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Zwei Arten der Ewigkeit Von Thomas Molke / Fotos: © Mischa Blank, Simon Pauly und Jean-Baptiste Millot Neben neuen Formaten hält der neue Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker, Aurel Dawidiuk, auch an altbewährten Reihen fest. Das erste Konzert der BoSy Meisterstücke dirigiert er allerdings nicht selbst. Dafür hat er Ustina Dubitsky eingeladen, die sich nach einem Violinstudium und erfolgreicher Tätigkeit als Konzertmeisterin seit 2014 ganz dem Dirigieren zugewandt hat. Seitdem hat sie am Pult zahlreicher renommierter Orchester gestanden und ist nun für einen spannenden Doppelabend ins Anneliese Brost Musikforum Ruhr nach Bochum gekommen. Der Abend verbindet unter dem Titel Irdisches Glück - Ewiges Sein mit Richard Wagners Siegfried-Idyll und Gustav Mahlers Das Lied von der Erde zwei Werke, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein können. Für Dubitsky verbindet sie aber der Gedanke an verschiedene Arten der Ewigkeit. Den Anfang macht Wagners Siegfried-Idyll, das in der Urfassung mit nur 13 Musikerinnen und Musikern gespielt wird. Komponiert hat Wagner es als knapp 20-minütiges Geburtstagsständchen für seine zweite Frau Cosima, die er am 25. August 1870 geheiratet hatte. Ursprünglich trug es den Titel "Tribschener Idyll mit Fidi-Vogelgesang und Orange-Sonnenaufgang als symphonischer Geburtstagsgruß. Seiner Cosima dargebracht von ihrem Richard." Am Weihnachtsmorgen erklang es auf der Treppe vor Cosimas Schlafzimmer in dem am Vierwaldstättersee gelegenen Landhaus in Tribschen, das Wagner 1866 bezogen hatte und wo 1869 der gemeinsame Sohn Siegfried geboren worden war. Auf ihn spielt der Ausdruck "Fidi-Vogelgesang" an, da "Fidi" der Kosename für den kleinen Siegfried war. Dass Wagner das Stück nur für ein dreizehnköpfiges Orchester komponiert hatte, lag ursprünglich daran, dass mehr Personen nicht ins Treppenhaus passten. Erst als er das Stück später für öffentliche Aufführungen zu dem heutigen Titel Siegfried-Idyll umbenannte, erweiterte er es auch für eine größere Besetzung. Ustina Dubitsky (© Jean-Baptiste Millot) Musikalisch erinnert das Werk mehr an den Helden Siegfried aus Wagners Ring des Nibelungen als an Wagners Sohn. Wagner hatte die Arbeit am Siegfried mehrere Jahre unterbrochen, um unter anderem Die Meistersinger von Nürnberg und Tristan und Isolde zu komponieren, bevor er die Arbeit an der Partitur 1868 wieder aufnahm. 1869 hatte er die Orchesterskizze des dritten Aufzugs des Siegfried vollendet, und das Hauptthema des Siegfried-Idyll bedient sich einer Melodie Brünnhildes, in der sie ihre ewige Liebe zum jungen Siegfried besingt. Auch wenn die sanften Bögen ein tiefes Gefühl zarter Liebe vermitteln, sollte man die Parallelen zum Ring nicht allzu eng ziehen. Immerhin ist Brünnhilde ja als Wotan-Tochter eigentlich Siegfrieds Tante und Siegfried selbst ein Spross einer inzestuösen Beziehung der Zwillinge Siegmund und Sieglinde. Lediglich der Altersunterschied kann als passend bezeichnet werden, da Cosima ja über 20 Jahre jünger als Wagner war und auch Brünnhilde ja schon eine ausgewachsene Walküre war, bevor Siegfried geboren wurde. In immer neuen Variationen kreist das Stück um dieses Liebesmotiv und greift auch andere Themen wie Siegfrieds Horn auf. Das alles wird von den 13 Musikerinnen und Musikern unter der Leitung von Dubitsky nahezu kammerspielartig mit viel Gefühl umgesetzt. Nach der Pause geht es mit Gustav Mahlers Das Lied von der Erde weiter. Das Werk ist kaum einer Gattung zuzuordnen, da es einerseits ein Liederzyklus ist, andererseits große symphonische Ausmaße besitzt. Mahler selbst nannte es eine Symphonie für Tenor-, Alt- oder Bariton-Stimme und Orchester, gab ihm allerdings keine Nummer. Ein Grund dafür mag gewesen sein, dass er zuvor bereits neun Symphonien komponiert hatte und auch er seit Beethoven dem Aberglauben unterlag, dass ein Komponist nach Vollendung der Neun eigentlich nicht weitergehen könne. Die Entstehung des Werkes fiel in eine für Mahler sehr schwere Zeit. 1907 starb seine gerade vierjährige Tochter Maria Anna, und unter dem Druck einer antisemitisch geprägten Kampagne musste er sein Amt an der Wiener Hofoper aufgeben. Außerdem erfuhr er, dass er an einem irreparablen Herzklappenfehler litt, der sein Leben jederzeit beenden konnte. In dieser Situation stieß er auf eine Gedichtsammlung unter dem Titel Die chinesische Flöte von Hans Bethge, bei der es sich um eine freie Nachdichtung chinesischer Lyrik über die Vergänglichkeit des Lebens handelte. Sieben dieser Gedichte wählte Mahler als Grundlage für sechs Lieder aus, die damit auch die sechs Sätze des Werkes bilden. Mirko Roschkowski (© Mischa Blank) Die Lieder 1, 3 und 5 werden von dem Tenor Mirko Roschkowski vorgetragen. Die Mezzosopranistin Okka von der Damerau präsentiert die Lieder 2, 4 und 6. Der erste Satz beginnt bombastisch und bedrohlich. Hier hört man aus den gellenden Klängen des Orchesterapparates das bevorstehende Ende des Lebens der Menschen bereits heraus. Überschrieben ist das Lied "Das Trinklied vom Jammer der Erde". Die Erde jammert, weil alles auf ihr vergänglich ist und nur sie selbst in Ewigkeit besteht. Roschkowski muss hier regelrecht gegen das Orchester ankämpfen. In der ersten Zeile des Liedes ist der Text daher nicht zu verstehen. Im weiteren Verlauf gelingt es Roschkowski allerdings, sich mit kraftvollem Tenor und klarer Diktion gegen das Orchester durchzusetzen. In diesem scheinbaren Kampf wird deutlich, wie der Mensch auch gegen die Vergänglichkeit des Seins rebelliert. Die Bochumer Symphoniker loten unter Leitung von Dubitsky die Abgründe der Welt lautmalerisch beeindruckend aus. Sehr melancholisch interpretiert dann von der Damerau im zweiten Satz den "Einsamen im Herbst", der am Ende seines Lebens steht und bereits viele seiner Liebsten verloren hat. Von der Damerau punktet hier mit warmem Mezzosopran, der in den Höhen große Strahlkraft entwickelt. Okka von der Damerau (© Simon Pauly) Nach dem eher düsteren Beginn geht es nahezu fröhlich im dritten und vierten Satz weiter, wenn im nächsten Frühling das neue Leben erwacht. Roschkowski präsentiert mit jugendlicher Leichtigkeit und strahlendem Tenor das Lied "Von der Jugend", bevor von der Damerau sich der Schönheit im vierten Lied widmet. Das fünfte Lied beschäftigt sich dann mit der Frage, wie man damit umgehen soll, dass diese Jugend nicht ewig dauern wird. Da gibt es eigentlich nur eine Antwort: Alkohol. "Der Trunkene im Frühling" lässt vergessen, dass der Frühling irgendwann vorbei sein wird. Der sechste Satz "Der Abschied" ist nahezu genauso lang wie die fünf vorherigen Sätze zusammen und führt durch ein Wechselbad der Gefühle, weil er erneut den Kampf des Sterblichen gegen die Natur zeigt. Von der Damerau interpretiert diesen Part sehr eindrucksvoll und findet am Ende den Frieden in der Erkenntnis, dass die Erde allein schließlich ewig sein wird. Mit diesem "Ewig" findet der Zyklus zu einem fast friedlichen, befreienden Ende. Das Publikum bedankt sich mit großem Applaus. FAZIT Die Bochumer Symphoniker verbinden die zwei recht gegensätzlichen Werke inhaltlich dennoch zu einer Einheit. Mirko Roschkowski und Okka von der Damerau setzen die Lieder aus Mahlers Werk bewegend um. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
AusführendeBochumer Symphoniker Okka von der Damerau, Mezzosopran Mirko Roschkowski, Tenor Ustina Dubitsky, Dirigentin Werke
Richard Wagner
Gustav Mahler
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