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Tanzalgorithmen mit verstärkter Bodenhaftungvon Stefan Schmöe
Die Kunst der Fuge gehört zu den großen Mysterien der abendländischen Kulturgeschichte. Dieses letzte, unvollendete Werk Johann Sebastian Bachs mit vierzehn Fugen und zwei Kanons war kaum aufführungspraktisch gedacht, sondern ein komplexes Gedankenspiel der Möglichkeiten, die sich aus der Form der Fuge ergeben. Musik, die, wenn man so will, aus mathematischen Vorgaben entwickelt ist. Der 1982 in Griechenland geborene, tänzerisch in Amsterdam ausgebildete Choreograph Christos Papadopoulos hat den Contrapunctus 1, also die erste der Fugen, in eine Bewegungssprache übersetzt - Note für Note, so der Eindruck. Jeder Ton entspricht einer Kopfbewegung, einer Drehung der Füße, einer Ausrichtung der Arme. Man sieht eine streng kodierte Übertragung von Bachs Musik auf die Tanzbühne.
Papadopoulos geht in seinem analytischen Denken noch weiter und entwickelt die Choreographie Schicht für Schicht - beginnend beim Rhythmus. Zunächst hört man nur eine Stimme der Komposition (die Musik kommt vom Band), die auf konstanter Tonhöhe gespielt wird, sodass allein die rhythmische Struktur übrigbleibt. So wird jede der vier Stimmen nacheinander eingeführt. Ursprünglich war OPUS 2017 für vier Solisten konzipiert, inzwischen hat der Choreograph die Arbeit auf zwölf Tänzerinnen und Tänzer in vier Gruppen erweitert. Das öffnet größere Möglichkeiten für die Anordnung des Ensembles im Raum. Aus der anfänglich extrem spröde anmutenden Form des Tanzens, eher eine strenge Organisation eines Gestenrepertoires, bilden sich spannungsreiche Konstellationen heraus. Miteinander und Gegeneinander, Dissonanz und Harmonie ergeben sich nicht nur aus der Verschiebung der Individuen und der Gruppen, sondern auch aus Blickrichtungen und Körperachsen. Dabei geht es nicht darum, den Verlauf der Fuge nachzuzeichnen und nicht um eine "Visualisierung" der Musik, sondern mehr um ein Ineinandergreifen der Elemente.
Mit der sich immer weiter verdichtenden Form, die schließlich nach etwas weniger als einer Stunde auch akustisch die vollständige Fuge präsentiert, kommt das Werk dem Publikum entgegen: Die Anstrengungen des Zusehens und Zuhörens werden am Ende der rund 55 Minuten Spieldauer mit dem vollständigen Werk "belohnt", und je klarer sich auf dem Weg dahin das Konstruktionsprinzip offenbart, desto größer wird auch die Faszination, die davon ausgeht. Auch der Betrachtende ist somit einem Entwicklungsprozess ausgesetzt. OPUS war zuletzt bei Opera Ballet Vlaanderen, dem Theater der Städte Antwerpen und Gent, zu sehen, und wird auch in Essen im Tanzzentrum PACT von dieser Compagnie mit großer Disziplin getanzt.
Es stehen allerdings nur elf - und nicht zwölf - Personen auf der Bühne, wodurch die eigentlich doch sehr streng gedachte Symmetrie verloren geht - einer Dreiergruppe fehlt ein (männlich gelesener) Tänzer. Warum? Eine Ansage dazu gab es nicht, wie es auch kein Programm gab, nicht einmal einen Besetzungszettel - und auch die Homepage der Ruhrtriennale listet die Namen der Tanzenden nicht auf. Dabei wäre das schon aus Respekt gegenüber den Ausführenden eine Selbstverständlichkeit. Ein paar erläuternde Worte in einem Programmblättchen wären für das Publikum ausgesprochen hilfreich; die englischsprachige Einführung durch den Choreographen, ohnehin nur von einem kleinen Teil des Publikums besucht, ersetzt das nur sehr begrenzt. Und auch zum zweiten Werk des Abends Landless wären ein paar Anmerkungen vorab angebracht.
Tänzer Georgios Kotsifakis hat es in dem 50-minütigen Ein-Personen-Stück schon deshalb schwer, weil er, im Gegensatz zu OPUS, allein den Raum füllen muss und nicht auf den wirkungsvollen Effekt wechselnder Formationen setzen kann. In Schwarz gekleidet und ohne Schuhe (aber mit schwarzen Socken), sitzt er zu Beginn mit dem Rücken zum Publikum auf der abgedunkelten Bühne. Es sieht so aus, als habe er keine Beine oder zumindest keine Unterschenkel. Nach und nach befreit er sich aus dieser Position, als entschlüpfe er der Erde oder einem Kokon. Auch hier gibt es ein Vokabular an Gesten, das (wie in OPUS) nichts mit dem klassischen Ballett zu tun hat. Man sieht einen sich quälend langsam entwickelnden Befreiungsprozess. Kotsifakis gelingt es dabei virtuos, die winzigen Aktionen ähnlich wie in OPUS als isolierte "Bausteine" der Choreographie durchzuführen und dennoch organische Abläufe zu entwickeln. Die Bruchstellen zwischen den gestischen Vokabeln sind erkennbar, aber abgerundet. Auffällig ist (und auch das konnte man im ersten Teil des Abends schon so erleben, dort womöglich noch konsequenter), dass die Füße (fast) nie die Bodenhaftung verlieren. Fußbewegungen erfolgen durch Verschiebungen oder durch Drehungen auf den Fersen oder den Fußballen. Wenn Kotsifakis einmal einen winzigen, nur wenige Zentimeter hohen "Sprung" vollführt, dann verursacht bereits das eine Irritation.
Die Musik hat der griechische Komponist und Sounddesigner Jeph Vanger (*1982) geschaffen, und es gibt Parallelen zum Umgang mit Bachs Fuge. Die elektronische Komposition beginnt mit einem liegenden Sinus-Ton ohne Veränderung. Ähnlich wie bei Bach zuvor öffnet sich durch Unterbrechung dieses monotonen Klangs als erstes die rhythmische Dimension, wobei jeder Impuls auch eine Bewegung des Tänzers auslöst. Die Musik (die Charakterisierung "nervtötend" ist nicht ganz unangebracht) verdichtet sich nach und nach, bringt kleine Reibungen hervor, hat aber starke perkussive Elemente, die wie Maschinengewehrschüsse durch den Raum hallen. Kotsifakis bewegt sich dazu, als sei er angeschossen. Hier bekommt die Choreographie ein zunehmend erzählerisches Moment.
Nach dieser Szene gibt es einen eigenartigen Bruch. Man hört Klänge wie aus einem Urwald, elektronisch angedeutete Tierlaute und das Tropfen oder Plätschern von Wasser. Kotsifakis bewegt sich jetzt mit einer fokussiert strahlenden Lampe durch den inzwischen mit Bühnennebel gefüllten dunklen Raum. Eröffnet sich hier eine neue Sphäre? Ein Leben nach dem Tod, ein Paradies, der Endzustand nach einer Metamorphose? Landless endet mit einem Rätsel, tänzerisch im letzten Teil belanglos, weil man den Körper des Tanzenden gar nicht mehr sieht (und auch die Bewegungen des Lichtkegels geben tänzerisch nicht besonders viel her). Die Publikumsreaktionen nach dem zu langen Stück schwankten zwischen Begeisterung und Erschöpfung.
Ein inspirierender, aber auch ermüdender Tanzabend, der das Publikum fordert - wobei der zielgerichtete Konstruktionsprozess von OPUS einen stärkeren Eindruck hinterlässt als die sich im Bühnennebel verlierende Ich-Suche in Landless.
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ProduktionsteamOPUS
Konzept und Choreografie
Musikalisches Konzept und Arrangement
Kostümdesign
Licht Design
Choreographische Unterstützung Opera Ballet Vlaanderen Landless
Konzept und Choreografie
Musik
Tanz
Licht Design |
- Fine -