Spanische und französische Emotionen
Von Thomas Molke
/ Foto: © Rossini in Wildbad
Neun Jahre ist es mittlerweile her, dass die Karriere der jungen
Mezzosopranistin Marina Viotti in Bad Wildbad begann. Damals nahm sie an den
beiden Meisterklassen von Lorenzo Regazzo und Raúl Giménez teil und erarbeitete
im Rahmen eines Workshops der Akademie BelCanto die Partie der Isabella in
Rossinis L'italiana in Algeri. Mit ihrer Darstellung begeisterte sie das
Publikum und die Festspielleitung so sehr, dass sie mit dem renommierten
Internationalen Belcanto-Preis in Bad Wildbad ausgezeichnet wurde und zwei Jahre
später als Arsace in der konzertanten Aufführung von Aureliano in Palmira
zurückkehrte. Kurz vor Beginn der Corona-Pandemie traf sie auf den klassischen
Gitarristen Gabriel Bianco, der ähnlich wie Viotti eine steile Karriere
aufweisen konnte. Im ersten kurzen Zusammenspiel erkannte Viotti, dass sie für
ein gemeinsames Programm ein "Perfect Match" seien, doch erst durch den Lockdown der
Corona-Pandemie fanden die beiden Zeit und Muße, ein gemeinsames Programm zu
erarbeiten. Das brachten sie dann 2023 unter dem Titel Porque existe otro
querer (Weil es eine andere Liebe gibt) heraus und nahmen es auch auf
CD auf. Ein Jahr später präsentieren Viotti und Bianco dieses Programm nun im
Rahmen des Belcanto Opera Festivals Rossini in Wildbad im nahezu
ausverkauften Kurtheater.
Marina Viotti und Gabriel Bianco
Der Titel des Konzerts ist eine Zeile aus dem Song "Dos gardenias"
aus dem Album Buena Vista Social Club von 1996, das der US-amerikanische
Gitarrist Ry Cooder in einem Projekt mit von Juan de Marcos Gonzáles
zusammengestellten Altmeistern der kubanischen Musik der 1940er und 1950er Jahre
aufgenommen hatte und das mit über 8 Millionen Verkäufen zu den erfolgreichsten
Alben des Genres zählte. Viotti und Bianco kombinieren unter diesem Titel französische und
spanische Liebesromanzen verschiedener Epochen vom 19. bis zum 20. Jahrhundert
und erkunden so das Thema Liebe in einer Mischung von unterschiedlichen
Gattungen in teilweise neuen Arrangements. Den Anfang machen dabei drei Stücke
von Gabriel Fauré, der vor allem für Vokal-, Klavier- und Kammermusik populär
ist. Die drei Lieder sind eigentlich für Klavier und Gesang komponiert, werden
von Bianco jedoch für Gitarre arrangiert. Dabei findet Bianco einen
faszinierenden Anschlag, der das Klavier gewissermaßen imitiert und dabei nahezu
"original" klingt. Viotti interpretiert die drei Stücke mit warmem, leicht
geführtem Mezzosopran, der das Konzert wie eine leichte Sommerbrise beginnen
lässt. "Après un rêve" erzählt vom Erwachen aus einem schönen Traum, den man
gerne noch zu Ende geträumt hätte. "Chanson d'amour" kann als eine klassische
Liebeserklärung betrachtet werden, und "Les berceaux" handelt vom Abschied des
Geliebten, der auf das Meer hinauszieht. Dabei hört man in der Begleitung sehr
lautmalerisch das Wogen der Wellen, die das Boot in die Ferne tragen.
Nach diesem lieblichen Einstieg begibt man sich auf halbem Weg von Frankreich
nach Spanien. Der Komponist Jules Massenet ist zwar Franzose, hat aber eine
Nuit d'Espagne komponiert, die in der musikalischen Gestaltung spanisches
Temperament besitzt und die Hitze auf der Bühne noch steigert. Hier zeigt Viotti
mit verführerischen Mezzo, der ein wenig Bizets Carmen durchschimmern
lässt, welches Feuer in ihr steckt. Bianco macht deutlich, dass die Gitarre
hier das ideale Instrument ist, dieses Feuer auch aus der musikalischen
Begleitung herauszuholen. Noch leidenschaftlicher geht es dann mit einem relativ
modernen Komponisten des Konzertes weiter: Carlos Eleta Almarán. Auch seine
Historia de un amor erzählt von einer heißblütigen Liebe, die von Viotti
stimmlich und von Bianco an der Gitarre expressiv und sehr impulsiv gestaltet wird.
Nach diesen beiden feurigen Nummern wird es dann sehr melancholisch. Viotti
interpretiert das Lied "Nantes" der französischen Chanson-Sängerin Barbara.
Darin erzählt Barbara eine sehr persönliche, traurige Geschichte. Nach 20 Jahren
der Funkstille zwischen ihr und ihrem Vater erhält sie die Nachricht, dass ihr
Vater im Sterben liege. Sie macht sich auf den Weg nach Nantes, um ihn noch
einmal zu sehen und sich mit ihm auszusprechen. Doch sie kommt zu spät. Diese
bewegende Geschichte wird von Viotti mit sehr leisen und fast gebrochenen Tönen
intensiv umgesetzt.
Danach überlässt Viotti Bianco die Bühne. Er hat ein Solo-Stück für Gitarre
ausgewählt, das prädestiniert für ein Rossini-Festival ist: Rossiniana Nr. 5
von Mauro Giuliani. Der Zeitgenosse Rossinis hat in insgesamt sechs Stücken für
Gitarre Auszüge aus Rossinis Werken für die Gitarre adaptiert und bewiesen, dass
Rossinis Esprit auch an der Gitarre umzusetzen ist. Was Bianco in der
Rossiniana Nr. 5 hier aus den Saiten holt, lässt das Publikum in
Begeisterungsstürme ausbrechen. Normalerweise, sagt er in der Ankündigung, lasse
er das Publikum jeweils raten, welche Stücke Rossinis in diesem Werk verarbeitet
würden. Aber beim Festival-Publikum gehe er davon aus, dass man das sowieso
wisse. So macht er an der Gitarre einen fulminanten Streifzug durch Rossinis
Werk, arbeitet die Leichtigkeit der berühmten Rosina-Arie "Una voce poco fa" aus
Il barbiere di Siviglia mit großer Beweglichkeit heraus und schafft es
sogar, beim berühmten Sextett aus La Cenerentola, "Questo è un nodo
avviluppato", den unterschiedlichen Charakteren eine eigene Stimme zu geben
und sie zu einem Ensemble zusammenzuführen.
Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, wieso Bianco zu den besten
klassischen Gitarristen der heutigen Zeit zählt.
Mit Rossini geht es dann auch weiter, der nicht zuletzt durch seine
Verbundenheit mit dem spanischen Star-Tenor Manuel García auch spanische Lieder
vertont hat. Diese adaptiert Viotti für Mezzosopran und zeigt, dass sie auch mit
einer weiblichen Stimme große Leidenschaft besitzen. Es folgt dann ein
"Klassiker" für Mezzosopran: Siete canciones españolas. Diese
behandeln noch einmal die ganze Klaviatur der Emotionen, die von Viotti mit
großer Leidenschaft stimmlich interpretiert werden, während Bianco jeweils kurz
den folgenden Titel ansagt. Beendet wird das offizielle Programm mit einer sehr
ruhigen Nummer. Viotti präsentiert "La chanson des vieux amants". Dabei setzt
sie sich auf den Bühnenboden und besingt recht verträumt die langjährige Liebe,
die sich jeder Mensch wünscht und bei der man auch in Auseinandersetzungen und
Streit noch zueinandersteht. Das Publikum bedankt sich für das
abwechslungsreiche Programm mit großem Beifall.
Natürlich lässt man Viotti und Bianco nicht ohne Zugaben gehen. Zwei Zugaben
sind auch eingeplant. Den Anfang macht das Lied "Dos gardenias", aus dem die
Titelzeile des Programms stammt. Zum Abschluss gibt es dann noch einmal Rossini,
wobei Viotti das Publikum auffordert, nach Möglichkeit mitzusingen. Schließlich
seien ja auch zahlreiche junge Sängerinnen und Sänger im Publikum, denen La
danza, Nr. 8 aus Les soirées musicales nicht unbekannt ist. Beim "Frinche,
frinche, frinche..." steigen dann auch die ersten Zuschauerinnen und Zuschauer
zunächst zögerlich in den Gesang ein. Das zweite "Frinche, frinche, frinche..."
überlässt Viotti dann bis zum "Mamma mia" ganz dem Publikum. Weil das Publikum
nach dieser Nummer vor Begeisterung so richtig aufgeheizt ist, beschließen
Viotti und Bianco kurzerhand, noch eine dritte Zugabe zu geben, und wiederholen
Rossinis Canzonetta Spagnuola, um den Abend passend zum Festival immer
noch mit Rossini enden zu lassen. So werden aus den angesetzten 70 Minuten für
das Konzert ganz schnell kurzweilige 95 Minuten.
FAZIT
Marina Viotti und Gabriel Bianco zeigen in einem abwechslungsreichen Programm,
wie gut Stimme und Gitarre beim Thema Liebe sowohl im klassischen Bereich als
auch in der Unterhaltungsmusik harmonieren.
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Ausführende
Marina Viotti, Mezzosopran
Gabriel Bianco, Gitarre
Werke
Gabriel Fauré
"Après un rêve"
aus Trois mélodies Op. 7 Chanson d'amour Nr. 1 aus Op. 27
"Les berceaux" Nr. 1
aus Trois mélodies Op. 23 Jules Massenet
Nuit d'Espagne Carlos Eleta Almarán
Historia de un amor Barbara
Nantes Mauro Giuliani
Rossiniana Nr. 5 Op. 123 Gioachino Rossini
"En medio a mis colores"
Canzonetta Spagnuola "À Grenade" ("La nuit regne") Manuel de Falla
Siete canciones españolas
1. "El paño moruno"
2. "Seguidilla murciana"
3. "Asturiana"
4. "Jota"
5. "Nana"
6. "Canción"
7. "Polo" Jacques Brel
"La chanson des vieux amants"
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