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Klangvokal 2026
Musikfestival Dortmund
15.05.2026 - 13.06.2026

Les Boréades

Tragédie in fünf Akten, RCT 31
Libretto von Louis de Cahusac (posthum zugeschrieben)
Musik von Jean-Philippe Rameau

in französischer Sprache

Aufführungsdauer: ca. 3 h 10' (eine Pause)

Aufführung im Orchesterzentrum|NRW in Dortmund am 22. Mai 2026, 19.30 Uhr

 

 

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Französischer Barock mit singendem Dirigenten

Von Thomas Molke / Fotos: © Oliver Hitzegrad

Jean-Philippe Rameau zählt zu den bedeutendsten französischen Komponisten der Aufklärung, der einen großen Beitrag zur Entwicklung der Bühnenwerke weg von der höfischen Tragédie lyrique eines Jean-Baptiste Lully hin zu einer neuen Gewichtung des Tanzes geleistet hat, der nicht mehr nur die Funktion eines Divertissements übernimmt, sondern direkt in die Handlung eingreift. Dabei beschäftigte er sich erst im Alter von 50 Jahren mit der Gattung Oper und löste mit seiner ersten Oper Hippolyte et Aricie im Jahr 1733 große Empörung bei den Traditionalisten aus, die am genuin französischen Stil eines Lully festhielten und die Einführung italienischer Elemente wie bei Marc-Antoine Charpentier oder André Campra ablehnten. Außerhalb Frankreichs konnte er mit seinen Opern keine Erfolge feiern, und auch in Frankreich währte sein Ruf als "gefährlicher Neuerer" nicht lange. So gerieten seine Werke nach seinem Tod schnell in Vergessenheit. Seine letzte Tragédie lyrique, Les Boréades, die um 1763 entstand, erlebte zu seinen Lebzeiten noch nicht einmal ihre Uraufführung. Erst im späten 20. Jahrhundert begann man in Europa, seine Opern wiederzuentdecken. Nachdem man die ungespielte Partitur von Les Boréades in den Archiven der Pariser Nationalbibliothek fand und 1964 im französischen Radio erstmals Auszüge aus der Oper präsentierte, kam es am 14. April 1975 zur konzertanten Uraufführung in der Londoner Queen-Elizabeth-Hall unter John Eliot Gardiner, der auch beim Festival Aix-en Provence am 21. Juli 1982 die erste szenische Aufführung leitete, die später als Aufnahme veröffentlicht wurde. Zuletzt stand das Werk am Badischen Staatstheater in Karlsruhe auf dem Programm, wo es unter anderem im Rahmen der Internationalen Händel-Festspiele 2026 gespielt wurde. Nun ist es konzertant im Orchesterzentrum|NRW unter der Leitung von Reinoud Van Mechelen mit dem 2016 von ihm gegründeten Barock-Ensemble a nocte temporis zu erleben. Dabei übernimmt Van Mechelen gleichzeitig die Partie des Abaris.

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von links: Lore Binon, Gwendoline Blondeel, Reinoud Van Mechelen, Robert Getchell, Philippe Estèphe und Tomáš Král

Ob das Libretto zu dieser mythologischen Geschichte wirklich von Louis de Cahusac stammt, kann nur gemutmaßt werden, da er bereits 1759 verstarb. Warum es dann erst 1763 für die Feierlichkeiten zur Unterzeichnung des Friedensvertrags, der den Siebenjährigen Krieg beendete, zur Aufführung kommen sollte, bleibt ein Rätsel. Die Handlung ist schnell erzählt. Alphise, die Königin von Baktrien, soll der Sitte gemäß einen Sohn des Gottes der Nordwinde, Borée, heiraten, liebt aber Abaris, dessen Herkunft zu Beginn der Oper unbekannt ist. Mit aller Macht stellt sie sich einer Verbindung mit Calisis oder Borilée entgegen und wird dafür zunächst von Borée heftig bestraft, indem er einen schrecklichen Sturm heraufbeschwört. Abaris will die Geliebte retten und steigt zu Alphise in das unterirdische Reich des Borée herab. Dort kommt ihm dann schließlich sein Vater Apollon zu Hilfe und klärt über Abaris' Herkunft auf. Abaris' Mutter war eine bezaubernde Nymphe aus der Familie des Borée. Somit ist Abaris in gewisser Weise auch ein Nachkomme des Borée und berechtigt, Alphise zu heiraten. Das junge Paar jubiliert in höchsten Tönen.

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Sänger und Dirigent: Reinoud Van Mechelen als Abaris

Neben der Handlung spielt in dieser Oper auch der Tanz eine sehr zentrale Rolle, auf den bei einer konzertanten Aufführung natürlich verzichtet wird. Aber die farbige musikalische Zeichnung Rameaus lässt diese Passagen auch ohne bildliche Umsetzung eindrucksvoll wirken. Direkt zu Beginn lädt das forsche Spiel des Ensembles a nocte temporis zu einer aufregenden Jagd ein, was durch frischen Klang der Hörner zum Ausdruck kommt. Auch die Sturmszenen werden mit gewaltigen Klanggeräuschen eindrucksvoll umgesetzt. Am Schluss wird die Jagd vom Anfang wieder aufgegriffen. Das alles präsentiert das Orchester absolut lebhaft und eindringlich. Reinoud Van Mechelen beweist am Pult, dass er mit Rameaus Musiksprache sehr vertraut ist. Bereits 2022 präsentierte er beim Klangvokal Musikfestival unter dem Titel Baroque à la française Musik von Rameau und dessen Zeitgenossen (siehe auch unsere Rezension). Auch hier waren bereits zwei Arien und einige Instrumentalpassagen aus der Oper zu hören. Damals präsentierte er die Auftrittsarie des Abaris, "Charmes trop dangereux", die die innere Zerrissenheit des jungen Mannes zeigt, weil Alphise unerreichbar für ihn erscheint, und die Schlussarie "Que l'amour embellit la vie", in der Abaris über den glücklichen Ausgang jubiliert. Van Mechelen begeistert mit kraftvoll angesetzten Spitzentönen und bewegendem Ausdruck und durchlebt die Stationen des Abaris sehr eindringlich. Dabei verliert er das Dirigat nie aus den Augen und meistert diese Doppelfunktion grandios.

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Gwendoline Blondeel als Alphise mit Reinoud Van Mechelen als Abaris

Auch die übrigen Partien sind großartig besetzt. Da ist zunächst Gwendoline Blondeel als Alphise zu nennen. Mit variablem Sopran zeigt sie die ganze Bandbreite der Emotionen der baktrischen Königin. Mit sehr weichen, zarten Tönen legt sie ihre erste große Arie "Un horizon serein" an, in der sie sich nach Ruhe, Freiheit und einer selbstbestimmten Liebe sehnt. Wesentlich dramatischer gestaltet sie ihre große Arie im dritten Akt, "Songe affreux, image cruelle". Hier steht die Drohung bereits im Raum, dass sie gezwungen werden soll, einen der beiden Söhne des Borée zu heiraten. Absolut selbstbewusst zeigt sie sich dann am Ende des dritten Aktes, wenn sie beschließt, auf den Thron zu verzichten, um Abaris lieben zu können. Mit Großmut erträgt sie dann auch die Verbannung in das unterirdische Reich des Borée, aus dem Abaris sie schließlich mit der Hilfe seines Vaters Apollon befreien kann. Im Duett mit Van Mechelen findet sie dann zu einer betörenden Innigkeit und feiert gemeinsam mit ihm das wiedergewonnene Glück.

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Lore Binon (links) als Sémire mit Gwendoline Blondeel (rechts) als Alphise

Lore Binon verfügt über einen sehr warmen Sopran und schlüpft gleich in mehrere Partien. Zunächst ist sie Sémire, die Vertraute Alphises, die ihr treu zur Seite steht. Ihr gehört dann auch eine der ersten Arien, "Si l'Hymen a des chaînes", in der sie auf die Macht des Ehegottes vertraut. Hier glänzt Binon mit leuchtenden Höhen. Später tritt sie als Nymphe im Gefolge der Orithyia auf und punktet erneut durch sehr klare Spitzentöne. Als Amour, Gott der Liebe, überreicht sie schließlich Alphise den Liebespfeil mit der Aufforderung, weiter zu ihren Gefühlen zu stehen. Am Schluss tritt sie dann noch als Polymnie, Muse des Gesangs, auf und ermutigt Abaris, Apollon zu Hilfe zu rufen. Tomáš Král übernimmt sowohl die Partie des Apollon als auch die Partie des Adamas, dem Apollon seinen Sohn Abaris zur Obhut übergeben hat. Mit solidem Bariton verleiht Král beiden Partien die erforderliche Autorität.

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Lisandro Abadie als Borée

Relativ spät, dafür aber umso heftiger tritt Lisandro Abadie als Borée auf. Mit dunkel gefärbtem, kraftvollem Bass macht er deutlich, wie der Gott der Nordwinde die Natur in seiner Gewalt hat. Eindrucksvoll lässt er einen schrecklichen Sturm aufkommen, muss aber am Ende doch vor Apollons Macht kapitulieren. Seine beiden Söhne sind mit Robert Getchell als Calisis und Philippe Estèphe als Borilée ebenfalls gut besetzt. Während Getchell über einen recht hoch angelegten Tenor verfügt, punktet Estèphe mit virilem Bariton. Ergänzt werden die Solistinnen und Solisten durch den Chœur de Chambre de Namur, die die einzelnen Figuren mal als Gefolge begleiten und vervielfachen, dann auch eigene Akzente beim Sturm setzen. So gibt es für alle Beteiligten verdienten und großen Jubel.

FAZIT

Die konzertante Aufführung macht deutlich, dass Rameau auf jeden Fall einen Platz im Repertoire der Opernhäuser verdient hat. Seine letzte Oper bietet auch zahlreiche Möglichkeiten zur tänzerischen Umsetzung.

Weitere Rezensionen zum Klangvokal Festival Dortmund 2026

 

Ausführende

Musikalische Leitung
Reinoud Van Mechelen

a nocte temporis

Chœur de Chambre de Namur

Solistinnen und Solisten

Alphise, Königin von Baktrien
Gwendoline Blondeel

Abaris, Liebhaber Alphises
Reinoud Van Mechelen

Borée, Gott der Nordwinde
Lisandro Abadie

Adamas, Oberpriester Apollons /
Apollon, Gott des Lichts
Tomáš Král

Calisis, Borées Sohn
Robert Getchell

Borilée, Borées Sohn
Philippe Estèphe

Sémire, Vertraute Alphises /
Eine Nymphe / L'Amour, Liebesgott /
Polymnie, Muse des Gesangs
Lore Binon


Weitere
Informationen

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Klangvokal Dortmund
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