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Eine Gesellschaft militarisiert sich
Von Stefan Schmöe / Fotos von Monika Rittershaus
Eine geregelte Machtübergabe hatte König Lear sich anders vorgestellt. Eigentlich wollte der Regent das Reich friedlich unter seinen drei Töchtern aufteilen. Einzige Gegenleistung: Sie sollen den Vater nach Kräften loben. Goneril und Regan heucheln, was das Zeug hält (und bekommen ihren Anteil). Cordelia, die Jüngste, verweigert sich dem falschen Spiel. "Ich liebe dich so, wie es meine Pflicht ist, nicht mehr und nicht weniger.". Das ist zu wenig, und so wird sie verstoßen. Lear muss freilich umgehend die böse Erfahrung machen, dass es im gnadenlosen Ringen um die Macht um die Vaterliebe nicht besonders gut bestellt ist. Aribert Reimanns Vertonung der nachtschwarzen Tragödie von William Shakespeare mit dem Libretto von Claus H. Henneberg ist nach der Uraufführung 1978 schnell zu einem Klassiker geworden (an der Komischen Oper ist dies bereits die dritte Inszenierung nach denen von Harry Kupfer 1983 und Hans Neuenfels 2009).
Erweiterte Familienaufstellung: Lear (hinten links) möchte die Macht an seine Töchter übergeben
Der Komponist erzeugt in Lear, dem Musterbeispiel für die Literaturoper nach 1945 schlechthin, mit Schlagwerkbatterien und schneidenden Blechbläsern einen martialisch anmutenden Klangrausch, der die grausame Handlung auch körperlich erfahrbar macht. Im großen Hangar 4 des Flughafens Tempelhof ist das Schlagwerk getrennt vom übrigen Orchester aufgestellt und erzeugt einen Raumklang, der die Wirkung noch unterstreicht. Dirigent Nicholas Carter und das konzentriert spielende, auch zu subtilem Pianissimo fähige Orchester der Komischen Oper bleiben den Klanggewalten nichts schuldig, könnten sie sogar etwas sparsamer dosieren: Wenn es zum Sturm auf der Heide kommt, in dem Lear seinen Verstand verliert, hat man schon ziemlich viel Fortissimo gehört, sodass die ganz große Steigerung auf diesen zentralen Moment hin an Wirkung verliert.
Lear zwischen Goneril (vorn) und Regan
Die Sängerinnen und Sänger werden in dem riesigen Raum elektronisch verstärkt, was zu einem verblüffend guten, keineswegs unnatürlichen Klangeindruck führt (Sounddesign: Holger Schwark). Hier und da dürfte der Dirigent auch zurückhaltendere Lautstärken von den Singstimmen einfordern. Reimann hat die Titelpartie seinerzeit für Dietrich Fischer-Dieskau komponiert. In Berlin erweist sich der in jeder Hinsicht überaus eloquente, sorgsam und liedhaft deklamierende, dann aber großformatig auftrumpfende Scott Hendricks als würdiger Nachfolger. Regisseur Barrie Kosky zeichnet ihn als Manager in den, wie man so schön sagt, besten Jahren, der das operative Geschäft abgeben möchte (aber sicher fest überzeugt ist, auch dann noch das letzte Wort zu haben). Wobei die Regie auf allzu konkrete Festlegung verzichtet. Das Publikum sitzt auf gegenüberliegenden Seiten einer großen rechteckigen, leeren Spielfläche, über die ein verschiebbarer Steg quer hinüberführt (Bühne: Rebecca Ringst). Eine denkbar klare, schnörkellose Anordnung, auf der Kosky die Figuren spannungsreich verschiebt und fast ohne Requisiten allein durch die Anordnung und genaue Gestik sowie durch eine präzise, meist unterkühlte Lichtregie (Olaf Freese) große Wirkung erzielt.
Lear im Sturm auf der Heide
Dem jovialen Patriarchen Lear ist Graf Gloster (würdevoll und klangschön: Günter Papendell) gegenübergestellt, ein loyaler Verbündeter, der auf andere Weise an der Nachfolgeregelung scheitert: Sein unehelicher Sohn Edmund (mit bestechender Intensität: Brenton Ryan) intrigiert erfolgreich und bootet Halbbruder Edgar aus, der fortan als vermeintlich irrer Bettler Tom durch das Land zieht (mit wandlungsfähigem Countertenor grandios in der schillernden Partie: Aryeh Nussbaum Cohen). In angedeuteten Frauenkleidern durchbricht er die von Männern dominierte Welt (Kostüme: Klaus Bruns). In diese fügen sich Lears Töchter Goneril (vielschichtig zwischen lyrischer Emphase und wilden Ausbrüchen: Rosie Aldridge) und Regan (zupackend dramatisch: Nicole Chevalier), und auch die abwartend taktierende Cordelia (mit leicht unterkühlt leuchtendem Sopran: Penny Sofroniadou) ist kein Unschuldslamm.
Gloster (vorn) wurden die Augen ausgestochen. Sein Sohn Edgar, als vermeintlich irr gewordener "Tom" unterwegs und vom Vater nicht erkannt, führt ihn
Kosky führt vor, wie sich die Zivilgesellschaft des Beginns nach und nach militarisiert, was unmittelbar an der Kleidung ablesbar ist. Angelegt war das bereits in den familiären Machtstrukturen. In diesem Kosmos gegenseitiger Zerstörung erscheint der Narr, als Sprechrolle mit ein paar kinderliedartig zu singenden Versatzstücken gespielt von der wunderbaren Dagmar Manzel, als Fremdkörper: Ein Kommentator, der wie ein Außenstehender die verfahrene Situation begutachtet. Wie auch alle, die das üble Spiel nicht mehr mitspielen (können), als Irre durch das Land ziehen. Kosky führt das mit analytischem Blick und wenig Sympathie für die Opfer, die alle auch Täter waren, vor. Mit der Präzision seiner Regie und einem überaus engagierten Ensemble, der ausgezeichnete Chor eingeschlossen (Einstudierung: David Cavelius), vermag die Aufführung über die gesamten fast zweieinhalb Stunden (ohne Pause gespielt) zu fesseln.
Barrie Koskys kühl-analytischer, auch in seiner spartanischen Ästhetik beeindruckender Regieansatz und Nicholas Carters schneidend scharfes Dirigat ergänzen sich in der eigenwilligen Atmosphäre des Hangar 4 zu einer packenden, musikalisch großformatigen Aufführung. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Chöre
Dramaturgie
Sounddesign
Solisten
König Lear
König von Frankreich
Herzog von Albany
Herzog von Cornwall
Graf von Kent
Graf von Gloster
Edgar
Edmund
Goneril
Regan
Cordelia
Narr
Bedienter
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