Im Gegensatz zur großartigen Musik ist
die Handlung eher banal und verknüpft die mythologische Erzählung von der
Jagd auf den kalydonischen Eber, von der Ovid in seinen Metamorphosen
berichtet,
mit einem verworrenen Schäferspiel. Händel hatte für seine Vertonung auf das
Libretto La caccia in Etolia von Belisario Valeriani zurückgegriffen,
das Fortunato Chelleri für Ferrara vertont hatte, und das Stück um die
Figuren des Schäfers Nicandro, des Gottes Mercurio und einen Chor ergänzt.
Erzählt wird die Geschichte der Prinzessin Atalanta, die als begnadete Jägerin unter
dem Namen Amarilli nach Arkadien geflohen ist, um einer arrangierten
Hochzeit mit dem König von Ätolien, Meleagro, zu entgehen. Doch auch dieser
hat sich seinen Herrschaftspflichten entzogen und streift unter falscher
Identität als Hirte Tirsi durch die Wälder. Dabei verliebt sich Atalanta in
den vermeintlichen Hirten und leidet darunter, dass eine Verbindung wegen
der Standesunterschiede nicht möglich ist. Während Meleagro sehr
schnell erkennt, dass sich hinter der Jägerin Amarilli die Prinzessin
Atalanta verbirgt, tappt Atalanta trotz kleiner Hinweise lange Zeit im
Dunkeln. Erst als er ihr ein Band zukommen lässt, das ihr Vater einst dem
König Meleagro geschenkt hat, erkennt sie in dem Hirten den König, so dass
einer glücklichen Vereinigung nichts mehr im Wege steht. Angereichert wird
die Geschichte mit einem weiteren Hirtenpaar, Irene und Aminta. Die beiden
lieben sich zwar eigentlich, kommen aber nicht zusammen, weil Irene an
Amintas Treue zweifelt und ihn deshalb zahlreichen Prüfungen unterzieht, bei
denen auch Atalanta und Meleagro zwischen die Fronten geraten. So flirtet
Irene heftig mit Tirsi, um Aminta eifersüchtig zu machen, und dieser rächt
sich, indem er behauptet, die Jägerin Amarilli sei in ihn verliebt und habe
ihm den Pfeil geschenkt, mit dem sie den Eber getötet hat. Das wiederum wird
von Meleagro missverstanden, da er nun Atalanta für untreu hält. Doch zum
Schluss können alle Verwicklungen aufgeklärt werden, und es gibt zwei
glückliche Paare, denen Mercurio den göttlichen Segen erteilt.

Mercurio (Pierre Gennaï, rechts) präsentiert
zwei glückliche Paare: Atalanta (Silvia Porcellini) und Meleagro (Sarah Hayashi)
in der Mitte und Irene (Justina Vaitkute) und Aminta (Salvador Simão) links.
Regisseur François de Carpentries findet es schade, dass der Gott
Mercurio erst am Ende der Oper auftritt und dann nur eine kurze Szene als
vermeintlicher "Deus ex machina" hat, der er eigentlich aber gar nicht ist, da
die Protagonisten ihre Probleme ja ganz allein ohne göttliches Eingreifen lösen
können. Um seine Rolle auszuweiten, lässt de Carpentries den Gott jeweils zu Beginn
der einzelnen Akte auftreten und gibt ihm das Gefühl, das Geschehen auf der
Bühne in gewisser Weise zu steuern. Deswegen tritt er auch innerhalb der Akte
als Betrachter auf. Da es zu Beginn der Akte in der Oper natürlich keinen Text
für den Gott gibt, ist jeweils ein Monolog in lateinischer Sprache eingefügt
worden, den Pierre Gennaï als Mercurio souverän und mit natürlichem Duktus
präsentiert, der dabei aber die inhaltlich an sich schon zähe Geschichte noch
mehr in die Länge zieht. Ausgeglichen wird dies durch das hervorragende Kostüm,
in das Karine Van Hercke ihn in traditioneller Barock-Manier gekleidet hat, und
die Personenregie in der Schluss-Szene, in der der Gott am Ende den beiden Paaren seinen Segen
gibt. Hier zeichnet Carpentries die Figur recht
ironisch mit dem Habitus eines Politikers, der sich mit fremden Federn schmückt
und immer wieder im Zentrum des Geschehens stehen möchte. Das wird von Gennaï mit
herrlicher Komik und kräftigem Bassbariton umgesetzt.

Atalanta (Silvia Porcellini, vorne) leidet, weil
sie Tirsi (Sarah Hayashi, unter dem Tisch) nicht ihre Liebe gestehen kann.
Für die einzelnen Akte lässt de Carpentries im Bühnenbild und den Kostümen von
Van Hercke und Videoprojektionen von Aurélie Remy ganz unterschiedliche Welten
entstehen. Den ersten Akt legt er sehr klassisch an. Schon bei der einleitenden
Ouvertüre sieht man in einem Einspielvideo einen pittoresken Wald, durch den
Atalanta als kleines Mädchen mit Pfeil und Bogen streift. Schon hier wird
deutlich, dass sie mit dem klassischen Rollenverständnis einer Prinzessin
Probleme hat. So verwendet sie eine als Braut gekleidete Puppe als Zielscheibe
an einem Baum für ihre Schießübungen. In einem ähnlichen Kostüm tritt Atalanta
dann auch im ersten Akt auf. Der auf die Rückwand projizierte Wald hat nun die
Magie eines Zauberwaldes. Auch der berüchtigte Eber, der von Atalanta erlegt
wird, tritt hier in der Videoprojektion auf. Im zweiten Akt wechselt die
Inszenierung optisch aber von den Hirtenkostümen zu höfischen Barockkostümen. De
Carpentries erklärt dies in der Einführung als eine Art Maskenspiel, da die
Figuren der Oper ja ein munteres Verwechslungsspiel miteinander treiben. Sinn
macht das aber eigentlich nicht, weil da ja eigentlich die Standesunterschiede,
die Atalanta und Meleagro scheinbar im Weg stehen, fallen. Im letzten Akt treten
dann alle in gleichen weißen Nachthemden mit weißer Schlafmütze auf, um
anzudeuten, dass es keine Unterschiede mehr zwischen den einzelnen Figuren gibt.
Dabei lässt de Carpentries sie zunächst auch beim Jubelgesang des Mercurio weiter
durch das Bühnenbild irren.
Auch wenn sich dieser szenische Ansatz nicht in jedem Aspekt nachvollziehen
lässt, wird er vom Ensemble mit großer Spielfreude umgesetzt. Die
musikalische Leistung des Abends lässt ebenfalls keine Wünsche offen. Die Partie des Meleagro
ist mit Sarah Hayashi besetzt, deren Sopran durch große
Beweglichkeit und Strahlkraft begeistert. Einen Höhepunkt stellt Meleagros große
Arie am Ende des ersten Aktes, "Non sarà poco, se il mio gran foco", dar. Hier
punktet Hayashi mit sauber angesetzten Koloraturen und scheinbar spielerisch
leichten Läufen. Auch ihren Jubel im dritten Akt zelebriert sie mit
atemberaubenden flexiblen Koloraturen. Im zweiten Akt stellt sie unter Beweis,
dass sie auch die leidenden Momente der Partie intensiv mit weicher Stimmführung
umzusetzen versteht. Silvia Porcellini steht ihr in der Titelpartie in nichts
nach. Auch sie verfügt über einen leuchtenden Sopran mit großer Strahlkraft.
Einerseits nimmt man ihr die begnadete Jägerin, die den kalydonischen Eber
erlegt, mit der großen Kraft in den Koloraturen in jeder Note ab. Andererseits
wechselt sie in eine sehr lyrische Stimmfärbung, wenn sie darunter leidet, dass der
Hirte Tirsi wegen des Standesunterschieds für sie unerreichbar ist. Regelrecht
schroff weist sie sein Werben ab. Ein weiterer musikalischer Glanzpunkt sind die
beiden Duette mit Hayashi. Während ihre Gefühle im zweiten Akt noch sehr
verschlossen sind, weil zumindest Atalanta noch nicht weiß, dass Tirsi der König
Meleagro ist, und beide unter Atalantas Ablehnung leiden, können sie im großen
Duett im dritten Akt ihrer Liebe freien Lauf lassen. Dabei sind Porcellinis und
Hayashis Sopran in der Färbung kaum noch unterscheidbar, so dass nicht klar ist,
wer in dieser Beziehung später das Sagen haben wird.

Irene (Justina Vaitkute) flirtet vor Amintas
(Salvador Simão, rechts) Augen heftig mit dem als Tirsi verkleideten Meleagro (Sarah Hayashi, Mitte).
Auch das zweite Paar bewegt sich stimmlich auf hervorragendem Niveau. Salvador Simão, Gewinner des Cesti-Preises im vergangenen Jahr, stattet die Partie des
unglücklich liebenden Schäfers Aminta mit kraftvollem Tenor aus und zeigt sich
auch darstellerisch sehr beweglich. Zwar wird dramaturgisch nicht ganz klar, was
Aminta eigentlich an Irene findet, da ihre Spielchen objektiv betrachtet zu weit
gehen. Aber Liebe kann man bekanntlich nicht steuern, und so gestaltet Simão
das Liebesleiden des Schäfers mit tenoralem Glanz. Umso mehr freut man
sich für ihn, wenn es ihm in seiner großen Arie im dritten Akt gelingt, Irene
eifersüchtig zu machen, indem er behauptet, sein Herz nun einer anderen Nymphe
geschenkt zu haben. Hier punktet er mit spielerischem Tenor und großer
Leichtigkeit. Justina Vaitkute, die im letzten Jahr bereits in der Titelpartie
in Vivaldis Il Giustino in Innsbruck begeisterte, stattet die Partie
der Irene mit sattem Alt aus, der stimmlich betörend und verführerisch klingen
kann, auch wenn die Motivation der Figur für ihr Handeln nicht im Geringsten
nachvollziehbar ist. Ein musikalischer Höhepunkt ist ihre Arie im dritten Akt,
wenn sie unter Amintas plötzlicher Zurückweisung leidet. Hier setzt sie die
schnellen Läufe mit großer Flexibilität um. Peter Edge verfügt als Irenes Vater
zwar über einen autoritären Bariton. Seine erzieherischen Maßnahmen greifen
allerdings dennoch ins Leere, wenn er seiner Tochter ins Gewissen reden will.
Andrea Buccarella führt das eigens für die Aufführung gebildete Orchester der
Schola Cantorum Basiliensis mit sicherer Hand durch die Partitur, so dass es
nicht nur am Ende für alle Beteiligten großen Jubel gibt.
FAZIT
Auch wenn Händels Musik sicherlich großartig ist, weist das Stück dramaturgisch
einige Schwächen auf, die das Regie-Team trotz einiger inhaltlicher Fragezeichen
mit herrlicher Komik löst.
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