Großartiger "Belcanto en français"
Von Thomas Molke /
Foto: © Karin Ferenbach und Sabine Zoller
Mit der finanziellen Unterstützung der Baden-Württemberg Stiftung
startet das Belcanto Opera Festival Rossini in Wildbad in diesem Jahr
einen zunächst auf drei Jahre geplanten Zyklus unter dem Titel "Rossini et le
Belcanto en français". Immerhin hat der Schwan von Pesaro einen
nicht unerheblichen Teil seines Lebens in Paris verbracht und auch dort das
Musikleben nachhaltig geprägt. Neben der Salonoper Le mariage en poste
von Rossinis Kollegen Jean-Baptiste Weckerlin darf als ein musikalischer
Höhepunkt die französische Fassung von Rossinis letzter Oper für Italien,
Semiramide, genannt werden. Der Wunsch, aus dem Melodramma tragico eine
Grand opéra zu machen, hat eine lange Geschichte. Schon in den 1840er Jahren
sollten Tancredi und Semiramide von Adolphe Adam zu einer Grand
opéra überarbeitet werden. Doch der Versuch scheiterte genauso wie 1853, als der
Dramatiker Paul Siraudin das Libretto von Gaetano Rossi ins Französische
übertrug und Uranio Fontana es für die Sopranistin Angiolina Bosio einrichten
sollte. Erst als die beiden Marchisio-Schwestern, die bereits in
Italien große Erfolge als Semiramide und Arsace gefeiert hatten, 1859 nach Paris
zurückkehrten, konnte sogar Rossini bewegt werden, sich an diesem Projekt zu beteiligen.
Die Bearbeitung und Urheberrechte überließ er seinem langjährigen Freund Michele Carafa, der nicht nur die obligatorischen Ballettnummern beisteuerte, sondern
auch versuchte, die Musik der französischen Prosodie anzupassen. So entstand
eine in vielen Punkten "neue" Oper, die am 9. Juli 1860 mit überwältigendem
Erfolg im Théâtre impérial de l'Opéra zur Premiere gelangte.
Wie die italienische Fassung von 1823 folgt auch Sémiramis im Großen und
Ganzen der gleichnamigen Tragödie von Voltaire. Die assyrische
Königin Sémiramis hat vor 15 Jahren gemeinsam mit dem Prinzen Assur ihren
Gatten, den König Ninus, vergiftet und regiert seitdem relativ erfolgreich über
Babylon. Der Operpriester Oroès drängt sie jedoch, endlich einen männlichen
Nachfolger zu bestimmen. Während Assur darauf hofft, die Nachfolge antreten zu
können und damit die Hand der Prinzessin Azéma zu erhalten, verfolgt Sémiramis
andere Pläne. Sie hat sich in den jungen Anführer des assyrischen Heeres, Arsace,
verliebt und beabsichtigt, ihn an ihrer Seite zum neuen König zu machen. Dabei
weiß sie nicht, dass Arsace ihr tot geglaubter Sohn Ninias ist, den der
sterbende Ninus kurz vor seinem Tod hatte außer Landes schaffen lassen. Arsace,
der ebenfalls Azéma liebt, ist von Sémiramis' Vorhaben zwar nicht begeistert,
willigt aber ein, dem Befehl seiner Königin Folge zu leisten. Da erhebt sich
plötzlich Ninus' Schatten aus dem Grab und fordert ihn auf, den Mord am König zu
rächen. Oroès offenbart Arsace seine Herkunft und fordert ihn auf, Assur und
Sémiramis für den Mord am König zur Rechenschaft zu ziehen. Arsace will nach
einer Aussprache mit Sémiramis seine Mutter verschonen und nur Assur töten. In
der Grabkammer kommt es dann zu einer Auseinandersetzung zwischen den beiden
Männern. Als Arsace zum tödlichen Schlag ausholt, trifft er seine Mutter, die
sich zu seinem Schutz ebenfalls in die Grabkammer begeben hat. Vom jubelnden
Volk wird der verzweifelte Arsace als neuer König gefeiert.

Schlussapplaus: von links: Azéma (Ilaria
Monteverdi), Oroès (Nathanaël Tavernier), Arsace (Marina Viotti), Andriy
Yurkevych, Agnieszka Ignaszewska-Magiera, Sémiramis (Diana Haller), Assur (Mark
Kurmanbayev), Idrène (Patrick Kabongo) und der Schatten des Ninus (Giovanni
Accardi) (© Karin Ferenbach)
Im Gegensatz zum italienischen Original ist Sémiramis von zwei auf vier
Akte erweitert worden. Der zweite Akt endet in der französischen Fassung mit der
Erscheinung des Ninus, der Arsace zur Rache aufruft. Außerdem ist
hier das für die Pariser Oper obligatorische Ballett eingefügt, das ein großes Fest
untermalt, bei dem die Völker der Königin ihre Treue
schwören. Die als babylonischer und assyrischer Tanz betitelten Einlagen klingen
zwar aus heutiger Sicht nicht sehr orientalisch, sondern sind eher sehr
westeuropäisch in der musikalischen Struktur, was den Genuss aber nicht
schmälert. Andriy Yurkevych führt das Orchester der Szymnaowski-Philharmonie
Krakau mit leichter Hand durch die schwungvollen Passagen und bietet damit ein
willkommenes Intermezzo in der dramatischen Handlung. Carafa wurde zwar nach der
Premiere beschuldigt, dass es sich bei diesen Kompositionen um ein Plagiat aus
Rossinis Moïse handeln würde, was aber nicht verhinderte, dass
zahlreiche Paraphrasen und Instrumentalarrangements dazu folgten. So dürften sie
sich auch damals großer Beliebtheit erfreut haben.
Die Partien des indischen Prinzen Idrène und der von mehreren
Männern begehrten Prinzessin Azéma werden in der französischen Fassung
reduziert. Was Idrène betrifft, war es 1860 schwierig, einen Tenor zu finden,
der die extremen Höhen in den für Idreno geschriebenen Arien bewältigen konnte.
So wurden seine beiden Arien kurzerhand gestrichen, und Idrène tritt eigentlich
nur als Nebenfigur im Terzett mit Oroès und Assur im ersten Akt und im großen
Quintett im zweiten Akt kurz vor dem Finale mit Sémiramis, Arsace, Assur und
Oroès auf. Selbst diese Passagen sind noch sehr anspruchsvoll angelegt, so dass
es eines guten Tenors bedarf. In Bad Wildbad verfügt man zum Glück über Patrick
Kabongo, der tags zuvor als Giannetto in La gazza ladra begeisterte und
auch die Spitzentöne des indischen Prinzen mit Bravour meistert. Für die
Prinzessin Azéma ist ebenfalls keine eigene Gesangsnummer vorgesehen, und auch
als Objekt der Begierde rückt sie in der französischen Fassung etwas in den
Hintergrund. Stattdessen konzentriert sich die Version ganz auf die
Dreiecksgeschichte Sémiramis, Arsace und Assur. So ist auch die Partie des
Hauptmanns der Wachen, Mitrane, gestrichen. Dafür tritt der Schatten des Ninus noch einmal am Ende des vierten Aktes auf.

von links: Assur (Mark Kurmanbayev), Sémiramis
(Diana Haller) und Arsace (Marina Viotti) (© Sabine Zoller)
Das musikalische Niveau bewegt sich auf hohem Niveau, so dass man
sich freuen darf, dass diese Aufführung auf CD eingespielt wird. Ein Glanzpunkt
des Abends ist die großartige Marina Viotti in der Partie des Arsace. Ihr
Mezzosopran besitzt in der Tiefe ein enormes Volumen, das sie für Hosenrollen
prädestiniert, wobei sie zusätzlich über enorme Strahlkraft in den dramatischen
Höhen verfügt. Ihr nimmt man den heldenhaften jungen Mann in
jedem Moment ab. Großen Szenenapplaus erntet sie für ihre Auftrittskavatine "Ô
bonheur de l'âme ravie", in der er hofft, die von ihm geliebte Prinzessin Azéma
wiederzusehen. Doch Oroès reißt den jungen Mann aus seinen Träumen und holt ihn
in die bittere Realität zurück. Mit großer Variation gestaltet Viotti im dritten
Akt Arsaces Verzweiflung, wenn er an der Mutter Rache nehmen soll. Hier geht Viottis intensive Interpretation unter die Haut. Diana Haller debütiert nach
ihrem Wechsel ins Sopranfach in der Titelpartie und punktet mit kraftvollen
Höhen und großer Dramatik. Während sie in ihrer ersten Kavatine im zweiten Akt
nahezu sanft klingt, weil Sémiramis glaubt, die Situation unter
Kontrolle zu haben, macht sie im weiteren Verlauf stimmlich den Niedergang der
Königin deutlich, der schließlich im vierten Akt in ihrem Tod mündet. Anders als
bei der Uraufführung wird auch ein Duett im zweiten Akt gespielt, was die Marchisio-Schwestern in Paris damals nicht gesungen haben. Hier sind Sémiramis
und Arsace von den Gedanken an ihre Liebe beseelt, ohne zu wissen, dass beide
ein anderes Ziel verfolgen. Viottis Mezzosopran und Hallers Sopran finden hier mit
betörender Innigkeit zueinander. Begeisterungsstürme löst auch ihr Duett am Ende
des dritten Aktes aus, wenn sich die beiden als Mutter und Sohn erkennen.
Mark Kurmanbayev gibt mit schwarzem Bass einen herrlichen
Bösewicht Assur, der stimmlich mit seiner Tiefe einen starken Kontrast zum
Helden Arsace bildet. Während er die Partie in den ersten drei Akten absolut
kalt und siegesbewusst anlegt, wird er im letzten Akt dann doch vom schlechten
Gewissen eingeholt, wenn ihm in der Grabkammer erneut der Schatten des Ninus
erscheint. Kurmanbayev gestaltet die große Arie sehr eindrucksvoll, wobei sein
Bass hier bewusst angelegte Brüche erhält. Nathanaël Tavernier, der am
Vortag als skrupelloser Podestà in La gazza ladra begeistert hat,
hätte mit seinem dunklen Bass auch einen glaubhaften Bösewicht abgegeben. Als
Oroès steht er aber auf der "Seite der Guten" und punktet mit profunder
Autorität. Giovanni Accardi lässt als unheimlicher Schatten mit
donnerndem Bariton aus der Galerie die übrigen Figuren erschrecken. Ilaria Monteverdi rundet das
Ensemble in der kleinen Partie der Azéma mit leuchtendem Sopran ab.
Der von Agnieszka Ignaszewska-Magiera einstudierte Chor der
Szymanowski-Philharmonie Krakau punktet in den verschiedenen Rollen mit
homogenem Klang. Auch das Orchester unter der Leitung von Andriy Yurkevych lässt
keine Wünsche offen. So gibt es für alle Beteiligten am Ende frenetischen
Applaus.
FAZIT
Auch wenn sich in zahlreichen Melodien die italienische Semiramide
heraushören lässt, bietet die französische Sémiramis einige Perlen, die
sich zu entdecken lohnen. Eine CD-Aufnahme dürfte folglich eine gute Ergänzung
zum "italienischen" Rossini sein.
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Wildbad 2026
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Andriy YurkevychChoreinstudierung
Agnieszka Ignaszewska-Magiera
Chor und Orchester der
Szymanowski-Philharmonie Krakau
Solistinnen und Solisten
Sémiramis, Königin von Babylon
Diana Haller
Arsace, Befehlshaber der Armee
Marina Viotti
Azéma, Prinzessin aus dem Geblüt des Belus
Ilaria Monteverdi
Assur, Prinz aus dem Geblüt des Belus
Mark Kurmanbayev
Oroès, Oberhaupt der Mager
Nathanaël Tavernier
Idrène, König von Indien
Patrick Kabongo
L'Ombre, Der Schatten des Ninus
Giovanni Accardi
Fürsten, Satrapen, Mager, Hofdamen der
Sémiramis, Sarmaten, Skythen, Ägypter,
Inder, Arindas, Krieger, Wachen, Tempeldiener,
Sklaven Diener
Männerchor und Frauenchor
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