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Willkommen in
der Schule der Sensibilität Von Thomas Molke / Fotos aus urheberrechtlichen Gründen nicht gestattetDas Musiktheater im Revier hat einen neuen Intendanten: Frank Hilbrich. Neben Altbewährtem setzt er mit seinem künstlerischen Leitungsteam auch auf Neues, beispielsweise ein neues Logo für das Haus. Eines ist dabei aber geblieben: die untrennbare Verbindung mit der Farbe Blau. Und so gibt es zur Spielzeiteröffnung auch eine Uraufführung unter dem Titel Blau, mit dem das Haus sich quasi selbst feiert. Gewidmet ist dieses als "utopisches Musiktheater" bezeichnete Werk dem visionären Architekten Werner Ruhnau und dem französischen Maler und Bildhauer Yves Klein, die sich vor fast 70 Jahren zusammenschlossen und für die Entstehung des auch heute noch sehr modern wirkenden Theaterbaus verantwortlich zeichneten. Schon damals verband die beiden in ihrer Kunst die Vision einer offenen und sensibleren Gesellschaft, die heutzutage noch nötiger ist als vielleicht vor 70 Jahren. So hängt auch in Blau in riesigen Lettern über dem Haus Margot Friedländers Mahnung "Seid Menschen". Ruhnau und Klein planten eine "Schule der Sensibilität" zu gründen, was aber nie realisiert werden konnte, zumal Klein bereits 1962 verstarb. Nun hat man sich zur Spielzeiteröffnung überlegt, diese angedachte Utopie wieder auferstehen zu lassen und ins Heute zu übertragen. Das Musiktheaterkollektiv Kommando Himmelfahrt, das 2008 von dem Komponisten, Dramaturgen und Autor Jan Dvořák und dem Regisseur Thomas Fiedler gegründet wurde, hat einen performativen Theaterrundgang durch das Kleine und das Große Haus entworfen, bei dem das Publikum auf den Spuren von Ruhnau und Klein wandelt. Dvořák ist in Gelsenkirchen kein Unbekannter. Bereits 2019 war hier seine Oper Frankenstein zu erleben. Der Abend beginnt auf dem Theatervorplatz, wo ein blauer Teppich ausgerollt ist. Der Anfang ist auch für Menschen ohne Eintrittskarten zugänglich. So hofft man vielleicht, Neugier auf das Programm im Theater zu wecken. Hinter vier riesigen blauen Lettern (B, L, A und U) kann man volksfestmäßig blaue Zuckerwatte bekommen, sich blau schminken lassen oder Devotionalien von Yves Klein und Werner Ruhnau erwerben. Auch für das leibliche Wohl ist hier mit Brezeln, blauen Donuts und Getränken gesorgt. Daneben ist ein Kasperle-Theater aufgebaut, in dem etwas verzerrt die Geschichte von Ruhnaus und Kleins Versuch, ihre Vision eines offenen Theaters umzusetzen, an Frau Grau aus der Baubehörde und einem teuflischen Polizisten schließlich scheitert. Das blaue Krokodil, das in diesem Spiel auftritt, frisst am Ende allerdings auch Yves Klein und konstatiert, dass dies alles keine Kunst sondern Kitsch sei. Die Komik dieses Puppenspiels ist schon sehr speziell. Auch der Geist des Fortschritts, der in dem Stück auftritt und nebenbei als lebensgroße Figur über den Platz schreitet, sieht unter dem schwarz glänzenden Vorhang mit den beiden X als Augen zwar niedlich aus. Seine Funktion erschließt sich allerdings nicht wirklich. Da das Puppenspiel bereits eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn gezeigt wird, wird es später noch einmal wiederholt. Zuvor spielt auf einer Seitenbühne eine Blaskapelle auf und dürfte mit dem "Steiger-Lied" und "Eye of the Tiger" für ein theaterfernes Publikum wesentlich näher und ansprechender als das Puppenspiel sein. Dann beginnt das eigentliche Programm auf der Seitenbühne. Anke Sieloff tritt als Rektorin der Schule der Sensibilität auf und begrüßt das Publikum als neuen Jahrgang, der sich entschieden hat, zu verstehen, worum es in der Schule der Sensibilität eigentlich gehe. Das Publikum wird in vier Klassen eingeteilt, die selbstverständlich die Buchstaben b, l, a und u tragen. Jeder "Klasse" wird ein Leerkörper zugeteilt. Auf den Eintrittskarten ist vermerkt, zu welcher Klasse man gehört. Als Lehrkräfte fungieren die Sopranistin Heejin Kim, die Mezzosopranistin Almuth Herbst, der Tenor Khanyiso Gwenxane und der Bariton Sono Yu. Auf unterschiedlichen Wegen durchlaufen sie nun mit der jeweiligen Klasse die verschiedenen Stationen der Schule der Sensibilität, wobei die Logistik sehr ausgeklügelt ist, so dass man zwar an anderen Stationen andere Klassen sieht, aber niemals gleichzeitig an einer Station auf eine andere Klasse trifft. Die einzelnen Stationen machen einzelne Ideen von Ruhnau und Klein erfahrbar, wobei es auch Informationstafeln gibt, die man lesen kann. Die jeweilige Lehrkraft führt die Klasse mit deutschem Sprechgesang zu den einzelnen Stationen und gibt Anweisungen. Teilweise werden deutsche Passagen auch auf Französisch wiederholt und dabei gesungen. Die Musiksprache bleibt dabei relativ tonal aber abstrakt. Einzelne Musikerinnen und Musiker, die auf dem Weg verteilt sind, lassen eine Sound-Collage entstehen, die niemals aufdringlich ist und sehr beruhigend wirkt. Bisweilen begegnet man auch irritierenden Fremdkörpern wie einer Nonne, die mit einem Walkman auf der Treppe sitzt. Auch der Geist des Fortschritts taucht in den Fluren des Gebäudes erneut auf. Bei den Garderoben auf der rechten und linken Seite befinden sich zwei Mausoleen, die wohl den Gründern des Hauses, Werner Ruhnau und Yves Klein, gewidmet sind. Am Mausoleum von Ruhnau wird das Publikum beim Betreten auch zum Mitsingen aufgefordert. Gemeinsam mit der Lehrkraft erarbeitet das Publikum eine relativ leichte Melodie und singt: "Wenn ich an dich denke, kehrt immer derselbe Traum zurück." Das soll wohl andeuten, dass Ruhnau seine Vision niemals aufgegeben hat. Auch an anderen Stationen geht das Publikum weit über die Rolle eines Betrachters hinaus. Bei der Meditation wird man aufgefordert sich auf eine riesige blaue Matte mit blauen Kissen zu legen, die Augen zu schließen und sich ganz dem beruhigenden musikalischen Klang hinzugeben. Wenn man sich darauf einlässt, steht man gestärkt von der Matte wieder auf. Eine andere Station heißt Kooperation. Dabei stellen sich alle um ein kreisrundes bronzenes Tuch und erzeugen enormen Wind, indem sie das Tuch nach oben und unten bewegen. Eine gewisse Komik beinhaltet die Station "Theater der Leere" im Kleinen Haus. In Übertiteln wird dem Publikum mitgeteilt, dass sie aus Sicherheitsgründen nun an die Sitze gekettet werden müssen. Allerdings wird lediglich ein Absperrband über die jeweilige Reihe gezogen, während sich der Vorhang öffnet und man auf der Bühne nichts sieht. Auch wenn sich nicht alle Stationen im Detail erschließen, ist der Rundgang durch das Haus interessant und gewährt ganz andere Einblicke ins Haus. Am Ende versammeln sich alle Klassen im Saal des Großen Hauses. Die Neue Philharmonie Westfalen betritt die Bühne und nimmt hinter einer weißen Leinwand, die zunächst auf dem Boden liegt, Platz. Die Rektorin erscheint und fasst noch einmal zusammen, was die Schule der Sensibilität vermitteln sollte. Dann stellt sie die Frage, wer denn jetzt schon in der Lage sei, seine Erkenntnisse auf der Leinwand zu verewigen. Es melden sich in der Tat einzelne Personen. Es ist aber davon auszugehen, dass es sich dabei um Statistinnen und Statisten des Hauses handelt. Mit einer Farbrolle streichen sie scheinbar weiße Farbe gekonnt über die Leinwand, die allmählich nach oben gezogen wird. Hier hätte man vielleicht auch Blau erwartet, aber von festen Erwartungen soll man sich hier ja lösen, weswegen wahrscheinlich das Nichts auf die Leinwand gebracht wird. Dabei spielt die Neue Philharmonie Westfalen unter Leitung von Jan Dvořák eine von ihm für diesen Anlass komponierte Kantate. Und wie es sich am Ende eines Lehrgangs gehört, wird anschließend mit einem Abschlussball gefeiert. Dazu lädt die Rektorin das Publikum zu einem "blauen" Getränk auf den "Ball bleu" ein, bei dem man zu Musik und Tanz diesen Abend ausklingen lassen kann. FAZIT Dem Musiktheater im Revier gelingt ein ungewöhnlicher Einstieg in die neue Spielzeit, der auf diese Art aber auch nur hier möglich ist.
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ProduktionsteamMusikalische Leitung und Komposition Regie Bühne Kostüme Licht Dramaturgie
Neue Philharmonie Westfalen
Solistinnen und Solisten
Rektorin
Lehrerin (Sopran)
Lehrerin
(Mezzosopran)
Lehrer (Tenor)
Lehrer (Bariton)
Kasperletheater / Ruhnau / Klein
Blaskapellen
Kontrabass (Ball
Bleu)
Schlagzeug (Ball Bleu)
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