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Problematischer Text in ausdrucksstarker musikalischer
Umsetzung Von Thomas Molke / Fotos: © Holger Jacoby Der österreichische Komponist Franz Schmidt galt in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts als Meister der traditionellen Kompositionstechnik, die im Gegensatz zur musikalischen Moderne der Spätromantik treu blieb. Obwohl er ein umfangreiches Werk mit vier Sinfonien, zwei Opern, Kammermusik, Klavierwerken und bedeutenden Orgelkompositionen hinterließ, ist sein Name heute fast nur noch mit dem 1938 uraufgeführten Oratorium Das Buch mit sieben Siegeln verbunden, das zu den Meisterwerken des 20. Jahrhunderts zählt. Dennoch ist es äußerst selten im Konzertsaal zu erleben, wofür es unterschiedliche Gründe geben mag. Zum einen ist Schmidt mit dem Makel behaftet, den Nationalsozialisten recht nahe gestanden zu haben. So befürwortete er unter anderem die Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich und wurde von den Nationalsozialisten als bedeutendster lebender Komponist Österreichs hofiert. Zum anderen ist der Text mit den apokalyptischen Szenen aus dem Buch der Offenbarung des Johannes wesentlich düsterer, als man es aus diversen anderen Passionen und Requien kennt. Außerdem verlangt das Werk neben einem großen spätromantischen Orchester mit Harfe, Pauke und Schlagwerk auch noch groß angelegte Orgel-Soli, und ist in den Gesangspartien, vor allem der Partie des Erzählers Johannes, extrem anspruchsvoll. Manfred Honeck bringt das Werk nun mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester, dem NDR Vokalensemble, dem MDR-Rundfunkchor und Maximilian Schmitt in der Partie des Johannes im Rahmen des Konzert-Abonnements "Chorklang" ins Konzerthaus Dortmund. Dass Schmidt sich bei der Komposition eines großen geistlichen Oratoriums mit der Offenbarung des Johannes beschäftigte, dürfte auch von privaten Schicksalsschlägen beeinflusst sein, die ihn in dieser Zeit heimsuchten. Bereits ab 1919 wurde seine erste Ehefrau in der Wiener Nervenheilanstalt stationär behandelt, wobei sich ihr Zustand im Laufe der Jahre immer weiter verschlechterte. Als dann 1932 seine Tochter Emma nach der Geburt ihres ersten Kindes völlig unerwartet starb und sich auch sein eigener Gesundheitszustand zusehends verschlechterte, konnte er sich mit den apokalyptischen Szenen aus der Offenbarung des Johannes wahrscheinlich besser identifizieren als beispielsweise mit dem Hohelied Salomos oder den Briefen des Apostels Paulus, die zunächst auch in der engeren Wahl für die Vertonung gestanden hatten. So ergänzte er ausgewählte Verse aus der Offenbarung in der Übersetzung Martin Luthers um weitere selbst verfasste Texte, die die einzelnen Bilder noch weiter ausschmückten. Die Komposition teilte er dabei in einen Prolog und zwei Teile ein, wobei im ersten Teil bereits sechs von den sieben Siegeln des Buches geöffnet werden. Maximilian Schmitt als Johannes mit Manfred Honeck am Pult des NDR Elbphilharmonie Orchesters Der Prolog beginnt nach einem kurzen Orchestervorspiel mit dem Auftritt des Johannes. Maximilian Schmitt begeistert in der Partie mit einer sehr sauberen Diktion und einem kraftvollen Tenor, der auch beim fulminant aufspielenden Orchester unter der Leitung von Manfred Honeck nicht überdeckt wird. Musikalisch eindrucksvoll wird dann das Erscheinen Gottes vom NDR Elbphilharmonie Orchester umgesetzt. Tareq Nazmi ist als Stimme des Herrn auf der Chorempore positioniert, so dass seine Stimme auch räumlich "von oben" kommt. Dabei punktet er mit dunklem Bass, der der Figur die erforderliche Autorität verleiht. Auch er bleibt sehr textverständlich, so dass man hier die Übertitel nicht benötigt hätte. Im Anschluss tritt Schmitt als Johannes vor den Thron Gottes, der lautmalerisch vom Orchester mit wunderbaren Farben gezeichnet wird, und trifft auf vier Wesen, die den Thron umgeben. Patrick Grahl, Catriona Morrison, Christina Landshamer und Gerrit Illenberger preisen als göttliche Wesen in einem als Kanon angelegten Quartett den Allmächtigen, wobei die Reihenfolge ein wenig überrascht. Den Anfang macht der Tenor, gefolgt vom Mezzosopran über den Sopran hin zum Bass. In das Lob fallen dann auch die Herren des NDR Vokalensembles und des MDR-Rundfunkchors als Ältestenrat ein. Im Wechselgesang mit dem Chor sieht Johannes nun Christus als Lamm Gottes neben dem Thron stehen. Als einziger erscheint er würdig, das Buch mit den sieben Siegeln zu öffnen. Manfred Honeck (links) mit den vier Solistinnen und Solisten: von links: Chistina Landshamer (Sopran), Catriona Morison (Mezzosopran), Patrick Grahl (Tenor) und Gerrit Illenberger (Bass) Der erste Teil beginnt mit einem langsamen Orgelsolo, bevor im Folgenden nacheinander die ersten sechs Siegel geöffnet werden und jede einzelne Öffnung musikalisch ausgeschmückt wird. Zunächst erscheint ein weißer Reiter, der für das Wort Gottes steht und Frieden auf Erden verheißt. Dieser wird aber schon bei der Öffnung des zweiten Siegels zerstört. Nun taucht ein feuerrotes Ross auf, das die Völker mit Gewalt und Krieg heimsucht. Hier findet Schmidts Musik sehr scharfe Töne, die vom Orchester eindrucksvoll umgesetzt werden. Auch der martialische Text wird von den Herren der beiden Chöre absolut bedrohlich interpretiert. Einen starken Kontrast dazu bilden die Frauen der beiden Chöre, die Gnade für die Mütter und Kinder erflehen, aber nicht erhört werden. Mit der Öffnung des dritten Siegels folgt dann der Tod in Gestalt eines schwarzen Reiters. Erschüttert vernimmt man hier die Not der Menschen, die von Hunger gequält werden. Landshamer und Morrison schlüpfen dabei in die Rollen einer Tochter und einer Mutter, die ihre Klage eindringlich vorbringen. Das NDR Elbphilharmonie Orchester hält lautmalerisch dramatisch dagegen, so dass deutlich wird, dass Mutter und Tochter keine Überlebenschance haben. Bei der Öffnung des vierten Siegels erscheint dann ein "fahles Ross", das auf den Tod folgt. Zu dissonanten Klängen treten zwei Männer auf, Tenor und Bariton, die bis jetzt dem Tod noch entkommen sind, und hoffen, sich irgendwie retten zu können. Die einsetzende Orgel scheint diese Hoffnung noch zu unterstützen. Bei der Öffnung des fünften Siegels erscheinen die Märtyrer, die für ihren Glauben gestorben sind und nun am Thron des rächenden Gottes Schutz suchen. Beim Öffnen des sechsten Siegels erhebt sich ein unheimliches Grollen im Orchester, das ein großes Erdbeben ankündigt, das die Erde vollends aus dem Gleichgewicht bringt. Mit einem angstvollen "Wer kann da bestehen?" endet der erste Teil recht pessimistisch. Das NDR Vokalensemble und der MDR-Rundfunkchor beim "Hallelujah" Der zweite Teil beginnt dann nach einer eindringlichen Einleitung durch die Orgel mit der Öffnung des siebten Siegels. Bewegend beschreibt Schmitt als Johannes den großen Kampf zwischen Himmel und Hölle, der auch in der Musik dramatische Gestalt annimmt. Eine schwangere Frau, die von der Sonne umhüllt wird, wird von einem siebenköpfigen Drachen angegriffen, der ihr Kind auffressen will. Doch der Drache wird in die Hölle verbannt. Nun treten sieben Engel mit sieben Posaunen auf, die als Strafen Gottes auf die Erde stürzen. Immer lauter anschwellend lassen die Solistinnen und Solisten gemeinsam mit den beiden Chören den Zorn Gottes auf die sündige Menschheit niederprasseln. Nach dem Jüngsten Gericht nimmt Nazmi als Stimme des Herrn die Worte aus dem Prolog wieder auf und verspricht den Geretteten ein glückliches Leben. Auch hier kommt die Orgel zum Einsatz, die dem Ganzen einen sakralen Anstrich verleiht. Als Chor der Erlösten setzen die beiden Chöre zu einem stimmgewaltigen siebenfachen "Hallelujah" an, das den Saal zum Beben bringt. Eindrucksvoll wechseln sie nach dem letzten "Hallelujah" in einen sehr differenzierten Flüsterton, bevor Schmitt als Johannes mahnt, die Weissagungen im Gedächtnis zu behalten und gemeinsam mit dem Chor das Werk mit einem kurzen, aber intensiven "Amen" beendet. Das Publikum zeigt sich bewegt und spendet großen Beifall für alle Beteiligten. FAZIT Manfred Honeck setzt die Geschichte eindrucksvoll mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester, zwei gut aufgelegten Chören und Solistinnen und Solisten auf hohem Niveau um. Dass das Werk gottesfürchtiger macht, darf mit Blick auf den Text allerdings bezweifelt werden.
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Ausführende Manfred Honeck, Dirigent NDR Vokalensemble MDR-Rundfunkchor NDR Elbphilharmonie Orchester
Johannes Stimme des Herrn Sopran Mezzosopran Tenor Bass
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