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Welt und VisionVon Christoph Wurzel / Fotos: © Lars Sanden und Michael Gregonowitz Mit zwei Symphonien von Gustav Mahler war das Tonhalle-Orchester aus Zürich zu Gast in Baden-Baden. Vorangestellt war Mahlers Erster und Zweiter das Cellokonzert von Antonín Dvořák. Bemerkenswert ist der enge zeitliche Zusammenhang der Entstehung dieser Werke, die zwischen 1884 und 1895 komponiert wurden. Bei Dvořák ist es ein Alterswerk (er war 19 Jahre älter als Mahler), bei Mahler handelt es sich zwar nicht um Jugendwerke (er komponierte sie, als er bereits als Dirigent Karriere in Budapest und Hamburg gemacht hatte), aber doch um seinen Eintritt in die Welt der Symphonie. Bereits in seiner ersten Symphonie hatte er den unverwechselbaren Ton gefunden, der sein symphonisches Werk so einzigartig macht. Bereits hier baut Gustav Mahler eine Welt in Tönen auf, beginnt seine Serie musikalischer Epen, die er zwar noch Symphonien nennt, die aber den Formenkanon dieser tradierten Gattung weit überschreiten. Insofern war der Vergleich beider Komponisten aufschlussreich: Dvořáks nach klassischem Vorbild aufgebautes Konzert und Mahlers alle bis dahin gekannten Schemata sprengende Symphonien - denen andererseits doch ein tief romantischer Grundton und die unüberhörbare Beziehung zum Volkstümlichen gemeinsam ist: bei Dvořák als untergründige Haltung, bei Mahler explizit als ein integrativer Aspekt seiner Weltsicht und meist mit ironischem Einschlag. Beide Komponisten stammten aus Böhmen; doch Dvořák verstand sich als Nationaltscheche mit entsprechend musikalischem Hintergrund. Bei Mahler, aus dem deutschsprachigen Iglau, sind Einflüsse seines jüdischen Kulturkreises wie auch der volkstümlichen Wiener Musik unüberhörbar. Dvořáks Cellokonzert beschert uns reine, geerdete Romantik, Mahlers Symphonien eine Sicht auf die Welt voller Brüche. Aber da sind auch Visionen - in der Zweiten die Vision einer Auferstehung nicht eigentlich im christlichen Sinne: "Sterben werd' ich, um zu leben". Anna Lucia Richter, Mari Eriksmoen, das Tonhalle-Orchester Zürich, die Zürcher Singakademie unter der Leitung von Paavo Järvi in Baden-Baden mit Mahlers 2. Symphonie (Foto: Michael Gregonowitz) Dass es das Publikum in Mahlers Zweiter wie in einem Sog auf die Schlussapotheose hinzieht, durfte an diesem Abend in der Interpretation von Paavo Järvi mit dem Tonhalle-Orchester aufs Schönste erlebt werden. Järvi baute die innere Dramaturgie der Musik faszinierend auf. Es begann mit dem energischen, kurzen Fünftonmotiv der tiefen Streicher im fortefortissimo, das wie ein Befehl klang, darüber schneidend das Tremolo der Violinen und Bratschen - Unerbittlichkeit, ja Aussichtslosigkeit des Entrinnens lag hier in der Musik, die Mahler in Hamburg unter dem Eindruck des Todes seines großen Kollegen Hans von Bülow konzipiert und ihr zuerst als Einzelsatz den Titel "Todtenfeier" gegeben hatte. Nicht allein die strenge Klangsprache der Streicher, auch die klagend intonierenden Holzbläser gaben diesem Satz starke Expressivität. Doch auch bereits den Erlösungsgedanken hat Mahler in diesen Satz hineinkomponiert; die kurze Episode der Ahnung von einer besseren Welt, die Mahler bereits hier (und später in der Sechsten und Siebten) als ein bukolisches Idyll zeichnet mit der zarten Überleitung der Harfen und der Oboe, die wie eine Schalmei klang. Wirklich ein Klangwunder, das hier von den sensibel aufspielenden Zürichern geschaffen wurde! Nach den grob hinunterstürzenden Unisonotriolen des ganzen Orchesters verhallte der Satz in zwei leisen Kurzakkorden im Pizzicato der Streicher. Eine von Mahler vorgeschriebene Pause von fünf Minuten wird nach dem ersten Satz von Dirigenten nie eingehalten. Offenbar hat man Angst, dass das Publikum mit munterer Unterhaltung beginnt. So folgte auch hier der Walzer des zweiten Satzes bald: mit zarten Rubati, getupften Pizzicati und einem herrlich weichen Streicherklang wurde er zu einer wahren Wonne an Seligkeit. Nach einem harten Paukenschlag setzte das Scherzo an zur Predigt des Hl. Antonius zu den Fischen, die sich allerdings um gar nichts scheren. "Die Predigt hat g'fallen, sie "bleiben wie alle". Ein perpetuum banale, pure Satire in Musik. Järvis Interpretation war durchaus so angelegt, doch nicht überpointiert. Da ziehen andere Dirigenten oftmals strengere Saiten auf. Mit dem "Urlicht" beginnt in der Anlage dieser Symphonie die Sphäre der Transzendenz, in der die menschliche Stimme zum integralen Bestandteil von Sinn und Klang wird. Wie es der Text verlangt, sang Anna Lucia Richter dieses Wunderhornlied in überaus kunstvoller Schlichtheit, ja natürlicher Naivität. Ihre klare, in allen Lagen wunderbar klingend ausströmende Stimme bewies sich hier als Idealbesetzung. Aber auch in der Ausdeutung des Textes war Richters Interpretation beispielhaft. Vom sehnsuchtsvollen ersten Abschnitt ("Viel lieber möcht' ich im Himmel sein") wechselte die Sängerin subtil in den Erzählton des zweiten Teils, der die Begegnung mit dem "Engelein" schildert und in der Gewissheit auf Erlösung mündet. Wie sehr der Opernkapellmeister Mahler den fünften Satz offensichtlich szenisch gedacht hat, machte Järvi auf faszinierende Weise deutlich. Stets in dieser Symphonie war der Klang des Orchesters plastisch und transparent, aber hier weitete sich die Musik durch die Fernmusiken in neue Dimensionen, wurde zu einem Raumklang, in dem sich die Rufe der Blechbläser aus der Ferne mit dem Aufersteh'n-Motiv des Orchesters auf dem Podium mischten. Mari Eriksmoen bekräftigte hell aufleuchtend "mein Herz, o glaube" bis der Chor der Zürcher Singakademie in geheimnisvollem Pianissimo vom "Aufersteh'n" kündete, was sich langsam zum Triumphgesang steigerte. Die Schlussapotheose erhellte strahlend den Saal. Gautier Capuçon und das Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung von Paavo Järvi mit dem Cellokonzert von Antonín Dvořák Mahlers erste Symphonie war am Abend zuvor zu hören gewesen. Die Zürcher Musikerinnen und Musiker bewiesen hier bereits ihre außerordentliche Qualität der überaus schönen Klanggestaltung, der Flexibilität in der Dynamik und ihrer Kunst des ausdrucksvollen Spiels. Doch war die Erste an Feinfühligkeit in der Gesamtgestaltung der Aufführung der Zweiten nicht ganz ebenbürtig. Die Ausarbeitung von Details erschien nicht so intensiv und konsequent wie sie in der Zweiten gelang. So stellte sich der Klangzauber der Einleitung dieser sphärischen Klangflächen aus schwebenden Akkordflächen und hineinrufenden Naturtönen nicht ganz her. Diese Introduktion legte Järvi wohl etwas zu direkt und auch nicht pianissimo an. Trotzdem wurde seine Erste von Mahler zu einem großen Ereignis. Die Zweite hingegen zur Sensation. In Dvořáks Cellokonzert hatte sich zuvor Gautier Capuçon virtuos vorgestellt, mit energischer Tongebung, die allerdings stellenweise durch ein sehr schnelles, vordergründiges Vibrato an Charme und Wärme einbüßte. Das Orchester nahm auch hier mit seinem animierten, vitalen Klang für sich ein.
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Ausführende Gautier Capuçon, Violoncello Mari Eriksmoen, Sopran Anna Lucia Richter, Mezzosopran Tonhalle-Orchester Zürich Dirigent: Paavo Järvi
Die Programme28. November 2025 Antonín
Dvořák Gustav
Mahler 29. November 2025 Gustav
Mahler
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