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Schulmädchen-Report oder: Gestorben wird immerVon Stefan Schmöe / Fotos © Bernd Uhlig
Mitunter hat es auch seine Vorteile, nicht in einem "richtigen" Opernhaus spielen zu können: Im Staatenhaus am Deutzer Messegelände, dem Ausweichquartier während der endlosen Sanierung der Oper am Offenbachplatz, ist jedenfalls trotz aller Abstandsgebote genug Platz für ein riesiges Orchester und die Chöre (die, für das Publikum unsichtbar, von den Seiten singen). Und anders als im normalen Orchestergraben mischt sich der Orchesterklang nicht direkt, sondern die einzelnen Gruppen bleiben auch im satten Orchestertutti noch getrennt, worunter das Klangbild keineswegs leidet, im Gegenteil. Die Holzbläser luftig und leicht, das Blech mit Energie, die Streicher auch im Detail nuanciert - auf meinem Platz ziemlich mittig ein paar Reihen hinter dem Dirigenten ist ein wahres Klangwunder zu erleben, ein durch und durch transparenter Raumklang, der ungeheuer kraftvoll aufbrausen kann, der aber auch im Pianissimo den Saal füllt. Die Chöre (Einstudierung: Rustam Samedov) klingen betörend schön, schwebend klar und fabelhaft homogen. Ein musikalisches Ereignis. Faust, alt
Möglich wird das, weil sich das Gürzenich-Orchester in sensationeller Verfassung präsentiert; perfekt abgestimmt in allen Orchestergruppen, fantastisch in den Soli - und das, obwohl die Abstände gewaltig sind. Da fehlt ja nicht nur die gewohnte Nähe zu den Mitspielern, sondern hier wird die zeitliche Verzögerung der weiter außen erzeugten Töne zum Problem - und doch gelingt fast alles nahezu perfekt. (Ob der Klangeindruck an den Seiten der Zuschauertribüne ähnlich gut ist, das ist eine andere Frage.) An diesem Abend steht nicht (wie in der Premiere) Chefdirigent François-Xavier Roth am Pult, sondern Studienleiter Arne Willimczik, der sicher an den Proben maßgeblich beteiligt war und die Aufführung umsichtig im Sinne des Chefs leitet. Man kann diese Leistung gar nicht genug loben: Was hier an Präzision und Klangkultur zu hören ist, verdient das Attribut Weltklasse. Schmetterlinge im Bauch? Zumindest an der Wand und auf Fausts modisch zweifelhaftem Anzug. (hier im Bild: Die Premierenbesetzung mit Anne-Catherine Gillet als Schulmädchen Margarethe und Young Woo Kim als ju´gendlichem Faust)
Orchestral setzt die Produktion dabei durchaus auf opulente Überwältigungsästhetik und scheut weder den großen Ton noch bombastische Steigerungen, und es ist die Ausdifferenzierung des nie dicken Klangs, der verhindert, dass das in Kitsch abdriftet, der ja der Oper und auch der Partitur ein wenig anhaftet. Die Sänger haben es dabei nicht leicht, auch weil die Akustik des Raumes für sie nicht immer günstig ist. Samuel Youn kann mit seinem posaunehaft vollen Bassbariton strahlende Präsenz entwickeln. Die beiden Tenöre, die den Faust singen, tun sich da schwerer. Alexander Fedin bleibt als alter Faust recht unscheinbar; den jungen Faust sang in dieser Vorstellung der junge Südkoreaner Mario Bahg mit schön timbrierter Mittellage, die nicht ganz bruchlos in die dünnere hohe Lage übergeht - insgesamt ganz passabel, aber im Moment wohl doch eher noch eine Stimme für kleinere Räume. Auch der Sopran von Emily Hindrichs, an diesem Abend die Margarethe, könnte für den akustisch schwierigen Saal mehr Volumen vertragen, gesungen ist das aber sehr schön mit lyrischer Emphase. Sehr präsent ist Regina Richter als Siebel, Wolfgang Stefan Schwaiger als Valentin bleibt nach ganz ordentlichem Beginn ziemlich farblos. Ein Höllenspektakel - oder doch eher Pariser Varieté?
Musikalisch gelingt der Kölner Oper also ein exzellenter Neustart nach dem Lockdown. Schwerer tut sich die Regie von Johannes Erath, die sich verkürzt zusammenfassen lässt mit "schwarz-weiß mit grellen pinken Einsprengseln". Erath und sein Team (Ausstattung: Herbert Murauer, Video: Bibi Abel) denken die Inszenierung stark von der ästhetisches Seite, durchaus ein Markenzeichen, und haben vor ein paar Jahren eben in Köln damit eine faszinierende Manon auf die Bühne gebracht. Dort wurde aber eben diese Ästhetik zum tragenden Thema, weil sich die Titelfigur mehr und mehr in einer vollends durchdesignten Glamourwelt verlor: Mittel und Ziel der Regie gingen Hand in Hand. Bei Gounods Faust ist die Sache anders gelagert, da fehlt ein solcher Aspekt. Am ehesten trägt noch der Gedanke, die Oper als überzogene, leicht frivole Revue vorzuführen - damit spielt Erath auf die historische Situation im Uraufführungsjahr 1859 an mit ihrer Konkurrenz der verschiedenen Pariser Bühnen und dem raffinierten Jacques Offenbach als einem Antipoden Gounods. In Köln spielt man (erstmals in Deutschland) die rekonstruierte Originalfassung mit gesprochenen Dialogen, die schon vor der Uraufführung verworfen und überarbeitet wurde. Jenseits aller allgemeinen Gattungsbetrachtungen verschiebt das die Akzente weg von der grand opéra, und da passt Eraths Zugang durchaus. Aber das allein macht noch kein tragfähiges Regiekonzept, und auf Dauer ist der Ansatz doch auch recht nervig. Die Wiege ein sarg, die Welt ein Lazarett, und Mephisto (Samuel Youn) triumphiert. Valentin (mit Stofftier: hier Miljenko Turk) und Margarethe (hier: Anne-Catherine Gillet) werden zwangsläufig daran irre.
Die zweite, vordergründig wichtigste Idee: Man erlebt die Oper wie aus der Perspektive des sterbenden Faust. Man sieht zum orchestralen Vorspiel die Aufzeichnung der Herzrhythmuskurve, bis diese verflacht: Exitus. Das Sterben wird dann zum Hauptthema, der Sarg ist als Symbol allgegenwärtig. So recht überzeugend gelingt es Erath aber nicht, diese Idee mit der Handlung zu verzahnen, wo zwar viel gestorben wird, aber das Goethe´sche "Verweile doch!" kaum Bedeutung hat. Gounod interessiert sich viel mehr für das skandalträchtige Liebesverhältnis zwischen Faust und Margarethe, wobei Mephisto als Strippenzieher agiert. Da blickt das Bürgertum mit wohligem Schauer auf verbotene amouröse Exzesse, die selbstverständlich mit großem Aplomb in einer pathetisch-christlichen Schlussapotheose zurechtgerückt werden - Gounod ist da alles andere als kitschfrei. Das will wohl auch Erath zeigen, stochert aber eher hilflos mit (zu) viel szenischem Aktionismus in der bourgoisen Brühe herum, ohne einen Zugriff zu finden. Margarethes Wandlung von der Streberin in braver Schuluniform zur mondänen Frau - geschenkt. Allein damit kommt man diesem zugegeben schwierigen französisch-romantischen Faust nicht bei.
Musikalisch eine grandiose Produktion, an der man sich berauschen kann. Die angestrengte und mitunter anstrengende Regie von Johannes Erath sucht derweil vergebens nach einem überzeugenden Thema. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Licht
Video
Chor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der rezensierten Aufführung
alter Faust
junger Faust
Méphistofélès
Marguerite
Valentin
Siebel
Wagner
Marthe
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