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Traumwandlerischer Belcanto im FestspielhausVon Thomas Molke / Fotos: © Scheffold Media (TFE Presse)
Nachdem im vergangenen Jahr bei den Tiroler Winter-Festspielen in Erl
Vincenzo Bellinis relativ selten gespielte Oper I puritani in
konzertanter Form auf dem Spielplan stand, hat man sich in diesem Jahr für La
sonnambula entschieden. Das Werk erlangte schon bei der Uraufführung am 6. März 1831 am
Teatro Carcano in Mailand großen Ruhm vor allem durch die Ausnahmesängerin der
Titelpartie: Giuditta Pasta. Auch im 20. und 21. Jahrhundert gilt die
Schlafwandlerin Amina als Paraderolle, die vor allem durch Interpretinnen wie
Maria Callas, Renata Scotto, Joan Sutherland, Edita Gruberova und Anna Netrebko in Erinnerung geblieben ist. Vielleicht steht dieses Werk auch deshalb
heutzutage eher selten auf den Spielplänen der Opernhäuser, weil die stimmlichen
Anforderungen an die Titelpartie extrem hoch sind. Nachdem im vergangenen Jahr
bei I puritani die Belcanto-Spezialistin Jessica Pratt kurzfristig
Amina (Jessica Pratt) und Elvino (Levy Sekgapane)
wollen heiraten.
Während die Handlung in Bellinis I puritani reichlich verworren ist, ist
die Geschichte in La sonnambula zwar verständlicher, aber sicherlich auch kein dramaturgisches
Meisterwerk. Sie basiert auf einer gleichnamigen französischen Komödie, die Eugène Scribe und Germain Delavigne für das Théâtre du Vaudeville in Paris verfassten
und die Scribe später für eine Ballett-Pantomime unter dem Titel La
somnambule ou L'arrivée d'un nouveau seigneur zur Musik von Ferdinand Hérold
umformte. Das junge, schöne Bauernmädchen Amina soll den wohlhabenden
Grundbesitzer Elvino heiraten, landet aber in der Nacht vor der Hochzeit
schlafwandelnd im Zimmer des Grafen Rodolfo, der inkognito ins Dorf
zurückgekehrt ist. Elvino hält sie für untreu, verstößt sie und will sich
stattdessen mit seiner vorherigen Geliebten Lisa vermählen. Doch es stellt sich
heraus, dass Lisa, als sie Amina bei Elvino fälschlich beschuldigt hat, selbst im
Zimmer des Grafen gewesen ist. Als Elvino sich im Selbstmitleid über die
Unzuverlässigkeit des weiblichen Geschlechts im Allgemeinen ergeht, taucht Amina
schlafwandelnd am Fenster auf und balanciert auf dem Dachfirst der Mühle und
über den Mühlsteg. Jetzt endlich glaubt Elvino ihr und dem geheimnisvollen
Phänomen des Schlafwandelns, und einer Hochzeit der beiden steht nichts mehr im Wege.
Lisa (Sarah Dufresne mit Paweł, Horodyski als Alessio) will die Hochzeit verhindern.
Auch wenn die Handlung der Oper als eher undramatisch bezeichnet werden kann,
gelingt es Bellini, das Phänomen des Schlafwandelns in atmosphärischen Klang umzusetzen. So bleibt
die Musik in den Schlafwandelszenen sanft und regelrecht
entrückt und entführt das Publikum in eine surreale Traumwelt, durch die Amina
im Schlaf wandelt. Im Gegensatz dazu zeichnet er die reale Welt der
Dorfgemeinschaft rustikal und ländlich. Diesen Kontrast arbeitet Giacomo
Sagripanti mit dem Orchester der Tiroler Festspiele differenziert heraus.
Filigran legt er die Begleitung der Titelfigur an. Ganz leise und vorsichtig
scheint die Musik die schlafwandelnde Amina im zweiten Akt regelrecht zu schützen,
damit sie nicht erschreckt und vom Dachfirst hinabstürzt. Doch Bellini wäre
nicht der Belcanto-Komponist schlechthin, dem selbst Richard Wagner zugestand,
von ihm für die eigene Musiksprache profitiert und gelernt zu haben, wenn er
nicht auch für seine Figuren eine faszinierende Klangsprache gefunden hätte, die
es rechtfertigt, das Werk zumindest konzertant aufzuführen, wenn man die
entsprechende Besetzung dafür hat. Das kann in Erl in jeder Hinsicht
bestätigt werden.
Doch am Ende kriegen Amina (Jessica Pratt) und
Elvino (Levy Sekgapane) sich doch.
An erster Stelle ist hier natürlich Jessica Pratt in der Titelpartie zu nennen.
Scheinbar mühelos bewegt sie sich durch die halsbrecherischen Koloraturen und
lässt das Publikum in den leisen Momenten regelrecht innehalten. Mit großartigen
Variationen spielt sie in zarten, fast schon zerbrechlich klingenden Höhen, so
dass man gebannt lauscht und eine Stecknadel fallen hören könnte. Einige
Personen im Publikum sind scheinbar selbst so entrückt, dass sie vor der Vorstellung
vergessen haben, ihr Mobiltelefon auf lautlos zu stellen, was leider bis zur
Pause zu einigen unangenehmen Störmomenten führt, so dass Intendant Jonas
Kaufmann am Ende der Pause vor das Publikum tritt und inständig
darum bittet, noch einmal zu überprüfen, ob wirklich alle Mobiltelefone ausgeschaltet
sind. Pratt lässt sich jedenfalls von den Störgeräuschen im ersten Akt nicht
beirren. Schon in ihrer Auftrittskavatine "Come per me sereno", wenn sie sich
bei Teresa dafür bedankt, von ihr als Waisenkind aufgenommen worden zu sein,
wird sie für die variablen Höhen vom Publikum frenetisch gefeiert. Auch die
berühmte Schlafwandel-Arie "Ah! Non credea mirarti" im zweiten Akt, darf als
Meisterstück in Pratts Interpretation bezeichnet werden. Bei der Cabaletta im
glücklichen Finale "Ah! Non giunge uman pensiero" reißt sie mit den sprudelnden
Koloraturen das Publikum regelrecht von den Sitzen. Wenn man überhaupt etwas
kritisieren möchte, ist es das Kleid, das sie vor der Pause trägt, das zwar für
eine konzertante Aufführung in zartem Weiß und Rosa schön anzusehen ist, für ein
armes Bauernmädchen aber vielleicht doch ein bisschen zu schick ist, zumal Pratt
ohne Textbuch auftritt, die Partie mit Mimik und Gestik gestaltet und auf
szenische Darstellung setzt, wenn ihr zum Beispiel
von Elvino der Ring angesteckt bzw. vom Finger gerissen wird.
Schlussapplaus: von links: Elvino (Levy Sekgapane),
Rodolfo (Adolfo Corrado), Lisa (Sarah Dufresne), Giacomo Sagripanti, Amina
(Jessica Pratt), Teresa (Valentina Pernozzoli) und Alessio (Paweł Horodyski)
mit dem Orchester und Chor der Tiroler Festspiele Erl
Mit Levy Sekgapane als Elvino hat Pratt einen kongenialen Partner, der wegen der
Kürze der Zeit die Partie zwar nicht komplett auswendig vorträgt, aber dennoch
bewegende Mimik und Gestik einbaut. Beim großen Liebesduett im ersten Akt finden
Sekgapane und Pratt zu einer bewegenden Innigkeit, wenn Elvino eifersüchtig
auf den Grafen ist, Amina aber zu diesem Moment sein Misstrauen noch zerstreuen
kann. Mit lyrischen Höhen präsentiert er die große Arie "Prendi: L'anel ti
dono". Wunderbar zart zerfließt er dann in Selbstmitleid, wenn er Aminas
vermeintliche Untreue beklagt. Von den zarten Tönen wechselt er blitzschnell zu
kraftvollen Höhen, wenn er von ihrer Unschuld nichts wissen will und ihr den
Ring vom Finger reißt. Ungewöhnlich an dem Werk ist, dass der unsympathische
Charakter ein weiterer Sopran ist: Lisa, die in ihrem Neid Aminas Glück
zerstören und Elvino für sich gewinnen will. Dass sich der Bauer Alessio
nach ihr verzehrt, interessiert sie nicht. Sarah Dufresne gestaltet die Partie
mit leuchtendem Sopran. Mit beweglichen Koloraturen beklagt sie in ihrer
Auftrittsarie "Tutto è gioia", dass sich alle im Dorf mit dem jungen Glück
freuen und nur sie einsam zurückbleibt. Umso triumphierender zeigt sie sich,
wenn sie glaubt, Elvino zurückgewonnen zu haben.
Adolfo Corrado hat mit seinem vollen Bass schon tags zuvor als Raimondo in Donizettis Lucia di Lammermoor begeistert. Auch als Graf Rodolfo lässt er
keine Wünsche offen. Dabei erweist er sich als absoluter Ehrenmann, wenn er
durch die schlafwandelnde Amina in seinem Zimmer zwar gegen die Versuchung
ankämpfen muss, aber standhaft bleibt und für sie bei Elvino eintritt. Mit
profunden Tiefen präsentiert er seine große Auftrittsarie "
FAZIT
Die musikalischen Perlen entschädigen für die dramaturgischen Schwächen der Handlung
der Oper, was ja bei einer konzertanten Aufführung das Wesentliche ist.
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Festspielen Spielzeit 2025/2026 |
ProduktionsteamMusikalische LeitungGiacomo Sagripanti Chorleitung
Orchester der Tiroler Festspiele Erl Chor der Tiroler Festspiele Erl
Solistinnen und SolistenAmina Elvino Graf Rodolfo
Lisa
Teresa Alessio
Ein Notar
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