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Rossini in Wildbad
Belcanto Opera Festival
23.07.2026 - 02.08.2026


L
a gazza ladra (Die diebische Elster)

Opera semiseria in zwei Akten (Fassung 1819/1820 aus Neapel)
Libretto von Giovanni Gherardini
Musik von Gioachino Rossini

In italienischer Sprache mit italienischen und deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 30' (eine Pause)

Produktion von Passionart und der Filharmonia K. Symanowskiego Krakowie

Premiere im Kurhaus am 25. Juli 2026

 

 

 

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Die Elster in uns

Von Thomas Molke / Fotos: © Patrick Pfeiffer

Rossinis La gazza ladra nimmt eine besondere Stellung im Opernschaffen des Schwans von Pesaro ein. Zum einen ist dieses Werk wesentlich länger als die meisten seiner anderen Kompositionen und enthält so viel Musik, dass Rossini damit nach eigener Aussage mehrere Opern hätte füllen können. Zum anderen enthält die Oper kaum Anleihen aus vorherigen Stücken, was laut Ansicht des Rossini-Experten Alberto Zedda auf eine einschneidende Veränderung in Rossinis Schaffen hinweist. Laut Zedda perfektioniert Rossini in der gazza ladra die Vermischung komischer und ernster Elemente und verabschiedet sich endgültig von der reinen Opera buffa, die den Anfang seiner Karriere markiert hat. Heutzutage erfreut sich vor allem die Ouvertüre großer Popularität, da sie nicht nur häufig in Wunschkonzerten erklingt oder den einen oder anderen Werbeblock zumindest in Auszügen untermalt. Auch Stanley Kubrick verwendete den faszinierenden Mix aus martialischem Marsch und spielerischer Leichtigkeit in der Eröffnungsszene zu seinem Kultfilm A Clockwork Orange für den Zusammenstoß zweier rivalisierender Gangs. Rossinis Anekdote über die Entstehung dieses Vorspiels dürfte allerdings im Bereich der Legenden anzusiedeln sein. Demnach habe er sie erst am Tag der Uraufführung komponiert, während er im Dachgeschoss der Mailänder Scala eingesperrt und von vier Maschinisten bewacht worden sei, die den Auftrag gehabt hätten, jedes Notenblatt sofort nach der Fertigstellung zum Kopieren aus dem Fenster zu werfen. Angeblich sei sogar angeordnet worden, Rossini selbst aus dem Fenster zu werfen, falls er keine Noten zu Papier bringen werde. In Bad Wildbad stand das Werk zum letzten Mal 2009 als letzte szenische Produktion im Kurhaus auf dem Programm, bevor man ein Jahr später in die Trinkhalle wechselte. Nun kehrt man in diesem Jahr in das frisch renovierte Kurhaus als Hauptspielstätte zurück und eröffnet sie mit einer Neuproduktion dieser Oper. Allerdings spielt man die Fassung aus Neapel, die am 15. Juli 1819 am Teatro del Fondo bzw. am 10. August 1820 am Teatro San Carlo zur Aufführung gelangte.

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Giannetto (Patrick Kabongo) möchte das Dienstmädchen Ninetta (Claudia Muschio) heiraten.

Die Handlung geht zurück auf eine wahre Begebenheit, die sich Ende des 18. Jahrhunderts zugetragen haben soll und von Louis-Charles Caigniez und Théodore Baudouin d'Aubigny zu dem Theaterstück La pie voleuse verarbeitet wurde. Dieses französische Stück erfreute sich in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit auf den europäischen Bühnen und veranlasste den italienischen Librettisten Giovanni Gherardini, für einen Opernwettbewerb in Mailand ein Libretto mit dem Titel Avviso ai giudici zu verfassen, welches zunächst Ferdinando Paër zur Vertonung angeboten wurde, der allerdings kein Interesse zeigte. Rossini hingegen war sofort von der Geschichte begeistert und vertonte sie unter dem neuen Titel La gazza ladra. Darin wird das Dienstmädchen Ninetta beschuldigt, den Vingraditos einen silbernen Löffel gestohlen zu haben. Da sie ein ähnliches Besteck für ihren auf der Flucht befindlichen Vater Fernando bei dem Händler Isacco zu Geld gemacht hat, scheint ihre Schuld bewiesen. Um ihren Vater zu schützen, verschweigt sie die Wahrheit und soll zum Tode verurteilt werden. Während die eigentliche Übeltäterin, eine diebische Elster, im wahren Leben erst nach der Vollstreckung des Urteils entdeckt wurde, findet in der Oper der junge Pippo das Versteck der Elster in letzter Sekunde und kann die Hinrichtung verhindern. Da Ninettas Vater auch noch vom König begnadigt wird, steht einem Happy End und der Hochzeit mit Giannetto, dem Sohn der Vingraditos, nichts mehr im Wege.

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Lucia (Gaja Vittoria Pellizzari) ist im Gegensatz zu ihrem Gatten Fabrizio (Matteo Torcaso) mit den Hochzeitsplänen ihres Sohns nicht einverstanden.

Die große Frage bei jeder Inszenierung des Stückes lautet, wie man mit der Elster umgehen soll, da man kaum einen echten Vogel in der Aufführung dazu bringen kann, auf Anweisung das Besteck zu stehlen. Während bei der letzten Produktion in Bad Wildbad die Elster von einer jungen Frau dargestellt wurde, die sich vom Krieg traumatisiert in eine kleine Höhle zurückgezogen hatte und dort gestohlene Schätze hütete, und in Bielefeld in der vergangenen Spielzeit die Elster ein ferngesteuerte Bodenstaubsauger war, der einzelne Gegenstände, die auf dem Boden liegen, verschwinden ließ, hat sich das Regie-Team um Jochen Schönleber entschieden, die dramaturgischen Funktionen der Elster auseinanderzunehmen. So ist sie eine Art Haustier bei den Vingraditos, das in einem Käfig sitzt und für den Diebstahl instrumentalisiert wird. Diesen begeht nämlich Lucia, die Herrin des Hauses höchstpersönlich. In ihrem schwarz-weißen Kostüm erinnert sie mit ihrer ausladenden Perücke ein wenig an Cruella De Vil aus dem Disney-Film 101 Dalmatiner, wobei sie statt eines Pelzes mit schwarzen Federn ausgestattet ist, die sie ein wenig selbst wie eine Elster erscheinen lassen. Aus der Abneigung, die Lucia zu Beginn der Oper gegen ihre zukünftige Schwiegertochter hegt, lässt sich dieser Ansatz zunächst herleiten. Lucia versucht verzweifelt einen Weg, die Hochzeit zu verhindern, weiß aber, dass sie dafür weder auf Verständnis bei ihrem Gatten noch bei ihrem Sohn stoßen wird. Im weiteren Verlauf der Oper plagt sie aber das schlechte Gewissen und sie versucht, den gestohlenen Löffel loszuwerden. Da kommt ihr der Käfig mit der Elster gerade recht, weil sie damit die Möglichkeit erhält, den Diebstahl dem Vogel unterzuschieben. Nicht nachvollziehbar bei diesem Ansatz ist allerdings, dass sie bei ihrem Treiben von Pippo beobachtet wird. Wieso sollte Pippo, der Ninetta sehr zugetan ist, also nicht von Anfang an das Missverständnis aufklären und Lucia als Übeltäterin entlarven? Hat er als einfacher Bauernjunge Angst vor den Konsequenzen?

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Ninetta (Claudia Muschio, rechts) scheint des Diebstahls überführt zu sein. (von links: Pippo (Francesca Di Sauro), Giorgio (Giovanni Accardi), Giannetto (Patrick Kabongo) und der Podestà (Nathanaël Tavernier))

Diese könnten nämlich vielleicht daraus resultieren, wie Schönleber die restliche Gesellschaft zeichnet. Beim Gerichtsprozess treten ein Teil der Chordamen in schwarzen Anzügen mit weißen Federn auf. Auch der Präfekt des Hauses, der das Urteil sprechen soll, ist um den Hals mit schwarzen Federn geschmückt und weist ebenfalls eine Nähe zum diebischen Vogel aus. Ist also alles ein abgekartetes Spiel einer in den Grundfesten schlechten Gesellschaft, gegen die ein einfacher Bauernjunge nichts ausrichten kann? Steckt die diebische Elster womöglich fast in jedem von uns? So wartet Pippo, bis Lucia das Besteck in den Käfig gelegt hat, um es dort zu holen und die nahende Katastrophe im letzten Moment zu verhindern. Auf diese Weise wird niemand zur Rechenschaft gezogen, da man einem Tier ja nicht böse sein kann. Mit dem gesungenen Text geht diese Lesart nicht hundertprozentig auf, da die Elster, die Pippo kurz vor Schluss die Münze aus der Hand stiehlt, nur in einer Videoprojektion über die Rückwand fliegt und Pippo ihr gar nicht nachjagen muss, da sie ja keine Münze gestohlen hat. Stattdessen begibt er sich zielstrebig zum Käfig der Elster, um das gestohlene Besteck herauszuholen.

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Kann es ein glückliches Ende für Ninetta (Claudia Muschio) und ihren Vater Fernando (Emmanuel Franco) geben?

Wie das Stück mit den zahlreichen Szenenwechseln auf die kleine Bühne im Kurhaus gebracht wird, ist eindrucksvoll. In der Mitte ist eine kleine Drehbühne installiert, die sehr zielführend genutzt wird. Zu Beginn der Ouvertüre stehen zwei Tische darauf. Ninetta steigt auf die Tische und bricht während der Ouvertüre dort zusammen. Ihr Vater Fernando, der auf der Flucht aus dem Krieg auftritt, lehnt sich verwundet an den Tisch. Dieses Bild wird am Ende der Oper wieder aufgegriffen. Soll damit angedeutet werden, dass Schönleber dem glücklichen Ende misstraut? Die beweglichen Rückwände werden ebenfalls flexibel eingesetzt. Auf der einen Seite erscheinen sie wie marmorierte Steinwände, die als Projektionsflächen dienen oder einen düsteren Kerker bilden, in dem Ninetta vor der drohenden Hinrichtung ihr Dasein fristet und von dem aufdringlichen Podestà sexuell bedrängt wird. Auf der anderen Seite handelt es sich um Stellwände, die einen Wohnraum andeuten und eine große Ausbuchtung für den Elsternkäfig aufweisen. Durch Verschieben der Wände und Einsatz der Drehbühne können so auf kleinstem Raum schnell unterschiedliche Bilder entstehen.

Musikalisch bewegt sich die Aufführung auf großartigem Niveau. José Miguel Pérez-Sierra lotet mit dem Orchester der Szymanowski-Philharmonie Krakau die Vielschichtigkeit der Partitur wunderbar aus, findet für die berühmte Ouvertüre einen kraftvollen Zugang und verleiht der Geschichte musikalisch dramatische Tiefe. Die Trommeln, die den militärischen Anfang markieren, sind an unterschiedlichen Stellen im Orchestergraben und auf der Bühne verteilt, was dem Ganzen einen außergewöhnlichen Klang verleiht. Claudia Muschio ist eine hervorragende Ninetta mit einem fantastischen Wechsel zwischen dramatischen Höhen und leisen Passagen. Dabei strahlt ihr Sopran über das Orchester und zeichnet den Leidensweg der jungen Frau bewegend nach. Die Partie des Pippo war in der Fassung für Neapel für die Mezzosopranistin Rosmunda Pisaroni eingerichtet, die auf eine Auftrittskavatine bestand. Da Pippo in der Oper vor seinem Trinklied bereits einen anderen Auftritt ohne große musikalische Nummer hat, wurde kurzerhand ein zweiter Bauernjunge namens Cecchino eingeführt, der aber dann ab dem Trinklied im Stück verschwindet. In Bad Wildbad werden die beiden Partien wieder zusammengeführt und von Francesca Di Sauro interpretiert, die mit sattem Mezzosopran in der Hosenrolle begeistert. Neu in dieser Fassung ist die Kavatine, die die ursprüngliche Nummer aus der Mailänder Uraufführung ersetzt. Das Duett zwischen Ninetta und Pippo im zweiten Akt, wenn Pippo alles tun will, um Ninetta zu retten, gestalten Muschio und Di Sauro absolut bewegend.

Patrick Kabongo stattet die Partie von Ninettas Bräutigam Giannetto mit höhensicherem Tenor aus, bei dem jeder Ton sauber sitzt. Auch wenn er als Charakter eher schwach und hilflos wirkt, bietet er stimmlich das absolute Gegenteil. Emmanuel Franco, der in Bad Wildbad bisher vor allem für komische Buffo-Partien gefeiert wurde, zeigt als Ninettas Vater Fernando, dass er auch das ernste Fach beherrscht, und punktet mit kraftvollem Bariton. Für seine Tochter ist er bereit, sein Leben zu lassen. Bewegend versucht er im Terzett mit Muschio und Nathanaël Tavernier als unliebsamem Podestà, sie gegen die Annäherungsversuche des Bürgermeisters zu schützen. Tavernier gibt einen eiskalten Bösewicht und legt die Partie mit hartem Bass an. Dieser Mann ist nicht bereit, irgendeine Zurückweisung zu akzeptieren, und holt zu gnadenloser Rache aus. Umso enttäuschter ist er am Ende, dass sein Plan nicht aufgegangen ist. Gaja Vittoria Pellizzari begeistert als Lucia mit dunkel gefärbtem, voluminösem Mezzosopran und zeichnet die designierte Schwiegermutter mit intensivem Spiel als weiteren Bösewicht des Abends. Ihre Arie vor dem zweiten Finale ist in der Fassung für Neapel gestrichen, so dass ihr schlechtes Gewissen nicht ganz so groß ist wie ihr spätes Mitgefühl für Ninetta in der Mailänder Urfassung. Matteo Torcaso zeichnet ihren Gatten Fabrizio als schwachen Charakter, der seine Sorgen im Alkohol zu ertränken versucht. Auch die kleineren Partien sind mit Davide Zaccherini als windiger Krämer Isacco und Präfekt des Dorfes, Timóteo Bene Júnior als einfühlsamer Kerkermeister Antonio und Giovanni Accardi als Diener des Podestà hochkarätig besetzt. Der gemischte Chor der Szymanowski-Philharmonie Krakau unter der Leitung von Agnieszka Ignaszewska-Magiera überzeugt in den zahlreichen Rollen durch intensives Spiel und homogenen Klang. So gibt es zu Recht für alle Beteiligten großen Jubel.

FAZIT

Die szenische Einweihung der "neuen, alten" Spielstätte darf als voller Erfolg gewertet werden. Das Ensemble begeistert musikalisch auf ganzer Linie.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
José Miguel Pérez-Sierra

Regie und Bühne
Jochen Schönleber

Bühne
Lars Werneke

Regieassistenz
Eleonora Calabrò
Romeo Gasparini

Kostüme
Katarzyna Coufal

Choreinstudierung
Agnieszka Ignaszewska-Magiera

Licht
Marcel Hahn

 

Chor und Orchester der
Szymanowski-Philharmonie Krakau
(Leitung: Michał Klauza)

Musikalische Assistenz und Fortepiano
Andrés Jesús Gallucci


Solistinnen und Solisten

Fabrizio Vingradito, reicher Pächter
Matteo Torcaso

Lucia, Fabrizios Frau
Gaja Vittoria Pellizzari

Giannetto, beider Sohn, Soldat
Patrick Kabongo

Ninetta, Dienerin in Fabrizios Haus
Claudia Muschio

Fernando Villabella, ihr Vater, Soldat
Emmanuel Franco

Gottardo, Podestà, Bürgermeister
Nathanaël Tavernier

Cecchino / Pippo, junger Bauer
Francesca Di Sauro

Isacco, Krämer
Davide Zaccherini

Antonio, Kerkermeister
Timóteo Bene Júnior

Giorgio, Diener des Podestà
Giovanni Accardi

Il pretore, Präfekt des Hauses
Davide Zaccherini

Bewaffnete Leute, Bauern und Bäuerinnen,
Bedienstete von Fabrizio
Gemischter Chor

 


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