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Tyrann im englischen HerrenhausVon Thomas Molke, Fotos: © Clemens ManserHändels Oper Floridante zählt heute zu den eher unbekannteren Werken des Hallenser Komponisten. Dabei war die Uraufführung am 9. Dezember 1721 im King's Theatre am Haymarket in London ein Erfolg, so dass in der gleichen Spielzeit noch 14 weitere Aufführungen folgten und das Werk auch in der kommenden Spielzeit wieder aufgenommen wurde. Doch die andauernden Änderungen, die Händel an der Partitur vornahm, führen zu einer komplexen Materiallage, die eine Produktion im Sinne der historischen Aufführungspraxis erschweren. Ursprünglich war die Partie der Elmira für die Starsopranistin Margherita Durastanti vorgesehen, die aber aus einem Italien-Urlaub zunächst nicht nach London zurückkehrte, so dass Händel die Partie für die Altistin Anastasia Robinson umgestaltete. Für die Wiederaufnahme 1722 stand die Durastanti dann zur Verfügung, so dass er die Partie erneut abänderte. Beim Bayreuth Baroque Opera Festival hat man sich nun entschieden, auf die Fassung der Uraufführung mit der Alt-Besetzung zurückzugreifen. Da die Oper unter anderem bei den Internationalen Händel-Festspielen in Karlsruhe noch nicht auf dem Programm stand, entsteht die Inszenierung als Koproduktion der beiden Festivals und ist 2027 auch in Karlsruhe zu erleben. Elmira (Sonja Runje) und Floridante (Max Emanuel Cencic) träumen von einer gemeinsamen Zukunft. Die Handlung der Oper spielt in der Antike in Persien. Dabei liegen dem Libretto von Paolo Antonio Rolli aber weder mythologische Überlieferungen noch historische Fakten zugrunde. Der persische Satrap Oronte hat den rechtmäßigen König Ninus getötet und dessen kleine Tochter Elisa als eigene Tochter aufgenommen, weil seine gleichaltrige Tochter Elmira im Kindbett gestorben war. Elisa hat er in dem Glauben aufgezogen, sie sei seine Tochter Elmira. Dem thrakischen Prinzen Floridante verspricht er die Hand Elmiras / Elisas, wenn dieser im Seekrieg den tyrischen Prinzen Timante besiegt, der ursprünglich als Ehemann für Orontes ältere Tochter Rossane vorgesehen war. Als Floridante siegreich aus der Schlacht zurückkehrt und Timante inkognito als Sklaven unter dem Namen Glicone an den Hof bringt, hat Oronte mittlerweile andere Pläne. Da er sich selbst in Elmira / Elisa verliebt hat, will er Floridante aus dem Land vertreiben und Elmira / Elisa zur Ehe zwingen. Als sie sich standhaft weigert und mit Floridante aus dem Land fliehen will, droht er beiden mit dem Tod. Doch Rossane und Timante, der sich mittlerweile als tyrischer Prinz zu erkennen gegeben hat, können Oronte gemeinsam mit dem General Coralbo, der das Heer auf ihre Seite gebracht hat, entmachten. Elisa übernimmt gemeinsam mit Floridante die Herrschaft. Mit den Tyrern wird Frieden geschlossen, und Timante kehrt mit Rossane nach Tyros zurück. Oronte wird von Floridante und Elisa begnadigt. Oronte (Gerrit Illenberger, Mitte) will, dass Floridante (Max Emanuel Cencic) das Land verlässt (rechts: Yannis François als Coralbo). Das Regie-Team um Max Emanuel Cencic verlegt die Handlung aus dem antiken Persien nach England in die georgianische Epoche, da Cencic, wie er es im Programmheft erläutert, zahlreiche Parallelen zu einer Welt sieht, wie sie in den Romanen von Jane Austen beschrieben wird. Um die teils grausame Macht der Männer zu verdeutlichen, die diese über die Frauen damals ausgeübt haben, führt er als stumme Figur Orontes Frau ein. Schon zu Beginn der Ouvertüre wandelt sie in einem weißen Nachthemd über die Bühne, während die Musik von Donner und zuckenden Blitzen begleitet wird, was der Szene einen Anstrich von Schauerromantik verleiht. Nach einem gellenden Schrei wird klar, dass diese Frau wohl bereits dem Wahnsinn verfallen ist, weil ihr Mann sie sehr schlecht behandelt hat. Oronte beobachtet durch eine Fensterscheibe das Treiben seiner Frau, bevor er sie ohrfeigt und anschließend von seinen Dienern von der Bühne tragen lässt. Im ersten Akt sitzt die Frau dann gemeinsam mit Oronte und Rossane am Tisch und versucht verzweifelt, einen Löffel zum Mund zu führen, findet dazu aber nicht die Kraft. Nachdem Orontes Bemühung, sie mit Gewalt zu ernähren, fehlgeschlagen ist, schlägt er sie erneut und offenbart schonungslos seinen grausamen Charakter. Oronte (Gerrit Illenberger) begehrt Elmira (Sonja Runje). Natürlich fragt man sich, wie in dieser Konstellation motiviert werden soll, dass Oronte seine Stieftochter selbst heiraten will. Aber auch dafür findet Cencic in seiner Lesart eine (wenn auch makabre) Lösung. Zu Beginn des zweiten Aktes ist Orontes Frau gestorben, und auf der Bühne findet ihre Beerdigung statt. Während die beiden Töchter trauern, begutachtet Oronte bereits die zwei Dienstmädchen, die sich anschicken, dem Sarg zu folgen. Die Übergriffigkeit geht weiter, indem er einem Dienstmädchen auch noch einen Schlag auf das Hinterteil versetzt. Das ist zwar eigentlich im Ganzen nicht schlüssig, da der Plan, Elmira / Elisa zu heiraten ja bereits im ersten Akt gefasst wird, wenn er Floridante vom Hof verbannt und zu diesem Zeitpunkt seine Frau in der Inszenierung noch lebt. Aber vielleicht begehrt er seine Stieftochter zu diesem Zeitpunkt ja auch nur körperlich und fasst den Entschluss, sie zu heiraten, erst nach dem Tod seiner Frau. Das Verlangen nach Elmira / Elisa bringt Cencic in der Personenregie sehr krass auf die Bühne. So reagiert er auf ihre Zurückweisung mit einer Vergewaltigung. Dies geschieht gleich zweimal auf offener Bühne. Beim ersten Mal verdecken die Butler noch schnell die Schandtat mit den hohen Wänden, die sie vor dem Vergehen schließen. Beim zweiten Mal verlischt das Licht, und das Publikum wird in die Pause entlassen. Da fällt es schwer, für das überzeugende Spiel des Ensembles und die musikalische Leistung zu applaudieren. Floridante (Max Emanuel Cencic, rechts) und Elmira (Sonja Runje, rechts) planen mit Rossane (Eva Zalenga, links) und Timante (Bruno de Sá, links) die gemeinsame Flucht. Für das Bühnenbild zeichnet der im vergangenen Jahr verstorbene Helmut Stürmer verantwortlich. Mit hohen verschiebbaren Wänden hat er einen wandelbaren Raum geschaffen, der die Zeit um 1800 sehr gut einfängt. Blitzschnell entstehen größtenteils während einzelner Arien neue Räume. Beeindruckend ist der Turm, in dem Floridante als Gefangener auf seine Hinrichtung wartet. Auch die Kostüme von Corina Grămoşteanu unterstreichen diese Atmosphäre sehr realistisch. Die Musik lässt ebenfalls nicht nachvollziehen, warum dieses Werk unter Händels Opern ein derartiges Schattendasein führt. Zu nennen sind hier nicht nur betörend innige Duette von Floridante und Elmira oder Timante und Rossane. Auch die Arien stellen herrliche psychologische Charakterisierungen der einzelnen Figuren dar. Zu erwähnen ist hier beispielsweise Orontes Schluss-Arie im dritten Akt, wenn er entmachtet ist und noch nicht begreifen kann, was gerade passiert ist. Hier wird er als absolut zerrissene Figur gezeichnet, was durch einen sehr abgehackten musikalischen Fluss unterstrichen wird. In der Inszenierung schlagen die Soldaten dabei mit Stöcken lautstark auf die Bühne, was die bedrohliche Atmosphäre noch betont. Markellos Chryssicos lotet mit dem Wrocław Baroque Orchestra, das in diesem Jahr als Residenzorchester des Festivals fungiert, die verschiedenen Stimmungen differenziert aus. Auch die Solistinnen und Solisten lassen keine Wünsche offen. Cencic schlüpft selbst in die Titelpartie und stattet den thrakischen Prinzen mit dunkel gefärbtem Countertenor aus, der in den schnellen Läufen eine enorme Beweglichkeit besitzt. Wunderbar harmoniert er mit dem satten Alt von Sonja Runje als Elmira. In ihren Duetten kommt die Leidensfähigkeit der beiden eindrucksvoll zur Geltung. Auch Runje begeistert durch eine absolut flexible Stimmführung. Einen Kontrast zu den tiefen Stimmen bilden Eva Zalenga und Bruno de Sá als Rossane und Timante. Zalenga stattet die Partie der älteren Schwester Elmiras mit leuchtenden Koloraturen aus, die der Figur eine gewisse Leichtigkeit und eine gehörige Portion Optimismus geben. So ist sie auch maßgeblich daran beteiligt, dass die Geschichte ein gutes Ende nimmt. De Sá begeistert als Timante mit strahlendem Sopran, der von einer Frauenstimme nicht zu unterscheiden ist, und punktet mit stupenden Höhen und halsbrecherischen Läufen. Dazu setzt er auch darstellerisch sehr humorvolle Akzente. Mit großartiger Komik tritt er als vermeintlicher Sklave Glicone mit einem riesigen Sonnenschirm auf, dessen Ausmaße ihm scheinbar beim Halten Schwierigkeiten bereiten, was von de Sá herrlich umgesetzt wird. Wenn er im dritten Akt mit Rossane plant, Oronte zu entmachten, spielt er auch selbst auf der Blockflöte. Dass dabei nicht jeder Ton sauber sitzt, mag Absicht sein. Jedenfalls lässt er die Soldaten zur Musik wie durch Magie im Gleichschritt auftreten. Gerrit Illenberger stattet die undankbare Partie des Oronte mit kraftvollem Bariton aus und scheut sich nicht, diesen Tyrannen als absolut unsympathischen Zeitgenossen zu zeichnen. Nahezu polternd gibt er den grausamen Herrscher, vor dem kein Rock sicher ist, und er kennt kein Pardon, wenn sich Elmira / Elisa ihm verweigert. Am Ende ist er ein gebrochener Mann, den Cencic anders als im Libretto sterben lässt. Mitleid hat man dabei mit ihm nicht. Yannis François rundet als General Coralbo das hervorragende Ensemble mit dunklem Bassbariton ab, wobei er die Figur zunächst eher zurückhaltend gestaltet, dann aber im richtigen Moment dafür sorgt, dass die Geschichte doch noch glaubhaft eine gute Wendung nehmen kann. So gibt es großen und verdienten Applaus für alle Beteiligten.
Musikalisch verdient es Händels Floridante, häufiger auf dem Spielplan zu stehen. Die Verlegung der Geschichte in ein englisches Herrenhaus geht im Großen und Ganzen auf. Wer die Produktion in Bayreuth verpasst, sollte sie sich bei den Internationalen Händel-Festspielen in Karlsruhe nicht entgehen lassen.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung und Cembalo
Regie
Bühne
Kostüme
Licht
Regieassistenz
Bewegungsassistenz
Chor des Solistinnen und Solisten
Floridante
Elmira
Timante
Rossane
Oronte
Coralbo
Orontes Frau (stumme Rolle)
Dienerinnen (stumme Rollen)
Butler (stumme Rollen)
Soldaten (stumme Rollen)
Priester (stumme Rolle)
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