Der Tod der Pianisten
Von Thomas Molke
/ Fotos: © Patrick Pfeiffer
Salonopern haben beim Belcanto Festival Rossini in Wildbad
eine langjährige Tradition. Zum einen bietet das pittoreske Kurtheater ein
passendes Ambiente für dieses kleinere Format, bei dem man mit einem Klavier
auskommt. Zum anderen hat man sich ja gerade bei Rossini in Wildbad eher
unbekannten Werken verschrieben, von denen es in diesem Genre noch einiges zu
entdecken gibt. Ein weiterer Vorteil ist, dass man
beim umfangreichen Programm des Festivals
dem Orchester und dem Chor eine Verschnaufpause bieten kann.
Nachdem man sich einige Jahre dem Schaffen Giuseppe Balduccis und anschließend
Manuel Garcías gewidmet hat, hat man sich nun für eine Neuausrichtung
entschieden. Da Rossini ja auch eine nicht unbeträchtliche Zeit in Paris
verbracht und das dortige Musikleben ebenfalls nachhaltig geprägt hat, startet
das Festival in diesem Jahr mit einem neuen Zyklus "Belcanto auf Französisch".
Daher hat man den Komponisten Jean-Baptiste Weckerlin ausgewählt. Rossini lernte
ihn wahrscheinlich kennen, als Weckerlin Fanny-Marie Damoreau heiratete, die
Tochter der berühmten Sopranistin Laure Cinti-Damoreau, die in Rossinis
französischen Opern von 1825 bis 1829 die großen Sopranrollen interpretiert
hatte. Das musikalische Talent des jungen Weckerlin fiel Rossini sofort auf, so
dass er ihn später zu seinen berühmten Konzertveranstaltungen "Samedi soir"
einlud. Dort wurde auch am 26. Februar 1859 die Salonoper Le mariage en poste
aufgeführt.

Der Marquis de Boiscivry (Dmytro Voronov) will
seine Tochter Alice (Juliette Amirault) mit einem Unbekannten vermählen.
Das Stück erfreute sich damals großer Beliebtheit. Die
Erstaufführung fand bereits am 2. März 1857 im Salle Herz der Sopranistin Marie
Mira statt, die dort regelmäßig Salonopern zur Aufführung brachte, in denen sie
selbst die weibliche Hauptpartie übernahm. Es gab zahlreiche Folgeaufführungen
zu unterschiedlichsten Anlässen, so dass auch Rossini auf dieses Stück
aufmerksam wurde. Erzählt wird die Geschichte des Marquis de Boiscivry, der
seine Tochter Alice mit dem vermögenden Comte Émeric verheiraten möchte. Dazu
will er Alice aus Paris auf sein Schloss in der Bretagne bringen. Allerdings
informiert er sie nicht über seine Pläne, kennt auch den Bräutigam noch nicht
persönlich, sondern hält ihn nur für eine finanziell gute Partie. Als Alice bei
einem Halt in einer Poststation von den Plänen ihres Vaters erfährt, ist sie
alles andere als begeistert. Doch der junge Bräutigam weckt ihr Interesse, als
sie erfährt, dass er nur eine Frau heiraten will, die ihn um seiner selbst
liebt. Zufällig gelangt auch Émeric auf der Reise zum Schloss in die gleiche
Poststation und hat die Absicht, seine zukünftige Frau zunächst inkognito zu
betrachten. Während er allerdings Alice für die Tochter des Wirtes hält,
durchschaut sie, wer er wirklich ist, und beginnt, ihn zu testen. Émeric
verliebt sich in die vermeintliche Wirtstochter und will von der geplanten
Hochzeit mit Alice Abstand nehmen. Alice weist ihn zunächst zurück, da sie
bereits verlobt sei. Als der Marquis den unbekannten Fremden als Gauner
verhaften lassen will, kommt es schließlich zur Auflösung, und Alice und Émeric
heiraten noch auf der Durchreise.

Alice (Juliette Amirault) testet inkognito den
designierten Bräutigam Émeric (Erwan Fosset).
Die Oper ist für eine reine Klavierbegleitung komponiert, die in der
Introduktion einen weiteren Pianisten vorsieht. Erhalten ist lediglich das
eigenhändige Manuskript Weckerlins in der Bibliothèque Nationale
de France, das Gianfranco Ferrara transkribierte. Dabei reduzierte er die
Introduktion für Klavier auf zwei Hände. Da man beim Festival allerdings über
mehrere Pianisten verfügt, hat sich das Regie-Team um Eleonora Calabrò und
Festivalleiter Jochen Schönleber entschieden, die Introduktion von den
ursprünglich zwei Pianisten spielen zu lassen und das Verschwinden des zweiten
Pianisten nach der Introduktion in die Szene miteinzubeziehen. Wenn der
musikalische Leiter des Abends, Mattia Torriglia, die Bühne betritt und sich vor
dem Publikum verbeugt, sitzt Andrés Jesús Gallucci bereits am Klavier und
studiert die Partitur. Es kommt zu einer kurzen wortlosen Auseinandersetzung,
weil beide Pianisten die Aufführung begleiten wollen. Schließlich nimmt
Torriglia auf dem Klavierhocker neben Gallucci Platz, der die Grundmelodie
spielt, während Torriglia zunächst nur die Passagen der dritten und vierten Hand
einwirft. Während der Introduktion sieht man den Marquis und seine Tochter, die
den schweren Koffer schleppen muss, durch den Saal des Parketts laufen. Der
Marquis ist ein sehr misstrauischer Mensch, der überall auf der Reise Räuber
fürchtet und sich deshalb mit einer Pistole ausgerüstet hat. Als er die beiden
Pianisten auf der Bühne sieht, hält er sie irrtümlich ebenfalls für Banditen und
schießt. Torriglia kann sich rechtzeitig wegducken, aber Gallucci hat das
Nachsehen und wird anschließend von Torriglia von der Bühne geschafft.

Der Marquis (Dmytro Voronov, links mit Juliette
Amirault als Alice) hält Émeric (Erwan Fosset) für einen Betrüger.
Nun beginnt die eigentliche Handlung auf der Bühne, die Torriglia
am Klavier, das in der Mitte der Bühne positioniert ist, begleitet. Auch hier
lässt er sich vereinzelt ins Stück einbeziehen, wenn sich beispielsweise Alice
beschwert, nicht genügend Zeit gehabt zu haben, sich für die Reise richtig zu
kleiden, und jetzt nur im Negligé unterwegs sei. Da möchte Torriglia neben
seinem brillanten Spiel am Klavier doch ein wenig genauer hinsehen. Am Ende löst
sich dann erneut ein Schuss aus der Pistole des Marquis, dem Torriglia dieses
Mal nicht entgeht, sondern ebenfalls wie Gallucci am Anfang zu Boden fällt.
Ansonsten wird die Geschichte ohne weitere Zusätze erzählt. Da es sich um eine
Opéra comique handelt, gibt es zwischen den einzelnen musikalischen Nummern
Dialoge, die bisweilen ein wenig lang erscheinen. Man verfügt zwar über zwei
Sänger und eine Sängerin, die entweder Französisch als Muttersprache haben oder
sehr gut Französisch sprechen, so dass der Sprachfluss sehr natürlich klingt.
Für die des Französischen nicht mächtigen Personen im Publikum muss man da aber
sehr viel Text in den Übertiteln verfolgen, was die Konzentration auf das
Geschehen auf der Bühne beeinträchtigt. Die Dialoge zu kürzen scheint aber bei
einer Spielzeit von rund 75 Minuten auch keine Lösung. Außerdem entschädigen die
musikalischen Nummern, die sehr eingängig sind, von den relativ langen
Sprechpassagen.

Ende gut, alles gut: Émeric (Erwan Fosset,
rechts) heiratet Alice (Juliette Amirault) noch auf der Durchreise (links:
Marquis de Boiscivry (Dmytro Voronov), im Hintergrund am Klavier: Mattia
Torriglia kurz vor dem Schuss).
Torriglia erweist sich als kongenialer Begleiter am Klavier mit
großem komödiantischem Talent. Im Zusammenspiel mit Gallucci harmoniert er
wunderbar zu Beginn der Oper. Die drei Gesangspartien sind mit Stipendiatinnen
und Stipendiaten der Akademie BelCanto besetzt, die unter anderem auch mit
Marina Viotti gearbeitet haben, die dem langjährigen Publikum in Bad Wildbad
noch in bester Erinnerung sein dürfte, da auch sie ihre Karriere hier gestartet
hat. Juliette Amirault gibt eine reizende Alice, die in den Dialogen mit
französischem Charme alle um ihren Finger wickeln kann. Ihr Sopran klingt
absolut warm und lieblich. Von daher ist es gut nachvollziehbar, dass der Comte
der Faszination der aufgeweckten vermeintlichen Wirtstochter erliegt und für sie
auf die Hochzeit mit der unbekannten Braut verzichten möchte. Erwan Fosset
verfügt als Émeric über einen weichen, beweglichen Tenor, der seinen
träumerischen Charakter unterstreicht. Stimmlich harmoniert er wunderbar mit
Amirault, so dass deutlich wird, dass die beiden in der Oper füreinander
bestimmt sind. Dmytro Voronov gibt den behäbigen Marquis recht polternd mit
kraftvollem Bass und zeigt mit humorvollem Spiel, dass man diese Figur nicht
wirklich ernst nehmen kann. So gibt es am Ende großen und verdienten Applaus für
alle Beteiligten.
FAZIT
Sieht man von den teilweise recht langen gesprochenen Dialogen ab, handelt es
sich um ein Werk, das aufgrund der Musik eine Wiederentdeckung verdient. Von
Weckerlin würde man beim Festival in den folgenden Jahren gerne noch mehr
entdecken.
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Produktionsteam
Klavier Mattia Torriglia2.
Pianist *Andrés Jesús Gallucci /
Gianluca Ascheri
Regie
Eleonora Calabrò
Jochen Schönleber
Regieassistenz
Romeo Gasparini
Bühne
Jochen Schönleber
Kostüme
Eleonora Calabrò
Licht
Marcel Hahn
Solistinnen und Solisten
Le marquis de Boiscivry
Dmytro Voronov
Le comte Émeric
Erwan Fosset
Alice
Juliette Amirault
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