Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musikfestspiele
Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum



Klavier-Festival Ruhr 2026

Duisburg, Mercatorhalle
9. Juni 2026


Krystian Zimerman



Homepage
Klavier-Festival Ruhr

Ein sensibler Klangzauberer

Von Stefan Schmöe

"Der wohltemperierte Flügel": So nennt Krystian Zimerman sein Programm für das Klavier-Festival Ruhr. Nach dem Vorbild von Bachs Wohltemperiertem Klavier hat er 24 kurze Stücke unterschiedlicher Komponisten in jeder der 24 Tonarten des Quintenzirkels ausgewählt. Wobei an dieser Stelle bereits zwei Korrekturen erforderlich sind: Zwei Tonarten, nämlich C-Dur und H-Dur, werden jeweils durch zwei (unmittelbar aufeinander folgende) Werke repräsentiert, wodurch sich die Anzahl der Stücke auf 26 erhöht. Und in die illustre Riege der männlichen Komponisten von Bach bis Debussy hat sich mit der polnischen Komponistin Grażyna Bacewicz (1909 - 1969) eine Frau eingereiht, im Übrigen die jüngste und modernste der Komponierenden. Dabei hat Zimerman die genaue Programmfolge bis zum Konzerttag für sich behalten, und selbst am Abend gibt es als Einlage in das karge Programmblatt nicht die genaue Bezeichnung der Stücke, sondern nur eine Liste der Namen der Komponistin oder des Komponisten nebst Tonart.

Zimerman verbittet sich energisch jede Form des Filmens oder Fotografierens. "Bitte stellen Sie außerdem sicher, dass die Darbietung nicht durch Handyklingeln oder ähnliche vermeidbare Störungen getrübt wird, um einen Konzertabbruch zu vermeiden." So drastisch steht's auf eben jenem Einlageblatt mit den Komponistennamen. Die Vielzahl der Hinweise auf "absolutes Foto- & Filmverbot", auch auf durch den Zuschauerraum getragenen Schildern, nimmt beinahe paranoide Formen an. Natürlich nerven diejenigen, die wie zuletzt beim Konzert von Rudolf Buchbinder in Wuppertal zwischendurch mal eben ein Handyfoto machen und damit alle Umsitzenden aus der Konzentration reißen. Und natürlich werden mit Film-, Bild- und Tonaufnahmen elementare Rechte des Künstlers verletzt. Aber der allergrößte Teil des Publikums hört dem Spiel des Pianisten diszipliniert, hochkonzentriert und atemlos zu, wird aber durch die Störenden in Sippenhaft genommen und bekommt mit der Androhung des Konzertabbruchs prophylaktisch die Gelbe Karte. Auch das prägt die Atmosphäre. Wäre da nicht eine Spur mehr Gelassenheit denkbar?

Aber gut, so sind die restriktiven Rahmenbedingungen eines der raren Recitals dieses Ausnahmepianisten in Deutschland. Und die superbe Anschlagskultur Zimermans zieht vom ersten Ton an in den Bann. Am Beginn steht ein Prélude von Roman Statkowski (1859 - 1925), eine schöne Miniatur, die ein ziemlich schlichtes, eingängliches Motiv in variierter Form knapp zwei Minuten lang durchdekliniert. Bereits hier zieht Zimerman alle Register: Die subtil abgestufte Lautstärke zwischen Haupt- und Nebenstimme (einfach nur "Begleitung" ist bei Zimerman eigentlich kein Ton), die Leichtigkeit der Interpretation (ohne leichtgewichtig zu werden), den "singenden", genau auf die Gegebenheiten des Raumes abgestimmten leuchtenden Klang des Steinway-Flügels, den Zimerman wie üblich mitgebracht hat. Und auf das Prélude von Statkowski folgt mit Johann Sebastian Bachs Präludium C-Dur so etwas wie die "Mutter aller Klavierstücke", an dem kaum ein Klavierschüler vorbeikommt. Zimerman interpretiert das kurze Werk mit romantisch weichem, aber nie sentimentalem Spiel, bewussten Freiheiten im Tempo und einer an- und abschwellenden Dynamik, wie sie (anders als die Instrumente der Bach-Zeit) ein moderner Konzertflügel ermöglicht. Die Nonchalance, mit der er im Übervertrauten kleine Überraschungsmomente erzeugt, ohne dabei irgendwie in Manierismus zu verfallen, ist bewundernswert.

Das Programm ist von einem poetischen, romantischen Duktus getragen, der die leisen Töne bevorzugt, wobei "leise" hier eine schier unendliche Palette an fein differenzierten Lautstärkegraden umreißt. Eine winzige Nuance kann aus einem scheinbar nebensächlichen Basston die tragende Stimme machen. Einen markanten Kontrast dazu setzen die Werke Claude Debussys, die Zimerman mit erzählerischem Witz interpretiert. "Excentric" hat der Komponist unter sein Prélude General Lavine geschrieben, und das exzentrische Wesen des Portraitierten kostet Zimerman genussvoll aus. Die pointierte Spielweise, mit der er überraschende Wendungen unterstreicht oder auch die Musik in großem Schwung zur Vollbremsung bringt, lässt schnell den Wunsch nach einem reinen Debussy-Programm oder wenigstens einem solchen Programmblock aufkommen. Denn obwohl die Konzertdramaturgie durchdacht ist und Bekanntes (wie Chopins Regentropfen-Prélude Des-Dur) auf eher Unbekanntes (Leopold Godowski, Nikolai Kapustin oder die bereits erwähnten Statkowski und Bacewicz) folgen lässt, ruhige Werke wie Chopins aphoristisch knappes, 16 Take kurzes A-Dur-Prélude op. 28 Nr. 7 mit flirrenden Klangflächen Skriabins kontrastiert, kann das Konzept seinen "Best of Zugabenstücke"-Charakter nicht ganz abschütteln - vielleicht auch, weil längst diverse Klassik-Radiosender die (wenn auch dort meist planlos wirkende) Aneinanderreihung hübscher Miniaturen zur Methode erhoben haben.

Dabei zielt das Konzept durchaus auf's Große. Man kann darin die Wechselfälle des Lebens erahnen, ein Auf und Ab der manchmal kleinen, dann wieder existenziell bedeutungsschweren Schicksalsmomente. Hier stehen schlichte Anekdoten neben bewegenden Dramen. Den Schlusspunkt setzt die vernichtende Düsterheit von Rachmaninows cis-Moll-Prélude op. 3/2. Zimerman gibt dem einleitenden, in Oktaven geführten dreitönigen Motiv wuchtige Energie und unterstreicht damit, dass es hier um alles geht. Bei allem Klangzauber, den er über den Satz legt, bleibt die strukturierende Funktion dieses Motivs präsent. Das Verschwinden der Musik im Nichts bildet ein faszinierendes Ende dieses eigenwilligen Zyklus. Wobei Zimerman auf den intensiven Applaus hin selbst einräumte, dass man den Abend nicht mit solcher Trauer beenden solle - und entließ das Publikum mit zwei Zugaben von Debussy, einer Arabesque und schließlich dem populären Clair de Lune in den impressionistischen Mondschein.




Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)
Klavier-Festival Ruhr 2026

Duisburg, Mercatorhalle
9. Juni 2026


Ausführende

Krystian Zimerman, Klavier


Programm

Roman Statkowski:
Prélude C-Dur, op. 37 Nr. 1

Johann Sebastian Bach:
Präludium C-Dur BWV 846
aus dem Wohltemperierten Klavier, Buch 1

Alexander Scriabin:
Prélude a-Moll op. 11 Nr. 21

Claude Debussy:
General Lavine - excentric
aus Préludes, Deuxieme Livre

Clara Schumann:
Präludium d-Moll op. 16 Nr. 3

Sergei Rachmaninow:
Prélude D-Du op. 23 Nr. 4

César Franck:
Prélude aus
Prélude, fugue et variation op. 18
Frédéric Chopin:
Nocturne Des-Dur op. 27 Nr 2

Frédéric Chopin:
Prélude b-Moll op. 28 Nr. 26

Karol Szymanowski:
Variation 7 aus Variationen über ein
polnisches Volksthema
h-Moll op. 10

Frédéric Chopin:
Prélude H-Dur op. 28 Nr. 11

Sergei Rachmaninow:
Prélude gis-Moll op. 32 Nr. 12

Robert Schumann:
Romanze Fis-Dur op. 28 Nr. 2

George Gershwin:
Prelude Nr. 3 es-Moll

Claude Debussy:
Minstrels aus Préludes Buch 1, Nr. 12

Maurice Ravel:
Forlane e-Moll aus Le tombeau de Couperin

Leopold Godowski:
Studie Nr. 20 aus den
Studien über Chopins Etüden

Graźyna Bacewicz:
Largo aus der Sonate Nr. 2

Johann Sebastian Bach:
Präludium aus der
Partita Nr. 1 B-Dur BWV 825

Gabriel Fauré:
Prélude g-Moll op. 103 Nr. 3

Claude Debussy:
Golliwogg's Cake-walk aus
Children's Corner

Karol Szymanowski:
Prélude c-Moll op. 1 Nr. 7

Frédéric Chopin:
Prélude A-Dur op. 28 Nr. 7

Alexander Scriabin:
Prélude fis-Moll op. 11 Nr. 8

Nikolai Kapustin:
Prelude E-Dur op. 53 Nr. 9

Sergei Rachmaninow:
Prélude cis-Moll op. 3 Nr. 2



Zugaben:

Claude Debussy:
Arabesque Nr. 1 E-Dur aus
Deux Arabesques L 66

Clair de Lune aus der
Suite Bergamasque L 75


Klavierfestival Ruhr 2026 -
unsere Rezensionen im Überblick



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Klavier-Festival Ruhr
(Homepage)








Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum
© 2026 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: konzerte@omm.de

- Fine -