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Die Elster in unsVon Thomas Molke / Fotos: © Patrick Pfeiffer Rossinis La gazza ladra nimmt eine besondere Stellung im Opernschaffen des Schwans von Pesaro ein. Zum einen ist dieses Werk wesentlich länger als die meisten seiner anderen Kompositionen und enthält so viel Musik, dass Rossini damit nach eigener Aussage mehrere Opern hätte füllen können. Zum anderen enthält die Oper kaum Anleihen aus vorherigen Stücken, was laut Ansicht des Rossini-Experten Alberto Zedda auf eine einschneidende Veränderung in Rossinis Schaffen hinweist. Laut Zedda perfektioniert Rossini in der gazza ladra die Vermischung komischer und ernster Elemente und verabschiedet sich endgültig von der reinen Opera buffa, die den Anfang seiner Karriere markiert hat. Heutzutage erfreut sich vor allem die Ouvertüre großer Popularität, da sie nicht nur häufig in Wunschkonzerten erklingt oder den einen oder anderen Werbeblock zumindest in Auszügen untermalt. Auch Stanley Kubrick verwendete den faszinierenden Mix aus martialischem Marsch und spielerischer Leichtigkeit in der Eröffnungsszene zu seinem Kultfilm A Clockwork Orange für den Zusammenstoß zweier rivalisierender Gangs. Rossinis Anekdote über die Entstehung dieses Vorspiels dürfte allerdings im Bereich der Legenden anzusiedeln sein. Demnach habe er sie erst am Tag der Uraufführung komponiert, während er im Dachgeschoss der Mailänder Scala eingesperrt und von vier Maschinisten bewacht worden sei, die den Auftrag gehabt hätten, jedes Notenblatt sofort nach der Fertigstellung zum Kopieren aus dem Fenster zu werfen. Angeblich sei sogar angeordnet worden, Rossini selbst aus dem Fenster zu werfen, falls er keine Noten zu Papier bringen werde. In Bad Wildbad stand das Werk zum letzten Mal 2009 als letzte szenische Produktion im Kurhaus auf dem Programm, bevor man ein Jahr später in die Trinkhalle wechselte. Nun kehrt man in diesem Jahr in das frisch renovierte Kurhaus als Hauptspielstätte zurück und eröffnet sie mit einer Neuproduktion dieser Oper. Allerdings spielt man die Fassung aus Neapel, die am 15. Juli 1819 am Teatro del Fondo bzw. am 10. August 1820 am Teatro San Carlo zur Aufführung gelangte. Giannetto (Patrick Kabongo) möchte das Dienstmädchen Ninetta (Claudia Muschio) heiraten. Die Handlung geht zurück auf eine wahre Begebenheit, die sich Ende des 18. Jahrhunderts zugetragen haben soll und von Louis-Charles Caigniez und Théodore Baudouin d'Aubigny zu dem Theaterstück La pie voleuse verarbeitet wurde. Dieses französische Stück erfreute sich in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit auf den europäischen Bühnen und veranlasste den italienischen Librettisten Giovanni Gherardini, für einen Opernwettbewerb in Mailand ein Libretto mit dem Titel Avviso ai giudici zu verfassen, welches zunächst Ferdinando Paër zur Vertonung angeboten wurde, der allerdings kein Interesse zeigte. Rossini hingegen war sofort von der Geschichte begeistert und vertonte sie unter dem neuen Titel La gazza ladra. Darin wird das Dienstmädchen Ninetta beschuldigt, den Vingraditos einen silbernen Löffel gestohlen zu haben. Da sie ein ähnliches Besteck für ihren auf der Flucht befindlichen Vater Fernando bei dem Händler Isacco zu Geld gemacht hat, scheint ihre Schuld bewiesen. Um ihren Vater zu schützen, verschweigt sie die Wahrheit und soll zum Tode verurteilt werden. Während die eigentliche Übeltäterin, eine diebische Elster, im wahren Leben erst nach der Vollstreckung des Urteils entdeckt wurde, findet in der Oper der junge Pippo das Versteck der Elster in letzter Sekunde und kann die Hinrichtung verhindern. Da Ninettas Vater auch noch vom König begnadigt wird, steht einem Happy End und der Hochzeit mit Giannetto, dem Sohn der Vingraditos, nichts mehr im Wege.
Lucia (Gaja Vittoria Pellizzari) ist im Gegensatz
zu ihrem Gatten Fabrizio (Matteo Torcaso) mit den Hochzeitsplänen ihres Sohns
nicht einverstanden.
Ninetta (Claudia Muschio, rechts) scheint des
Diebstahls überführt zu sein. (von links: Pippo (Francesca Di Sauro), Giorgio
(Giovanni Accardi), Giannetto (Patrick Kabongo) und der Podestà (Nathanaël Tavernier))
Diese könnten nämlich vielleicht daraus resultieren, wie Schönleber die
restliche Gesellschaft zeichnet. Beim Gerichtsprozess treten ein Teil der
Chordamen in schwarzen Anzügen mit weißen Federn auf. Auch der Präfekt des
Hauses, der das Urteil sprechen soll, ist um den Hals mit schwarzen Federn
geschmückt und weist ebenfalls eine Nähe zum diebischen Vogel aus. Ist also
alles ein abgekartetes Spiel einer in den Grundfesten schlechten Gesellschaft,
gegen die ein einfacher Bauernjunge nichts ausrichten kann? Steckt die diebische
Elster womöglich fast in jedem von uns? So wartet Pippo, bis Lucia das Besteck
in den Käfig gelegt hat, um es dort zu holen und die nahende Katastrophe im
letzten Moment zu verhindern. Auf diese Weise wird niemand zur Rechenschaft gezogen, da man
einem Tier ja nicht böse sein kann. Mit dem gesungenen Text geht diese Lesart
nicht hundertprozentig auf, da die Elster, die Pippo kurz vor Schluss
die Münze aus der Hand stiehlt, nur in einer Videoprojektion über die Rückwand
fliegt und Pippo ihr gar nicht nachjagen muss, da sie ja keine Münze gestohlen
hat. Stattdessen begibt er sich zielstrebig zum Käfig der Elster, um das
gestohlene Besteck herauszuholen.
Kann es ein glückliches Ende für Ninetta (Claudia
Muschio) und ihren Vater Fernando (Emmanuel Franco) geben?
Wie das Stück mit den zahlreichen Szenenwechseln auf die kleine Bühne im Kurhaus
gebracht wird, ist eindrucksvoll. In der Mitte ist eine kleine Drehbühne
installiert, die sehr zielführend genutzt wird. Zu Beginn der Ouvertüre stehen
zwei Tische darauf. Ninetta steigt auf die Tische und bricht während der
Ouvertüre dort zusammen. Ihr Vater Fernando, der auf der Flucht aus dem Krieg
auftritt, lehnt sich verwundet an den Tisch. Dieses Bild wird am Ende der Oper
wieder aufgegriffen. Soll damit angedeutet werden, dass Schönleber dem
glücklichen Ende misstraut? Die beweglichen Rückwände werden ebenfalls flexibel
eingesetzt. Auf der einen Seite erscheinen sie wie marmorierte Steinwände, die
als Projektionsflächen dienen oder einen düsteren Kerker bilden, in dem Ninetta
vor der drohenden Hinrichtung ihr Dasein fristet und von dem aufdringlichen
Podestà sexuell bedrängt wird. Auf der anderen Seite handelt es sich um
Stellwände, die einen Wohnraum andeuten und eine große
Ausbuchtung für den Elsternkäfig aufweisen. Durch Verschieben der Wände und
Einsatz der Drehbühne können so auf kleinstem Raum schnell unterschiedliche
Bilder entstehen.
Musikalisch bewegt sich die Aufführung auf großartigem Niveau. José Miguel
Pérez-Sierra lotet mit dem Orchester der Szymanowski-Philharmonie Krakau die
Vielschichtigkeit der Partitur wunderbar aus, findet für die berühmte Ouvertüre
einen kraftvollen Zugang und verleiht der Geschichte musikalisch dramatische
Tiefe. Die Trommeln, die den militärischen Anfang markieren, sind an
unterschiedlichen Stellen im Orchestergraben und auf der Bühne verteilt, was dem
Ganzen einen außergewöhnlichen Klang verleiht. Claudia Muschio ist eine
hervorragende Ninetta mit einem fantastischen Wechsel zwischen dramatischen Höhen und
leisen Passagen. Dabei strahlt ihr Sopran über das Orchester und zeichnet den
Leidensweg der jungen Frau bewegend nach. Die Partie des Pippo war in der
Fassung für Neapel für die Mezzosopranistin Rosmunda Pisaroni eingerichtet, die
auf eine Auftrittskavatine bestand. Da Pippo in der Oper vor seinem Trinklied
bereits einen anderen Auftritt ohne große musikalische Nummer hat, wurde
kurzerhand ein zweiter Bauernjunge namens Cecchino eingeführt, der aber dann ab
dem Trinklied im Stück verschwindet. In Bad Wildbad werden die beiden Partien
wieder zusammengeführt und von Francesca Di Sauro interpretiert, die mit sattem
Mezzosopran in der Hosenrolle begeistert. Neu in dieser Fassung ist die Kavatine,
die die ursprüngliche Nummer aus der Mailänder Uraufführung ersetzt. Das Duett
zwischen Ninetta und Pippo im zweiten Akt, wenn Pippo alles tun will, um Ninetta zu retten,
gestalten Muschio und Di Sauro absolut bewegend.
Patrick Kabongo stattet die Partie von Ninettas Bräutigam Giannetto mit
höhensicherem Tenor aus, bei dem jeder Ton sauber sitzt. Auch wenn er als
Charakter eher schwach und hilflos wirkt, bietet er stimmlich das absolute
Gegenteil. Emmanuel Franco, der in Bad Wildbad bisher vor allem für komische
Buffo-Partien gefeiert wurde, zeigt als Ninettas Vater Fernando, dass er auch
das ernste Fach beherrscht, und punktet mit kraftvollem Bariton. Für seine
Tochter ist er bereit, sein Leben zu lassen. Bewegend versucht er im Terzett
mit Muschio und Nathanaël Tavernier als unliebsamem Podestà, sie gegen die
Annäherungsversuche des Bürgermeisters zu schützen. Tavernier gibt einen
eiskalten Bösewicht und legt die Partie mit hartem Bass an. Dieser Mann ist
nicht bereit, irgendeine Zurückweisung zu akzeptieren, und holt zu gnadenloser
Rache aus. Umso enttäuschter ist er am Ende, dass sein Plan nicht aufgegangen
ist. Gaja Vittoria Pellizzari begeistert als Lucia mit dunkel gefärbtem,
voluminösem Mezzosopran und zeichnet die designierte Schwiegermutter mit
intensivem Spiel als weiteren Bösewicht des Abends. Ihre Arie vor dem zweiten
Finale ist in der Fassung für Neapel gestrichen, so dass ihr schlechtes Gewissen
nicht ganz so groß ist wie ihr spätes Mitgefühl für Ninetta in der Mailänder
Urfassung. Matteo Torcaso zeichnet ihren Gatten Fabrizio als schwachen
Charakter, der seine Sorgen im Alkohol zu ertränken versucht. Auch die kleineren
Partien sind mit Davide Zaccherini als windiger Krämer Isacco und Präfekt des
Dorfes, Timóteo Bene Júnior als einfühlsamer Kerkermeister Antonio und Giovanni Accardi als Diener des Podestà hochkarätig besetzt. Der gemischte Chor der
Szymanowski-Philharmonie Krakau unter der Leitung von Agnieszka
Ignaszewska-Magiera überzeugt in den zahlreichen Rollen durch intensives Spiel
und homogenen Klang. So gibt es zu Recht für alle Beteiligten großen Jubel.
FAZIT
Die szenische Einweihung der "neuen, alten" Spielstätte darf als voller Erfolg
gewertet werden. Das Ensemble begeistert musikalisch auf ganzer Linie.
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Wildbad 2026 |
ProduktionsteamMusikalische LeitungJosé Miguel Pérez-Sierra
Regie und Bühne
Bühne
Regieassistenz Kostüme Choreinstudierung Licht
Chor und Orchester der
Musikalische Assistenz und Fortepiano
Solistinnen und SolistenFabrizio Vingradito, reicher Pächter
Lucia, Fabrizios Frau
Giannetto, beider Sohn, Soldat
Ninetta, Dienerin in Fabrizios Haus
Fernando Villabella, ihr Vater, Soldat
Gottardo, Podestà, Bürgermeister
Cecchino / Pippo, junger Bauer
Isacco, Krämer
Antonio, Kerkermeister
Giorgio, Diener des Podestà
Il pretore, Präfekt des Hauses
Bewaffnete Leute, Bauern und Bäuerinnen,
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