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Von Stefan Schmöe
Die Angst vor dem Krieg ist in Beethovens Missa solemnis einkomponiert. Im letzten Teil der Messe, dem Agnus dei, lässt der Komponist ziemlich modern von einem Fernorchester Kriegsklänge zuspielen (ein Effekt, der auch im Konzerthaus Dortmund seine Wirkung nicht verfehlt). Mit musiktheatralischer Attitüde flehen die Solostimmen in kurzen orchesterbegleiteten Rezitativ-Einschüben um göttlichen Beistand. Das kann, je nach Interpretation, die musikalische Linie sprengen, die Musik kurzfristig aus der Bahn werfen: Ein Sprung im Weltgefüge. Dirigent Thomas Hengelbrock geht in dieser Aufführung einen anderen Weg. Fast liedhaft lässt er diese Passagen von einem ausgezeichneten, sehr homogenen Solistenquartett singen, das auf alles Divenhafte verzichtet. Der leuchtende Sopran von Regula Mühlemann, der samtene Alt von Eva Zaïcik, der einschmeichelnd schöne Tenor von Julian Prégardien (der im Fortissimo angestrengt klingt) und der warme, ein wenig zu unauffällige Bass von Gabriel Rollinson (der leider dazu neigt, die Vokale unschön zu verfärben) harmonieren nicht nur untereinander nahezu perfekt. Bruchlos schwebend werden (wie gleich zu Beginn des Kyrie einzelne Töne vom Chor oder Orchester an die Solostimmen übergeben. Der Charakter bleibt auch da, wo die Gefahr droht, lyrisch. Beethoven lässt den Chor im tröstlich wiegenden Sechsachteltakt antworten. Trotz des festlichen D-Dur verbreitet das Finale eher vorsichtigen Optimismus. Hengelbrock geht noch einen Schritt dahinter zurück. Nachdem er den Chor die letzte Friedensbitte "Dona nobis pacem" mit seiner am Ende demütig absteigenden Melodielinie eher verhalten vortragen lässt, unterlässt auch das Orchester eine allzu strahlende Bekräftigung. Die letzten Takte klingen in dieser Interpretation eher nachdenklich aus. Den Schlussakkorden hört man nicht an, dass hier eines der bedeutendsten Chorwerke der Musikgeschichte zum Abschluss kommt. Hengelbrock handelt sie geradezu unscheinbar ab und schleicht sich mit kleiner Geste aus dem Werk hinaus. So bleiben diese letzten Takte wie ein Fragezeichen stehen: Und jetzt? In Tagen, wo viele Gewissheiten umgeworfen werden, erscheint das als eine mehr als plausible Deutung dieses immer wieder rätselhaften Werkes. Der Balthasar-Neumann-Chor singt mit großer rhythmischer Klarheit und Präzision. Akzente werden nicht überbetont (wie sonst so oft), die Melodielinien etwa in den fugierten Passagen behalten immer Geschmeidigkeit und Eleganz - auch das unterstreicht die insgesamt lyrisch ausgerichtete Interpretation. Was nicht heißt, dass es den jubelnden Passagen im Gloria und Credo an Energie fehlen würde. Der sehr reine, vibratoarme Chorklang ist von den warmen Mittelstimmen her aufgebaut. Das Balthasar-Neumann-Orchester spielt auf historischen Instrumenten mit einem sehr plastischen, aber nicht scharfen Klangbild. Das alles wirkt der gefährlichen Monumentalität der Komposition entgegen. Ein paar klangliche Probleme zeigen sich trotzdem - das ist wohl der Preis für eine Tournee mit täglich wechselnden Konzertsälen, selbst wenn Hengelbrock Stammgast in Dortmund ist und die Akustik kennt. An manchen Stellen übertönt der klangprächtige, annähernd 60 Personen starke Chor das Orchester und es fehlt an Transparenz. Schwer hat es der (im Besetzungszettel nicht namentlich genannte) Konzertmeister im Benedictus, der mit großer, anrührender Schlichtheit das schier unendlich lange Violinsolo spielt (betörend im Dialog mit den Flöten), aber im Tutti allzu leicht übertönt wird. Am berührenden Gesamteindruck der Aufführung, die ohne triumphale Gesten und ohne Pathos daherkommt, ändert das wenig. Bei allem Glanz, der dem Werk natürlich auch eigen ist, überwiegen Demut und Nachdenklichkeit. Der lange Moment der Stille nach dem letzten Ton ließ die Musik nachwirken. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
AusführendeRegula Mühlemann, SopranEva Zaïcik, Alt Julian Prégardien, Tenor Gabriel Rollinson, Bass Balthasar-Neumann-Chor Balthasar-Neumann-Ensemble Dirigent: Thomas Hengelbrock WerkeLudwig van Beethoven:Missa solemnis D-Dur op. 123
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