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Musikalischer Dialog mit dem neuen GMD Von Thomas Molke / Fotos: © Irène Zandel Die Bochumer Symphoniker haben einen neuen Generalmusikdirektor. Nach fünf Spielzeiten hat Tung Chieh Chuang den Stab an Aurel Dawidiuk weitergegeben. Der in Hannover geborene Dawidiuk gehört zu der noch sehr jungen Generation aufstrebender Dirigenten und kann bereits auf eine Vielzahl an Auszeichnungen zurückblicken. Dabei hat er sich auch als Pianist und Organist verdient gemacht und bereits mehrere CDs veröffentlicht. Sein Album B-A-C-H: "Hommage à..." aus dem Jahr 2023 mit einer Sammlung von Orgelmusik wurde zweimal für den Opus Klassik nominiert. Des Weiteren ist er neben zahlreichen Gastdirigaten bei namhaften Orchestern als erster Bernard Haitink Associate Conductor beim Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam engagiert. In Bochum stellt er sich nun in der Reihe BoSy Extra in einem Antrittskonzert an seiner neuen Wirkungsstätte gleich in Doppelfunktion als Dirigent und Pianist vor. Der neue Generalmusikdirektor Aurel Dawidiuk Dafür hat er ein Programm zusammengestellt, dass musikalisch ein breites Spektrum vom 18. bis zum 20. Jahrhundert abdeckt und sich mit der Frage beschäftigt, wie musikalische Traditionen aufgenommen und in etwas Eigenes verwandelt werden können. Den Anfang macht ein Werk von Paul Hindemith, dem durchaus eine besondere Beziehung zu Bochum nachgesagt werden kann. Schon in den 1920er Jahren dirigierte er auch hier seine Werke und war bei der Neueröffnung des Schauspielhauses 1953 als Gast am Dirigentenpult zu erleben. Dawidiuk hat sich für den Einstand für Hindemiths knapp fünfminütigen Ragtime (wohltemperiert) entschieden, der 1921 in Berlin uraufgeführt wurde. Hier trifft der amerikanische Ragtime auf europäische Kunstmusik und schlägt mit rhythmischen Variationen und starken Synkopen immer wieder Kapriolen, die dem Publikum keinen Moment Ruhe gönnen. Alles ist hier von jugendlich frischer Energie und wird von den Bochumer Symphonikern unter Dawidiuks zupackendem Dirigat eindrucksvoll umgesetzt. Damit gibt Dawidiuk bereits einen ersten Vorgeschmack, wohin die Reise in den nächsten Jahren gehen könnte. Aurel Dawidiuk (vorne rechts) mit den Bochumer Symphonikern im Anneliese Brost Musikforum Ruhr So macht es auch durchaus Sinn, dieses Werk ganz an den Anfang des Konzertes zu stellen, obwohl die anschließende Umbaupause länger dauert als das kurze Stück von Hindemith. Für Haydns Konzert für Klavier und Orchester Nr. 11 D-Dur muss nämlich das Dirigier-Podest abgebaut und Platz für den Flügel geschaffen werden, der nun in der Mitte der Bühne positioniert wird. Die Geigen auf der linken Bühnenseite müssen zunächst weichen, weil sonst nicht genügend Raum gewesen wäre, den Flügel auf die Bühne zu schieben. Dawidiuk übernimmt bei diesem Konzert die Doppelfunktion als Dirigent und Pianist. Mit jugendlicher Frische führt er die Bochumer Symphoniker zunächst in den ersten Satz, Vivace, bevor er selbst am Klavier mit dem Orchester in einen wunderbar ausgeloteten Dialog tritt. Im Anschlag setzt er immer wieder besondere Akzente, scheint gewissermaßen Fragen an das Orchester zu stellen, das auf differenzierte und teilweise sehr sanfte Weise Antworten gibt. Dabei gibt es immer wieder überraschende Wendungen, bei denen mal das Klavier dem Orchester, dann das Orchester wiederum dem Klavier folgt. Das Publikum zeigt sich bereits nach dem ersten Satz derart begeistert, dass es gegen die Konventionen schon großen Applaus spendet. Begeistert wird im Anschluss an dieses Klavier-Konzert das Publikum in die Pause entlassen. Nach der Pause widmet sich Dawidiuk einem "regelrechten Brocken": Brahms' Symphonie Nr. 1 c-Moll. Rund 14 Jahre feilte Brahms an diesem knapp 50-minütigen Werk, bis die Symphonie ihre Uraufführung in Karlsruhe erlebte. Immer wieder wurde auf ihre Nähe zu Beethovens Symphonien hingewiesen. Schon zu Beginn des ersten Satz spürt man eine innere Zerrissenheit und das Ringen des Komponisten mit der richtigen Form. Hier scheint man regelrecht panisch auf der Suche zu sein, da man weiß, dass sich diese Gattung unmittelbar an Beethoven messen lassen muss. Dawidiuk verzichtet auf ein Dirigierpult, leitet die Symphonie auswendig, weil er jeden dramatischen Moment in sich aufgenommen hat, und führt die Bochumer Symphoniker lebhaft und mit vollem Körpereinsatz durch die Partitur. In diesem ersten Satz durchlebt man ein Wechselbad der Gefühle, weil immer wieder neue Wendungen und Zusammenhänge entstehen. Der zweite Satz lässt das Publikum dann ein wenig zur Ruhe kommen. Nun ist das Orchester wesentlich zurückgenommener und entwirft Bögen von einer lyrischen Schönheit. Individuell lässt Dawidiuk einzelne Instrumente hervortreten, die sich mit dem Klang des ganzen Orchesters verweben. Im dritten Satz wird die Leichtigkeit des zweiten Satzes durch wechselnde Klangfarben allmählich durchbrochen und eine dramatische Spannung aufgebaut, die dann fast ohne kurze Pause in das Finale, den markanten vierten Satz, übergeht. Nach einem weiteren Kampf schlägt das c-Moll schließlich in C-Dur um und führt das Werk zu einem grandiosen Abschluss. Das alles wird von den Bochumer Symphonikern mit viel Pathos umgesetzt. Das Publikum feiert den neuen Generalmusikdirektor und das Orchester mit stehenden Ovationen. Eine Zugabe gibt es an diesem Abend nicht. Dafür betritt der Oberbürgermeister der Stadt Bochum, Jörg Lukat, die Bühne, um Dawidiuk offiziell in seinem neuen Amt zu begrüßen und ihm einen Blumenstrauß zu überreichen. Der Strauß ist zwar gemessen an dem, was man sonst bei derartigen Veranstaltungen sieht, sehr bescheiden. Dafür sind die Worte, die Lukat für den neuen Generalmusikdirektor findet, umso herzlicher. Dawidiuk mache mit seiner unglaublichen Energie die Kraft und Leidenschaft der Musik spürbar, so dass man Musik als universelle und verbindende Sprache verstehe. Mit großer Vorfreude könne man auf die geplanten Projekte blicken wie beispielsweise die Aufführung aller neun Beethoven-Sinfonien in den folgenden drei Spielzeiten. Im Anschluss geht es zum Sektempfang ins Foyer, wo es die Möglichkeit für das Publikum gibt, den neuen Generalmusikdirektor in persönlichen Gesprächen näher kennenzulernen. FAZIT Aurel Dawidiuk hat einen gelungenen Einstand in Bochum gegeben, so dass man mit großen Erwartungen auf kommende Projekte blicken darf. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
AusführendeBochumer Symphoniker Aurel Dawidiuk, Klavier und Dirigent Werke
Paul Hindemith
Joseph Haydn
Johannes Brahms
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