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Bregenzer Festspiele 2026

Die Ausflüge des Herrn Brouček

Oper in zwei Akten
Libretto von Leoš Janaček nach Romanen von Svatopluk Čech
unter Mitarbeit von Karel Mašek, Zykmund Janke, František Gellner, Viktor Dyk und František Serafínský Procházka
Musik von Leoš Janaček

In tschechischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Aufführungsdauer: ca. 2h 55' (eine Pause)


Premiere im Festspielhaus Bregenz am 23. Juli 2026

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Per Albtraum zum Mond und ins Mittelalter

Von Stefan Schmöe / Fotos © Bregenzer Festspiele / Anja Köhler und Daniel Ammann

Herr Brouček ist ein unpolitischer Geist. Im Jahr 1988 sitzt er am liebsten in Prag in seiner kleinen Wohnung vor dem Fernseher und trinkt viel Bier. Als Hausbesitzer hat er hin und wieder Ärger mit den Mietern. So auch mit der jungen Málinka, die aber unerwartet mit ihm flirtet, um ihren Verlobten Mazal zu ärgern. Brouček würde sie gerne heiraten, gesteht er ihr, um gegenüber ihrem entrüsteten Vater Sakristan schnell hinzuzufügen: aber höchstens auf dem Mond. Und schon beginnt eine skurrile Reise, ein Ausflug, der ihn genau dorthin führt: auf den Mond. Der ist von einer Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern besiedelt, die von der Dichtung allein leben und Herrn Brouček nach anfänglich freundlicher Aufnahme lynchen wollen, als der allen Ernstes eine Wurst verspeisen möchte. Zum Glück findet er sich im heimischen Prag wieder.


Vergrößerung in neuem Fenster Herr Brouček ist ein unbescholtener Kleinbürger im Prag des Jahres 1988 und trinkt gern Bier vor dem Fernseher (Foto: © Bregenzer Festspiele / Anja Köhler)

Das Jahr 1988 ist eine Zutat des Regieteams um Yuval Sharon, denn Leoš Janaček hatte, als er 1907 mit der Arbeit an der Oper nach einem Roman von Svatopluk Čech begann, eine Gesellschaftssatire auf Kleinbürgertum wie Künstlerszene im Prag seiner Zeit im Sinn - ein mühsames Unterfangen, das diverse Librettisten verschliss. Und irgendwann stellte der Komponist fest, dass sich daraus keine abendfüllende Oper ergeben werde, sondern gerade einmal ein etwas mehr als einstündiges Werk - also fügte er nach der Mondreise eine zweite Episode hinzu, wieder nach einem Roman von Čech, inzwischen aber unter anderen politischen Vorzeichen. Die Staatsgründung der Tschechoslowakei stand an, verbunden mit einem erstarkten nationalen Geschichtsbewusstsein, das im Aufstand der Hussiten gegen König Sigismund und das katholische Kreuzfahrerheer eine historische Gründungslegende des neuen Staates sah. So muss Herr Brouček im etwa gleich langen zweiten Teil der Oper in das Jahr 1420 reisen und an den Hussitenkriegen teilnehmen, wo er sich als erbärmlicher Feigling entpuppt und wieder nur knapp mit dem Leben davonkommt, weil auch dieser Ausflug eine Art Traum ist, aus dem er im Fernsehsessel erwacht.

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Unerwartet begibt sich Herr Brouček nicht ganz freiwillig auf eine Reise zum Mond (Foto: © Bregenzer Festspiele / Anja Köhler)

Die Umbruchsituation kurz vor dem Jahr 1920 deutet die Regie um in die Spätphase des sozialistischen Staates (und verweist damit- nicht ohne Witz - auf das Ende der Tschechoslowakei, wenn auch nicht des tschechischen Staates). Damit rückt er die Handlung näher an das Bewusstsein des Bregenzer Festspielpublikums heran, soweit dieses nicht aus Tschechien kommt. Auch bricht die Regie das Geschichtspathos der sozialistischen Staaten Mitteleuropas im Zeitalter des Kalten Kriegs. Für die verspielte Inszenierung spielt das allerdings letztendlich kaum eine Rolle, sondern liefert bestenfalls einen Kommentar am Rande. Viel stärker bleibt Brouček der durch und durch unpolitische Bürger, der weder mit Kunst oder Literatur noch mit Geschichte und Politik etwas anfangen kann. Ein Narr, der in Papageno und Falstaff seine Opernvorbilder hat, ohne deren Sympathiewerte zu besitzen. Brouček ist nicht gewitzt, sondern ziemlich plump, und wenn man doch mit ihm mitfühlt, dann vielleicht aus Empathie mit einem Menschen, der einfach seine Ruhe vor der Welt haben möchte. Hauptsache, es ist genug Bier da. Bei manchen Schwächen in der Konzeption der Oper ist dieser Aspekt wohl zeitlos aktuell.


Vergrößerung in neuem Fenster Auf dem Mond erwarten Herrn Brouček merkwürdige Wesen, die von Kunst und Kultur leben (Foto: © Bregenzer Festspiele / Anja Köhler)

Ausstatter Jon Bausor lässt zunächst in einer Videosequenz (Hannah Wasileski) mit wenigen Strichen eine Stadtlandschaft wie in einer Kinderzeichnung auf den Vorhang skizzieren, mit einfachen geometrischen Formen, was sehr wirkungsvoll gelingt. Am Ende erscheint das Haus des Herrn Brouček wie ein vergrößertes Spielzeug in einem abstrakten Umfeld mit diversen Türen, aus denen die anderen Personen hervortreten. Dieses Haus verlässt er nicht, sondern bleibt gleichsam eingesperrt in seinem eigenen Universum - wenn man die Ausflüge als Traumsequenzen deutet. Der Flug zum Mond spielt auf den Stummfilm Le voyage dans la lune von Georges Méliès aus dem Jahr 1902 an, bei dem eine Raumkapsel ganz ähnlicher Form wie das Haus, das hier als Ganzes ins All abhebt, sich mit der Spitze in die Mondoberfläche bohrt. Hier trifft Brouček auf eine körperlose Gesellschaft: Die Mondbewohner sind durchscheinende Kuben, die mit virtuoser Grazilität hin- und her tänzeln (Bewegungschoreographie: Crispin Lord) und verblüffend viel Regungen ausdrücken können. Weil die Regie hier aber auf ein individuelles Aussehen verzichtet (auch wenn es farbliche Unterschiede gibt), wird die Geschichte mit ihren unterschiedlichen Akteuren reichlich unübersichtlich. Mit der walzerseligen, delikaten Musik hat diese erste Hälfte dennoch einiges Unterhaltungspotenzial.

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Sein zweiter Ausflug führt Herrn Brouček in die Urgründe der tschechischen Geschichte, genauer gesagt in das Jahr 1420 und die Hussitenkriege (Foto: © Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann)

Die Reise in die Vergangenheit ist im Gegensatz zur Mondfahrt als Abwärtsbewegung dargestellt, realisiert dadurch, dass der Bühnenboden sich anhebt und den Blick auf ein Raster aus Fundamenten freigibt. In historische, dabei sichtbar gealterte Kostüme gekleidet, ist eine Zuordnung der Figuren hier einfacher. Ein wenig erinnert die Anordnung an ein Historien-Diorama. Brouček muss eine Strickjacke ablegen und wird als Narr eingekleidet. Die Probleme dieses zweiten Teils liegen darin, dass Janaček hier gerafft eine große Historienoper auf die Bühne bringt, wobei nicht ganz klar wird, wo der Ernst endet und die Ironie beginnt. Die Musik verarbeitet historische Motive und Formen und besitzt nicht mehr die Leichtigkeit der Mond-Episode. Es geht um Freiheit und den Tod für das Vaterland, vom Chor eindrucksvoll untermauert. Die mangelnde Kampfesbereitschaft des Herrn Brouček konterkariert das nationalstaatliche Pathos. Der Regieansatz ist plausibel und erzählt die Geschichte in angemessener Balance zwischen Drama und Komödie, trotzdem wirkt das Sujet in die Jahre gekommen - oder aus der deutsch-österreichischen Perspektive, in der eine vergleichbare Nationalstaatslegende fehlt, eben doch sehr spezifisch auf tschechische Verhältnisse ausgerichtet. Interessant ist die Aufführung daher vor allem durch Janačeks vielschichtige, in ihrer Kleinteiligkeit schnell den Charakter wechselnde Musik.


Vergrößerung in neuem Fenster An kriegerischen Aktivitäten zum Wohle von Staat und Volk möchte Herr Brouček, der hier die Lage sondiert, sich lieber nicht beteiligen, weshalb er nur knapp dem Scheiterhaufen entgehen wird (Foto: © Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann)

Diese wird ganz ausgezeichnet interpretiert. Die bestens disponierten Wiener Symphoniker beginnen unter der Leitung von Robert Jindra den Prolog des ersten Teils wie aus dem Nichts, fügen die Musik fragmentarisch aus kleinen Bausteinen zusammen, wodurch sich ein Klangraum ergibt, der weit ins 20. Jahrhundert hineinreicht und Assoziationen an Komponisten wie Luigi Nono heraufbeschwört. Erst nach und nach verfestigt sich die Struktur. Die von luziden Walzern bestimmte Atmosphäre auf dem Mond trifft das Orchester ebenso sicher wie den gewichtigen, aber nie übermäßig schweren Klang des erträumten Mittelalters mit den Hussitenchören, vom Prager Philharmonischen Chor bei aller Wucht mit großer Transparenz gesungen (Einstudierung: Lukáš Vasilek). Die Bläser sind in der Lautstärke sehr fein abgestuft, und Janačeks vielfältige, immer wieder überraschende Klangfarben werden sehr schön hervorgehoben. Allein schon dafür lohnt der Besuch der Aufführung.

Peter Hoare singt den Herrn Brouček mit klarem, hellem Charaktertenor, sehr prägnant im Klang, aber nicht grell. Ihm gelingt eine treffende Charakterisierung der ambivalenten Figur zwischen einem Rest an Bauernschläue und einer noch größeren Portion an Selbstmitleid und gibt ihr viel von der Uneindeutigkeit, die das Werk erst spannend macht. Mit schlankem, durchdringend intensivem Sopran gestaltet Tatev Baroyan die Málinka und deren Wiedergängerinnen auf dem Mond wie in der Hussitenzeit. Nicht ganz ausgeglichen ist der Tenor von Mihails Culpajevs, der Málinkas Liebhaber auf den verschiedenen Handlungsebenen singt - manche Passagen bleiben in der hohen Lage dünn, andere besitzen strahlenden Glanz. Károly Szemerédy ist mit klangprächtigem Bariton ein überaus souveräner Darsteller von Málinkas Vater und den entsprechenden Figuren in den beiden Ausflugsepisoden. Auch die kleineren Partien sind durchweg gut besetzt.


FAZIT

Die Probleme, die sich aus dem Zeitbezug der Oper ergeben, kann die unterhaltsame Regie nicht durchweg lösen, insofern bleiben die satirischen Ausflüge des Herrn Brouček ein Sonderfall in Janačeks Schaffen. Toll gesungen und musiziert setzt die Produktion dennoch einen interessanten Festspielakzent.




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Robert Jindra

Inszenierung
Yuval Sharon

Bühne und Kostüme
Jon Bausor

Licht
Yi Zhao

Video
Hannah Wasileski

Bewegungschoreographie
Crispin Lord

Chor
Lukáš Vasilek

Dramaturgie
Anke Rauthmann



Statisterie der Bregenzer Festspiele

Prager Philharmonischer Chor

Wiener Symphoniker


Solisten

Matěj Brouček
Peter Hoare

Mazal, Blankytnýý, Petřík
Mihails Culpajevs

Sakristan, Lunobor, Domšík
Károly Szemerédy

Málinka, Etherea, Kunka
Tatev Baroyan

Würfl, Čaroskvoucí, Schöffe
Jan Stava

Číšníček, Wunderkind, Student
Gaja Napast

Kedruta
Jana Kurucová

Svatopluk Čech, I. Táborita
Svatopluk Sem

Komponist, Harfoboj, Miroslav Zlatník
Linard Vrielink

Maler, Duhoslav, Stimme des Professors,
Vojta od Pávů, II. Táborita
Paul Curievici

Dichter, anderer Dichter, Oblačný, Vacek Bradatý
Lukáš Bařák


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Bregenzer Festspielen 2026:

La Traviata auf der Seebühne



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