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Nach Europa geht's über Reims
Von Roberto Becker / Fotos © Monika Rittershaus
Sie wollen etwas und kriegen es nicht hin. Irgendwie fehlt immer was. Vor allem, um vom Fleck zu kommen. Und das anvisierte Ziel zu erreichen. Also widmen sie sich mit Hingabe und in aller Ausführlichkeit ihren Macken und Vorlieben. Und der Pflege der Klischees vom jeweils anderen. Das klingt in etwa nach dem "Projekt Europa" und seinem gegenwärtigen Zustand. Das klingt aber auch nach Gioachino Rossinis Die Reise nach Reims aus dem Jahre 1825. In dieser Oper will eine illustre, aus ganz Europa zusammengekommene Gesellschaft zur Krönung des französischen Königs Charles X. nach Reims reisen. Die ganze Gesellschaft bleibt aber unterwegs im Gasthof zur "Goldenen Lilie" stecken. Weil es plötzlich keine Pferde mehr gibt, so heißt es jedenfalls. Worauf sie sich selbst zuwenden. Und trotzdem feiern. ![]() Warten im Kanzlerbungalow
Bei Rossini ist das der gewitzte Rahmen, um möglichst viele Sängerinnen und Sänger in Szene zu setzten. In mehr als einem Dutzend Hauptrollen. In Pesaro beim Rossini Festival ist das in den letzten Jahren eine wunderbare Gelegenheit für den Nachwuchs, sich in einer eingespielten Inszenierung zu erproben (siehe unsere Rezension). Dass Rossini damit eine Steilvorlage für einen wie Christoph Marthaler lieferte, sich mal aus der Perspektive der Schweizer Berge, das Europa von der eher traurigen, heutigen Gestalt vorzunehmen, konnte der Komponist vor fast 200 Jahren natürlich nicht wissen. Und, dass es dem kauzigsten Theatermann in Thalias Reihen gelingt, das frankophone Finale dieser Oper (die Rossini als Dank für eine Spitzenposition im Pariser Opernbetrieb keineswegs uneigennützig komponierte) so zu deuten, dass er damit die Sprachlosigkeit nach dem Ausbruchs islamistischer Barbarei in Paris am 13. November 2015 mit den Mittel der Kunst überwindet, noch viel weniger. Genau das aber ist in Zürich gelungen. Beides. ![]()
Und das, nach dem der Abend mit all den wiedererkennbaren Marthalereien wie Nonsens, Slapstick, Finger- und Mimikballett heiter witzig begonnen hatte. Marthalers langjährige Ausstatterin Anna Viebrock, die eigensinnig Geniale ihrer Zunft, hat dafür das Bonner Kanzleramt zum Nobelsanatorium für erschlaffte, im Kleinklein verhedderte Euro-Promis umgebaut. Dabei hat sie den Keller zum Dachboden gemacht, wo das Freund-hört-mit-Tonband unter den isolierten Heizungsrohren läuft und große Porträts in Öl von Königin Elisabeth II. über Tony Blair, den spanischen Ex-König Juan Carlos bis zu den ehemaligen deutschen Kanzlern Ludwig Erhard und Gerhard Schröder abgestellt und immer mal umsortiert werden. Wie sich zeigt, brauchen sie auch das Bild eines gewissen Victor Orban (dem Amte bekannt) und von Roger Köppel (wer es nicht weiß: ehemals DIE WELT, jetzt Schweizer Polit-Rechtsaußen). Die etwas verschusselt immer mit sich selbst und uns plaudernde Hausdame hat aber so viel Instinkt, diese beiden irgendwann, wenn nicht zu entsorgen, so wenigstens umzudrehen. Mit einem "Europäer" wie Sepp Blatter geht das nicht so einfach. Dessen Grinsen wird man nicht los. Heute liegt die verlängerte Reise-Rast natürlich nicht mehr an den abhanden gekommenen Pferden, sondern vielleicht doch eher am Rat des Arztes vom Anfang, aus gesundheitlichen Gründen noch nicht aufzubrechen. Warum auch immer - sie kommen nicht raus. Laufen beinahe gegen Wände, gehen lieber in den Pool. Singen sich ihre nationalen Schlüssellieder vor. Wobei Deutschland schon bei Rossini dank "Gott erhalte" (wen denn gleich mal?) ziemlich gut und melodisch für heute passend wegkommt. Doch dann wird die Bühne zum Trümmerfeld - offensichtlich ist ein Flugzeug abgeschossen worden. Wenn sie schließlich alle mit Emphase Frankreich hochleben lassen, dann wird einem ganz anders. Das ist (im doppelten Wortsinn) eine Fallhöhe, die man bei Marthaler sonst eher auf der subversiven Ebene des zelebrierten höheren Blödsinns, aber nicht so demonstrativ erwartet. Gast-Dirigent Daniele Rustioni, der designierte GMD der Oper in Lyon, sorgt im Graben dafür, dass trotzdem alles mehr und mehr nach Rossini klingt. Mit einer bewussten Steigerung ins oratorisch appellierende am Ende. Auf seiner Seite hat er zudem ein Ensemble aus handverlesenen Protagonisten, die sich ins Zeug (und oft auch auf den Boden oder in den Pool) legen und mit leichten Einschränkungen auch vokal überzeugen. Als Hausdame Corinna absolviert Rosa Feola ihren ersten Auftritt vor dem Hotelpersonal stumm mit beredter Mimik. Sie hält ihre sympathische Macke konsequent durch, auch wenn sie dazu noch singen muss. Mit einem wunderbar dunklen Mezzo überzeugt Anna Goryachova als polnische Marchesa Melibea. Fulminant sind die Auftritte der modeverrückten La Contessa di Folleville, und Serena Farnocchia behält als Hotelchefin das Heft souverän in der Hand.
Christoph Marthaler entpuppt sich mit seiner Zürcher Inszenierung von Rossinis Il Viggio a Reims als eigensinniger europäischer Reiseleiter Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühnenbild und Kostüme
Mitarbeit Regie
Licht
Chor
Choreographie
Dramaturgie
Solisten
Corinna
La Marchesa Melibea
La Contessa di Folleville
Madama Cortese
Il Cavaliere Belfiore
Il Conte di Libenskof
Lord Sidney
Don Profondo
Il Barone di Trombonok
Don Alvaro
Don Prudenzio
Don Luigino
Maddalena
Modestina
Delia
Zefirino
Antonio
Gelsomino
Günter Bröhl
Carlo Enzio Scrittore
Madama Diedenhofer
Signora Gemello-Fraterno
Signora Gemello-Identico
Barone Tensione del Collo
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