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Internationale Händel-Festspiele Göttingen
14.05.2026 - 25.05.2026

Deidamia

Oper in drei Akten
Libretto von Paolo Antonio Rolli
Musik von Georg Friedrich Händel

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 30' (eine Pause)

Koproduktion mit dem Wexford Festival Opera

Premiere im Deutschen Theater Göttingen am 15. Mai 2026

 

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Reise in die Antike

Von Thomas Molke / Fotos: © Alciro Theodoro da Silva

Georg Friedrich Händels am 10. Januar 1741 uraufgeführte Deidamia ist seine letzte Oper, bevor er sich vollständig dem zur damaligen Zeit in London wesentlich beliebteren Genre des Oratoriums widmete. Dass dem Werk kein großer Erfolg beschieden war und es nach bloß drei Vorstellungen vom Spielplan genommen wurde, mag zwar aus heutiger Sicht mit Blick auf die großartige musikalische Gestaltung verwundern. Im damaligen London hatte allerdings schon seit einiger Zeit das Interesse an der italienischen Oper nachgelassen, und satirische Werke wie The Beggar's Opera von John Gay und Johann Christoph Pepusch liefen der Opera seria den Rang ab. Auch die Besetzung der Partie des Achilles mit der jungen Sopranistin Mary Edwards stieß bereits im Vorfeld auf heftige Kritik. Für über 200 Jahre verschwand das Werk von den Spielplänen und wurde erst bei den Händel-Festspielen in Händels Geburtsstadt Halle 1953 wieder ausgegraben. Es folgten einige wenige weitere Produktionen und Aufnahmen. Nun steht das Werk in Kooperation mit dem Wexford Festival Opera, wo die Produktion im Oktober 2025 Premiere feierte, auch bei den Internationalen Händel-Festspielen in Göttingen auf dem Spielplan. Während im letzten Jahr die Festival-Leiterin aus Wexford, Rosetta Cucchi, die Regie in Tamerlano bei den Internationalen Händel-Festspielen in Göttingen übernommen hat, führt bei Deidamia der künstlerische Leiter der Händel-Festspiele, George Petrou, Regie. Natürlich leitet er die Inszenierung auch musikalisch.

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Deidamia (Sophie Junker) liebt den als Mädchen verkleideten Achille (Bruno de Sá).

Das Libretto von Paolo Antonio Rolli erzählt eine Geschichte um den Trojanischen Krieg, die sich im 17. und frühen 18. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute. Da Achilles' Eltern geweissagt worden ist, dass ihr Sohn sterben werde, wenn er mit den Griechen in den Krieg um Troja ziehe, haben sie ihn auf der Insel Skyros beim König Lycomedes versteckt. Dort lebt er als Mädchen verkleidet unter den Töchtern des Königs. Seine Tarnung gerät aber mehr schlecht als recht, da er nicht nur größeres Interesse am Jagen als am Sticken und Nähen hat, sondern sich auch noch in Lycomedes' älteste Tochter Deidamia verliebt, die mit ihrer Vertrauten Nerea als einzige neben dem König seine wahre Identität kennt. Da den Griechen prophezeit worden ist, dass der Trojanische Krieg ohne Achilles nicht gewonnen werden könne, werden der listenreiche Odysseus und Phönix nach Skyros geschickt, um den versteckten Helden ausfindig zu machen. Bei einer vom König organisierten Jagd erkennen sie zunächst, dass sich hinter der als Pyrrha ausgegebenen Königstochter kein Mädchen verbirgt. Schließlich gelingt es Odysseus, Achilles zu enttarnen, indem er einen Überfall auf den Palast simuliert und Achilles sofort zu den Waffen greift, um die Frauen im Palast zu schützen. Folglich zieht er mit den Griechen in den Trojanischen Krieg, nachdem er zuvor Deidamia geheiratet und diese Odysseus verflucht hat, was als weitere Ursache für dessen späteren Irrfahrten gelesen werden kann.

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Ulisse (Nicolò Balducci, links) will Achille (Bruno de Sá, rechts) enttarnen.

Das Regie-Team um George Petrou lässt sich von einer Werbeanzeige inspirieren, die dazu einlädt, auf den Spuren des Mythos in Griechenland zu wandeln, und legt über die eigentliche Geschichte der Oper eine Parallelhandlung, die in der Gegenwart spielt. Darin sieht man insgesamt acht Mitglieder des Kammerchors der Universität Göttingen, die als Touristinnen und Touristen auf den Spuren des antiken Skyros in Griechenland wandeln. Während diese weitere Ebene zunächst ein wenig ablenkend wirkt, verschmelzen die Opernhandlung und die Gegenwart im weiteren Lauf der Aufführung immer mehr und deuten interessante Parallelen an. Unterstützt wird dieser Ansatz durch projizierte Postkarten, auf die wie bei Handys kurze Textnachrichten geschrieben werden, die erzählen, was die Touristen als nächstes vorhaben. Die Kostüme von Giorgina Germanou zeichnen diese beiden Ebenen differenziert nach, indem die Figuren des Stückes in antik anmutenden Kostümen gekleidet sind und die Touristen moderne Alltagskleidung tragen. Auch die pittoresken Bühnenbilder, die mal ein gestrandetes Boot zeigen, mit dem Odysseus und Phönix in Griechenland ankommen, später die Überreste von antiken Säulen, vor denen Deidamia und Achilles posieren, werden in den projizierten Postkartenmotiven aufgegriffen.

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Nerea (Sarah Gilford) streitet mit Fenice (Rory Musgrave).

Dabei verlaufen die beiden Handlungsstränge zunächst parallel und überschneiden sich nicht. Wenn Achilles die vor den Säulen aufgebauten Staffeleien, an denen die Touristen sitzen und malen, umwirft, weil er auf Odysseus' Werben um Deidamia eifersüchtig ist, halten die Touristen es zunächst nur für den Wind, der über den Strand hinweggefegt ist. Überraschter wirken sie dann schon bei der Jagdszene. Im Hintergrund ist hier eine Bude aufgebaut, wie man sie von Jahrmärkten kennt, bei der man auf sich bewegende Gegenstände, in diesem Fall wilde Tiere, mit einem Bogen schießen kann. Nachdem alle zunächst daneben geschossen haben, erfolgt eine gewisse Irritation, wenn Achilles mit drei gezielten Schüssen die Tiere allesamt umlegt. Noch intensiver wird das Zusammenspiel in Deidamias großer Arie im zweiten Akt, in der sie fürchtet, Achilles könne auf der Jagd seine Identität verraten. Mit einer Chorsängerin, die in einen langen Glitzeranzug gekleidet ist, tritt sie in zwei separate Lichtkegel vor dem Vorhang. Während Deidamias Gesang legt die Dame des Kammerchors zunächst ihre lange Perücke ab und zieht dann ihr Kleid aus, um die Vergänglichkeit der Schönheit und des Glücks zu demonstrieren.

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Achille (Bruno de Sá, Mitte) will als Kämpfer in den Krieg (vor ihm liegend, links: Fenice (Rory Musgrave), rechts: Ulisse (Nicolò Balducci), dahinter: Kammerchor der Universität Göttingen).

Wie KI passend in eine derartige Geschichte eingebaut werden kann, zeigt dann eine Projektion während Deidamias großer Flucharie im dritten Akt. Hier wird ein Film mit den Sängerinnen und Sängern der Figuren als Darstellerinnen und Darsteller vor pittoresken antiken Kulissen angepriesen, der über die Irrfahrten des Odysseus unter der Regie von George Petrou demnächst in den Kinos zu erleben sei. Bei aller Tragik gibt es der Szene doch eine humorvolle Note. Odysseus' List wird dann in einem Museum angewendet, in dem die Geschenke, die er zur Enttarnung des Achilles aufgebaut hat, in Vitrinen ausgestellt sind. Gemeinsam mit den Touristen schlendern die Figuren des Stückes durch diesen Saal, wobei das Kampfsignal eine moderne Sirene ist, die auch die Touristen in Angst und Schrecken versetzt. Deidamia wird anschließend selbst zu einem Ausstellungsstück und schlüpft in eine der Vitrinen. Besonders bewegend gelingt die Umsetzung des "lieto fine", das auch in der Vorlage eigentlich nicht als glücklich bezeichnet werden kann, da Achilles mit seinem Fortgang von der Insel schließlich seinem sicheren Tod entgegengeht. So lässt ihn Petrou auch nicht in den allgemeinen Jubel des Schlusschors einstimmen, sondern separiert ihn von den übrigen Sängerinnen und Sängern vor einem Vorhang, auf den erschütternde Bilder von Krieg und Zerstörung projiziert werden. Achilles nimmt diese Eindrücke erschrocken zur Kenntnis, bis er an der berüchtigten Achilles-Ferse getroffen wird und tot zusammenbricht. Hier schließt sich ein Kreis, weil die Oper mit diesem Bild in der Ouvertüre begonnen hat. Da sah man Achilles bereits aus einer Art Todesschlaf erwachen, der ihn veranlasste, sich als Mädchen zu verkleiden.

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Ängstlicher Blick in die Zukunft: von links: Licomede (Petros Magoulas), Ulisse (Nicolò Balducci), Achille (Bruno de Sá) und Deidamia (Sophie Junker)

Nicht nur die szenische Umsetzung wird der Vorlage absolut gerecht und stellt unter Beweis, dass das Werk es durchaus verdient hätte, öfters auf den Spielplänen zu stehen. Auch die musikalische Seite bietet barocken Glanz vom Feinsten. George Petrou beweist am Pult des FestspielOrchesters Göttingen, wie viel Kraft und barocker Zauber in der Partitur steckt. Mit viel Fingerspitzengefühl lotet er die dramatischen Höhen und Tiefen der Handlung aus und macht deutlich, dass Händels letzte Oper musikalisch keineswegs schlechter ist als seine auch heutzutage noch berühmteren früheren Werke. Im Gegenteil lässt sich hier eine interessante musikalische Entwicklung entdecken, die die Experimentierfreudigkeit des Komponisten hervorhebt. Im Gegensatz zur Produktion beim Wexford Festival Opera tritt hier der von Antonius Adamske einstudierte Kammerchor der Universität Göttingen auf, der nicht nur durch kraftvollen Klang in den Chorpassagen bei der Jagd und im Finale überzeugt, sondern auch noch in die Rollen der Touristen schlüpft, die in Wexford von der Statisterie übernommen worden sind. Hier kann der Chor auch großes darstellerisches Talent beweisen.

Auch das Ensemble besteht wie bereits in Wexford aus denselben ausgewählten Spitzenstars der momentanen Barockszene. Da ist zunächst die großartige Sophie Junker in der Titelpartie zu nennen. Mit glockenklarem Sopran lässt sie die Koloraturen scheinbar federleicht und ohne Anstrengung nur so perlen. Dass sie auch zu einer Furie mutieren kann, beweist sie in ihrer großen Flucharie im dritten Akt und, wenn sie Achilles heftige Vorwürfe für sein unvorsichtiges Verhalten macht. Bruno de Sá darf ebenfalls als Idealbesetzung für die Partie des Achilles bezeichnet werden. Bei seinem strahlenden Sopran lässt sich in den Höhen wirklich nicht erkennen, dass es sich bei dem Gesang um eine Männerstimme handelt, so dass seine Verkleidung als Pyrrha auf den ersten Blick glaubhaft wirkt. Dabei verleiht er der Figur aber mit teils machohafter Mimik und Gestik an anderen Stellen eine gewisse Komik, die deutlich macht, wieso die Verkleidung am Ende doch auffliegen muss, auch wenn in der Inszenierung Phönix unter Achilles' Gewand schlüpft und anschließend Gewissheit hat, dass Achilles kein Mädchen ist. Nicolò Balducci legt die Partie des Odysseus mit beweglichem Countertenor an, der in den Höhen über eine große Strahlkraft verfügt, dabei aber dennoch virilere Züge hat, als das bei de Sás Stimme der Fall ist. So bildet er stimmlich einen wunderbaren Kontrast zu Achilles. Sarah Richford verfügt als Deidamias Vertraute Nerea über einen weichen Sopran, der im Zusammenspiel mit Rory Musgrave als Phönix aber auch durchaus härtere Töne anschlagen kann. Mit großer Komik gestaltet sie die Arie im dritten Akt, wenn sie einen Koffer einer Touristin inspiziert und dabei auf für sie völlig unbekannte Utensilien trifft.

Rory Musgrave und Petros Magoulas runden als Phönix und Lycomedes mit profundem Bariton bzw. Bass die Vorstellung ab, so dass es für alle Beteiligten lang anhaltenden Applaus und großen Jubel gibt. 

FAZIT

George Petrou arbeitet mit einer cleveren Inszenierung und einem großartigen Ensemble heraus, welche musikalischen Perlen in Händels letzter Oper schlummern. Dieses Werk möchte man im Rahmen der Händel-Pflege gerne häufiger sehen.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung und Inszenierung
George Petrou

Bühnenbild und Kostüme
Giorgina Germanou

Choreinstudierung
Antonius Adamske

Licht
Ernst Schießl



FestspielOrchester Göttingen

Kammerchor der
Universität Göttingen

 

Solistinnen und Solisten

Deidamia
Sophie Junker

Nerea
Sarah Gilford

Achille (Achilles)
Bruno de Sá

Ulisse (Odysseus)
Nicolò Balducci

Fenice (Phoenix)
Rory Musgrave

Licomede (Lycomedes)
Petros Magoulas

 

Weitere
Informationen

erhalten Sie unter
Händel-Festspiele Göttingen
(Homepage)



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