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Unter Filmschaffenden kann die "Silberne Rose" auch zur Schlagwaffe werdenVon Wolfgang Steffen / Fotos von Matthias Jung
"Ein ernster Tag, ein großer Tag" - für die junge Sophie, die, so steht's zumindest im Libretto, ihren adeligen Bräutigam vorgestellt bekommt. Ein großer Tag aber ist's vor allem für die Oper Köln, die nach 14 Jahren in Ausweichquartieren mit dieser Premiere in das frisch sanierte Opernhaus am Offenbachplatz zurückzieht. Und tatsächlich ist es ein beglückendes Gefühl, die elegant sachlichen Foyers des 1957 eröffneten Theaterbaus von Wilhelm Riphahn zu betreten. Die nicht ganz unproblematische Akustik ist geblieben, jedenfalls klingen die Sängerinnen und Sänger, wenn sie nicht vorn an der Rampe stehen, von meinem Platz in Reihe 14 ziemlich weit weg. Besser steht es um die Instrumente. Das ausgezeichnete Gürzenich-Orchester, endlich wieder im Graben platziert, spielt überaus transparent und lässt viele Zwischentöne hören. Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada dirigiert einen delikat feinen, klangsinnlichen, fast kammermusikalisch klar ausbalancierten Rosenkavalier mit Sinn für überraschende Klangfarben. Der zu singende Text scheint ihn dabei allerdings nicht allzu sehr zu interessieren, die musikalischen Bögen führt er oft über die Phrasierung von Hofmannsthals Kunstsprache hinweg, und die eine oder andere kleine Zäsur als Moment der Besinnung wäre doch ganz schön. Er denkt die Musik vom Orchestersatz her und in großen Abschnitten. Wie er den Schluss des ersten Akts in großer Ruhe auslaufen lässt, das hat schon Format (zwischendurch hätte es allerdings auch ein wenig stürmischer zugehen dürfen). Das "Schmutzige" der Vorstadtwalzer im dritten Akt ist nicht so seine Sache. Auch da lässt er das Orchester durchweg kultiviert und diszipliniert, dadurch allzu brav, spielen.
Die Marschallin, in der hier präsentierten Lesart eine Starschauspielerin und Filmregisseurin, vergnügt sich mit Frau Octavian Rofrano (liegend) im Bett - aber alles ist nur gespielt, denn wir befinden uns bei Filmaufnahmen.
Aber zurück zu Sophie, die doch heiraten sollte. In der Inszenierung von Marie-Ève Signeyrole hat sie keine solchen Ambitionen. Da ist sie auch nicht Tochter des neureichen Heereslieferanten Faninal zur Zeit Maria Theresias, sondern eine blutjunge Filmschauspielerin unserer Tage. Giulia Montanari singt sie mit mädchenhaftem Sopran, verfügt über sichere hohe Töne im Piano bei der Rosenübergabe, bleibt aber leichtgewichtig in den Ensembleszenen. Im zweiten Akt wird diesem noch recht unsicher auftretenden Nachwuchssternchen ein Filmpreis namens "Silberne Rose" überreicht. Und sie gerät umgehend in die Fänge der Weinsteins dieser Filmwelt. Baron Ochs auf Lerchenau ist nämlich weder ein angehender Bräutigam noch ein heruntergekommener Adeliger, sondern ein schmieriger, durch und durch unsympathischer, offenbar sehr mächtiger Filmproduzent, der das Mädchen sexuell bedrängt. Im dritten Akt wird er in die Falle tappen, die man ihm stellt: Entkleidet bis auf einen absurd knappen Slip gibt ihn die Regie der Lächerlichkeit preis. Darsteller Patrick Zielke, nicht zu beneiden, spielt den Fiesling mit großem Körpereinsatz. Mit hellem, präsentem Bariton versucht er, der von der Regie eindimensional als Bösewicht angelegten Figur einen Rest an Würde abzuringen. Das Wiener Idiom, das Hofmannsthal ihm zugeordnet hat, passt in dieser Sichtweise natürlich ebenso wenig wie die von Strauss komponierte walzerselige Gemütlichkeit. Zielke stellt sich tapfer in den Dienst der Regie und gestaltet vokal einen unterkühlten, nüchtern auftretenden Machtmenschen.
Der mächtige, von der Regie mit tiefer Abscheu behandelte Filmproduzent Ochs, hier mit der Marschallin, taucht bei den Dreharbeiten auf. Warum, das kann man der von der Kölner Dramaturgie verfassten und im Programmheft abgedruckten zweiten Inhaltsangabe entnehmen, die erklärt, was alles anders ist als bei Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss.
Die Verlegung der Handlung in die aktuelle Filmbranche gibt an einigen wenigen Stellen interessante und erhellende Brechungen, etwa wenn Sophie bei der Rosenübergabe - hier muss man sagen: Rosenverleihung - dem Erwartungsdruck nicht standhält. Aber über weite Strecken ächzt und stöhnt das Werk unter dem Überbau. Die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg wird in dieser Version zur Starschauspielerin, Regisseurin und Drehbuchautorin in einer Person. Im ersten Akt befindet man sich bei den Dreharbeiten eines Films, zu der die Liebesnacht zwischen der Fürstin und Octavian Rofrano gehört. Octavian wird weiblich gelesen, sodass man eine sehr intime, detailliert ausgestaltete Liebesszene zwischen zwei Frauen erlebt, live gefilmt und großformatig ins Bühnenbild projiziert. Werdenberg und Rofrano sind offenbar auch privat ein Paar. Film und Realität durchkreuzen sich immer wieder, und es ist nicht ganz einfach, dabei den Überblick zu behalten. Magdalena Hinterdobler singt eine strahlend leuchtende, eher junge Marschallin (nennen wir die Figur der Einfachheit halber weiter so), der es vielleicht noch an Abgeklärtheit fehlt. Aristokratische Noblesse, Merkmal der ganz großen Interpretinnen, darf man in diesem Kontext sowieso nicht erwarten. Bianca Andrew steht ihr als klangschöner, im Ausdruck etwas neutraler Octavian gegenüber. Das es über die professionelle Arbeitsbeziehung hinaus zwischen den beiden je gefunkt hat, mag man nicht so recht glauben. Dafür kann diese Frau Octavian beherzt zuschlagen: Um Sophie vor den Zudringlichkeiten des Produzenten zu bewahren, nutzt sie die Trophäe, die in Glas gegossene silberne Rose, als Waffe. Beim Tatort würde man wohl von "Totschlagversuch mit einer stumpfen Waffe" sprechen.
Hier wird der Filmpreis "Silberne Rose" an Nachwuchstalent Sophie (im grünen Kleid) verliehen. Für die Übergabe ist Frau Rofrano, die burschikos auftretende Rosenkavalierin (in der Mitte) zuständig.
Die Marschallin führt auch im dritten Akt Regie, wenn es um die Bestrafung des Bösewichts geht. Durch ihre dauernde Präsenz entfällt der Coup, die Figur im adeligen Glanz unerwartet im zwielichtigen Vorstadtwirtshaus auftreten zu lassen (sie ist ja immer schon da, wenn auch für Ochs unsichtbar) - eigentlich dramaturgisch wie musikalisch der Kipppunkt des Aktes. Das ist einer von vielen Momenten, an denen die Regie sich über die Konzeption des Stückes hinwegsetzt, ohne die Lücke mit einer eigenen zwingenden Idee zu füllen. Der Verzicht der Fürstin auf Octavian bedeutet hier auch, dass der Film neu gedreht werden muss - jetzt mit der jungen Sophie statt der älteren Marschallin-Regisseurin-Schauspielerin Werdenberg in der Hauptrolle. Ein Generationswechsel. Zuschauend sitzt man ungerührt davor und sagt sich achselzuckend: So ist die Filmbranche eben.
Sophie und Octavian finden sich schnell begehrenswert.
Inhaltlich wird eine positiv dargestellte, zarte, weibliche Erotik einer extrem unangenehmen, ja: widerlichen männlichen Sexualität gegenübergestellt, die bis an den Rand der Vergewaltigung drastisch vorgeführt wird. Dafür bedient sich Signeyrole an einzelnen Motiven aus dem Rosenkavalier, der so zum Materialsteinbruch degradiert wird. Den Anspruch, das Werk in seinen Facetten interpretieren zu wollen, stellt die Regie sicher nicht. Weite Teile der Oper sind für diesen Ansatz überflüssig und sogar störend, darunter alle Auftritte des Brautvaters Faninal (den Christian Miedl pointiert klar singt). Man hat den Eindruck, dass viele Szenen und Figuren schlichtweg abgewickelt werden müssen, weil sie zwar in der Partitur stehen, für das Konzept aber nicht gebraucht werden. Wohlwollend könnte man sagen, Signeyrole suche nach neuen, zeitgemäßen Bildern, um die Sphäre des von Hofmannsthal und Strauss erfundenen Fantasie-Wien in unsere Zeit zu transportieren. Die Welt des Films schafft eine entsprechende Künstlichkeit, nur geht derart viel dadurch verloren, dass die Gesamtbilanz, vorsichtig gesagt, nicht überzeugt. Eher schon die kühl-sachliche Ausstattung (Bühne: Fabien Teigné, Kostüme: Yashi), die nicht unelegant monochromes Schwarzweiß (auch in den meisten Videoprojektionen) mit ein paar Farbtupfern aufhellt, vornehmlich im pinken Spektrum, Sophie in komplementärem Grün. Zudem ist die karge Bühne erlesen ausgeleuchtet (Sascha Zauner). Ob man damit zufrieden ist, hängt wohl von der Bereitschaft ab, sich auf die dekonstruierende Sichtweise einzulassen, die viel mehr Signeyrole als Strauss und Hofmannsthal präsentiert. Das Kölner Premierenpublikum zeigte sich beim Applaus überwiegend wohlwollend. Aber es war ja, Inszenierung hin oder her, ein großer Tag für das Haus.
Künstlerisch bleibt im neuen alten Opernhaus noch Luft nach oben: Regisseurin Marie-Ève Signeyrole wirft dem Publikum ein rotziges "Glotzt nicht so romantisch, hier geht's um #metoo" hin, durch die schicke Ausstattung ästhetisch abgemildert. Musikalisch hört man viele Schönheiten, aber keine musikdramaturgisch schlüssige Version. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung und Videokonzept
Bühne
Kostüme
Mitarbeit Kostüme
Co-Videodesign / Künstlerische Mitarbeit Video
Licht
Chor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der Premiere
Die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg
Der Baron Ochs auf Lerchenau
Octavian
Herr von Faninal
Sophie
Jungfer Marianne Leitmetzerin
Valzacchi
Annina
Ein Polizeikommissar /
Der Haushofmeister der Marschallin /
Der Haushofmeister bei Faninal
Ein Sänger
Eine Modistin
Drei adelige Waisen
Ein Tierhändler
Lakaien der Marschallin /
Ein Hausknecht
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