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Die Meistersinger von Nürnberg

Oper in drei Aufzügen
Text und Musik von Richard Wagner


in deutscher Sprache (keine Übertitel)

Aufführungsdauer: ca. 6h 15' (zwei Pausen)

Eine Produktion des Richard Wagner Verbands Minden
Premiere im Stadttheater Minden am 11. September 2026


Logo: Meistersinger in Minden

Die Meistersinger in Minden
(Homepage)
Überwältigender Klang auf desillusionierender Bühne

Von Stefan Schmöe / Fotos © Bettina Stöß

Meistersinger in Minden? Wo es gar kein Opernensemble gibt? Der örtliche (sich ohne Bindestriche schreibende) Richard Wagner Verband hat, beginnend mit dem Fliegenden Holländer 2002, alle in den Spielplänen etablierten Opern Wagners hier in eigenen Produktionen aufgeführt. (Bis vor Kurzem hätte man noch sagen können: Alle Bayreuth-tauglichen Opern, aber in diesem Jahr hat es ja erstmals der Rienzi auf die Festspielbühne geschafft.) Mit diesen Meistersingern vollendet man das ambitionierte Vorhaben, die Hauptwerke des Komponisten auf die Mindener Bühne zu bringen, von dem insbesondere der Ring des Nibelungen (siehe unsere Rezension der Götterdämmerung) vom Publikum wie von der Presse als herausragendes Ereignis gefeiert wurde.

1. Akt: Versungen - Walther von Stolzing ist am Regelwerk der Meistersinger von Nürnberg gescheitert

Natürlich ist das hübsche Stadttheater Minden viel zu klein für die Meistersinger. Das Orchester sitzt auf der Hinterbühne, der große Chor sitzt bzw. steht dahinter, und trotzdem ist nicht viel Platz für szenische Aktionen. Es verlangt einiges an Improvisationstalent, um ein Werk mit vielen Akteuren und großen Tableaus hier zu inszenieren. Das macht Jakob Peters-Messer zu einem Thema seiner Regie. Das Parkett des Bühnenbodens ist nicht abgedeckt und zeigt in jedem Moment, dass hier Theater gespielt wird. Das Orchester bleibt in vielen Szenen sichtbar; es kann zwar durch einen halbtransparenten Vorhang vom Bühnengeschehen getrennt werden, aber auch dann schimmern die Konturen durch. An einem illusionistischen Konzept ist der Regie nichts gelegen, vielmehr zeigt sie einen Arbeitsprozess. Häufig greifen die Akteure zu einem der herumliegenden Klavierauszüge, blättern darin, diskutieren miteinander darüber. "Wahn, Wahn, überall Wahn" - der Monolog des Hans Sachs aus dem dritten Aufzug kann in diesem Kontext mehrdeutig gelesen werden. Er bezieht sich nicht nur auf den vorangegangenen Gewaltausbruch, sondern auch selbstironisch auf die komplizierten Anforderungen im Mindener Theater. Und auf das Werk selbst, auf den werkimmanenten Antisemitismus wie die nationalistischen Töne in Sachs' Schlussmonolog. Wenn immer wieder von den Protagonisten der Klavierauszug zu Rate gezogen wird, dann zeigt die Regie sozusagen mit dem Finger auf den Schöpfer der Oper und sagt: "Der war's, wir sind unschuldig".

2. Akt: Nächtliche Sondierungsversuche - Eva will von Hans Sachs erfahren, mit welchen Heiratskandidaten sie zu rechnen hat

Das Personal der Oper betritt in Alltagskleidung die Bühne, wo auf Garderobenständern die Kostüme hängen - oder besser: Versatzstücke von historischen Kostümen, die vage ein Mittelalter andeuten. Auch das kann man als ironisches Spiel mit den begrenzten Möglichkeiten verstehen, aber Peters-Messer verdeutlicht auf diese Weise auch, dass er die Meistersinger für ein sehr gegenwärtiges Stück hält. Nicht immer geht dieses Konzept des "Wir-deuten-nur-an" auf. Vieles sieht unfertig aus, was wohl auch bis zu einem gewissen Grad so gedacht ist - nur müsste die Inszenierung dafür sehr viel präziser sein. Auch das Unfertige müsste als solches erkennbar inszeniert werden. Die Aufführung braucht im ersten Akt lang, um Fahrt aufzunehmen. Im Grunde tut sie das mit dem Erscheinen der Meistersinger, für den der erwähnte Vorhang heruntergefahren und Bühnen- wie Zuschauerraum mit Projektionen mittelalterlicher Schriftzüge bedeckt werden - das Regelwerk des Meistergesangs? Ein wenig mehr Illusionstheater bekommt dem Erzählen der Geschichte gut. Indem der Zuschauerraum in das Spiel einbezogen wird (das modische Adjektiv "immersiv" liegt einem auf der Zunge), wird man als Betrachtender Teil des Geschehens, was unter diesen Rahmenbedingungen einiges für sich hat. Für die Festwiese im dritten Akt (an einen Aufzug der Zünfte ist natürlich nicht zu denken) lässt der Regisseur Portraitfotos von Menschen unterschiedlichen Alters auf die Wände und den Vorhang projizieren. Das Volksfest wird somit sinnbildlich zum demokratischen Versammlungsort unserer Bürgergesellschaft (die mit ihrem Engagement die Aufführung ja überhaupt erst möglich macht). Fehlenden Assoziationsreichtum kann man der Regie ganz sicher nicht vorwerfen.

2. Akt: Nachtlied - Beckmesser (links) will mit einem Ständchen das Herz von Eva (rechts, verkleidet als Magdalene, mit Walther) für sich gewinnen

Auf das alte Nürnberg muss man gänzlich verzichten, aber an Stelle von Katharinenkirche, Kaiserburg und Pegnitzaue werden im dritten Akt Bilder von der nahen Porta Westfalica und der Weser eingeblendet - es sind eben die Meistersinger von Minden, um die es hier geht. Die reglementierte Ordnung wird auf der Festwiese noch einmal ins Bewusstsein geholt, indem die Grundsätze des Meistergesangs als Zitate vom Bühnenhimmel herabhängen. Zuvor hat man in den in gefährliches Rot getauchten Projektionen während der Prügelszene im zweiten Akt randalierende Menschen vor einem brennenden Haus mehr erahnt als gesehen. Staat und Rechtsordnung sind von innen bedroht, auch das gehört zum Kontext, in dem man das Finale hier sieht und hört. Für den Flieder- wie den Wahn-Monolog des Hans Sachs bleiben die Projektionen abstrakt, schaffen vor allem die passende Atmosphäre. Das geht gut auf, wogegen Peters-Messer - wie so viele andere Regisseurinnen und Regisseure - an anderer Stelle vollständig scheitert: Nämlich daran, die Meistersinger als Komödie zu inszenieren.

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3. Akt: Eskalation - die Meistersinger prügeln auf Beckmesser ein

Komik entsteht, wenn überhaupt, durch die vielschichtige, zwischen Vermessenheit und feiner Selbstironie schwankende Darstellung des Beckmesser. Michael Borth spielt und singt die Figur mit vielen Zwischentönen, durchweg Eleganz und Würde bewahrend, in der musikalischen Gestaltung liedhaft und immer auf schönen Klang bedacht. Dieser Beckmesser ist ein Ästhet und Schöngeist durch und durch, und man ahnt, dass er sich durch den jugendlichen Haudrauf Walther bedroht fühlen muss. Aber er erweist sich als guter Verlierer: Das Lied, mit dem er sich gerade der Lächerlichkeit preisgegeben hat, ist, wie er zugestehen muss, tatsächlich schön. Beckmesser wird honoriger Bürger bleiben, das ist der versöhnliche Teil des Finales. Sachs sowieso; Simon Bailey gestaltet ihn mit würdevollem, klangschönem Bariton, keine Riesenstimme, aber von großer vokaler Autorität und mit genauer Textausgestaltung. Walther dagegen stiehlt sich mit seiner Eva (mit leuchtendem Sopran trotz angekündigter Indisposition souverän: Emma McNairy) unauffällig davon. Jussi Myllys singt ihn mit schlankem, weichem und nicht zu hellem, geschmeidigem Tenor. Stephen Chambers gibt einen kultiviert und nie grell singenden David, Katrin Göring eine die Stimme etwas ungenau fokussierende Magdalene.

3. Akt: Wagner ist Schuld - Sachs (links) und Beckmesser wägen ab, was Walthers Sieg im Song-Contest zu bedeuten hat

Wo es der Personenregie an Schärfe fehlt, springt die Musik ein: Die eigentlichen Stars der Produktion sind Chor und Orchester unter dem umsichtigen Dirigat von Frank Beermann, der mit seiner Wagner-Erfahrung an diesem Ort überaus flexibel auf das Bühnengeschehen reagiert und das Ensemble sicher durch den Abend trägt. Er befeuert die Nordwestdeutsche Philharmonie zu einem üppigen, schwelgerischen Klang, vorwärtsdrängend und das dramatische Geschehen in Gang haltend, aber er macht auch viele Feinheiten im Detail hörbar. Man spürt die Lust daran, Wagners spezifische Instrumentation hörbar zu machen wie etwa in der eigentümlichem Atmosphäre der fliederduftgesättigten Sommernacht. Die Musik "marschiert" nicht, sondern bewahrt sich bei aller Wucht immer auch Geschmeidigkeit. Der freie Theaterchor "Coruso" singt klangprächtig - dem monumentalen "Wach auf!" etwa fehlt nichts an Durchschlagskraft - und differenziert.


FAZIT

Musikalisch bieten diese Meistersinger großes Musiktheater - einmal mehr ein Kompliment an den Mindener Richard Wagner Verband, solche Riesenprojekte auf diesem Niveau auf die Beine zu stellen. Der anti-illusionistische Ansatz der (ambivalent aufgenommenen) Regie ist nicht ganz falsch, kann aber nicht alle Probleme, die sich aus der Raumsituation ergeben, überzeugend lösen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Frank Beermann

Regie
Jakob Peters-Messer

Bühne, Licht, Video
Guido Petzold

Kostüme
Angela Schuett


Chor coruso e. V.

Nordwestdeutsche Philharmonie


Solisten

Hans Sachs, Schuster
Simon Bailey

Veit Pogner, Goldschmied
Christoph Seidl

Kunz Vogelgesang, Kürschner
Leon Noel Wepner

Konrad Nachtigall, Spengler
Frieder Flesch

Sixtus Beckmesser, Stadtschreiber
Michael Borth

Fritz Kothner, Bäcker
Johannes Schwarz

Balthasar Zorn, Zinngiesser
Václav Vallon

Ulrich Eisslinger, Würzkrämer
Ilya Silchuk

Augustin Moser, Schneider
Steffen Schantz

Hermann Ortel, Seifensieder
Mykola Piddubnyk

Hans Schwarz, Strumpfwirker
Oscar Marin-Reyes

Hans Foltz, Kupferschmied
Maurice Giancarlo Avitabile

Walther von Stolzing, ein junger Ritter aus Franken
Jussi Myllys

David, Sachsen Lehrbube
Stephen Chambers

Eva, Pogners Tochter
Emma McNairy

Magdalene, Evas Amme
Kathrin Göring

Ein Nachtwächter
Peter Lobert



Weitere Informationen
auf der Website von
Die Meistersinger in Minden
(Homepage)



Da capo al Fine

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