|
Veranstaltungen & Kritiken Konzerte |
|
|
|
|
Spannende Komponistin Von Christoph Wurzel / Fotos: © Peter Adamik und Monika Rittershaus Emilie Mayer sei "eine Dame, die ihre Zeit fast ausschließlich mit Componiren zubringt", staunte 1851 die Rheinische Musik-Zeitung für Kunstfreunde und Künstler. In der Tat war Emilie Mayer wohl die erste Frau in Deutschland, die sich "Componistin" nannte. Anders als ihre Zeitgenossinnen Fanny Mendelssohn (geb. 1805) oder Clara Wieck (geb. 1819) komponierte sie nicht nebenher aus Passion oder weil sie Klaviervirtuosin war, sondern machte sich diese Kunst zum Beruf. Erstaunlich, dass der aufgeklärte Abraham Mendelssohn seine Tochter ermahnte, sie müsse sich "ernster und emsiger" zu ihrem "eigentlichen Beruf, zum einzigen Beruf eines Mädchens, zur Hausfrau, bilden". Und auch die als Interpretin eigener Werke höchst erfolgreiche Clara Wieck hörte auf zu komponieren, nachdem sie Robert Schumann geheiratet hatte und widmete sich zuerst ihren acht Kindern und später vor allem den Kompositionen ihres verstorbenen Mannes. Emilie Mayer entschloss sich gegen die Ehe und konzentrierte sich allein auf das Komponieren und sehr erfolgreich auf die Verbreitung ihrer Werke auf den Konzertpodien. Sie stammte, geboren 1812 im mecklenburgischen Friedland, aus einem ihre Begabung fördernden Elternhaus, studierte bei Carl Loewe in Schwerin und brachte es als erfolgreiche Netzwerkerin in Berlin zu hoher Anerkennung der musikalisch interessierten Kreise. So gelang es ihr, die Protektion der preußischen Königin zu erlangen und ein Konzert mit eigenen Werken im Königlichen Schauspielhaus (heute das Konzerthaus) am Gendarmenmarkt zu veranstalten. Nach ihrem Tod 1883 jedoch verblasste ihr Ruhm, weil die strukturell männlich dominierte Musikwelt an der Komponistin kein Interesse hatte. Ihre Werke, von denen nur ein Teil (vor allem Kammermusik) gedruckt war, gerieten in Vergessenheit. Erst seit wenigen Jahren nimmt die Musikwelt wieder von Emilie Mayer Notiz. Im Pierre Boulez Saal in Berlin gab es nun ein Festival für Emilie Mayer. An drei Abenden wurden die erhaltenen symphonischen Werke und das Klavierkonzert aufgeführt. Bernhard Forck und der Akademie für Alte Musik Berlin ist es zu danken, dass diese Musik wohl zum ersten Mal im Zusammenhang zu hören war. Pierre Boulez Saal Berlin (© Monika Rittershaus) Von ihren acht Symphonien sind lediglich fünf erhalten. Aus den überlieferten Handschriften wurde das Aufführungsmaterial für die drei Konzerte eigens von der Akademie für Alte Musik neu erstellt. An den drei Abenden erklangen neben dem Klavierkonzert die Symphonien Nr. 1, 2 3, 6 und 7 und vier Ouvertüren. Die Faust-Ouvertüre op 46, um 1880 als ihr letztes symphonisches Werk entstanden, bildete den Beginn des Konzerts am 1. November. In diesem programmatischen Werk stellt die Komponistin offensichtlich vier zentrale Szenen aus Goethes Tragödie musikalisch vor. Am harmonisch dunklen Beginn dreht sich ohne eigentlichen melodischen Kern ein diffuser musikalischer Gedanke in abfallenden Skalen um sich selbst. Der in seiner Studierstube grübelnde Faust scheint hier das Vorbild zu sein. In einer zweiten Szene hellt sich das Klangbild auf, wird in einem Allegroteil lebendig und Faust scheint mit Mephistos Hilfe frisch hinaus ins neue Leben zu stürmen. Ein kurzer lyrischer Teil schildert die Begegnung Fausts mit Gretchen und dann legt die Komponistin einen besonderen Schwerpunkt auf den Gedanken an die Erlösung Gretchens. Über die Noten eines zweimal zitierten Chorals hat Emilie Mayer die Worte geschrieben "Sie ist gerettet". Die Akademie für Alte Musik Berlin im Konzert mit Musik von Emilie Mayer im Pierre Boulez Saal (© Peter Adamik) Von ihren Symphonien erklangen an diesem Abend die Nr. 6 in E-Dur und die Nr. 7 in f-Moll. Beide zeichnen sich durch eine zupackend dramatische Verarbeitung der Motive aus. In der Form dem traditionellen Symphonie-Modell folgend, zeigen die Symphonien Emilie Mayers aber sehr individuelle Wege in der Verarbeitung der Themen und vor allem in ihrer Klanggestalt. Die Instrumentation ist äußerst reizvoll, im Trauermarsch der sechsten Symphonie setzt die Komponistin sehr überraschend sogar viermal den Gong als äußerst wirkungsvollen Klangeffekt ein. Dunkle Register der Streicher und Bläser malen die anfängliche Stimmung in der Faust-Ouvertüre. Im Adagio der Siebten Symphonie spielt sie souverän mit Hell-Dunkel-Gegensätzen. Ihre Scherzi sind von starken Kontrasten geprägt und in den Trioteilen von musikantischer Frische. Meist treibt die Musik energisch, nicht selten gleichsam atemlos voran. Die Finalschlüsse kommen mit großem Effekt oft sehr abrupt. Lyrische Ruhepole finden sich selten und dann nur sehr kurz. Gelassenheit scheint dieser Musik fremd zu sein ebenso wie Humor. Insgesamt wirkt der Tonfall energisch und voll meist überschäumenden Temperaments. Die Akademie für Alte Musik war sichtlich und hörbar höchst engagiert am Werk. Es schien, als betonte sie die Besonderheiten der Mayerschen Faktur. Wo die Komponistin etwa Allegro con spirito vorschreibt, ähnelte die Interpretation eher einem Allegro con fuoco (6. Symphonie) oder das Allegro agitato im 1. Satz der 7. Symphonie war hier durchaus ein molto agitato. Nicht schlimm - so wurden Charakter und Qualität der Musik nur umso deutlicher betont. Auch der herbe Klang dieses historisch informierten Ensembles geriet der besonderen Individualität von Mayers Musik zum Vorteil.
|
AusführendeAkademie für Alte Musik Berlin
Konzertmeister und Leitung Programm Emilie
Mayer Symphonie Nr.6 E-Dur (1853) Symphonie
Nr. 7 f-Moll (1856?)
(Homepage) |
© 2025 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de