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Große Stimmen
Ein Abend mit Anna Netrebko

Werke von Antonín Dvořák, Francesco Cilea, Jacques Offenbach, Luigi Arditi, Léo Delibes, Nikolai Rimski-Korsakow, Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, Richard Strauss, Ruggero Leoncavallo, Sergej Rachmaninow und Vincenzo Bellini

in italienischer, französischer, tschechischer, deutscher und russischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 20' (eine Pause)

Aufführung am Samstag, 27. Juni 2026, 19.00 Uhr
Alfried Krupp Saal in der Philharmonie Essen

 


Theater und Philharmonie Essen
(Homepage)

Lieblingslieder einer Primadonna

Von Thomas Molke / Fotos: © Sven Lorenz / TUP

Anna Netrebko gilt als eine der berühmtesten Primadonnen des 21. Jahrhunderts, die aufgrund ihrer Medienpräsenz auch einem opernfernen Publikum bekannt sein dürfte. Ab den frühen 2000er Jahren eroberte sie in zentralen Partien des Repertoires die Bühnen auf der ganzen Welt. Unvergessen dürften ihre Traviata bei den Salzburger Festspielen 2005 in der Inszenierung von Willy Decker und ein Jahr darauf ihre Susanna in Mozarts Le nozze di Figaro sein. Doch mit dem Ausbruch des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine geriet sie in mediale Kritik, weil sie sich nicht rechtzeitig und für einige auch nicht deutlich genug gegen ihren ehemaligen Gönner Putin und den Krieg positionierte. So fanden sich auch am Abend des Konzerts in der Essener Philharmonie vor dem Eingang protestierende Menschen ein, die gegen ihren Auftritt demonstrierten. Doch die Leitung der Philharmonie hielt an dem Engagement fest und hat Netrebko auch bereits für die nächste Spielzeit im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Große Stimmen" nach Essen eingeladen. Das Konzert am Samstagabend bei tropischen Temperaturen war nicht nur lange Zeit ausverkauft, sondern wurde auch in den Stadtgarten übertragen, so dass man sich auch ohne Karte von den vokalen Leistungen der Ausnahme-Sängerin überzeugen konnte.

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Anna Netrebko bei der letzten Zugabe nach der Pause

Für den Abend hat Netrebko einen bunten Strauß größtenteils weniger bekannter Opernarien und Lieder zusammengestellt, die ihr besonders am Herzen liegen. Dafür hat sie Pavel Nebolsin als Klavierbegleitung, Kurt Mitterfellner an der Violine und die Mezzosopranistin Elena Maximova für einige Duette mitgebracht. Im Saal der Philharmonie ist auch die Chorempore voll besetzt, so dass Netrebko in alle Richtungen singt und spielt. Als Anfang hat sie einen Auszug aus Francesco Cileas Oper Adriana Lecouvreur ausgewählt, den man auch als Statement Netrebkos auf die mediale Diskussion verstehen kann: "Io son l'umile ancella" ("Ich bin eine demütige Dienerin" der Kunst). Die Oper handelt von einer berühmten Schauspielerin der Pariser Comédie-Française, deren früher Tod Spekulationen für zahlreiche Gerüchte geliefert hat. Angeblich soll sie von der Herzogin von Bouillon vergiftet worden sein, weil Adriana die Rivalin um die Gunst eines Mannes gewesen sein soll. Netrebko nutzt für die Szene darstellerisch die ganze Bühne und wechselt von pathetischem Sprechstil in bruchlosen Gesang, bei dem sie mit großartigen Spitzentönen begeistert. Dass sie in dieser Szene noch recht unnahbar wirkt, passt gut zur Interpretation der Partie. Doch diese große Theatralik hält sie bis zur Pause durch, was bei den folgenden Stücken ein wenig übertrieben wirkt. Kann man es ihr verübeln? Bei allem frenetischen Zuspruch im Saal hat sie vielleicht doch damit zu kämpfen, dass vor dem Haus Menschen gegen ihren Auftritt demonstrieren.

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Operngenuss bei tropischen Temperaturen im Stadtgarten

So klingt für das folgende "Lied der Lerche" von Rimski-Korsakow ihr großer Sopran ein wenig zu schwer und lässt die Leichtigkeit vermissen, der für die Beschreibung des Vogels angebracht wäre. Auch bei der folgenden Arie des Schneeflöckchen aus der gleichnamigen Oper setzt sie auf zu große Theatralik, die im Gegensatz zur Schüchternheit der leidenden Titelfigur steht. Stimmlich ist hier nichts zu beanstanden, aber darstellerisch wäre hier weniger mehr gewesen. Ob sie sich mit der Auswahl der drei folgenden Lieder von Richard Strauss einen Gefallen getan hat, ist ebenfalls fraglich, da sie zumindest beim mittleren "Morgen" trotz einer großartigen Diktion die Lieder mit großer Opernstimme ansetzt und dabei den kontemplativen Charakter und die stille Gewissheit der Liebeserfüllung ein wenig aus dem Fokus verliert. Bei den folgenden Liedern von Rachmaninow transportiert sie den Inhalt wesentlich stärker im Einklang mit dem Gesang, und auch beim berühmten Blumenduett aus Lakmé, mit dem das Publikum in die Pause geschickt wird, begeistert Netrebko gemeinsam mit ihrer Kollegin Elena Maximova mit intensiver Interpretation. Dabei harmoniert ihr Sopran wunderbar mit dem dunkel angesetzten, samtigen Mezzosopran Maximovas.

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Anna Netrebko (rechts) und Elena Maximova (links) beim "Chanson bohème" aus Carmen (links hinten: Pavel Nebolsin)

Nach der Pause ist Netrebko dann wie ausgewechselt. Nun tritt sie mit der Leichtigkeit und dem Charme auf, den man an ihr seit Jahrzehnten liebt. Der Teil beginnt mit einem Duett aus Tschaikowskys Pique Dame. Hier schlüpft Netrebko in die Rolle der Lisa und besingt mit ihrer Freundin Polina stimmungsvoll lyrisch den Abend, der angebrochen ist. Auch hier finden Maximovas Mezzosopran und Netrebkos leuchtende Höhen wunderbar zueinander und lassen eine sehr intime Stimmung entstehen. Es folgen einige unbekannte Lieder von Tschaikowsky, die von Netrebko ebenfalls mit natürlichem Spiel interpretiert werden. Im letzten Lied, "Die Sonne ist untergegangen" stellt Netrebko auch ihr komisches Talent unter Beweis, wenn sie sich erst liebevoll von ihrem Geliebten verabschiedet, ihm noch einen zärtlichen Kuss hinterherschickt, ihm zuwinkt und dann mit einer herablassenden Handbewegung deutlich macht, dass er ruhig von dannen ziehen kann. Bewegend inszeniert Netrebko anschließend Rusalkas berühmtes "Lied an den Mond" aus Dvořáks Oper. Hier tritt sie erst nach dem Vorspiel am Klavier auf und glänzt mit innigen, sauber angesetzten Spitzentönen. In Neddas Vogellied aus Leoncavallos Pagliacci begeistert sie dann mit großartiger Leichtigkeit als freiheitsliebende Nedda, die aus ihrer Ehe mit dem Bajazzo Canio ausbrechen möchte.

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Anna Netrebko und Kurt Mitterfellner mit der Violine

Wunderbar inszeniert wird dann die berühmte Barcarole aus Offenbachs Les Contes d'Hoffmann. Von unterschiedlichen Seiten treten Maximova als Nicklausse und Netrebko als Giulietta auf und bewegen sich langsam aufeinander zu. Auch hierbei harmonieren ihre Stimmen wunderbar miteinander. Zum Abschluss des offiziellen Programms versprüht Netrebko beim Koloraturwalzer "Il bacio" von Luigi Arditi noch einmal pure Lebensfreude, die ein bisschen an "Meine Lippen, die küssen so heiß" aus Lehárs Operette Giuditta erinnert, das vor allem in den frühen Jahren von Netrebkos Erfolg als eine Bravour-Nummer häufig als Zugabe gespielt wurde. Jetzt scheint Netrebko mit ausgelassenem Tanz und leicht perlenden Koloraturen den ganzen äußeren Druck abgelegt zu haben. Pavel Nebolsin erweist sich am Klavier nicht nur als kongenialer Begleiter, sondern glänzt auch in einigen Instrumentalnummern, die Netrebko in dem anspruchsvollen Programm kurze Gelegenheit zum Durchatmen bieten. Erwähnt sei hier das Prélude cis-Moll für Klavier von Rachmaninow vor der Pause, das in der Stummfilmära gerne für eine Sterbe- oder Aufruhrszene verwendet wurde. Auch ohne Bebilderung geht Nebolsins Interpretation dabei unter die Haut. Faszinierend gelingen auch seine Variationen über ein Thema aus Vincenzo Bellinis I Capuleti e i Montecchi, die er selbst für Klavier bearbeitet hat und die in ihrer Vehemenz und Schnelligkeit dem Publikum den Atem stocken lassen. Einige Nummern werden auch von Kurt Mitterfellner an der Violine mit großem Einfühlungsvermögen begleitet. Hervorzuheben ist Tschaikowskys Valse sentimentale, bei dem Mitterfellner mit Nebolsin am Klavier begeistert.

Natürlich lässt das Publikum Netrebko nach dem rund zweistündigen Programm nicht ohne Zugaben gehen. Man hat das Gefühl, dass hierbei Maximova ein wenig mehr ins Zentrum rückt als im vorherigen Programm, bei dem sich Netrebko mit einem sicherlich absolut kräftezehrenden Programm verausgabt hat. Den Anfang macht eine Szene aus Mozarts Le nozze di Figaro, bei der Netrebko und Maximova in die Rollen der Susanna und des Cherubino schlüpfen. Der Graf hat gerade mit der Gräfin ihr Zimmer verlassen, um den Schlüssel für den Schrank zu holen, den die Gräfin nicht aufsperren möchte und in dem sich Cherubino versteckt hält. Nun will Susanna dem jungen Mann zur Flucht aus dem Raum verhelfen, wobei die einzige Möglichkeit ein Sprung aus dem Fenster ist. Netrebko und Maximova spielen die Szene mit viel Vergnügen nach. Nach einem eindrucksvollen Instrumentalstück von Nebolsin und Mitterfellner schlüpft Maximova in die Rolle der Carmen aus Bizets gleichnamiger Oper und präsentiert mit Netrebko ein feuriges "Chanson de bohème". Während Maximova mit dunklem Mezzosopran und intensivem Spiel eine großartige Femme fatale gibt, fegt Netrebko als Frasquita mit Fächer über die Bühne und schwingt ihren Rock. Nach so viel Power will das Publikum immer noch mehr, und so gibt Netrebko noch einmal zum Abschluss die Arie der Nedda, bevor sie sich endgültig vom jubelnden Publikum verabschiedet.

FAZIT

Anna Netrebko stellt unter Beweis, dass sie noch immer eine absolute Ausnahmekünstlerin ist, und begeistert mit einem abwechslungsreichen Programm, das sowohl ihr Können im Bereich der Oper als auch der Liedliteratur hervorhebt.



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Ausführende

Anna Netrebko, Sopran

Elena Maximova, Mezzosopran

Kurt Mitterfellner, Violine

Pavel Nebolsin, Klavier


Werke

Francesco Cilea
"Del sultano Amuratte m'arrendo
all'imper... Ecco: respiro appena...
Io son l'umile ancella"
Arie der Adriana Lecouvreur aus
Adriana Lecouvreur

Nikolai Rimski-Korsakow
"Das Lied der Lerche erklingt lauter",
op. 43 Nr. 1

"O großer Zar"
Arie des Schneeflöckchen aus
Schneeflöckchen

Richard Strauss
"Ständchen", op. 17 Nr. 2

"Morgen", op. 27 Nr. 4

"Cäcilie". op. 27 Nr. 2

Sergej Rachmaninow
Prélude cis-Moll, op. 3 Nr. 2
für Klavier

"Hier ist es schön", op. 21 Nr. 7

"O sing, Du Schöne, sing mir nicht",
op. 4 Nr. 4

Léo Delibes
"Dôme épais le jasmin"
Blumenduett aus Lakmé

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky
"Es ist schon Abend..."
Duett Lisa / Polina aus
Pique Dame

"So schnell vergessen", TH 94

"Trunkene Nächte", op. 60 Nr. 6

"O Kind, ich singe dir"
Serenade, op. 63 Nr. 6

"Die Sonne ist untergegangen",
op. 73 Nr. 4

Valse sentimentale,
op. 51 Nr. 6 für Violine und Klavier

Antonín Dvořák
"Lied an den Mond"
Arie der Rusalka aus Rusalka

Ruggiero Leoncavallo
"Stridono lassù" (Vogellied)
Arie der Nedda aus Pagliacci

Vincenzo Bellini
Rondo brillante
Variationen über ein Thema von
I Capuleti e i Montecchi
(bearbeitet von Pavel Nebolsin
für Klavier)

Jacques Offenbach
"Belle nuit, o nuit d'amour"
Barcarole aus
Les Contes d'Hoffmann

Luigi Arditi
"Il bacio" (Der Kuss)
Koloraturwalzer


Weitere Informationen
erhalten Sie von der

Theater und Philharmonie Essen
(Homepage)



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