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Von Schubert aus seinen letzten LebensjahrenVon Christoph Wurzel / Foto: © Michael Gregonowits Werke aus seinen letzten Lebensjahren standen auf dem Programm dieses Abends mit Musik von Franz Schubert; jenen Jahren, in denen er künstlerisch zu sich selbst gekommen war. Vor allem den übermächtigen Schatten Beethovens hatte er überwunden und zu einer ganz eigenen Musiksprache gefunden, welche den Schritt ins Romantische vollzog. Romantisch im Sinne von formal frei und radikal subjektiv. Von einem Spätstil mag man nicht sprechen bei einem Komponisten, der nicht einmal das 33. Lebensjahr erreicht hat. Aber wegweisend in die Zukunft ist diese Musik, man denke an Schumann, an Liszt oder Brahms, für die Schubert ein Leuchtstern war. Seine Klaviersonate in G-Dur D 894, die zwei Jahre vor seinem Tod entstand, ist dafür ein Beispiel und noch mehr die Lieder aus dem Schwanengesang, die posthum von einem Verleger als Sammlung letzter Lieder herausgegeben wurden. Heute werden sie meist als Zyklus verstanden, was sie aber nicht sind. Das einzig Verbindende sind zwei Dichter, deren Texte Schubert vertont hat - Ludwig Rellstab und Heinrich Heine. Enthalten ist dazu ein Lied des Textautors Johann Gabriel Seidl, das eigentlich nicht zu den übrigen 13 Liedern passt. Diese Taubenpost am Schluss ließen Matthias Goerne und Daniil Trifonov in ihrem Konzert fallen und flochten stattdessen ein weiteres Rellstab-Lied (Herbst) in die Vortragsfolge ein, welches ebenfalls aus dem letzten Lebensjahr Schuberts stammt. Bemerkenswert an der Sonate G-Dur ist ihre formale Vorbildlosigkeit, denn die vier Sätze - wenn sie auch scheinbar dem traditionellen Sonatenschema entsprechen - weisen keine inneren thematischen Zusammenhänge auf. Diese Eigenständigkeit im Charakter und musikalischem Material wurde in Daniil Trifonovs Interpretation evident - der ausgeprägt cantable erste Satz, den er in gelassenem Tempo und gesanglich berückendem Tonfall spielte; das liedhafte Andante mit reizvollen Hell-Dunkel-Effekten; das Allegro moderato, das noch als Menuetto notiert ist, aber diesen Charakter völlig aufgegeben hat und dessen Trio Trifonov mit überaus zartem Anschlag wie aus der Ferne hinter einem Vorhang erklingen ließ; und schließlich ein temperamentvolles Allegretto, ein Rondo von volkstümlicher Lebensfreude, in dem es schien, als spiele der Dudelsack zum Tanz auf. Vier Sätze ganz eigenen Charakters, die Trifonov mit sensiblem Klangsinn, pointiertem Tempogefühl und in emotionaler Tiefe zu höchster pianistischer Kunst formte. Daniil Trifonov und Matthias Goerne in Baden-Baden Matthias Goerne hinterließ mit den anschließenden Liedern einen zwiespältigen Eindruck. Seine reiche Erfahrung als Liedsänger war spürbar in der subtilen Ausdeutung der Texte, etwa wie er im Lied In der Ferne Einsamkeit und Trübsinn auszudrücken vermochte oder im Ständchen das "Komm, beglücke mich". Das hätte hohe Liedkunst werden können, wenn da nicht eine Stimme gesungen hätte, die ihren Glanz und ihre Schlagkraft offenbar verloren hat. Goernes Stimme klang gaumig und angestrengt. Sein eingedunkeltes Timbre war manchmal von Vorteil ("In tiefer Ruh liegt um mich her/ der Waffenbrüder Schar"), an anderer Stelle aber traf es den Charakter der Musik nicht, wie in Abschied, wo es heißt "Nie habt ihr ein trauriges Lied gehört,/ So wird euch auch keines beim Scheiden beschert". Das Klavier hellte sich hier wunderbar auf, die Stimme blieb leider im fahlen Einheitsgrau. Glücklicher gelangen die Interpretationen der Heine-Lieder, die ohnehin von schwerer Melancholie aus Liebesleid bis hin zu bitterster Verzweiflung erzählen. So gelang Ihr Bild wohl zur stimmigsten Interpretation des Abends. Sehr langsam und zögerlich bauten Trifonov und Goerne hier die schmerzliche Rückerinnerung des Lyrischen Subjekts an die verlorene Liebe auf. Weil die fröhliche Taubenpost gestrichen wurde, endete der Liederabend mit dem neben dem Leiermann aus der Winterreise wohl allertraurigsten Lied Schuberts. Trifonov setzte die minimalistischen Akkorde wie fahle Farbtupfer aneinander und Goerne steigerte die bittere Anklage an den imaginierten Doppelgänger bis zum Ausdruck stärkster Verzweiflung. Nur schwer kam angesichts derartiger Erschütterung Beifall auf. Aber auch wegen der leider stimmlichen Einschränkungen verließen nicht wenige Zuhörerinnen und Zuhören diesmal das Festspielhaus wohl mit weniger glücklichen Gefühlen.
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Ausführende Matthias Goerne, Bariton Daniil Trifonov, Klavier
Das ProgrammFranz Schubert
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