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Veranstaltungen & Kritiken Musikfestspiele |
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Händel-Festspielein Halle 20002. bis 11. Juni 2000Festspielbericht |
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Die 49. Händel-Festspiele in Georg Friedrich Händels Geburtsstadt Halle an der Saale fanden vom 2. bis 11. Juni 2000 statt und erstreckten sich nun schon zum zweiten Mal über insgesamt 10 Tage. Unter den 33 Veranstaltungen befanden sich alleine fünf szenische Produktionen barocker Bühnenwerke, von denen allein drei aus der Feder Georg Friedrich Händels stammten. Mit der diesjährigen Opernpremiere des Radamisto wurde dabei die 57. Inszenierung einer Händel-Oper in Halle auf die Bühne gebracht. Die Einstudierung basierte auf der aktuellen Fassung der Hallischen Händel-Ausgabe (II/9.2, Bärenreiter-Verlag) und war damit die erste praktische Auseinandersetzung mit dieser neuen Edition.
Für den Glanzpunkt der Eröffnung sorgte die Ansprache des Schirmherrn der 49. Händel-Festspiele Dr. Hermann Freiherr von Richthofen. Der Ex-Botschafter in London und erster Vorsitzender der Deutsch-Englischen Gesellschaft betonte dabei besonders seine Bemühungen, den Kontakt zwischen Deutschen und Engländern weiterhin zu intensivieren und diese gerade auch für die Händel-Festspiele in Halle zu begeistern. Anschließend wurde der Händel-Preis der Stadt Halle an Prof. Dr. Donald James Burrows verliehen, der sich als Dirigent, Organist und Wissenschaftler besondere Verdienste um das Werk Georg Friedrich Händels erwarb. Bei der Bezeichnung des darauffolgenden - sogenannten - GALAKONZERTes sollte man sich allerdings dazu durchringen, diese musikalische Einleitung des Festivals ERÖFFNUNGSKONZERT zu nennen, denn für ein Galakonzert reicht nicht nur ein festlicher Rahmen und mehr oder weniger namhafte Interpreten. Das Programm bescherte dem Publikum im ersten Teil eine "Hitparade" von Arien aus Opern von Händel und Vivaldi, wobei die fünf Solisten, Geraldine McGreevy (Sopran), Manuela Custer (Mezzosopran), Sytse Buwalda (Altus), Rufus Müller (Tenor) und Raimund Nolte (Bass) hinlänglich Gelegenheit hatten, ihre Fertigkeiten unter Beweis zu stellen. Am interessantesten war dabei eine Arie aus Vivaldis Giustino, bei der die Gesangsstimme von Hackbrett (Gertraud Nader) und Streichern im Pizzicato begleitet wurde. Einen geschlosseneren Eindruck hinterließ das Te Deum von Marc-Antoine Charpentier, wobei der Favorit- und Capell-Chor Leipzig durch seine Homogenität am meisten überzeugte. Das von Alan Curtis geleitete Händelfestspielorchester des OPERNHAUSES HALLE brachte es dagegen über gute Ansätze nicht hinaus. Da bleibt für den seit diesem Jahr als Gast-Konzertmeister dem Händelfestspielorchester verbundenen Anton Steck (u. a. Konzertmeister bei Reinhard Goebels "Musica Antiqua Köln" und Marc Minkowskis "Musiciens du Louvre") doch noch eine Menge Arbeit. Viel wichtiger wäre es allerdings, wenn das so engagiert sich für die historische Aufführungspraxis einsetzende Händelfestspielorchester einen musikalischen Leiter bekäme, der es über mehrere Jahre hinweg regelmäßig betreut und als feste Konstante deren Leistung fördert und stabilisiert. Das andauernde Umstellen auf immer neue Dirigenten bringt in dieser Situation nur wenig, mögen sie auch noch so "gut" sein.
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![]() Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler überreicht Donald James Burrows den Händel-Preis 2000 Foto: Jens Schlüter
![]() Galakonzert mit dem Händelfestspiel- orchester des OPERNHAUSES HALLE unter der Leitung von Alan Curtis Foto: Jens Schlüter |
![]() Daniel Gottlob Türk-Ausstellung |
Als Hauptthema der Festspiele hatte man Händel und die mitteldeutsche Musiktradition gewählt, was nicht nur in der dreitägigen Wissenschaftliche Konferenz im Händel-Haus unter dem Motto "Musik und Musikleben in Mitteldeutschland zu und nach Händels Zeit" ausgiebig betrachtet wurde, sondern auch in zahlreichen anderen Veranstaltungen. So auch in dem bemerkenswerten Festvortrag "Bach und Händel" von Prof. Dr. Ulrich Siegele im Stadthaus am Markt. Neben den "drei Gemeinsamkeiten" der beiden (1. 1685 geboren, 2. Musik komponiert und aufgeführt und 3. erfolglose Augenoperationen im Alter) betonte er in informativer und plastischer Vortragsweise ihre unterschieden sozialen und musikalischen Werdegänge. Eine Sonderausstellung zum 250. Geburtstag war im Händel-Haus Daniel Gottlob Türk und seinen Verdiensten um das hallesche Musikleben gewidmet. Türk, der 1774 zunächst als Ulrichskantor nach Halle kam und 1779 erster Universitäts-Musikdirektor in Halle wurde, begründete - den Inhalten nach - nicht nur die Musikwissenschaften an der halleschen Universität, sondern verewigte sich auch durch seine 1789 erschienene Klavierschule und zahlreiche weitere musiktheoretische Schriften. In memoriam Daniel Gottlob Türk war auch ein Festgottesdienst in der Marktkirche zu Halle gewidmet.
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Als Gemeinschaftsproduktion der Direktion der Händel-Festspiele und des OPERNHAUSES HALLE erlebte Händels Oper Radamisto eine aufsehenerregende Premiere. Ein szenisch völliges Desaster bescherte die Gemeinschaftsproduktion der Direktion der Händel-Festspiele (der Burg Giebichenstein, Hochschule für Kunst und Design Halle) und der Dresdner Musikfestspiele. Die nach 300 Jahren in Dresden erstmals wieder aufgeführte Oper L'Antiope von Carlo Pallavicino und Nikolaus Adam Strungk kam auch im Goethe-Theater Bad Lauchstädt zur Aufführung. Wolfgang Katschner, der diese Oper in mühevoller Arbeit wieder aufführbar gemacht hat und mit der Lautten Compagney Berlin und einem durchaus hörenswerten Solistenensemble (mit Mechthild Bach in der Titelpartie) zur Aufführung brachte, hätte mehr "Liebe" dem Stück gegenüber verdient gehabt. Regisseurin Sandra Leupold, ihre Ausstatterrinnen Andrea Eisensee (Bühnenbild) und Bettina Saul (Kostüme) beschränkten sich ausschließlich, das Stück über falsche und wechselnde Identitäten und Verkleidungen rein von der lächerlichen Seite zu zeigen. Wer sich - "geschult" an diversen privaten Fernsehsendern - über "primitive Albernheiten" erfreuen kann, konnte sich herrlich amüsieren. Das Libretto ist komisch und verrückt genug, als dass es solche peinliche Verbildlichung bedürfte. Das hat weder das Stück, noch ein internationales Festspielpublikum verdient! Wie man Ernsthaftigkeit mit Ironie paaren kann und ein Stück eindrucksvoll und unterhaltsam umsetzen kann bewies Kammersänger Axel Köhler in seiner ersten Regiearbeit mit Claudio Monteverdis (letzter) Oper Die Krönung der Poppea (Premiere am 26. Februar 2000) - übrigens mit den Ausstatterrinnen der L'Antiope Andrea Eisensee (Bühnenbild) und Bettina Saul (Kostüme). Im Kammertheater im Opernhaus Halle (das Publikum sitzt auf einer provisorischen Tribüne auf dem Orchestergraben) inszenierte Axel Köhler diese Produktion des OPERNHAUSES HALLE in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" Berlin in einer deutschen Fassung von Babette Hesse. Die Aufführung bestach vor allem durch ihre Lockerheit und Spielfreudigkeit, was die damalige "Modernität" des Stückes als "bürgerliche Unterhaltung" mittels eines Intrigendramas in historischem Kostüm spürbar werden ließ. Dabei wurden die zum Teil filmisch anmutenden Szenenübergänge durch den Einsatz der Drehbühne optimal umgesetzt. Die musikalische Leitung lag in den bewährten Händen von Wolfgang Katschner, der sowohl Instrumentalisten seines Ensembles, der Lautten Compagney Berlin, als auch des Händelfestspielorchesters des OPERNHAUSES HALLE vereinigte und für eine farbige Umsetzung von Monteverdis Musik sorgte. Hinzu kam mit Anke Berndt (Poppea), Robert Crowe (Nerone), Susanne Kreusch (Ottavia), Peer Abilgaard (Ottone) und Jürgen Trekel (Seneca) ein spielfreudiges und stimmlich hervorragendes Solistenensemble, welches durch Studierende der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" Berlin - mit vielversprechendem Engagement - ergänzt wurde. Zwei weitere Opernaufführungen bereicherten als Wiederaufnahmen aus dem letzten Jahr das reichhaltige Festspielprogramm. Zum einen Händels Oper Alcina im Goethe-Theater in Bad Lauchstädt (eine gemeinsame Produktion mit dem Hans Otto Theater in Potsdam (Musikfestspiele Potsdam Sanssouci) und im Opernhaus Halle die Wiederholung der Festspielaufführung von 1999, Händels Agrippina.
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![]() ![]() C. Pallavicino / N. A. Strungk: L'Antiope Fotos: Ralf Lehmann ![]() Claudio Monteverdi: Die Krönung der Poppea Foto: Gert Kiermeyer |
![]() Bachs Matthäus-Passion mit Trevor Pinnock in der Marktkirche Foto: Jens Schlüter |
Den Höhepunkt der diesjährigen Oratorienaufführungen bildete zweifellos Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion (BWV 244) - dessen 250. Todesjahr in diesem Jahr gedacht wird - in der Marktkirche zu Halle.
Trevor Pinnock mit seinen Ensembles The English Concert und The Choir of The English Concert bildete das musikalische Zentrum der Aufführung. Als Solisten waren einzig Howard Crook, als bewegter, persönlich mitfühlender Evangelist, und Raimund Nolte, als edel deklamierender Jesus aufgeboten. Alle übrigen 14 solistischen Partien wurden von Mitgliedern des Choir of The English Concert gesungen. Das hatte zur Folge, dass Bachs Passion nicht als in sich so geschlossen wie gewohnt wirkte, sondern eher als Gemeinschaftserlebnis, von vielen für viele, und somit für alle. Ein ganz großes Geschenk, speziell an Halle, war der Umstand, dass sich sowohl der Stadtsingechor zu Halle, als auch der Universitätschor Halle "Johann Friedrich Reichardt" in den Chorälen zu dem exquisiten Choir of The English Concert hinzugesellten. Besonderseindrucksvoll wirkten die Choräle der Knabenstimmen, die sie, von der Orgelempore aus, schwebend über den gesamten Klang hinweg zelebrierten. Wer noch weiter Auf den Spuren von Johann Sebastian Bachs wandeln wollte, hatte die Gelegenheit bei einer Exkursion nach Leipzig. Ein anderes interessantes Konzert konnte man in der Konzerthalle Ulrichskirche erleben. Nach der gemeinsam vom Männerchor des Stadtsingechores zu Halle und dem Kammerchor cantus novus, Ulm, intonierten Motette Tristis est anima mea von Johann Kunau und der geistlichen Kantate In Calvaria rupe von Maurizio Cazzati für Mezzosopran und Basso continuo, von Marina Sandel einfühlsam gesungen, stand die früher Georg Friedrich Händel zugeschrieben Johannes-Passion auf dem Programm. In der aller Wahrscheinlichkeit nach von Christian Ritter stammenden Passion konnten sich vor allem Martin Krumbiegel als Evangelist, Christine Wolff (Sopran), die auch ein sehr schönes Duett mit Ulrike Rosenhayn (vom Kammerchor cantus novus, Ulm) hatte, Peer Abilgaard (Altus) und Stephan Heinemann (Bariton) profilieren. Wolf Matthias Friedrich (Bass) ging seine Partie dagegen etwas zu dramatisch an, was nicht in den sonst so ausgeglichenen Gesamteindruck der von Helmut Steger geleiteten Aufführung passen wollte. Das Philharmonische Staatsorchester begleitete dezent und aufmerksam. Georg Friedrich Händels Oratorium Isral in Egypt (HWV 54) kam - als Kooperation mit den Internationalen Göttinger Händel-Festspielen - in der Georg-Friedrich-Händel-Halle zur Aufführung. Marcus Creed erarbeitete eine Fassung nach dem jüngst fertiggestellten Band 50 der neuen Hallischen-Händel-Ausgabe (I/14, Bärenreiter-Verlag) mit dem vor 242 Jahren zum letzten Mal gespielten ersten Teil, in dem Händel Stücke aus Solomon, Occasional Oratorio und dem Peace Anthem verarbeitete. Der zweite Teil mit seinen klangmalerischen Ausdeutungen der Plagen über die Ägypter, die seine Wirkung nicht verfehlen, steht in dieser Fassung nun auch konzeptionell im Zentrum des Werkes. Neben dem von Marcus Creed geleiteten Rias-Kammerchor und der Akademie für Alte Musik Berlin trugen Deborah York und Julia Gooding (Sopran), Michael Chance (Altus), Mark Padmore (Tenor) und Jeremy White und D'Arcy Bleiker (Bass) zu der hervorragenden Interpretation dieses stark von den Chören geprägten Oratorium bei. Eine Besonderheit dieser Produktion waren die - wie zu Händels Zeiten üblich - musikalisch untermalten Pausen, in denen jeweils ein Teil des Orchesters die Orgelkonzerte F-dur HWV 295 (in der ersten Pause) und A-dur HWV 296a (in der zweiten Pause) im Foyer zur Aufführung brachte. Somit wurden die Pausen zum einen musikalisch unterhaltsam überbrückt und zum anderen die Spannung zwischen den einzelnen Teilen des Oratoriums geschickt gehalten.
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![]() Die Preisträger des Oboenwettbewerbs Foto: Ralf Lehmann ![]() Metamorphosen - Annäherungan den Barock Gerit Grimm, Parklandschaft |
Der unter der künstlerischen Leitung von Burkhardt Glaetzner stehende Oboenwettbewerb fand vom 1. bis 5. Juni in Zusammenarbeit mit "Handels New Generation e.V." statt. Seine Besonderheit bestand darin, dass dieser "zweispurig", d.h. sowohl für Barock-Oboe als auch für moderne Oboe durchgeführt wurde. Die Preisträger in der Kategorie Barock-Oboe waren: 1. Preis, Antoine Torunczyk (Frankreich), 2. Preis, Luise Baumgartl (Deutschland) und 3. Preis, Maike Buhrow (Deutschland). In der Kategorie moderne Oboe: 1. Preis, Martin Frutiger (Schweiz) und zwei 2. Preise für Sonja Kierspel und Kai Rapsch (Deutschland). Ein dritter Preis wurde hier nicht vergeben. Das Preisträgerkonzert in den Franckeschen Stiftungen mit dem Neuen Bachischen Collegium musicum Leipzig wurde von Prof. Burkhard Glätzner geleitet. Metamorphosen - Annäherung an den Barock - Eine Grenzüberschreitung zur bildenden Kunst lautete das Motto eines Kolloquium in Zusammenarbeit mit der Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design Halle und dem Händel-Haus. Besonders eindrucksvoll waren dabei die Vorträge von Oswald Georg Bauer (München, Akademie der Schönen Künste) über die Bühnenbildner Galli Bibiena und das Theater ihrer Zeit und Peter O. Krückmann (München, Bayerische Denkmalpflege) über "Das Bayreuther Opernhaus - eine Inszenierung des absoluten Herrschers". Eine Ausstellung zum Kolloquium durch Studenten der Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design Halle (Idee und Ausführung Prof. Dr. Ulrike Krenzlin) rundete diesen besonderen Festspielbeitrag ab. Neben exquisiten Veranstaltungen wie der Gala der Meister: Bach und Händel mit der The Academy of Ancient Music (Musikalische Leitung: Andrew Manze) mit anschließendem "Händel-Dinner" mit Gaumenfreuden aus der hallischen Küche oder BaRockAde, ein musikalisches Gastmahl zu Ehren Georg Friedrich Händels, standen auch reichlich Veranstaltungen für ein größeres Publikum auf dem Programmplan der Festspiele. Neben der obligatorischen Feierstunde am Händel-Denkmal zum Beispiel ein Händel-Haus-Kinder-Fest, die Bridges to the Classics wo "Brücken" von der modernen zur barocken Musik geschlagen werden sollen und das große Abschlusskonzert mit Feuerwerk in der Galgenbergschlucht. Fazit: ein riesiges Programm, eine große Auswahl verschiedenster Veranstaltungen und zahlreiche Höhepunkte! Eben ein richtiges Festival! Dass sich in diesem Jahr eine Überschneidung mit den Händel-Festspielen in Göttingen ergab, lag an deren zeitlicher Disposition in Verbindung mit der EXPO in Hannover und soll sich in Zukunft nicht wieder wiederholen. |
- Fine -