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Innsbrucker Festwochen der Alten Musik
24.07.2026 - 30.08.2026


Atalanta

Oper in drei Akten
Libretto nach La caccia in Etolia von Belisario Valeriani, Verfasser unbekannt
Musik von
Georg Friedrich Händel

In italienischer und teilweise lateinischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h (eine Pause)

Premiere in den Kammerspielen im Haus der Musik Innsbruck am 21. August 2026




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Wechselspiel der Gefühle

Von Thomas Molke / Fotos: © Birgit Gufler / Innsbrucker Festwochen

Seit 2011 hat sich das Akademie-Projekt Barockoper:Jung zu einem unverzichtbaren Programmpunkt der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik entwickelt. Darin erarbeiten die Vorjahres-Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Internationalen Gesangswettbewerbs für Barockoper Pietro Antonio Cesti eine Oper. In diesem Jahr ist die Wahl auf Georg Friedrich Händels Dramma per musica Atalanta gefallen, das zu den eher unbekannten Werken des Hallenser Komponisten zählt. Anlass für die Komposition war die königliche Hochzeit des Thronfolgers Friedrich Ludwig von Hannover mit Augusta von Sachsen-Gotha-Altenburg im April 1736. Dabei war es wohl vor allem dem Wunsch der Prinzessin Augusta und Friedrichs Schwester Anna zu verdanken, dass Händel diesen Kompositionsauftrag erhielt. Friedrich selbst stand nämlich Händels Konkurrenzunternehmen, der Opera of the Nobility unter der Leitung von Nicola Porpora, näher. Aufgrund verzögerter Arbeiten am prunkvollen Bühnenbild wurde das Werk nicht rechtzeitig fertig und konnte erst am 12. Mai 1736 zur Uraufführung gelangen. Stattdessen wurde Porporas Serenade Festa d'Imeneo zu den Hochzeitsfeierlichkeiten gespielt. Obwohl das Thronfolgerpaar nicht einer der acht Aufführungen von Händels Oper 1736 beiwohnte, erfreute sich das Werk so großer Beliebtheit, dass es in der folgenden Spielzeit wiederaufgenommen wurde. Neben der großartigen Musik begeisterten vor allem die berühmte Sopranistin Anna Maria Strada del Pò in der Titelpartie und der junge Starkastrat Gioacchino Conti, genannt "Gizziello", den Händel extra dafür aus Neapel abgeworben hatte.

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Die Jagd auf den kalydonischen Eber: von links: Meleagro (Sarah Hayashi), Nicandro (Peter Edge), Atalanta (Silvia Porcellini) und Mercurio (Pierre Gennaï)

Im Gegensatz zur großartigen Musik ist die Handlung eher banal und verknüpft die mythologische Erzählung von der Jagd auf den kalydonischen Eber, von der Ovid in seinen Metamorphosen berichtet, mit einem verworrenen Schäferspiel. Händel hatte für seine Vertonung auf das Libretto La caccia in Etolia von Belisario Valeriani zurückgegriffen, das Fortunato Chelleri für Ferrara vertont hatte, und das Stück um die Figuren des Schäfers Nicandro, des Gottes Mercurio und einen Chor ergänzt. Erzählt wird die Geschichte der Prinzessin Atalanta, die als begnadete Jägerin unter dem Namen Amarilli nach Arkadien geflohen ist, um einer arrangierten Hochzeit mit dem König von Ätolien, Meleagro, zu entgehen. Doch auch dieser hat sich seinen Herrschaftspflichten entzogen und streift unter falscher Identität als Hirte Tirsi durch die Wälder. Dabei verliebt sich Atalanta in den vermeintlichen Hirten und leidet darunter, dass eine Verbindung wegen der Standesunterschiede nicht möglich ist. Während Meleagro sehr schnell erkennt, dass sich hinter der Jägerin Amarilli die Prinzessin Atalanta verbirgt, tappt Atalanta trotz kleiner Hinweise lange Zeit im Dunkeln. Erst als er ihr ein Band zukommen lässt, das ihr Vater einst dem König Meleagro geschenkt hat, erkennt sie in dem Hirten den König, so dass einer glücklichen Vereinigung nichts mehr im Wege steht. Angereichert wird die Geschichte mit einem weiteren Hirtenpaar, Irene und Aminta. Die beiden lieben sich zwar eigentlich, kommen aber nicht zusammen, weil Irene an Amintas Treue zweifelt und ihn deshalb zahlreichen Prüfungen unterzieht, bei denen auch Atalanta und Meleagro zwischen die Fronten geraten. So flirtet Irene heftig mit Tirsi, um Aminta eifersüchtig zu machen, und dieser rächt sich, indem er behauptet, die Jägerin Amarilli sei in ihn verliebt und habe ihm den Pfeil geschenkt, mit dem sie den Eber getötet hat. Das wiederum wird von Meleagro missverstanden, da er nun Atalanta für untreu hält. Doch zum Schluss können alle Verwicklungen aufgeklärt werden, und es gibt zwei glückliche Paare, denen Mercurio den göttlichen Segen erteilt.

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Mercurio (Pierre Gennaï, rechts) präsentiert zwei glückliche Paare: Atalanta (Silvia Porcellini) und Meleagro (Sarah Hayashi) in der Mitte und Irene (Justina Vaitkute) und Aminta (Salvador Simão) links.

Regisseur François de Carpentries findet es schade, dass der Gott Mercurio erst am Ende der Oper auftritt und dann nur eine kurze Szene als vermeintlicher "Deus ex machina" hat, der er eigentlich aber gar nicht ist, da die Protagonisten ihre Probleme ja ganz allein ohne göttliches Eingreifen lösen können. Um seine Rolle auszuweiten, lässt de Carpentries den Gott jeweils zu Beginn der einzelnen Akte auftreten und gibt ihm das Gefühl, das Geschehen auf der Bühne in gewisser Weise zu steuern. Deswegen tritt er auch innerhalb der Akte als Betrachter auf. Da es zu Beginn der Akte in der Oper natürlich keinen Text für den Gott gibt, ist jeweils ein Monolog in lateinischer Sprache eingefügt worden, den Pierre Gennaï als Mercurio souverän und mit natürlichem Duktus präsentiert, der dabei aber die inhaltlich an sich schon zähe Geschichte noch mehr in die Länge zieht. Ausgeglichen wird dies durch das hervorragende Kostüm, in das Karine Van Hercke ihn in traditioneller Barock-Manier gekleidet hat, und die Personenregie in der Schluss-Szene, in der der Gott am Ende den beiden Paaren seinen Segen gibt. Hier zeichnet Carpentries die Figur recht ironisch mit dem Habitus eines Politikers, der sich mit fremden Federn schmückt und immer wieder im Zentrum des Geschehens stehen möchte. Das wird von Gennaï mit herrlicher Komik und kräftigem Bassbariton umgesetzt.

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Atalanta (Silvia Porcellini, vorne) leidet, weil sie Tirsi (Sarah Hayashi, unter dem Tisch) nicht ihre Liebe gestehen kann.

Für die einzelnen Akte lässt de Carpentries im Bühnenbild und den Kostümen von Van Hercke und Videoprojektionen von Aurélie Remy ganz unterschiedliche Welten entstehen. Den ersten Akt legt er sehr klassisch an. Schon bei der einleitenden Ouvertüre sieht man in einem Einspielvideo einen pittoresken Wald, durch den Atalanta als kleines Mädchen mit Pfeil und Bogen streift. Schon hier wird deutlich, dass sie mit dem klassischen Rollenverständnis einer Prinzessin Probleme hat. So verwendet sie eine als Braut gekleidete Puppe als Zielscheibe an einem Baum für ihre Schießübungen. In einem ähnlichen Kostüm tritt Atalanta dann auch im ersten Akt auf. Der auf die Rückwand projizierte Wald hat nun die Magie eines Zauberwaldes. Auch der berüchtigte Eber, der von Atalanta erlegt wird, tritt hier in der Videoprojektion auf. Im zweiten Akt wechselt die Inszenierung optisch aber von den Hirtenkostümen zu höfischen Barockkostümen. De Carpentries erklärt dies in der Einführung als eine Art Maskenspiel, da die Figuren der Oper ja ein munteres Verwechslungsspiel miteinander treiben. Sinn macht das aber eigentlich nicht, weil da ja eigentlich die Standesunterschiede, die Atalanta und Meleagro scheinbar im Weg stehen, fallen. Im letzten Akt treten dann alle in gleichen weißen Nachthemden mit weißer Schlafmütze auf, um anzudeuten, dass es keine Unterschiede mehr zwischen den einzelnen Figuren gibt. Dabei lässt de Carpentries sie zunächst auch beim Jubelgesang des Mercurio weiter durch das Bühnenbild irren.

Auch wenn sich dieser szenische Ansatz nicht in jedem Aspekt nachvollziehen lässt, wird er vom Ensemble mit großer Spielfreude umgesetzt. Die musikalische Leistung des Abends lässt ebenfalls keine Wünsche offen. Die Partie des Meleagro ist mit Sarah Hayashi besetzt, deren Sopran durch große Beweglichkeit und Strahlkraft begeistert. Einen Höhepunkt stellt Meleagros große Arie am Ende des ersten Aktes, "Non sarà poco, se il mio gran foco", dar. Hier punktet Hayashi mit sauber angesetzten Koloraturen und scheinbar spielerisch leichten Läufen. Auch ihren Jubel im dritten Akt zelebriert sie mit atemberaubenden flexiblen Koloraturen. Im zweiten Akt stellt sie unter Beweis, dass sie auch die leidenden Momente der Partie intensiv mit weicher Stimmführung umzusetzen versteht. Silvia Porcellini steht ihr in der Titelpartie in nichts nach. Auch sie verfügt über einen leuchtenden Sopran mit großer Strahlkraft. Einerseits nimmt man ihr die begnadete Jägerin, die den kalydonischen Eber erlegt, mit der großen Kraft in den Koloraturen in jeder Note ab. Andererseits wechselt sie in eine sehr lyrische Stimmfärbung, wenn sie darunter leidet, dass der Hirte Tirsi wegen des Standesunterschieds für sie unerreichbar ist. Regelrecht schroff weist sie sein Werben ab. Ein weiterer musikalischer Glanzpunkt sind die beiden Duette mit Hayashi. Während ihre Gefühle im zweiten Akt noch sehr verschlossen sind, weil zumindest Atalanta noch nicht weiß, dass Tirsi der König Meleagro ist, und beide unter Atalantas Ablehnung leiden, können sie im großen Duett im dritten Akt ihrer Liebe freien Lauf lassen. Dabei sind Porcellinis und Hayashis Sopran in der Färbung kaum noch unterscheidbar, so dass nicht klar ist, wer in dieser Beziehung später das Sagen haben wird.

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Irene (Justina Vaitkute) flirtet vor Amintas (Salvador Simão, rechts) Augen heftig mit dem als Tirsi verkleideten Meleagro (Sarah Hayashi, Mitte).

Auch das zweite Paar bewegt sich stimmlich auf hervorragendem Niveau. Salvador Simão, Gewinner des Cesti-Preises im vergangenen Jahr, stattet die Partie des unglücklich liebenden Schäfers Aminta mit kraftvollem Tenor aus und zeigt sich auch darstellerisch sehr beweglich. Zwar wird dramaturgisch nicht ganz klar, was Aminta eigentlich an Irene findet, da ihre Spielchen objektiv betrachtet zu weit gehen. Aber Liebe kann man bekanntlich nicht steuern, und so gestaltet Simão das Liebesleiden des Schäfers mit tenoralem Glanz. Umso mehr freut man sich für ihn, wenn es ihm in seiner großen Arie im dritten Akt gelingt, Irene eifersüchtig zu machen, indem er behauptet, sein Herz nun einer anderen Nymphe geschenkt zu haben. Hier punktet er mit spielerischem Tenor und großer Leichtigkeit. Justina Vaitkute, die im letzten Jahr bereits in der Titelpartie in Vivaldis Il Giustino in Innsbruck begeisterte, stattet die Partie der Irene mit sattem Alt aus, der stimmlich betörend und verführerisch klingen kann, auch wenn die Motivation der Figur für ihr Handeln nicht im Geringsten nachvollziehbar ist. Ein musikalischer Höhepunkt ist ihre Arie im dritten Akt, wenn sie unter Amintas plötzlicher Zurückweisung leidet. Hier setzt sie die schnellen Läufe mit großer Flexibilität um. Peter Edge verfügt als Irenes Vater zwar über einen autoritären Bariton. Seine erzieherischen Maßnahmen greifen allerdings dennoch ins Leere, wenn er seiner Tochter ins Gewissen reden will. Andrea Buccarella führt das eigens für die Aufführung gebildete Orchester der Schola Cantorum Basiliensis mit sicherer Hand durch die Partitur, so dass es nicht nur am Ende für alle Beteiligten großen Jubel gibt.

FAZIT

Auch wenn Händels Musik sicherlich großartig ist, weist das Stück dramaturgisch einige Schwächen auf, die das Regie-Team trotz einiger inhaltlicher Fragezeichen mit herrlicher Komik löst.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Andrea Buccarella

Regie und Lichtdesign
François de Carpentries

Bühne, Kostüme und Dramaturgie
Karine Van Hercke

Videos
Aurélie Remy

Gesangscoach
Jeffrey Francis

Dramaturgie und Übertitel
Uma Tholen

 

Orchester der
Schola Cantorum Basiliensis


Solistinnen und Solisten

Atalanta
Silvia Porcellini

Meleagro
Sarah Hayashi

Irene
Justina Vaitkute

Aminta
Salvador Simão

Nicandro
Peter Edge

Mercurio
Pierre Gennaï

 


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