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Koloratur-Akrobatik im Belcanto Von Thomas Molke / Foto: © Igor Studio Deutsche Grammophon Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die große Zeit der Kastraten in der italienischen Oper eigentlich vorbei. Als letzter großer Star in diesem Bereich galt Giovanni Battista Velluti, für den noch Komponisten wie Gioachino Rossini und Giacomo Meyerbeer große Partien schufen. Angeblich soll er im Alter von acht Jahren bei der Behandlung eines hartnäckigen Hustens mit Fieber irrtümlich kastriert worden sein, so dass er anschließend eine musikalische Ausbildung erhielt, die ihm bis in die 1830er Jahre die Tore zu den großen Opernbühnen Europas öffnete. Ihm hat der Countertenor Franco Fagioli gemeinsam mit dem Orchestre de l'Opéra Royal de Versailles unter der musikalischen Leitung von Stefan Plewniak ein Programm gewidmet, das in der Philharmonie Essen im Rahmen der Reihe "Große Stimmen" zu erleben ist. Der aus Argentinien stammende Fagioli zählt mit seinem enormen Stimmumfang von drei Oktaven und einer meisterhaften Technik seit mittlerweile zwei Jahrzehnten zu den gefragtesten Countertenören unserer Zeit. Warum ein solches Konzert allerdings gegen eine Premiere von Puccinis La fanciulla del West im benachbarten Aalto-Theater um das Publikum buhlen muss, bleibt unverständlich. Da hätten sich Theater und Philharmonie Essen besser untereinander absprechen sollen. Franco Fagioli Im ersten Teil widmet sich Fagioli zwei Komponisten, die mit dem rasanten Aufstieg von Rossini schnell in Vergessenheit gerieten, obwohl sie in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts noch zu den gefragtesten Opernkomponisten Italiens zählten: Giuseppe Nicolini und Paolo Bonfichi. Beide arbeiteten mit Velluti zusammen und komponierten ihm große Partien in die Kehle. Von Nicolini präsentiert Fagioli eine Arie des Decebalo aus der 1807 uraufgeführten Oper Traiano in Dacia. Das Werk handelt vom Einmarsch des römischen Kaisers Trajan in Dakien am Schwarzen Meer, wo sich der Kaiser in die Gattin des Königs Decebalo verliebt. Decebalo fleht darin seine Ehefrau an, ihn nicht zu verlassen, und versichert ihr seine Liebe. Fagioli setzt diese bewegende Klage mit weicher Stimmführung an und wird dabei von einem intensiven Klarinetten-Solo begleitet. Vor der Pause widmet sich Fagioli dann erneut diesem Komponisten mit einer großen Szene und einem Rondo aus der 1813 uraufgeführten Oper Carlo Magno. Hier lässt er den Anführer der rebellierenden Sachsen, Vitekindo, zu Wort kommen, der sich Karl dem Großen und seinem Heer im heutigen Westfalen entgegenstellt. Auch hier geht es nicht um den kriegerischen Konflikt, sondern um die vermeintliche Untreue der Verlobten Vitekindos, Rosmida, in die sich der Frankenkönig verliebt hat. Nach einem Orchestervorspiel mit Fagott-Solo beschreibt Vitekindo zunächst in einem dramatischen Rezitativ seine Eifersucht, bevor er nach einer flehenden Arie schließlich beschließt, die Geliebte zu verteidigen. Fagioli setzt dieses Wechselbad der Gefühle mit virtuosen Koloraturen und exorbitanten Oktavsprüngen um und reißt das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Dazwischen gibt es noch einen Auszug aus Bonfichis Oper Attila. In diesem Werk trifft der legendäre Hunnenkönig auf seinem Feldzug in Aquileia auf den Frankenkönig Lotario, der durch den Eroberer auch seine Frau und seinen kleinen Sohn in Gefahr sieht. Bonfichi hatte die Partie des Lotario ebenfalls für Velluti komponiert. Der dreiteilige Aufbau beginnt mit einem düsteren Rezitativ, das Lotarios Furcht um die Seinen deutlich macht, geht über in ein schwärmerisches Arioso über die innige Liebe zu seinem Volk und mündet schließlich in der Hoffnung auf eine sorgenfreie Zukunft. Auch hier zieht Fagioli stimmlich alle Register und malt die Emotionen des Frankenkönigs mit variabler Stimmführung aus. Das Orchestre de l'Opéra Royal de Versailles erweist sich unter der Leitung ihres Chefdirigenten Stefan Plewniak als gleichberechtigter Partner und geht weit über eine bloße Begleitung Fagiolis hinaus. Schon der Auftritt des Orchesters wird vom Schlagzeuger wie der Einmarsch einer fahrenden Musikanten-Truppe zelebriert, in den das restliche Ensemble und Plewniak an der Sologeige einsteigen. Neben Rossinis Sinfonia zur Oper Tancredi und dem Ritornello aus dem Finale aus Rossinis Il viaggio a Reims darf als weiterer musikalischer Höhepunkt der 3. Satz aus dem Violinkonzert d-Moll Nr. 1 von Pierre Rode bezeichnet werden. Hier tritt Plewniak an der Solovioline mit grandiosem Spiel in einen bewegenden Dialog mit dem Orchester. Nach der Pause geht es dann mit Rossinis Aureliano in Palmira weiter, der einzigen Oper des Schwans von Pesaro, in der dieser mit der Partie des Arsace für einen Kastraten komponiert hat. Da dem Werk allerdings kein großer Erfolg beschieden war, setzte Rossini in den folgenden Opern auf Hosenrollen. Auch heute ist bei den Aufführungen dieser Oper, die in der Regel nur im Rahmen von Festspielen zu erleben ist, die Partie meistens mit einem Mezzosopran besetzt. Dass die Musik zu diesem Werk allerdings durchaus Qualitäten hat, wird dadurch deutlich, dass Rossini sie teilweise erneut im Barbiere di Siviglia verwendete. So übernahm er die Ouvertüre und bediente sich auch an der Cavaletta für Rosinas berühmte Arie "Una voce poco fa". Das Orchestre de l'Opéra Royal de Versailles eröffnet den zweiten Teil mit einer schmissigen Interpretation der berühmten Sinfonia, bevor Fagioli in der anschließenden Szene und Cavaletta erneut seine Vokalakrobatik mit einem Feuerwerk beweglicher Koloraturen zur Schau stellt. Wenn er als Perserprinz Arsace sein Volk entschlossen zum Kampf gegen den römischen König Aureliano aufruft, um die palmyrische Königin Zenobia zu befreien, klingt Fagioli in den Koloraturen ähnlich verschlagen wie Rosina im Barbiere. Es folgt die Ouvertüre zu der heute eher selten gespielten Oper Giulietta e Romeo von Niccolò Antonio Zingarelli, bevor mit Saverio Mercadante ein Komponist auf dem Programm steht, der als Bindeglied zwischen Belcanto und Verdi gilt und trotz immer wieder neuer Versuche noch nicht den Sprung zurück ins Repertoire geschafft hat. Auch er hat die Titelpartie in seiner 1821 uraufgeführten Oper Andronico für Velluti komponiert. Andronico ist der Sohn des Herrschers von Byzanz, Calojanni, und leidet darunter, dass sein Vater seine Geliebte Irene zur Frau genommen und zur Kaiserin erhoben hat. In einem bewegenden Rezitativ versucht er, die Erinnerung an glücklichere Zeiten zu verdrängen, und gibt sich anschließend träumerisch einer verlorenen Illusion hin, bevor er sich dann in einem Feuerwerk von Koloraturen Mut für seine zukünftige Aufgabe in der Provinz zuspricht. Hier gelingt Fagioli mit beweglicher Stimmführung ein fulminanter Abschluss, der das Publikum erneut in tosenden Applaus ausbrechen lässt. Natürlich lässt das begeisterte Publikum Fagioli nicht ohne Zugaben ziehen. Die erste Zugabe führt zurück zu Rossinis Aureliano in Palmira. Fagioli präsentiert Arsaces Rondo aus dem zweiten Akt "Non posso al mio tesoro" und begeistert erneut mit flexiblen Koloraturen. Die zweite Zugabe ist wahrscheinlich bereits als "Rausschmeißer" gedacht. Hier zeigt sich Fagioli sehr leidenschaftlich, wenn er zu dem berühmten neapolitanischen Lied "Non ti scordar di me" von Ernesto De Curtis ansetzt. Doch das Publikum wünscht sich noch mehr. So wechselt Fagioli zum Abschluss ins französische Fach zu Rameaus Castor et Pollux. Hier schlüpft er in die Partie der Prinzessin Télaïre und präsentiert sehr eindringlich ihre Klagearie "Tristes apprêts", in der sie den Tod des von ihr geliebten Castor beklagt. Anschließend lässt das Orchestre de l'Opéra Royal de Versailles die Musik vom Anfang erklingen, um nun den Auszug des Orchesters anzukündigen. Das Publikum begleitet die Musik mit begeistertem Applaus.
FAZIT Franco Fagioli hebt auch mit diesem Programm zu Unrecht vergessene Schätze und begeistert mit virtuosen Koloraturen und flexibler Stimmführung. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
AusführendeFranco Fagioli, Countertenor Orchestre de l'Opéra Royal de Versailles Stefan Plewniak, Leitung und Solovioline WerkeGioachino Rossini
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