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Tiroler Festspiele Erl Sommer

02.07.2026 - 26.07.2026


La Mort de Cléopâtre

Lyrische Szene
nach einem Text von Pierre-Ange Vieillard
Musik von Hector Berlioz

In französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Suor Angelica

Oper in einem Akt
Libretto von Giovacchino Forzano
Musik von Giacomo Puccini

In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1 h 50' (eine Pause)

Premiere im Festspielhaus am 3. Juli 2026
(rezensierte Aufführung: 19. Juli 2026)

 

 

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Verschieden und doch so ähnlich

Von Thomas Molke / Fotos: © Xiomara Bender (TFE Presse)

Was haben die letzte ägyptische Pharaonin Kleopatra und Puccinis Suor Angelica gemeinsam? Auf den ersten Blick verbindet die beiden nicht viel. Um die eine ranken sich zahlreiche Mythen und Legenden, die sie zur Femme fatale der Antike stilisierten. Die andere wird von ihrer Familie wegen eines unehelichen Kindes verstoßen und fristet ein armseliges Dasein im Kloster. Dennoch kombiniert man bei den Tiroler Festspielen in Erl Hector Berlioz' lyrische Szene La Mort de Cléopâtre mit Puccinis Einakter zu einem gemeinsamen Opernabend, der, auch wenn die Stücke inhaltlich nicht verbunden werden, einige Parallelen zwischen den Schicksalen der beiden Frauen aufzeigt. Beide befinden sich in einer ausweglosen Situation, in der sie den Freitod durch Gift als einzigen Ausweg sehen. Cléopâtre stirbt durch den Biss einer Schlange, Angelica mixt sich einen Trank aus giftigen Kräutern. Und so empfindet man für beide Heroinen tiefes Mitgefühl, da das Leben beiden keine Chance lässt.

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Cléopâtre (Véronique Gens) sieht keinen Ausweg mehr.

Den Anfang macht Berlioz' lyrische Szene La Mort de Cléopâtre. Mit der Komposition bewarb sich Berlioz 1829 zum mittlerweile dritten Mal um den begehrten Prix de Rome der Pariser Académie des beaux-arts, der mit einem Stipendium und einem zweijährigen Aufenthalt in der Villa Medici in Rom verbunden war. Die ersten beiden Versuche von Berlioz für den Preis waren nicht von Erfolg gekrönt. Nun diente ein Libretto von Pierre-Ange Vieillard über den Tod der ägyptischen Königin Kleopatra als Grundlage. In rund 20 Minuten zeichnet Berlioz ein vielschichtiges Bild der Königin, die ihr Leben Revue passieren lässt und sich fragt, ob sie überhaupt würdig ist, in den Pyramiden neben ihren Vorfahren begraben zu werden. Schließlich hat sie Ägypten unter die Herrschaft Roms gebracht und damit den alten Glauben an die Göttin Isis zerstört. Doch die nahenden Feinde reißen sie aus ihren Gedanken, so dass sie handeln muss und sich durch einen Schlangenbiss dem Zugriff der Römer unter Octavian entzieht. Erst im Tod fühlt sie sich wieder wie eine rechtmäßige Herrscherin. Gewinnen konnte Berlioz den Prix de Rome auch damit nicht, was aber keineswegs gegen die musikalische Qualität spricht. Vielleicht war das Stück für die Académie einfach zu fortschrittlich und entsprach nicht den eher konventionellen Erwartungen.

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Cléopâtre (Véronique Gens) stirbt in den Armen einer Dienerin (Maryam Abu Khaled).

Das Regie-Team um Deborah Warner lässt die Szene in einem Verlies ohne Fenster spielen und stellt der Titelpartie zwei stumme Dienerinnen an die Seite. Zum musikalisch dramatischen Beginn stürzen die beiden mit einem großen Wasserbehälter und einem Terrarium, in dem sich wohl die Giftschlange befindet, in das Verlies und versuchen, Cléopâtre einen einigermaßen angemessenen Rückzugsraum zu bieten. Cléopâtre tritt in einem blauen Kostüm auf, das sie beinahe wie eine Flugbegleiterin erscheinen lässt. In der Mitte des abgeschlossenen Raumes befindet sich eine Art Steinbahre, die an ein offenes Grab erinnert. In diesem Ambiente steigert sich Véronique Gens mit großen dramatischen Ausbrüchen in die Gefühlswelt der ägyptischen Königin. Absolut packend gestaltet sie die Rezitative und arbeitet in den einzelnen Nummern bewegend die Klangfarben heraus, die Berlioz später bei seinen Troyens für die Seherin Cassandre und die karthagische Königin Didon noch weiter perfektioniert hat. Edward Gardner führt das Orchester der Tiroler Festspiele Erl durch einen regelrechten Parforce-Ritt, der den letzten Minuten Cléopâtres eine enorme Intensität verleiht. Musikalisch großartig wird der Moment des Schlangenbisses umgesetzt. Da kann man den Schmerz in der Musik direkt heraushören. Auch die anschließende Sterbeszene ist in ihrer Tragik weit von dem entfernt, was man aus dem italienischen Belcanto kennt und wirkt wesentlich authentischer. Gens stirbt als Cléopâtre nicht auf der Steinplatte sondern in einer Ecke des Raumes, nachdem sie das Kostüm und ihren Schmuck zuvor abgelegt hat und in ihrem langen weißen Unterhemd absolut verletzlich scheint. Auch hier wird eine Parallele zu Suor Angelica aufgebaut, weil diese am Ende ihre Nonnentracht ablegt und ebenfalls in einem langen weißen Unterhemd in eine andere Welt übergeht.

Puccinis Suor Angelica ist eigentlich der zweite Teil eines dreiteiligen Opernabends mit dem Titel Il trittico, mit dem er ein musiktheatralisches Pendant zu Dantes Divina commedia schaffen wollte. In mehreren menschlichen Dramen spannte er den ganzen Bogen von der Tragödie in Il tabarro über das Spirituelle in Suor Angelica bis hin zur Komödie in Gianni Schicchi. So wehrte er sich lange Zeit dagegen, dass die einzelnen Teile allein aufgeführt oder mit anderen Kurzopern kombiniert wurden. Da Gianni Schicchi beim Publikum allerdings wesentlich besser ankam als die beiden anderen Teile, konnte Puccini nicht verhindern, dass Gianni Schicchi bald ein Eigenleben führte und losgelöst von Il tabarro und Suor Angelica den Sprung ins Repertoire schaffte. Puccini hingegen sah Suor Angelica immer als Zentrum des Dreiteilers und bezeichnete es sogar als seinen Lieblingsteil. Beim Publikum hingegen wurde Puccinis Begeisterung dafür nicht von Anfang an geteilt. Bei der ersten Aufführungsreihe in Covent Garden 1920 wurde der Teil sogar bereits nach zwei Aufführungen unter einem nicht ganz nachvollziehbaren Vorwand gestrichen. In den letzten Jahren beginnt Suor Angelica wie Gianni Schicchi ein wenig ein Eigenleben auf den Opernbühnen zu führen. So kombinierte beispielsweise das Theater Krefeld-Mönchengladbach das Stück mit Puccinis Frühwerk Le Villi. An der Opéra Royale de Wallonie in Liège verband man es mit Mese Mariano von Umberto Giordano, und am Theater Hagen spielte man es zusammen mit Outi Tarkiainens A Room of One's Own.

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Die Fürstin (Alice Coote, im Hintergrund) will, dass Angelica (Corinne Winters, vorne) auf ihren Erbteil verzichtet.

Die Geschichte spielt im 17. Jahrhundert. Angelica ist von ihrer Familie in ein Kloster abgeschoben worden, nachdem sie aus einer vorehelichen Beziehung ein Kind zur Welt gebracht hatte. In der Abgeschiedenheit sehnt sie sich nach ihrem Kind und wird von großen Schuldgefühlen geplagt. Dabei weiß sie nicht, dass das Kind mittlerweile gestorben ist, da die Familie den Kontakt zu ihr völlig abgebrochen hat. Erst als sie von ihrer gefühlskalten Tante aufgesucht wird, um den Erbanspruch zugunsten ihrer jüngeren Schwester aufzugeben, nutzt die Tante diese Information, um Angelica völlig zu brechen und auf ihr Erbe verzichten zu lassen. Angelica erholt sich von diesem Schock nicht. Den einzigen Ausweg sieht sie im Freitod, braut sich einen giftigen Trank und hofft darauf, ihr Kind im Jenseits wiedersehen zu können.

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Im Tod vereint: Angelica (Corinne Winters) und der Knabe (Maximilian Schindlholzer)

Warner zeichnet die Welt des Klosters in klaren symmetrischen Strukturen. Bühnenbildner Antony McDonald hat auf der rechten und linken Seite zahlreiche gleiche braune Schränke aufgestellt, die in Zweierpaaren in einer klaren Reihen stehen. Zwischen den Schränken stehen Bänke, die von den Schwestern zur Arbeit zeitweise in die Mitte der Bühne getragen werden. Wenn man den Saal nach der Pause betritt liegen einige Nonnen in weißen Gewändern ausgestreckt auf der Bühne, werden mit Beginn der Musik erweckt und in eine demutsvolle Haltung gezwungen. Sehr zögerlich sind die Versuche einzelner Nonnen, aus diesen starren Strukturen auszubrechen. Die Äbtissin und die Schwester Eiferin ersticken allerdings alle Versuche im Keim. Angelica verhält sich in diesem Ambiente zunächst sehr unauffällig, genießt bei den anderen Schwestern aber ein hohes Ansehen, weil sie mit ihrer Kenntnis der Heilpflanzen schon häufig Leid gelindert hat. So hoffen alle für sie, dass der Besuch, der angekündigt wird, aus Angelicas Familie ist. Doch die Freude wehrt nur kurz. Mit wenigen Sätzen zerstört die Tante Angelica völlig, zwingt ihr die Unterschrift ab, auf ihr Erbteil zu verzichten, und überlässt sie ihrem Schicksal. Warner lässt am Ende nicht die Mutter Gottes mit einem leuchtenden Knaben erscheinen, sondern lediglich einen Jungen im Fußball-Dress auf die Bühne laufen und Angelica liebkosen. Vorher haben die Schwestern die Bühne mit Kerzen geschmückt, was dem Ganzen eine sehr spirituelle Atmosphäre verleiht.

Auch in Puccinis teilweise etwas schwülstigen Musik geht Gardner mit dem Orchester der Tiroler Festspiele aufs Ganze und berührt mit emotionaler Tiefe. Corinne Winters gestaltet die Titelpartie mit großem, rundem Sopran und zeichnet die unterschiedlichen Stimmungen Angelicas sehr einfühlsam nach. Ihre Interpretation der berühmten Arie "Senza mamma" geht unter die Haut. Alice Coote gibt die Tante mit schroffem Mezzosopran und kaltem Spiel als absolut herzlosen Charakter. Wie berechnend sie der auf dem Boden liegenden Angelica die Verzichtserklärung auf ihr Erbe mit dem Fuß zuschiebt, ist erschreckend boshaft umgesetzt. Elena Zilio punktet als Äbtissin mit dunklem, warmem Mezzosopran. Auch die anderen Partien sind gut besetzt. Großes leistet auch der von Olga Yanoum einstudierte Frauenchor der Tiroler Festspiele Erl. So gibt es für alle Beteiligten großen und verdienten Beifall für eine rundum bewegende Inszenierung.

FAZIT

Auch wenn die beiden Geschichten des Opernabends grundverschieden sind, weisen die Schicksale der beiden Frauen zahlreiche Parallelen auf, so dass der Abend aus einem Guss ist.

Weitere Rezensionen zu den Tiroler Festspielen Spielzeit 2025/2026



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Edward Garner

Regie
Deborah Warner

Bühnenbild und Kostüme
Antony McDonald

Licht
Urs Schönebaum

Bewegungscoach
Lucy Burge

Chorleitung
Olga Yanum

Leitung Kinderchor
Maksim Matsiushenkau

 

Orchester der Tiroler Festspiele Erl

Chor der Tiroler Festspiele Erl

Kinderchor der
Schule für Chorkunst München


Solistinnen und Solisten

Cléopâtre

Cléopâtre
Véronique Gens

Schauspielerinnen
Maryam Abu Khaled
Sabeen Saeed Ritter

Suor Angelica

Suor Angelica
Corinne Winters

Die Fürstin, Angelicas Tante
Alice Coote

Die Äbtissin
Elena Zilio

Die Schwester Eiferin
Enkelejda Shkoza

Die Lehrmeisterin der Novizinnen
Marta Pluda

Schwester Genovieffa
Christina Gansch

Schwester Osmina
Maria Knihnytska

Schwester Dolcina
Anna Cavaliero

Die Schwester Pflegerin
Sayumi Kaneko

Erste Almosensucherin
Zoe Hippius

Zweite Almosensucherin
Antonia Salzano

Eine Novizin
Chiara Polese

Erste Laienschwester
Tamar Otanadze

Zweite Laienschwester
Vera Maria Bitte

Statistin und Statist
Johanna Förster
Maximilian Schindlholzer

 


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