zu singen, bevor Senta die Probe torpediert und mit der berühmten Ballade dagegenhält. Das Treffen Sentas mit dem Holländer im zweiten Aufzug findet dann in einem pittoresken Wintergarten statt. Dass die beiden dabei nicht allein sind, sondern mit Daland und Mary am Tisch sitzen, stört dabei nur unwesentlich. Immerhin sind Mary und Daland so in das Schlürfen ihrer Suppe vertieft, dass sie von dem Gespräch zwischen Senta und dem Holländer nichts mitbekommen. Auch der dritte Aufzug wird mit einigen Effekten umgesetzt. So hat der Holländer nicht nur eine eindrucksvolle Mannschaft, die sich nicht an der ausgelassenen Feier der Dorfgemeinschaft beteiligt und schließlich recht aggressiv reagiert, wenn sie von der Dorfgemeinschaft provoziert wird. Da werden die Leute des Dorfes in die Gassen zwischen den Häusern getrieben, während der Holländer die Häuser in Flammen aufgehen lässt, nachdem er Senta der vermeintlichen Untreue bezichtigt hat.
Erik (Benjamin Bruns) macht Senta (Elisabeth Teige) heftige Vorwürfe. Während man bei den weiblichen Partien auf "alte Bekannte" der Produktion trifft, sind die männlichen Partien allesamt neu besetzt. Das musikalische Niveau lässt dabei keine Wünsche offen. Da ist zunächst Nicholas Brownlee in der Titelpartie zu nennen. Mit wunderbar deutlicher Diktion und kraftvollem Bassbariton begeistert er auf ganzer Linie. Wie ein bedrohlicher Racheengel betritt er das Dorf und steht zunächst an der Stelle, an der sich seine Mutter erhängt hat, bevor er die Kneipe betritt und sich absolut unaufdringlich unter die Seeleute begibt. Dass er kurz vor seinem großen Monolog eine Runde Freibier spendiert und Matrosen während seiner Erzählung mit ihm an einem Tisch sitzen, stört nicht weiter, weil man sich völlig auf Brownlees großartige musikalische Umsetzung konzentriert. Im Zusammenspiel mit Senta hat er stimmlich sehr innige Momente, die allerdings hinterfragen lassen, wie der Rachefeldzug des Holländers in der Inszenierung denn aussehen soll. Wenn er Senta dann am Ende der Untreue beschuldigt, geht seine kraftvolle Intonation unter die Haut. Auch Mika Kares glänzt in der Partie des Daland mit tadellosem Bass, der in der Textverständlichkeit kaum zu übertreffen ist. Szenisch setzt er die Rolle überzeugend um, wenn er schon zu Beginn durchblicken lässt, dass der fremde Mann ihm irgendwie bekannt vorkommt. Benjamin Bruns verfügt als Erik über einen starken Heldentenor und begeistert ebenfalls durch eine sehr klare Diktion. Kieran Carrel punktet als Steuermann mit lyrischem Tenor und nahezu lieblichen Höhen. Hier blitzt die ganze Romantik des frühen Wagners durch.
Der Steuermann (Kieran Carrel) und die Dorfgemeinschaft (Festspielchor) feiern. Elisabeth Teige gestaltet die Senta erneut mit vollem dramatischem Sopran. In den kraftvollen Höhen geht allerdings die Textverständlichkeit ein wenig verloren. Nadine Weissmann hat man als Mary auch in dieser Produktion in den vergangenen Jahren schon ein wenig besser erlebt. Ihr satter Mezzosopran wirkt an diesem Abend ein bisschen zu schwer und unbeweglich. Als weiterer Höhepunkt des Abends darf mit Sicherheit der von Thomas Eitler-de Lint einstudierte Festspielchor bezeichnet werden, der allein schon in der Größe beeindruckt. Da mag manches mittelgroße Stadttheater ein wenig neidisch auf die Möglichkeiten in Bayreuth blicken, dass man hier dem Chor der Dorfgemeinschaft noch einen stattlichen Chor der Holländer-Mannschaft auf der Bühne entgegenstellen kann. Aber Größe allein ist ja noch keine Garantie für einen hervorragenden Klang. Der sitzt bei diesem Chor aber auf den Punkt genau. Da sieht man auch gerne über die etwas alberne Polonaise beim berühmten "Steuermann"-Chor hinweg. Der fulminante Klang des Chores drückt das Publikum nämlich regelrecht in die Sitze, und die bedrohliche Interpretation der Holländer-Mannschaft geht unter die Haut. Oksana Lyniv zaubert mit dem Festspielorchester aus dem Graben erneut einen fulminanten Klang, der zumindest in der Musik das auf der Bühne nicht vorhandene Meer toben lässt, so dass diese Produktion musikalisch völlig zu Recht umjubelt wird.
Die großartige musikalische Umsetzung tröstet über einige Unstimmigkeiten in der Regie hinweg.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Regie und Bühne
Kostüme
Licht
Chorleitung
Dramaturgie
Festspielchor Solistinnen und Solisten*Premierenbesetzung
Daland
Senta
Erik
Mary
Der Steuermann
Der Holländer
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- Fine -