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Widerstand und ungebändigte Lebensfreudevon Stefan Schmöe
Der Titel ist Programm: As we are, in etwa "so, wie wir sind", ist die selbstbewusste Ansage, zeitgenössischen afrikanischen Tanz zu präsentieren. Und mit der 82-jährigen Germaine Acogny steht eine der Schlüsselfiguren dafür auf der Bühne. Acogny wurde in Benin geboren, wuchs im Senegal auf (und gründete in der Hauptstadt Dakar eine Tanzschule), unterrichtete später in Frankreich und tanzte in der Compagnie von Maurice Béjart in Brüssel. 1995 kehrte sie zurück in den Senegal und baute dort die École de Sables du Sénégal auf, eine Schule mit nachhaltiger Ausstrahlung nach Europa: 2022 tanzte die dort ausgebildete Compagnie in einer Kooperation mit dem Wuppertaler Tanztheater Pina Bauschs legendäre Choreographie von Le sacre du printemps und fuhr wie ein Blitz in die europäische Tanzwelt (unsere Rezension). Acogny hatte für dieses Projekt zudem gemeinsam mit Malou Airaudo, Tänzerin der ersten Stunde der Bausch-Compagnie bei deren Gründung 1973, das Zwei-Personen-Stück common ground entwickelt. Den ersten Teil von As we are bestreitet sie mit dem knapp halbstündigen Solo Josephine, das 2025 am Pariser Théâtre des Champs-Élysées entstanden ist - 100 Jahre, nachdem am gleichen Ort die schillernde Josephine Baker (1906 - 1975) in La Revue Nègre die Herzen des Pariser Publikums eroberte.
Der Titel Josephine bezieht sich dann auch auf die als Skandal wahrgenommene (und eben deshalb populäre) afroamerikanische Tänzerin, die spärlich bekleidet mit einem Schurz aus Bananen auftrat. Die aber auch im Zweiten Weltkrieg auf französischer Seite als Pilotin im Sanitätsdienst arbeitete, sich der Résistance und dem Geheimdienst anschloss und später die amerikanische Bürgerrechtsbewegung unterstützte. Die als Protest gegen den Rassismus insgesamt zwölf Waisenkinder unterschiedlicher Hautfarbe adoptierte. Germaine Acogny sieht in Baker eine Widerstandskämpferin und eine Aktivistin im Kampf gegen den alltäglichen Rassismus. Sie lässt über Lautsprecher mehrfach Zitate einspielen, teils von Baker, teils über sie. Ein paar Grundkenntnisse von deren Biographie sind hilfreich, um diese Sätze in den Gesamtkontext einordnen zu können.
Acogny trägt eine kleine Skulptur mit sich, eine Figur mit einer Art Kreuz als Körper und einer großen Scheibe als Kopf. Das aus europäischer Perspektive fremdartige Objekt, vielleicht von kultischer Bedeutung, verweist auf afrikanische Kultur. Die Tänzerin nähert sich dem Mythos Baker mit zunächst fast zögerlichen, vorsichtig den Raum erkundenden Armbewegungen. Jede Geste wird sehr bewusst ausgeführt und bekommt einen artifiziellen Charakter. Ihren Ursprung scheinen diese sehr organischen Bewegungen im afrikanischen Tanz zu haben, gehen dann aber mitunter vorsichtig und bruchlos in die leicht frivolen Positionen der Pariser Revue über. So baut sich zunächst ein abstraktes Bild einer Frau auf, die aus ihrer Verwurzelung in afroamerikanischer Tradition heraus eine Verbindung zur Welt der europäischen Unterhaltungstheater schlägt. Im zweiten Teil wird Acogny konkreter, zerrt an dem silberfarbenen Gürtel, den sie über dem dunklen Ganzkörpertrikot trägt und zückt eine Banane wie einen Revolver - um im nächsten Moment anzudeuten, dass sie die Frucht auch zertreten könnte. So spielt sie mit den Klischees, die sich über Josephine Baker eingebrannt haben. Eine mit Glühbirnen umrahmte Tür deutet ein Varieté an, und mit der passenden Perücke verwandelt sich Acogny kurz in die Baker. Die Wandlung zur Aktivistin und Bürgerrechtlerin verläuft weniger überzeugend, da sie die Textebene benötigt. Die Choreographie beeindruckt vor allem durch das Charisma und die Würde von Germaine Acogny, von der sich einiges auf die Kunstfigur Josephine Baker überträgt.
Der große Einfluss von Acogny auf die junge Generation zeigt sich schon darin, dass ihre Schülerinnen und Schüler kurz von "Mama Acogny" sprechen - so auch Gregory Maqoma, geboren 1973 in Soweto. Zur Musik des südafrikanischen Komponisten Yogin Sullaphen (*1986) hat er Bantu kreiert. Das Stück für zwölf Tänzerinnen und Tänzer (wobei das Geschlecht - fast - keine Rolle spielt) vereint die Compagnien - und die Stile - der École des Sables und des Vuyani Dance Theatre aus Johannesburg, wo die Choreographie im Januar 2026 uraufgeführt wurde. "Bantu" ist die Wortwurzel für den Begriff "Mensch" oder "Menschsein", die Ruhrtriennale verweist in ihrer Ankündigung auch auf die Bedeutung "Verbundenheit". Das Werk bedarf aber keiner Erläuterung, sondern ist von überwältigender Unmittelbarkeit. In wechselnden Formationen, meist aber in der gesamten Gruppe strahlt das Ensemble eine mitreißende Lebensfreude aus. Die weit geschnittenen, in dezenten Farben gehaltenen Kostüme sind nicht folkloristisch (Kostüme: Black Coffee Designs). Bantu entwickelt sich wie eine spontane, sich aus dem Augenblick ergebende Gefühlsäußerung.
Das Ensemble reagiert wie ein amorpher Organismus, dynamisch und fließend, ohne Hierarchien und ohne feste Rollen. Atemberaubend ist das Tempo, genauer gesagt: die Fähigkeit zur Beschleunigung. Aus der Ruhe heraus entstehen Bewegungen geradezu explosionsartig, dabei aber nie abrupt oder eckig. Alle Abläufe besitzen große Geschmeidigkeit. Der Choreographie wohnt eine Energie inne, der man sich nicht entziehen kann. Die Armbewegungen scheinen Muster aufzugreifen, die auch dem Beginn von Josephine zugrunde liegen. So sind Verbindungslinien zwischen den beiden Werken des Abends zu spüren. In diesem Kontext präsentiert Bantu ein junges, dynamisches, sich seiner künstlerischen Kraft bewusstes Afrika.
Ein artifizielles Moment kommt etwa in der Mitte des Stücks hinzu. Einem Tänzer werden weiße Linien auf den entblößten Oberkörper gemalt. Das Muster erinnert an das kultische Objekt aus Josephine. Nicht nur deshalb hat die Szene etwas Archaisches und verweist auf Stammeskulturen. Sie erdet die zuvor unverbindliche Fröhlichkeit. Der Auftritt dieses Tänzers (der einzige, für den eine Geschlechtsrollenzuschreibung wichtig ist) bringt eine Verschiebung mit sich. Der Tanz hat jetzt ein Zentrum, um das er kreist. Die Gruppe aber integriert die Figur, saugt sie geradezu auf und macht sie zum integralen Bestandteil, sodass der Schlussteil wie eine Reprise erscheint.
Die subtilen Zeichen und Gedankenspiele, mit denen sich Germaine Acogny in Josephine der Baker annähert, und der unbändige Schwung von Gregory Maqomas Bantu verbinden sich zu einem faszinierenden Abend.
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ProduktionsteamJosephine
Choreographie
Inszenierung und Dramaturgie
Bühnenbild
Kostümbild
Stimmen PerformerinGermaine AcognyBantu
Konzept und Choreografie
Kostümdesign
Lichtdesign
Bewegungsanalyse Tänzerinnen und TänzerÉcole des Sables du Sénégal:Rodolphe Allui Anique Ayiboe Profit Lucky Amy Collé) Vuyani Dance Theatre in South Africa: Nathan Attie Botha Roseline Olga Wilkens Noko Moses Moeketsi Tshepo Neolan Molusi Nkosana Mphumeleli Fakude Monicca Ngwakwane Magoro Gilbert Goliath Thabang Albert Mdlalose weitere Berichte von der Ruhrtriennale 2024 - 2026 Homepage der Ruhrtriennale Die Ruhrtriennale in unserem Archiv |
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