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Musikfestspiele
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Bajazet e Tamerlano

Ein Opernpasticcio in drei Akten
Libretto nach Agostino Piovene (Tamerlano, Venedig 1711)
Musik von Girolamo Abos, Attilio Ariosti, Giovanni Bononcini, Antonio Caldara, Francesco Gasparini, Johann Adolf Hasse, Nicola Porpora, Alessandro Scarlatti, Leonardo Vinci und Antonio Vivaldi


in italienischer Sprache mit deutschen Zwischentexten

Aufführungsdauer: ca. 2 h 30' (eine Pause)

Aufführung im Kleinen Haus des Badischen Staatstheaters Karlsruhe am 28. Februar 2026

 

 
Badisches Staatstheater Karlsruhe
(Homepage)

Der etwas andere "Tamerlano" 

Von Thomas Molke / Fotos: © Felix Grünschloß

Im Zentrum der diesjährigen Internationalen Händel-Festspiele in Karlsruhe steht die Festspiel-Oper Tamerlano. Die Geschichte um den Tataren-Khan und Begründer des zweiten Mongolenreiches Timur Lenk (Tamerlano), der in einer großen Schlacht bei Ankara im Jahr 1402 den osmanischen Sultan Bayezid I. (Bajazet) besiegte und ihn kurz nach seiner Inhaftierung wahrscheinlich in den Selbstmord trieb, erfreute sich in der Kunst und Literatur seit dem 16. Jahrhundert lange Zeit großer Beliebtheit. Auf dem Opernlibretto von Agostino Piovene, das zuerst 1711 von Francesco Gasparini vertont wurde, beruhen neben Händel noch über 40 weitere Opern, die entweder Tamerlano oder seinen Gegenspieler Bajazet im Titel tragen. Schon Vivaldi komponierte seine Fassung als Pasticcio, das er aus Musik aus bereits bestehenden Werken zusammensetzte. Die Deutsche Händel-Akademie hat nun unter der Leitung von Thomas Seedorf ebenso ein Pasticcio zusammengestellt, das anders als die bisherigen Opern beide Herrscher im Titel nennt. Dabei hat man auf der Grundlage von Piovenes Libretto eine Fassung erstellt, die die handlungstreibenden Rezitative größtenteils in einen deutschen Erzähltext umformt und den Figuren in Arien von mehreren Komponisten Raum zum Ausdruck ihrer Affekte gibt. In den Auswahlprozess wurden auch die Sängerinnen und Sänger mit einbezogen. So wie Solistinnen und Solisten der Barockzeit sogenannte "Koffer-Arien" im Gepäck hatten, die nach ihren Wünschen in Aufführungen integriert wurden, durften die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch bei diesem Projekt Wünsche äußern.

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Schlussapplaus: von links: Leone (Anton Radchenko), Asteria (Isabel Weller), Irene (Clare Ghigo), Tamerlano (Justina Vaitkute), Andronico (Alejandro López Ramiro), Bajazet (Tomás García Santillán) und Erzählerin (Monja Sobottka) mit dem Orchester der Internationalen Händel-Akademie

Die getroffene Musikauswahl greift dabei sehr selten auf weitere Vertonungen des Tamerlano-Stoffes zurück, von denen mit Ausnahme von Händel, Vivaldi und Gasparini musikalisch auch gar nicht viel erhalten ist. Vielmehr wird durch Arien aus anderen Werken mit ganz anderen Geschichten gezeigt, wie austauschbar einzelne Stücke für den Ausdruck eines gewissen Affektes sind. Manchmal funktioniert sogar ein in die Arie einführendes kurzes Rezitativ, das den Eindruck entstehen lässt, dass die Nummer zu einer Oper über Tamerlano gehört. So folgt das Stück inhaltlich ziemlich nah der diesjährigen Festspiel-Oper, verwendet dabei allerdings komplett andere Musik. Die Zwischentexte, die die Handlung erklären, werden sehr einfühlsam von Monja Sobottka vorgetragen und leiten zielführend in die jeweiligen Arien über. Dabei sind die Stimmen teilweise etwas anders besetzt als in Händels Oper. Tamerlanos Gegenspieler Bajazet wird im Pasticcio beispielsweise nicht von einem Tenor sondern von dem Bariton Tomás García Santillán gesungen. Dafür ist die Partie des Vertrauten von Andronico, Leone, mit dem Tenor Anton Radchenko besetzt. Tamerlano wird auch in zahlreichen modernen Händel-Aufführungen von einem Mezzosopran gesungen. In dieser Produktion übernimmt Justina Vaitkute die Partie. Die anderen Partien sind mit einem Countertenor (Andronico), Sopran (Asteria) und Mezzosopran (Irene) stimmlich wie in der großen Festspiel-Oper besetzt.

Einen direkten Bezug zu Gasparinis und Vivaldis Vertonungen des gleichen Stoffes gibt es im zweiten und dritten Akt. Dabei ist interessant, dass das Pasticcio beide Vertonungen von Gasparini verwendet. Gasparini überarbeitete seine Version von 1711 acht Jahre später unter dem Titel Il Bajazet, da der Darsteller des Bajazet, Francesco Borosini, nicht nur ein großartiger Tenor sondern auch ein begnadeter Schauspieler war und durchsetzen konnte, dass der Freitod von Tamerlanos Gegenspieler mehr ins Zentrum der Handlung gerückt wurde. In Karlsruhe greift René Jacobs in der Fassung der diesjährigen Festspiel-Oper auf dieses tragische Ende zurück. Am Ende des zweiten Aktes steht im Pasticcio eine große Szene zwischen Asteria und ihrem Vater bzw. Andronico und Irene aus Gasparinis Fassung von 1719, in der Bajazet, Andronico und Irene Asteria verzeihen. Im dritten Akt folgt dann Asterias große Szene aus Gasparinis früherer Fassung, die Vivaldi auch in sein Pasticcio übernommen hat, in der sie den Tod ihres Vaters beklagt und selbst sterben möchte, was Andronico und Irene verhindern können. Zum Ende geht es dann wieder zurück zu Gasparinis zweiter Fassung von 1719, wenn Tamerlano geläutert zum Guten bekehrt wird, was anders als in der Tamerlano-Fassung der diesjährigen Festspiele in einem fröhlichen Schlusschor mündet, der allerdings aus einem anderen Werk, Attilio Ariostis Oper Il Vespasiano, stammt.

Ansonsten sind größtenteils Arien aus sehr unbekannten Werken ausgewählt worden, so dass man einen spannenden Nachmittag mit großartiger unbekannter Musik erlebt, die sich wunderbar in die erzählte Geschichte einfügt. Erwähnenswert ist vielleicht die Auftrittsarie der Irene, die von dem maltesischen Komponisten Girolamo Abos aus der Oper Tito Manlio stammt und 1753 in Messina uraufgeführt wurde. Die Arie, die durch sprudelnde Koloraturen begeistert, wurde von der Mezzosopranistin Clare Ghigo vorgeschlagen, die selbst aus Malta stammt und gerne ein Stück eines maltesischen Komponisten beisteuern wollte. Durch die Anpassung der Arienauswahl an die einzelnen Gesangsstimmen entsteht ein runder Abend auf hohem musikalischem Niveau. Das Orchester der Internationalen Händel-Akademie wird um einzelne Musikerinnen und Musiker des Ensembles Il Gusto Barocco ergänzt und sorgt unter der Leitung von Jörg Halubek für einen luziden und frischen Klang, der die einzelnen Gefühle eindringlich untermalt.

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Justina Vaitkute als Tamerlano

Justina Vaitkute stattet die Partie des Tataren-Fürsten mit kraftvollem Mezzosopran und großer Beweglichkeit in den Läufen aus. So nimmt man ihr direkt bei ihrer Auftrittsarie im ersten Akt, die aus Vivaldis Oper Argippo stammt, ihre Wut auf den aufsässigen Feind Bajazet und seine stolze Tochter ab. Große Flexibilität zeigt sie dann in der zweiten Arie, in der Tamerlano als schmachtender Liebender gezeigt wird, und auch für die Milde des Herrschers findet Vaitkute am Ende sehr weiche Töne. Isabel Heller punktet als Asteria mit strahlendem Sopran und sauber ausgesungenen Koloraturen, die die große Kampfbereitschaft der jungen Frau unterstreichen. Ein musikalischer Höhepunkt neben ihrer Auftrittsarie im ersten Akt ist die große Schlussszene im dritten Akt, in der sie beschließt, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Clare Ghigo verfügt als Irene über einen warmen Mezzosopran, der in den schnellen Läufen große Flexibilität besitzt. Dabei macht sie aber auch deutlich, dass Irene eine durchaus willensstarke Frau ist, die in einer großartigen Arie im dritten Akt Tamerlano die Meinung zu sagen wagt.

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Alejandro López Ramiro als Andronico

Alejandro López Ramiro legt den griechischen Prinzen Andronico mit weichem Countertenor an, der zwischen Liebe zu Asteria und Verpflichtung Tamerlano gegenüber hin- und hergerissen ist. Sehr bewegend gestaltet er dieses Wechselbad der Gefühle, bis er schließlich allen Mut zusammennimmt und sich Tamerlano entgegenstellt. Tomás García Santillán verfügt als Bajazet über einen kräftigen Bariton, der in den schnellen Läufen allerdings ein bisschen angestrengt klingt. Anton Radchenko rundet als Leone das Ensemble mit hellem Tenor wunderbar ab, so dass es für alle Beteiligten verdienten Applaus gibt.

FAZIT

Es ist schade, dass es gemessen an dem sicherlich hohen Aufwand für die Zusammenstellung der einzelnen Nummern dieses Projekt nur in zwei Aufführungen bei den Festspielen zu erleben gibt.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Jörg Halubek

Konzeption und Einführung
Thomas Seedorf

 

Orchester der
Internationalen Händel-Akademie

Solistinnen und Solisten

Tamerlano, Herrscher der Tataren
Justina Vaitkute

Bajazet, Herrscher der Türken
Tomás García Santillán

Asteria, Tochter Bajazets
Isabel Weller

Andronico, griechischer Prinz
Alejandro López Ramiro

Irene, Prinzessin von Trapezunt
Clare Ghigo

Leone, Vertrauter Andronicos
Anton Radchenko

Erzählerin
Monja Sobottka

 


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Badischen Staatstheater Karlsruhe
(Homepage)



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