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Große Concerte zum Jahreswechel


Ludwig van Beethoven: 9. Symphonie
Gewandhausorchester Leipzig, Leitung: Alan Gilbert


29. Dezember 2025, Gewandhaus Leipzig (Wiederholung am 30. und 31. Dezember 2025)



Musikalisches Feuerwerk in düsteren Zeiten

Von Stefan Schmöe / Fotos von Grit Hartung

Auf Arthur Nikisch geht die Tradition zurück, am Leipziger Gewandhaus das Jahr im Rahmen der "Großen Concerte", wie es ein wenig vornehm heißt, mit Beethovens 9. Symphonie zu beenden. Ohnehin ist die Komposition zum großen Fest- und Repräsentationswerk geworden. Anlässlich der deutschen Wiedervereinigung ersetzte die "Freiheit" die "Freude" als schönen Götterfunken. Natürlich wurde "die Neunte" auch zur Einweihung des Neuen Gewandhauses am Leipziger Augustusplatz gespielt. Am bürgerlichen Kulturbewusstsein kam auch Honeckers Arbeiter- und Bauernstaat nicht vorbei. Auch jetzt garantiert das Werk an drei Abenden ein ausverkauftes Haus.

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Die namentlich nicht genannten Autoren des Programmhefts (Redaktion: Ann-Katrin Zimmermann, Paula Rösner und Niklas Schächner) versuchen nach Kräften, den Eindruck eines rein festlich-gefälligen Werkes zurechtzurücken. Im Ton launig, in der Sache fundiert haben sie einen Brief an den "lieben Ludwig" (van Beethoven) geschrieben und konfrontieren ihn darin mit dem Vorwurf des Eigensinns. So nämlich reagierte aus guten Gründen das zeitgenössische Publikum nach der Uraufführung 1824. Auch heute noch ist das Urteil in der Musikwelt gespalten: Bei aller Bewunderung winkt so mancher Kenner genervt ab. "Bleib' mir weg mit der Neunten - zu laut, zu pathetisch" (und wohl auch: zu abgedroschen). Insofern ist eine Aufführung, zumal im traditionsverhafteten Leipzig, immer noch - oder wieder - eine Herausforderung. 2025 sollte diese Aufgabe Mirga Gražynitė-Tyla zufallen, die aber krankheitsbedingt kurzfristig absagen musste. Statt ihrer dirigiert nun Alan Gilbert, seit 2019 Chefdirigent des NDR-Elbphilharmonie Orchesters Hamburg und regelmäßig als Gast am Pult des Gewandhausorchesters (zuletzt noch vor drei Wochen).

Man kennt sich also. Und seinen Beethoven kennt sowohl das Orchester als auch der Dirigent sowieso. Die Präzision im Zusammenspiel und die Transparenz des Klanges sind beeindruckend. Das Orchester reagiert flexibel auf kleine Gesten. Gilbert hebt oft Neben- und Mittelstimmen hervor und kann die Klangfarbe wechseln lassen - auch bei den sehr guten Chören (MDR-Rundfunkchor, GewandhausChor und GewandhausKinderchor - in dieser Schreibweise). Zu den Worten "überm Sternenzelt" vermittelt der leuchtende, intensive Klang die visionäre Idee des Komponisten. Das ist die Antwort auf das totenglockenhaft fahle d-Moll des Beginns der Symphonie. Per aspera ad astra, das große Programm Beethovens, bildet die große Klammer, und diesen Bogen spannt Gilbert überzeugend.

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Der Weg dahin ist von latenter Nervosität gekennzeichnet. Die Düsternis des bei Gilbert zielstrebig auf die Katastrophe hinlaufenden Kopfsatzes erfährt kaum eine Aufhellung, das Scherzo huscht atemlos dahin (die lyrischen Einschübe weisen gespenstisch auf Mahler voraus). Die Tempi sind nicht übereilt, aber flott. Gilbert ist nichts am schnellen Effekt gelegen, aber er unterschlägt das Bedrohliche keineswegs. Auch das Adagio bringt wenig Entspannung, denn unter der versöhnlichen Oberfläche brodelt es weiter. Wenn im Finale das Orchester das Freuden-Thema anstimmt, dann kostet Gilbert genüsslich die geradezu absurde Gegenstimme des Fagotts aus. Die Interpretation ist durchweg federnd und energiegeladen (exzellent sind die Pauken).

Man kann also durchaus hören, dass die Symphonie drei Sätze (und ein Orchesterrezitativ) lang eher Krisen- als Festzeiten beschreibt. Bis der Bass ein Machtwort spricht: "O Freunde, nicht diese Töne!" Mit nobler Diktion, der die fehlende Fülle der Stimme ausgleicht, beendet Michael Nagy die von Gefahr gekennzeichnete Stimmung und führt ein ganz ordentliches und recht homogenes, aber keinesfalls überragendes Solistenquartett an (dazu gehören Sarah Traubel, Xenia Puskarz Thomas und Patrick Grahl). Dann darf sich die Musik nach und nach kontrolliert in einen Rausch hineinsteigern. Den in seinem Idealismus eben doch ziemlich lärmend gestalteten Jubelschluss lässt Gilbert effektvoll explodieren wie ein großes Neujahrsfeuerwerk. Das Publikum dankt mit stehenden Ovationen.




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Ausführende

Sarah Traubel, Sopran
Xenia Puskarz Thomas, Mezzosopran
Patrick Grahl, Tenor
Michael Nagy, Bass

MDR-Rundfunkchor
(Einstudierung: Nicolas Fink)

GewandhausChor
(Einstudierung: Gregor Meyer)

GewandhausKinderchor
(Einstudierung: Frank Steffen Elster)

Gewandhausorchester Leipzig

Leitung: Alan Gilbert


Werke

Ludwig van Beethoven:
Symphonie Nr. 9 d-Moll op. 125



Weitere Informationen:


Gewandhausorchester Leipzig



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