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Tiroler Festspiele Erl Winter

27.12.2025 - 06.01.2026


La sonnambula

Melodramma in zwei Akten
Libretto von Felice Romani nach Eugène Scribes Vorlage für die Ballett-Pantomime La somnambule ou L'arrivée d'un nouveau seigneur von Jean-Pierre Aumer
Musik von Vincenzo Bellini

In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 40' (eine Pause)

Konzertante Aufführung im Festspielhaus am 28. Dezember 2025

 

 

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Traumwandlerischer Belcanto im Festspielhaus

Von Thomas Molke / Fotos: © Scheffold Media (TFE Presse)

Nachdem im vergangenen Jahr bei den Tiroler Winter-Festspielen in Erl Vincenzo Bellinis relativ selten gespielte Oper I puritani in konzertanter Form auf dem Spielplan stand, hat man sich in diesem Jahr für La sonnambula entschieden. Das Werk erlangte schon bei der Uraufführung am 6. März 1831 am Teatro Carcano in Mailand großen Ruhm vor allem durch die Ausnahmesängerin der Titelpartie: Giuditta Pasta. Auch im 20. und 21. Jahrhundert gilt die Schlafwandlerin Amina als Paraderolle, die vor allem durch Interpretinnen wie Maria Callas, Renata Scotto, Joan Sutherland, Edita Gruberova und Anna Netrebko in Erinnerung geblieben ist. Vielleicht steht dieses Werk auch deshalb heutzutage eher selten auf den Spielplänen der Opernhäuser, weil die stimmlichen Anforderungen an die Titelpartie extrem hoch sind. Nachdem im vergangenen Jahr bei I puritani die Belcanto-Spezialistin Jessica Pratt kurzfristig als Elvira eingesprungen und einen triumphalen Erfolg gefeiert hat, hat man Pratt, die übrigens Schülerin von Scotto und Sutherland war, in diesem Jahr direkt für die Titelpartie verpflichtet. Dass sie dabei wie im vergangenen Jahr auf Levy Sekgapane trifft, war zwar eigentlich nicht geplant. Eigentlich sollte Francesco Demuro die Partie des Elvino übernehmen. Aber Demuro musste krankheitsbedingt absagen, und in diesem Jahr konnte Sekgapane kurzfristig einspringen, so dass man das "Traumpaar" aus dem vergangenen Jahr auch in dieser konzertanten Bellini-Oper auf der Bühne erleben kann.

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Amina (Jessica Pratt) und Elvino (Levy Sekgapane) wollen heiraten.

Während die Handlung in Bellinis I puritani reichlich verworren ist, ist die Geschichte in La sonnambula zwar verständlicher, aber sicherlich auch kein dramaturgisches Meisterwerk. Sie basiert auf einer gleichnamigen französischen Komödie, die Eugène Scribe und Germain Delavigne für das Théâtre du Vaudeville in Paris verfassten und die Scribe später für eine Ballett-Pantomime unter dem Titel La somnambule ou L'arrivée d'un nouveau seigneur zur Musik von Ferdinand Hérold umformte. Das junge, schöne Bauernmädchen Amina soll den wohlhabenden Grundbesitzer Elvino heiraten, landet aber in der Nacht vor der Hochzeit schlafwandelnd im Zimmer des Grafen Rodolfo, der inkognito ins Dorf zurückgekehrt ist. Elvino hält sie für untreu, verstößt sie und will sich stattdessen mit seiner vorherigen Geliebten Lisa vermählen. Doch es stellt sich heraus, dass Lisa, als sie Amina bei Elvino fälschlich beschuldigt hat, selbst im Zimmer des Grafen gewesen ist. Als Elvino sich im Selbstmitleid über die Unzuverlässigkeit des weiblichen Geschlechts im Allgemeinen ergeht, taucht Amina schlafwandelnd am Fenster auf und balanciert auf dem Dachfirst der Mühle und über den Mühlsteg. Jetzt endlich glaubt Elvino ihr und dem geheimnisvollen Phänomen des Schlafwandelns, und einer Hochzeit der beiden steht nichts mehr im Wege.

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Lisa (Sarah Dufresne mit Paweł, Horodyski als Alessio) will die Hochzeit verhindern.

Auch wenn die Handlung der Oper als eher undramatisch bezeichnet werden kann, gelingt es Bellini, das Phänomen des Schlafwandelns in atmosphärischen Klang umzusetzen. So bleibt die Musik in den Schlafwandelszenen sanft und regelrecht entrückt und entführt das Publikum in eine surreale Traumwelt, durch die Amina im Schlaf wandelt. Im Gegensatz dazu zeichnet er die reale Welt der Dorfgemeinschaft rustikal und ländlich. Diesen Kontrast arbeitet Giacomo Sagripanti mit dem Orchester der Tiroler Festspiele differenziert heraus. Filigran legt er die Begleitung der Titelfigur an. Ganz leise und vorsichtig scheint die Musik die schlafwandelnde Amina im zweiten Akt regelrecht zu schützen, damit sie nicht erschreckt und vom Dachfirst hinabstürzt. Doch Bellini wäre nicht der Belcanto-Komponist schlechthin, dem selbst Richard Wagner zugestand, von ihm für die eigene Musiksprache profitiert und gelernt zu haben, wenn er nicht auch für seine Figuren eine faszinierende Klangsprache gefunden hätte, die es rechtfertigt, das Werk zumindest konzertant aufzuführen, wenn man die entsprechende Besetzung dafür hat. Das kann in Erl in jeder Hinsicht bestätigt werden.

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Doch am Ende kriegen Amina (Jessica Pratt) und Elvino (Levy Sekgapane) sich doch.

An erster Stelle ist hier natürlich Jessica Pratt in der Titelpartie zu nennen. Scheinbar mühelos bewegt sie sich durch die halsbrecherischen Koloraturen und lässt das Publikum in den leisen Momenten regelrecht innehalten. Mit großartigen Variationen spielt sie in zarten, fast schon zerbrechlich klingenden Höhen, so dass man gebannt lauscht und eine Stecknadel fallen hören könnte. Einige Personen im Publikum sind scheinbar selbst so entrückt, dass sie vor der Vorstellung vergessen haben, ihr Mobiltelefon auf lautlos zu stellen, was leider bis zur Pause zu einigen unangenehmen Störmomenten führt, so dass Intendant Jonas Kaufmann am Ende der Pause vor das Publikum tritt und inständig darum bittet, noch einmal zu überprüfen, ob wirklich alle Mobiltelefone ausgeschaltet sind. Pratt lässt sich jedenfalls von den Störgeräuschen im ersten Akt nicht beirren. Schon in ihrer Auftrittskavatine "Come per me sereno", wenn sie sich bei Teresa dafür bedankt, von ihr als Waisenkind aufgenommen worden zu sein, wird sie für die variablen Höhen vom Publikum frenetisch gefeiert. Auch die berühmte Schlafwandel-Arie "Ah! Non credea mirarti" im zweiten Akt, darf als Meisterstück in Pratts Interpretation bezeichnet werden. Bei der Cabaletta im glücklichen Finale "Ah! Non giunge uman pensiero" reißt sie mit den sprudelnden Koloraturen das Publikum regelrecht von den Sitzen. Wenn man überhaupt etwas kritisieren möchte, ist es das Kleid, das sie vor der Pause trägt, das zwar für eine konzertante Aufführung in zartem Weiß und Rosa schön anzusehen ist, für ein armes Bauernmädchen aber vielleicht doch ein bisschen zu schick ist, zumal Pratt ohne Textbuch auftritt, die Partie mit Mimik und Gestik gestaltet und auf szenische Darstellung setzt, wenn ihr zum Beispiel von Elvino der Ring angesteckt bzw. vom Finger gerissen wird.

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Schlussapplaus: von links: Elvino (Levy Sekgapane), Rodolfo (Adolfo Corrado), Lisa (Sarah Dufresne), Giacomo Sagripanti, Amina (Jessica Pratt), Teresa (Valentina Pernozzoli) und Alessio (Paweł Horodyski) mit dem Orchester und Chor der Tiroler Festspiele Erl

Mit Levy Sekgapane als Elvino hat Pratt einen kongenialen Partner, der wegen der Kürze der Zeit die Partie zwar nicht komplett auswendig vorträgt, aber dennoch bewegende Mimik und Gestik einbaut. Beim großen Liebesduett im ersten Akt finden Sekgapane und Pratt zu einer bewegenden Innigkeit, wenn Elvino eifersüchtig auf den Grafen ist, Amina aber zu diesem Moment sein Misstrauen noch zerstreuen kann. Mit lyrischen Höhen präsentiert er die große Arie "Prendi: L'anel ti dono". Wunderbar zart zerfließt er dann in Selbstmitleid, wenn er Aminas vermeintliche Untreue beklagt. Von den zarten Tönen wechselt er blitzschnell zu kraftvollen Höhen, wenn er von ihrer Unschuld nichts wissen will und ihr den Ring vom Finger reißt. Ungewöhnlich an dem Werk ist, dass der unsympathische Charakter ein weiterer Sopran ist: Lisa, die in ihrem Neid Aminas Glück zerstören und Elvino für sich gewinnen will. Dass sich der Bauer Alessio nach ihr verzehrt, interessiert sie nicht. Sarah Dufresne gestaltet die Partie mit leuchtendem Sopran. Mit beweglichen Koloraturen beklagt sie in ihrer Auftrittsarie "Tutto è gioia", dass sich alle im Dorf mit dem jungen Glück freuen und nur sie einsam zurückbleibt. Umso triumphierender zeigt sie sich, wenn sie glaubt, Elvino zurückgewonnen zu haben.

Adolfo Corrado hat mit seinem vollen Bass schon tags zuvor als Raimondo in Donizettis Lucia di Lammermoor begeistert. Auch als Graf Rodolfo lässt er keine Wünsche offen. Dabei erweist er sich als absoluter Ehrenmann, wenn er durch die schlafwandelnde Amina in seinem Zimmer zwar gegen die Versuchung ankämpfen muss, aber standhaft bleibt und für sie bei Elvino eintritt. Mit profunden Tiefen präsentiert er seine große Auftrittsarie "Vi ravviso, o luoghi ameni", in der er voller Erinnerung an den Ort ist, an den er nach Jahren zurückkehrt. Valentina Pernozzoli legt die Partie von Aminas Ziehmutter Teresa mit warm timbriertem Mezzosopran an und glänzt vor allem in der Szene, in der sie Lisa entlarvt. Paweł Horodyski zeichnet den Bauern Alessio mit beweglichem Bariton und großer Zuversicht, dass er Lisas Herz schließlich doch noch für sich gewinnen wird. Auch der von Olga Yanum einstudierte Chor leistet als Dorfgemeinschaft Beachtliches. Bewegend gelingt die Erzählung "A fosco cielo, a notte bruna", in der die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner dem Grafen von dem vermeintlichen Gespenst erzählen, das nachts durch das Dorf wandelt. So gibt es für alle Beteiligten neben häufigem Zwischenapplaus auch großen Beifall am Ende.

FAZIT

Die musikalischen Perlen entschädigen für die dramaturgischen Schwächen der Handlung der Oper, was ja bei einer konzertanten Aufführung das Wesentliche ist.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Giacomo Sagripanti

Chorleitung
Olga Yanum

 

Orchester der Tiroler Festspiele Erl

Chor der Tiroler Festspiele Erl


Solistinnen und Solisten

Amina
Jessica Pratt

Elvino
Levy Sekgapane

Graf Rodolfo
Adolfo Corrado

Lisa
Sarah Dufresne

Teresa
Valentina Pernozzoli

Alessio
Paveł Horodyski

Ein Notar
Vasili Lipski (Chorsolist)


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