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Liebe und Leid in den Slums Von Thomas Molke / Fotos: © Bjørn Woll George Gershwins Porgy and Bess gilt als erste wahre amerikanische Volksoper. Kein anderes Werk hat das Leben der afroamerikanischen Menschen dieser Zeit passender abgebildet. Über zwei Jahre hat Gershwin gemeinsam mit seinem Bruder Ira und dem Verfasser der Romangrundlage Porgy, Edwin DuBose Heyward, an diesem Projekt gearbeitet. 1934 hat er sich sogar auf Folly Island, einer kleinen Insel vor Charleston, einquartiert und die Musik der Gullah, eines Stammes aus Westafrika, studiert. Das Ergebnis war eine vierstündige Fassung der Oper, die im Herbst 1935 eine private Aufführung in der Carnegie Hall erlebte. Daraufhin nahm Gershwin selbst zahlreiche Striche vor und kürzte das Werk auf rund 130 Minuten. In dieser Version erlebte es umjubelte Voraufführungen im Colonial Theatre in Boston, bevor die Uraufführung am 10. Oktober 1935 im Alvin Theatre in New York stattfand. Im Gegensatz zum Publikum zeigten sich die New Yorker Kritiker weniger begeistert. Sie unterstellten dem Stück, keine klare stilistische Linie zu haben. Durch die zahlreichen Jazz- und Gospel-Einflüsse könne das Werk auch als Musical, Broadway-Revue oder Singspiel betrachtet werden. Gershwin beharrte allerdings nicht zuletzt wegen der durchkomponierten Form und der Rezitative auf der Bezeichnung Oper, auch wenn zahlreiche Songs schnell den Weg ins Repertoire berühmter Jazzsängerinnen und Jazzsänger fanden. Heute zählt das Werk zu den großen Klassikern des Musiktheaters, auch wenn es relativ selten auf westeuropäischen Bühnen zu erleben ist, was aber vor allem an dem Problem liegen mag, die zahlreichen Partien der Oper authentisch zu besetzen. Porgy (Siyabulela Ntlale) und Bess (Nonhlanhla Yende) mit Enrique Mazzola am Pult Die 1999 gegründete Cape Town Opera, das einzige dauerhaft aktive Opernensemble auf dem afrikanischen Kontinent, tourt nun mit einem ideal besetzten Ensemble durch die Konzerthäuser und präsentiert eine halbszenische Fassung der Oper ohne Bühnenbild aber mit Kostümen und szenischem Spiel vor und hinter dem auf der Bühne positionierten Orchester. Die ursprünglich dreiaktige Fassung wird dabei neu auf zwei Akte verteilt, ohne dass von der Musik viel gestrichen worden ist. Erzählt wird die Geschichte des körperlich beeinträchtigten Bettlers Porgy und der drogenabhängigen Bess, die bemüht ist, sich von ihrem gewalttätigen Gatten Crown zu trennen und den Verlockungen des Drogendealers Sportin' Life zu widerstehen. Zunächst kann Porgy ihr Schutz und ein Zuhause bieten. Doch nach einem Ausflug verfällt sie erneut Crown. Als Porgy Crown schließlich tötet und zur Polizei muss, um die Leiche zu identifizieren, redet Sportin' Life Bess ein, dass Porgy nicht zurückkehren werde und sie ein besseres Leben mit ihm in New York führen könnte. Bess folgt ihm, nicht zuletzt wegen des Kokains. Als Porgy zurückkehrt und erfährt, dass Bess ihn verlassen hat, beschließt er, Bess nach New York zu folgen. Ensemble der Cape Town Opera mit dem Chineke! Orchestra und Enrique Mazzola Musikalisch begleitet wird der Abend vom Chineke! Orchestra, das 2015 von Chi-Chi Nwanoku gegründet wurde, um ethnisch vielfältigen klassischen Musikerinnen und Musikern eine Plattform und Karrierechancen zu bieten. Enrique Mazzola taucht am Dirigentenpult mit den ambitionierten Musikerinnen und Musikern beeindruckend in die vielfältige Klangwelt Gershwins ein und arbeitet die zahlreichen Stilrichtungen differenziert heraus. So entsteht von der Stadt Charleston um 1870 vor dem geistigen Auge ein Bild, das von gleißender Hitze und unberechenbaren Stürmen geprägt ist. Die Gewalt, die in den Armenvierteln herrscht, wird genauso spürbar, wie eine gewisse Portion Optimismus, den gesellschaftlichen Benachteiligungen zu trotzen. In den Spirituals und den volkstümlichen Liedern, wird deutlich, dass sich die arme Bevölkerung dort von den tristen Lebensumständen nicht unterkriegen lässt. Ein Beispiel dafür ist der Klassiker "Summertime", der immer wieder im Stück aufgegriffen wird. Zu Beginn der Oper singt es Clara (Brittany Smith mit leuchtendem Sopran), die junge Frau des Fischers Jake, als Wiegenlied für ihr Baby. Bereits in dieser Szene ist die ganze Bühne mit dem Chor und den weiteren Ensemble-Mitgliedern gefüllt, die sich den geringen Platz, der ihnen aufgrund des Orchesters bleibt, mit einer ausgeklügelten Personenregie von Magdaleine Minnaar zunutze machen. Bess (Nonhlanhla Yende) in den Fängen des bösen Crown (Conroy Scott) Mit dem Auftritt von Crown und Sportin' Life ist es mit der Harmonie vorbei. Conroy Scott zeichnet die Partie des Crown mit hartem Bassbariton absolut brutal und unsympathisch. Das ausgelassene Würfelspiel der Männer endet durch sein Auftreten im Streit, der Robbins als Opfer fordert. Crown kann entfliehen, was dazu führt, dass sich Bess und Porgy das erste Mal nahekommen, da Porgy der jungen Frau Unterschlupf bietet. Siyabulela Ntlale verfügt als Porgy über einen warmen, kraftvollen Bariton, der den ständigen Optimismus der Figur unterstreicht. Den bekannten Song "Oh, I've got plenty of nothing" zeigt nicht nur seine positive Grundeinstellung, sondern lässt ihn auch im siebten Himmel der Liebe schweben, da er glaubt, Bess auf den richtigen Weg gebracht zu haben. Nonhlahla Yende stattet die Partie der Bess mit gewaltigem Mezzosopran aus, der auch in den Höhen eine enorme Durchschlagskraft besitzt. Man nimmt ihr den Wunsch, sich aus ihrem bisherigen Leben zu befreien, darstellerisch in jedem Moment ab. Das Duett mit Ntlale, "Bess, you is my woman now" gestaltet sie absolut innig. Dennoch sind die Verlockung des Kokains und die brutale, virile Kraft Crowns stärker, so dass sie den Versuchungen nicht widerstehen kann. Porgy (Siyabulela Ntlale, links) beim ausgelassenen Würfelspiel mit Sportin' Life (Lukhanyo Moyake, 2. von rechts) und Jake (Luvo Rasemeni, rechts) Lukhanyo Moyake gibt den Drogendealer Sportin' Life mit windigem Tenor als Verführer. Während man die düsteren Absichten der Figur in Moyakes Spiel sehr gut durchschaut, hat er mit dem Song "It ain't necessarily so" doch einen fast sympathischen Moment, wenn er die etwas unglaubwürdigen Geschichten der Bibel hinterfragt. Siphamandla Moyake gestaltet die Partie der Serena, der Ehefrau des getöteten Hafenarbeiters Robbins, mit vollem Sopran, der stets vor bösen Einflüssen warnt. Auch der von Antoinette Huyssen einstudierte Chor der Cape Town Opera begeistert in kleineren solistischen Partien. Zu nennen sind die beiden Szenen nach der Pause, in denen eine Frau ihre Erdbeeren anpreist und ein Mann seine Krabben zum Verkauf anbietet. Dabei bespielen sie den ganzen Saal. Die Frau schreitet im Scheinwerferlicht über die ebenfalls mit Publikum besetzte Chorempore, während der Mann im Saal die Treppe hinuntersteigt. Eine gewisse Komik entfacht am Ende der einzelnen Passagen jeweils der Kiekser, mit dem beide ihre Waren besingen. Als Masse entwickelt der Chor besonders in den Spirituals einen bombastischen Klang, der unter die Haut geht. Musikalisch großartig umgesetzt wird auch die Sturmszene, in der Clara das Boot ihres Gatten sinken sieht, was sie veranlasst, hinauszulaufen. Das Orchester setzt die Gewalt des tobenden Hurrikans lautmalerisch eindrucksvoll um. Dramatisch geht es von dem Sturm in den Mord an Crown über. Im Gegensatz zu Jake und Clara kann sich dieser ja retten und schleicht erneut zu Bess, wird dabei aber von Porgy abgepasst. Nun zeigt Ntlale ein ganz anderes Bild des stets friedliebenden Porgy. Für Bess entwickelt er eine enorme Kraft und tötet Crown. Hier wechselt Ntlales Bariton zu einer gewissen Härte, die die Brutalität der Tat unterstreicht. Yende gestaltet anschließend sehr eindrucksvoll den inneren Kampf der Bess, die zwar einerseits für Claras Baby verantwortlich ist und bei Porgy bleiben möchte, andererseits aber vom Kokain nach New York gelockt wird. Wenn sie das Baby auf dem Dirigentenpult ablegt, um sich am Kokain zu berauschen, und anschließend hinter Sportin' Life hereilt, wird das von Yende zwar erschreckend, dabei aber leider sehr glaubhaft dargestellt. Der Optimismus hingegen, der nach dieser düsteren Szene im letzten Spiritual entsteht, das der zurückgekehrte Porgy anstimmt und das vom Chor aufgegriffen wird, bringt den Saal vor Begeisterung regelrecht zum Toben. FAZIT Die Cape Town Opera setzt Gershwins Meisterwerk auch ohne Bühnenbild absolut bewegend im Konzerthaus um, so dass ein vollständiges Opernerlebnis entsteht.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Regie
Choreographie
Kostüme
Chorleitung
Dramaturgie
Chineke! Orchestra Cape Town Opera Chorus
Porgy Bess Crown Sportin' Life Clara Serena Maria
Jake
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