Violetta bittet zur Poolparty
Von Stefan Schmöe
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Fotos © Bregenzer Festspiele / Anja Köhler und Daniel Ammann
Ein Spiegel zerbricht: Das ist das zentrale Bildmotiv dieser Produktion (Bühnenbild: Paolo Fantin). Der Spiegel steht für Selbstreflexion, für den Moment der Erkenntnis Violetta Valérys, dass das eigene, im Glamour der angeblich goldenen 1920er-Jahre inszenierte Leben gescheitert ist. Das Zerbrechen symbolisiert auch den Augenblick des Todes, in dem Violetta ihr Leben an sich vorbeiziehen sieht. Darum geht es auch nicht um einen zerbrochenen, sondern einen zerbrechenden Spiegel. Die Aufführung versucht, die Lebensgeschichte der Violetta, der "Traviata" (was man mit "vom Weg abgekommen" übersetzen kann) auf einen Sekundenbruchteil zu komprimieren. Fantin spricht im Programmheft von einer "eingefrorenen Bewegung", die er darstellen möchte. Was durchaus sinnfällig gelingt, auch wenn die Scherben auf der Bühne eine gewisse Fantasie beim Betrachter voraussetzen, um als solche erkannt zu werden (denn wirklich reflektieren dürfen sie natürlich nicht, um nicht Teile des Publikums gesundheitsgefährdend zu blenden).
Party mit Wasserballett im Infinity-Pool vor berstendem Spiegel (Foto: © Bregenzer Festspiele / Anja Köhler)
Nachdem in den beiden Jahren zuvor Christoph Stölzl den Freischütz mit allerlei Eingriffen in Handlung, Text und Musik kräftig durcheinandergeschüttelt und zu einer musikalischen Geisterbahnfahrt degradiert hatte (unsere Rezension), bleibt der Regisseur dieser Traviata, Damiano Michieletto, nah an der Vorlage und konzentriert sich auf die Psychologie des 1853 uraufgeführten Werkes. Der wesentliche Eingriff besteht darin, die Geschichte in die 1920er-Jahre zu verlegen (Kostüme: Carla Teti). Dabei greift er im ersten Akt, dem Ball im Hause Violettas, ästhetisch auf die Hollywood-Wasserrevuen der 1920er- bis 1950er-Jahre wie Badende Venus mit Schwimmstar Esther Williams zurück. Der eigentlichen Bühne vorgelagert ist ein flaches Becken (das Stölzl im Freischütz für die Sumpflandschaft verwendet hatte). Daraus hat Fantin einen "Infinity-Pool" gebaut - so bezeichnet man im Fachjargon ein Schwimmbecken, bei dem das Wasser an einer Kante überläuft und so den Eindruck eines unendlich ausgedehnten Wasserbereichs schafft. Hier verschmilzt die Wasserfläche optisch perfekt mit dem Bodensee. Solche Infinity-Pools finden sich bevorzugt in Luxushotels und edlen Resorts der Reichen. So steht er hier als Sinnbild für den anfänglichen Wohlstand und auch die Dekadenz Violettas. Deren Fest wird zur Pool-Party, bei der sich das Tanzensemble synchron im hier nur knöcheltiefen Wasser bewegt wie einst in den filmischen "Aqua-Musicals", was ganz hübsch und ein bisschen niedlich aussieht (man kann auch an Aqua-Gymnastik denken), aber auch nicht mehr.
Kommen sich näher: Alfredo und Violetta (Foto: © Bregenzer Festspiele / Anja Köhler)
Wer das ganz große Spektakel erwartet, dürfte enttäuscht werden. Wenn Champagnerflaschen geöffnet werden, steigen Fontänen meterhoch auf, aber auf den großen Knalleffekt mit Feuerwerk wartet man ebenso vergebens wie auf dramatische Stunts. Das gibt der eher intime Rahmen von La Traviata wohl auch nicht her, und der Oper schadet diese Reduktion nicht. Der zweite optische Clou ist eine riesige schwarze Kugel, die von hinten den Spiegel zu zerschlagen scheint und im Zeitlupentempo auf das Publikum zufliegt, um dann als Symbol des Todes über der Spielfläche zu verharren - eine Schicksalskugel sozusagen. Angesichts der enormen technischen Schwierigkeiten, die damit verbunden waren, ist die Wirkung vielleicht doch etwas schwach. Ob die Teile des Bregenzer Publikums, die (auch) der erhofften spektakulären Show wegen an den Bodensee reisen, damit zufrieden sind, wird sich im kommenden Jahr zeigen. Ausverkauft war die diesjährige Aufführungsserie schon früh.
Ankunft von Vater Germont (links im Wasser); Violetta und Alfredo sind gerade dabei, es sich oben links in Violetttönen (was auch sonst, wenn man Violetta heißt) behaglich zu machen - Violetta (rechts) und Annina (Mitte) empfangen den ungebetenen Gast (Foto: © Bregenzer Festspiele / Anja Köhler)
So bleibt es bei einer soliden Regie, die gut mit den räumlichen Gegebenheiten umgeht. Violettas Verlorenheit auf der riesigen Bühne verdeutlicht ihre Einsamkeit, und wenn Vater Germont durch das Wasser über inselartige Scherbenstücke auftritt, dann kommt er aus einer anderen Welt in diese eigentümliche Sphäre herüber. Für das kurze Glück Violettas mit dem jungen Alfredo Germont klappt eine der Scherben herunter und gibt den Blick frei auf ein angedeutetes Zimmer, das die beiden gerade violett streichen. In einer anderen Szene öffnet sich ein ähnlicher Raum und zeigt die Praxis des Doktor Grenville, der mit skeptischem Blick eine Röntgenaufnahme der Lunge Violettas inspiziert - ein Verweis auf deren tödliche Krankheit. Sparsam eingesetzte Videoprojektionen (Roland Horvath) auf die Spiegelflächen zeigen Violetta bei einer Untersuchung, aber auch die mondäne Dame im Bad. Das alles verdichtet eine morbide Atmosphäre der 1920er-Jahre, einschließlich Violettas kaum zu verwirklichende Sehnsucht nach dem einfachen Leben. Gleichzeitig öffnet der Ansatz aber durchaus den Blick auf eine Zeitlosigkeit des Sujets: Glamour und Krankheit liegen nah beieinander, und wer an der Spitze der High Society steht, droht entsprechend tief zu stürzen. Wobei die Regie das tragische Ende sanft auffängt, indem es zwischen den Spiegelscherben Blumen sprießen lässt.
Party bei Flora Bervoix, diesmal nicht im Wasser (© Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann)
Die Konzentration auf die psychologische Entwicklung der Titelfigur kommt der Musik entgegen. Marjukka Tepponen singt die Violetta mit großformatigem Sopran, der erst einmal die glänzende Rolle dieser Frau beglaubigt, später aber auch mit schönem, substanzvollem Piano und Pianissimo die Zerbrechlichkeit unterstreicht, dabei aber nicht an Größe verliert. Auch im Sterben bleibt diese Frau selbstbestimmt, das jedenfalls sagt die Musik. Julien Behr fehlt es für den Alfredo ein wenig an Glanz und Kraft bei den Spitzentönen, um sich musikalisch als Draufgänger zu positionieren. Sein nicht zu heller, geschmeidiger und nicht zu kleiner Tenor bewältigt die Partie klangschön und einschmeichelnd. Vladimir Stoyanov singt einen noblen, geradlinigen, nicht altväterlichen Giorgio Germont. Auch ihm täten ein paar Reserven für die hohen Töne gut, aber die Eleganz seines Baritons gibt der Figur die angemessene Würde. Wie in Bregenz üblich, sind die Hauptrollen angesichts der Vielzahl an Aufführungen dreifach besetzt, die (am Premierenabend durchweg gut gesungenen) Nebenrollen doppelt.
Das Ende ist nah - Violetta und die Schicksalskugel (© Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann)
Klangprächtig und ausgesprochen präzise singen der Prager Philharmonische Chor (Einstudierung: Lukáš Kozubìk) und der Bregenzer Festspielchor (Benjamin Lack), die wie die ausgezeichneten Wiener Symphoniker im Festspielhaus nebenan musizieren und per Lautsprecher auf die Seebühne übertragen werden - was beim Orchester akustisch sehr homogen gelingt (im Tutti könnten die Bläser noch etwas hervorgehoben werden, aber das ist wohl Geschmackssache) und beim Gesang verblüffend gut die Position der jeweils singenden Person hörbar macht (hier dürften für mein Empfinden die hohen Frequenzen etwas ausgeprägter sein). Dirigent Kirill Karabits dirigiert unprätentiös und reagiert souverän auf das Geschehen auf der Szene, in der Interpretation eher sachlich und mit viel Sinn für die Gesangslinien.
FAZIT
Das Team um Regisseur Damiano Michieletto hat eine schöne Inszenierung mit klaren Bildern geschaffen, die auf die ganz große Show verzichtet und sich auf die psychologische Entwicklung konzentriert - kein Geniestreich, aber eine sehr achtbare Interpretation, musikalisch auf hohem Niveau umgesetzt.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Kirill Karabits (Premiere) Pietro Rizzo
Inszenierung
Damiano Michieletto
Bühne
Paolo Fantin
Kostüme
Carla Teti
Licht
Alessandro Carletti
Video
Roland Horvath
Choreographie
Thomas Wilhelm
Chor
Lukáš Kozubík
Benjamin Lack
Ton
Alwin Bösch
Clemens Wannemacher
Dramaturgie
Olaf A. Schmitt
Statisterie der Bregenzer Festspiele
Prager Philharmonischer Chor
Bregenzer Festspielchor
Wiener Symphoniker
Solisten
Violetta Valéry
Stacey Alleaume Julia Muzychenko * Marjukka Tepponen
Flora Bervoix
Rinat Shaham * Angela Simkin
Annina
Claire Barnett-Jones * Melissa Zgouridi
Alfredo Germont
* Julien Behr Long Long Jose Simerilla Romero
Giorgio Germont
Audun Iversen Kostas Smoriginas * Vladimir Stoyanov
Gastone
* Francisco Brito Taylan Reinhard
Barone Douphol
Kevin Greenlaw * Michael C. Havlicek
Marchese d'Obigny
* Janne Sihvo Pete Thanapat
Dottore Grenvil
Ivo Stanchev * Stanislav Vorobyov
Giuseppe
* Aaron Godfrey-Mayes Raphaël Jardin
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