Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musikfestspiele
Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum



Opernfestspiele Heidenheim

06.06.2026 - 26.07.2026

Otello

Dramma lirico in vier Akten
Libretto von Arrigo Boito nach William Shakespeare
Musik von Giuseppe Verdi

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 50' (eine Pause)

Premiere im Rittersaal Schloss Hellenstein in Heidenheim am 3. Juli 2026
(rezensierte Aufführung im Festspielhaus CCH in Heidenheim am 17. Juli 2026)

 

 

Homepage

Der doppelte Otello

Von Thomas Molke / Fotos: © Oliver Vogel

Insgesamt viermal hat Giuseppe Verdi sich in seinem Opernschaffen mit Werken von William Shakespeare beschäftigt. Während eine Vertonung von King Lear in den 1850er Jahren allerdings nie vollendet wurde und Macbeth auch in der für Paris überarbeiteten Fassung von 1865 kein allzu großer Erfolg beschieden war, stellten die beiden Spätwerke Otello und Falstaff die Vollendung von Verdis Opernschaffens dar, in denen er mit einer noch dichteren Komposition als in seinen früheren Werken neue Wege beschritt. Dabei wollte Verdi nach Aida eigentlich gar keine neuen Opern mehr komponieren. Aber Arrigo Boito, den Verdi nicht nur als Komponisten des Mefistofele, sondern auch als Librettisten schätzte, legte ihm zu Beginn der 1880er Jahre ein Libretto auf Shakespeares Drama Otello vor, das Verdi einfach nicht ausschlagen konnte. Trotzdem dauerte es rund sieben Jahre, bis die Oper am 5. Februar 1887 an der Mailänder Scala zur Uraufführung kam. Da das Motto der diesjährigen Opernfestspiele in Heidenheim "MachtMenschen" lautet und im Rahmen der chronologischen Reihenfolge der Verdi-Opern die Urfassung von Macbeth auf dem Spielplan steht, hat man sich entschieden, für die Open-Air-Produktion im Rittersaal Schloss Hellenstein Verdis Otello auszuwählen. Bei der rezensierten vierten Aufführung spielte erstmals in diesem Jahr das sommerliche Wetter nicht mit, und so musste die Veranstaltung an diesem Abend ins Festspielhaus CCH verlegt werden.

Bild zum Vergrößern

Noch ist ihre Welt in Ordnung: Desdemona (Camille Schnoor) und Otello (Sung Kyu Park).

Verdis Oper unterscheidet sich in einigen Aspekten von Shakespeares Drama. So reduzieren Verdi und sein Librettist Boito die Tragödie auf vier Akte und lassen den ersten Akt, der in Venedig spielt, komplett weg. Zu Beginn der Oper sind die Türken bereits geschlagen, und es tobt ein gewaltiger Sturm auf dem Meer, dem Otello und Desdemona glücklich entkommen, wenn sie in Zypern landen. Man erfährt nicht explizit, dass Desdemona Otello heimlich und gegen den Willen ihres Vaters geheiratet hat. Damit ist Otellos Unsicherheit und Misstrauen zunächst nicht ganz so offensichtlich wie bei Shakespeare. Dafür finden Verdi und Boito andere Wege, Otellos Handeln psychologisch zu motivieren. Cassio, der von Otello zunächst degradiert wird, steigt zum Nachfolger Otellos als Verwalter von Zypern auf, während Otello trotz seiner militärischen Erfolge zurück nach Venedig beordert wird. Dass Desdemona bei ihrem Mann ständig für Cassio eintritt, schürt Otellos Eifersucht, die mit der Taschentuchintrige Jagos dann schließlich zur Überreaktion und Ermordung Desdemonas führt. Die Oper endet mit Otellos Selbstmord, nachdem Emilia die Intrige ihres Mannes aufgedeckt und Otello Desdemonas Unschuld erkannt hat.

Bild zum Vergrößern

Jago (Marian Pop, Mitte) gibt vor, Cassio (Adam Sánchez, rechts) bei Otello zu unterstützen.

Das Regie-Team um Rosetta Cucchi verlegt die Handlung der Oper in die Gegenwart und überlegt, wie man in heutiger Zeit Otello als Außenseiter und nicht vollständig akzeptiertes Mitglied der Gesellschaft zeichnen kann. In der Inszenierung ist er ein Mitglied einer Gang, die nicht zur "etablierten" Gesellschaft gehört, aus der Desdemona stammt, was ihn anfällig für Jagos Einflüsterungen machen soll. Optisch werden Otello und seine Anhänger durch abstrakte Zeichnungen im Gesicht kenntlich gemacht, die ein wenig an Kriegsbemalung erinnern. Während bei Otello das komplette Gesicht bemalt ist, sind es bei Jago, Cassio und Roderigo nur Teile des Gesichtes. An der Kostümierung Desdemonas ist zunächst nicht zu erkennen, dass sie aus einer höheren Schicht als Otello stammt. Auch Cucchis Personenregie macht das nicht wirklich deutlich. Stattdessen wirkt Desdemona als äußerst selbstbewusste Frau, zu der es eigentlich nicht passt, dass sie sich derart von ihrem Gatten erniedrigen lässt. Auch das weiße Kleid, das sie nach der Pause trägt, ist zur Betonung ihrer Reinheit ein wenig zu kurz. Da nützt es auch nichts, sie im letzten Akt mit einem langen weißen Tuch zu umgeben.

Noch fragwürdiger ist, was die Dopplung Otellos eigentlich soll. Laut Einführung wird eine weitere Ebene eingeführt, in der das Double von Otello die Geschichte in der Retrospektive betrachtet. Es mag sein, dass diese Figur bei der Freilichtaufführung deutlicher zur Geltung kommt. Im Festspielhaus ist das Double vor dem schwarzen Hintergrund häufig gar nicht sichtbar, so dass man die Figur eigentlich nur in der Sturmszene zu Beginn des ersten Aktes wahrnimmt, wenn er auf einem Stuhl in der Mitte der Bühne sitzt und mit dem fatalen Taschentuch agiert. Hier soll wohl der Moment gezeigt werden, in dem Otello durchschaut, dass das Taschentuch keineswegs ein Zeichen für Desdemonas Untreue war. Nun macht er sich Vorwürfe, dass er darauf hereingefallen ist. Sobald Otello in Zypern ankommt und zu singen beginnt, tauschen das Double und der Sänger die Plätze. Im weiteren Verlauf sieht man das Double zwar ab und zu im Hintergrund über die Bühne laufen. Die Idee verliert sich allerdings hinter der eigentlichen Geschichte.

Bild zum Vergrößern

Desdemona (Camille Schnoor) hat böse Vorahnungen (im Hintergrund: Sung Kyu Park als Otello).

Das Bühnenbild von Matthias Kronfuss, der auch für die Videoprojektionen verantwortlich zeichnet, ist relativ spartanisch gehalten, dabei aber sehr effektiv. Neben vier verschiebbaren LED-Wänden gibt es eigentlich nur einen Baum in der Mitte der Bühne, der zunächst mit zahlreichen weißen Blüten bestückt ist, die er im Verlauf der Handlung verliert. Die letzte Blüte pflückt Otello kurz vor der Ermordung Desdemonas ab. Die vier LED-Wände zeigen in eindrucksvollen Projektionen das Innenleben der Figuren. Im ersten Akt sieht man neben den Sturm immer wieder ein wehendes Taschentuch, hinter dem die Silhouette von Desdemona auftaucht, was bereits die Katastrophe erahnen lässt. Im dritten Akt erscheinen in den Projektionen Desdemona und Cassio hinter diesem Tuch, was deutlich macht, dass Jagos Intrige bei Otello von Erfolg gekrönt ist. Auch Jagos Motivation wird im zweiten Akt durch beeindruckende rote Lichtprojektionen großartig umgesetzt. Ob Desdemona im vierten Akt mit dem Handy WhatsApp-Nachrichten mit ihrer Mutter austauschen muss, die ihre Sorge und Angst um die Tochter kundtut, ist hingegen diskutabel. Darauf hätte man gut verzichten können, zumal Desdemonas Mutter auch bei Shakespeare gar nicht vorkommt.

Musikalisch kommt man an diesem Abend voll auf seine Kosten. Marcus Bosch lotet die Dramatik der Partitur mit den Stuttgarter Philharmonikern auf den Punkt genau aus und findet sehr differenzierte Ansätze für die peitschende Sturmmusik einerseits und die leisen, lyrischen Momente andererseits. Zusammen mit den beeindruckenden Projektionen ergibt sich für das Publikum ein Genuss für Augen und Ohren. Auch der von Eduard Kostelník einstudierte Tschechische Philharmonische Chor Brünn begeistert durch intensives Spiel und homogenen gewaltigen Klang. Bei den Feierlichkeiten im ersten Akt machen die Chormitglieder auch beim Tanz eine gute Figur. Die Solo-Partien sind ebenfalls allesamt hochkarätig besetzt. Sung Kyu Park stattet die Titelfigur mit enormer Durchschlagskraft in den Höhen aus und verleiht und wirkt darstellerisch bei aller Verletzlichkeit recht bedrohlich. Dass sein flexibler Tenor auch die zarten Töne beherrscht, zeigt er im einfühlsamen Duett mit Camille Schnoor als Desdemona. Schnoor verfügt über einen sehr runden Sopran, der in den Höhen große Dramatik besitzt. In der Weidenliedszene und beim anschließenden Gebet erntet sie für ihre große Intensität Szenenapplaus, was von Bosch eigentlich nicht vorgesehen ist, da er die Dramatik der Szene mit dem anschließenden Auftritt Otellos aufrechterhalten will. Doch die ersten bedrohlichen Töne aus dem Orchester gehen leider im Applaus unter.

Bild zum Vergrößern

Jago (Marian Pop) will Otello vernichten.

Marian Pop ist als Jago ein Bösewicht, wie er im Buche steht. Mit großartigem Spiel und beweglichem Bariton zeichnet er Otellos Fähnrich, der sich um seine Beförderung betrogen fühlt und daher Otello mit aller Macht vernichten will. Dass er über Leichen geht, zeigt die Personenregie auch in seiner großen Arie im zweiten Akt, wenn er einem drogenabhängigen Mädchen nach einer kurzen sexuellen Gefälligkeit eine tödliche Dosis verabreicht. Adam Sánchez legt die Partie des Cassio als schmucken Hauptmann mit heldenhaftem Tenor an, so dass man Otellos Sorge durchaus nachvollziehen kann, dass Desdemona Cassio gegenüber nicht abgeneigt sein könnte. Julia Rutigliano punktet als Emilia mit kraftvollem Mezzosopran und hat vor allem am Schluss ihren großen musikalischen Moment. Aber auch im Quartett mit Pop, Schnoor und Park am Ende des dritten Aktes begeistert sie durch intensives Spiel, wenn sie versucht, ihrem Gatten das Taschentuch zu verwehren. Musa Nkuna gestaltet die Partie des Roderigo, der bei Verdi anders als bei Shakespeare ein wenig blass gezeichnet ist, mit beweglichem Tenor. Auch die übrigen kleineren Partien sind allesamt gut besetzt, so dass es am Ende großen Beifall für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Musikalisch bietet der Abend "späten" Verdi vom Feinsten. Rosetta Cucchis Lesart der Geschichte wirft hingegen an einigen Stellen Fragen auf.

Weitere Rezensionen zu den Opernfestspielen Heidenheim 2026


Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Marcus Bosch

Regie
Rosetta Cucchi

Bühne und Video
Matthias Kronfuss

Kostüme
Claudia Pernigotti

Lichtdesign
Hartmut Litzinger

Choreinstudierung
Eduard Kostelník

Dramaturgie
Gerhard Herfeldt

 

Stuttgarter Philharmoniker

Tschechischer Philharmonischer
Chor Brünn


Solistinnen und Solisten

*rezensierte Aufführung

Otello, Mohr und Befehlshaber der
venezianischen Flotte

Sung Kyu Park

Jago, Fähnrich
Marian Pop

Cassio, Hauptmann
Adam Sánchez

Roderigo, venezianischer Edelmann
Musa Nkuna

Lodovico, Gesandter der Republik Venedig
Johannes Maria Wimmer

Montano, Vorgänger Otellos als
Gouverneur von Zypern

Svilen Denchev

Ein Herold
Rory Dunne

Desdemona, Otellos Gemahlin
Camille Schnoor

Emilia, Jagos Gemahlin
Jade Phoenix /
*Julia Rutigliano

Double Otello
Luca Tran

Statisterie
Ludwig Dörrer
Marcos Dreher
Jonathan Klauser
Andreas Markus Kopp
Alfonso Leon
Gerd Munzinger
Thorsten Poska
Linus Stöckle
Volker Strobel


 
Zur Homepage der
Opernfestspiele Heidenheim




Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum

© 2026 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de

- Fine -