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Veranstaltungen & Kritiken Musikfestspiele |
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Levels für einen OpernheldenVon Thomas Molke / Fotos: © Arno KohlemZu den langfristigen Plänen des neuen Festspiel-Teams gehört es unter anderem, die im Mittelpunkt stehende Oper der jeweiligen Festspiele auch einem jüngeren Publikum ("6+") nahe zu bringen. Bei den Internationalen Händel-Festspielen in Göttingen gibt es zu diesem Zweck seit vielen Jahren das Projekt "Händel 4 Kids!", in dessen Rahmen eine "Familienfassung" der jeweiligen Festspieloper präsentiert wird, die meistens eine Person kommentiert, die dem jüngeren Publikum aus dem Fernsehen bzw. Internet bekannt sein dürfte. In Karlsruhe geht man hier etwas andere Wege. Da auch die Förderung des musikalischen Nachwuchses Teil des Festspiel-Konzeptes ist, hat man mit Künstlerinnen und Künstlern, die allesamt noch am Beginn ihrer musikalischen Laufbahn stehen, ein Fantasy-Konzert mit Arien aus Händels Rinaldo zusammengestellt, das in reduzierter Form die Geschichte der Oper erzählt, die sich in diesem Jahr auch inhaltlich sehr gut für ein jüngeres Publikum anbietet. Rinaldino (Gerda Iguchi) begibt sich in einem Computerspiel auf ein digitales Fantasy-Abenteuer. Stephanie Twiehaus, die das Skript zu dieser Produktion geschrieben hat, behält den Titel der Oper allerdings nicht bei, sondern wählt die Verkleinerungsform Rinaldino. Hierbei handelt es sich auch nicht um einen realen Ritter, der sich auf einem Kreuzzug befindet, sondern um einen digitalen Fantasy-Helden, der "auszog, um die Zauberin das Fürchten zu lernen". Unterstützt wird das Projekt von Kevin Barz, dem Leiter des zu Beginn der Spielzeit neu gegründeten Digitaltheaters und dem Medientechniker Frieder Gätjen, die unter Einsatz von künstlicher Intelligenz eine Bildwelt erschaffen haben, auf denen das Publikum in eine Fantasy-Welt eintauchen kann, die aus Computerspielen bekannt sein dürfte. Der Held der Geschichte, Rinaldino, existiert als "schöner, blonder Ritter" also nur digital, während die Sängerin der Partie, Gerda Iguchi, schwarz gekleidet vor einem großen Screen steht, auf dem das Computerspiel abläuft, welches sie teilweise steuert. Auch die beiden weiteren Darstellerinnen, Almirena und Armida, entsprechen optisch nicht den in der Projektion gezeichneten Figuren und agieren äußerst selten auf der Bühne. Stattdessen stehen sie meistens hinter ihrem Notenständer und singen, was die beiden Ebenen des Konzertes ein wenig isoliert nebeneinanderstehen lässt. Dabei begegnet er der schönen Prinzessin Almirena (Aleksandra Comashchuk). Der Erzähler Fabian Kulp tritt in dieser Produktion nicht auf, sondern ist nur als Stimme aus dem Off zu vernehmen. Hier wäre es vielleicht vorteilhafter gewesen, ihn für das junge Publikum sichtbar zu machen, da dadurch auch eine Interaktion möglich gewesen wäre. So bleibt die ganze Geschichte sehr unnahbar und distanziert. Hinzu kommt, dass er teilweise in die Musik hineinspricht, was besonders dann störend wirkt, wenn gleichzeitig noch gesungen wird. Da weiß man dann gar nicht, worauf man sich konzentrieren soll. Die Arien, die aus der Oper den Weg in das Fantasy-Konzert gefunden haben, werden übrigens im Original gesungen, ohne dass eine Übertitelung zu sehen ist. Zwar wird vorher erläutert, worum es jeweils geht, aber es dürfte für ein Publikum, das mit der Geschichte und der Oper noch nicht so vertraut ist, dennoch schwer nachvollziehbar sein. Die Zauberin Armida (Alysia Hanshaw) beansprucht Rinaldino für sich. Die digitalen Bilder, die Barz und Gätjen entwickelt haben, dürften aber auf jeden Fall beim jungen Publikum sehr gut ankommen, auch wenn man sich die Screens vielleicht ein bisschen größer gewünscht hätte. So sieht man auf drei Screens an unterschiedlichen Stellen auf der Bühne jeweils das gleiche Bild, was jedoch insgesamt zu klein ist, um komplett in diese Fantasy-Welt hineingezogen zu werden. Beeindruckend ist aber auf jeden Fall, was mit künstlicher Intelligenz bildlich entwickelt werden kann, zumal man den magischen Effekten, die das Libretto der Oper verlangt, mit digitalen Bildern viel näher kommen kann, als es mit der ausgefeiltesten Bühnenmaschinerie je möglich gewesen sein dürfte. So nimmt der junge Ritter Rinaldino das Publikum in einem Computer-Spiel auf mehreren Levels auf eine bildlich faszinierende Zauberwelt, in der er der bösen Zauberin Armida trotzt und die schöne Prinzessin Almirena aus ihren Fängen befreit. Doch Rinaldinos (Gerda Iguchi, links) und Almirenas (Aleksandra Domashchuk, rechts) Liebe ist stärker als die böse Zauberin. Musiziert wird auf hohem Niveau. Gerda Iguchi stattet den Titelhelden Rinaldino mit kämpferischem Mezzo aus und wird stimmlich dem digitalen Helden in jeder Hinsicht gerecht, auch wenn sich ein mit der Barockoper nicht vertrautes Publikum vielleicht fragen könnte, wieso der Ritter mit einer hohen Frauenstimme singt. Aber vielleicht ist ein jüngeres Publikum in diesem Bereich viel offener, als man denkt und selbst durch Computerspiele in das Schlüpfen anderer Rollen und eventuell auch Geschlechter vertraut. Aleksandra Domashchuk verfügt als Almirena über einen sehr weichen Sopran, der die Milde der Figur unterstreicht. Natürlich darf hier die berühmte Arie "Lascia ch'io pianga" nicht fehlen, die einem unerfahrenen Publikum auch dann unter die Haut gehen dürfte, wenn man den Text nicht versteht. Alysia Hanshaw gibt die Zauberin Armida mit kämpferischem Sopran und bildet somit stimmlich einen großartigen Gegenpol zu Domashchuk. Auch die kleine musikalische Besetzung mit vier Streichinstrumenten und einer Oboe bzw. Flöte weiß unter der Leitung von Johannes Friederich am Cembalo zu begeistern, so dass dem jungen Publikum die Schönheit der Barockmusik sicherlich gelungen präsentiert wird.
Die Produktion entführt mit eindrucksvollen Projektionen in eine digitale Fantasy-Welt. Ob man damit aber wirklich Händels Rinaldo nahbarer macht, ist bei aller Schönheit der Musik zu hinterfragen. Weitere Rezensionen zu den Internationalen Händel-Festspielen 2025 Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Einrichtung und Leitung Skript
Digitale Umsetzung Medientechnik Kostüme
Barockoboe und
Blockflöte 1. Violine 2. Violine Viola Violoncello Solistinnen und SolistenRinaldino
Almirena Armida Stimme aus
dem Off
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E-Mail: oper@omm.de
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