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Rituale für das Leben und den Todvon Stefan Schmöe / Fotos © Marco Anelli
Alles beginnt mit dem Tod von Josip Broz Tito. Genauer gesagt, mit der Beisetzung des Mannes, der von 1945 bis 1980 im kommunistischen Staat Jugoslawien herrschte. Ein Trauerzug mit Kapelle sammelt das Publikum im Foyerbereich der Kraftzentrale im ehemaligen Hüttenwerk und heutigen Landschaftspark Duisburg-Nord ein und führt es in den Teil der Halle, in dem Marina Abramović ihre Rauminstallation und Performance Balkan Erotic Epic stattfinden lässt. Dort steht man zunächst vor einer großen Leinwand und sieht ein Video in Dauerschleife, worin schwarz gekleidete ältere Frauen synchron die Hände auf die Brust schlagen: Kollektive Trauer ist verordnet. Der Anzug des Marschall Tito, mit einem Foto des Gesichts zur vollständigen Figur ergänzt, steht davor, und auch eine Sängerin, die Klagelieder anstimmt.
Marina Abramović, geboren 1946 in Belgrad als Tochter von Partisanen, wuchs im Jugoslawien Titos auf. Die Mutter, eine überzeugte Kommunistin, leitete das "Museum für Kunst und Revolution" in Belgrad, eine Großmutter war orthodox-christlich. Das sind zwei Pole, zwischen denen sich die Performance bewegt. Den Tod Titos kann man als historischen Wendepunkt verstehen - danach waren die Fliehkräfte im Vielvölkerstaat Jugoslawien so groß, dass er später in blutigen Kriegen in seine Teilstaaten zerfiel. Der Widerspruch zwischen einer tristen Moderne und einer farbigen, archaischen Vergangenheit spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Der Balkan steht nicht nur für den biographischen Aspekt der Künstlerin, sondern auch für die "wilde" Seite Europas, den Gegenpol zum "rationalen" Westen des Kontinents. Mit Blick auf dieses Kunstprojekt kann man wohl auch sagen: Für das Unbewusste und Verdrängte im Gegensatz zur durchrationalisierten Welt.
So steht man vor Titos Begräbnis wie vor einer Wand, hinter der sich eine andere Welt öffnet. Sein Smartphone hat man bis dahin längst in kleine Umhängetaschen eingeschlossen (absurderweise auch dann, wenn man vorsorglich gar keines mitgebracht hat - der verschlossene Beutel, auch wenn er leer ist, dient als Einlassmarke). Das Smartphoneverbot, das eigentlich ein striktes Film- und Fotoverbot ist, hat seinen Grund, denn das Wort "Erotic" im Titel des Werkes (das in variierter Form schon in anderen Städten zu sehen war, zuletzt im Gropius-Bau in Berlin) steht für eine starke Körperlichkeit, für Nacktheit und - was auch sonst bei Marina Abramović - für Tabubrüche. Gleich hinter der Wand sieht man an der zweiten von insgesamt 13 Stationen fünf Frauen in Trachtenkleidern, die ihre Vulven entblößen und unter teilweise grotesken Verrenkungen dem Boden und dem Himmel präsentieren, "um die Götter zu erschrecken und sie dazu zu bringen, alle Niederschläge aufzuhalten". So heißt es in den erläuternden Texten im Programmheft und am Eingang des Performance-Bereichs. Hier wird auf alte Rituale angespielt, aber die Künstlerin zwingt das Publikum zu einem zunächst unangenehmen Voyeurismus, an den man sich allerdings schnell gewöhnt (und gewöhnen muss).
Es gibt gleich mehrere männliche Gegenstücke dazu. Sofort ins Auge fallen die einige Meter hohen Phallus-Skulpturen, zwischen denen ab und zu Performerin Elke Luyten im weißen Kittel und mit dickrandiger Brille Zaubertränke und ähnliche Wundermittel vorstellt - Rezepte gegen Impotenz oder Geburtsschmerzen etwa, anschaulich durch comichafte Animationen bebildert. Direkt daneben führen drei junge Männer, meist auf dem Bauch im gewellten Kunstrasen liegend, Kopulationsbewegungen durch: "Den Boden ficken" heißt das in der Sprache des Stückes. Ein Fruchtbarkeitsritual. Besonders absurd erscheint die Station "Slawische Seele", ein reines Videoprojekt: In einer Filmsequenz sieht man eine Reihe von jungen Männern in volkstümlicher Tracht streng in einer Reihe stehen (in der Mitte agiert eine Frau wie ein Priester, die phrasenhaften Messtexte erscheinen als Untertitel). Es handelt sich um einen stummen Chor von Kehlkopfsängern. Hier stehen sie nur herum - und haben die Penisse aus den Hosen hängen. Und nicht immer nur hängen. Live dagegen sieht man zwar viel Nacktheit, auch männliche, aber kein erigiertes Glied.
Ganz am Ende der Halle ist ein Friedhof aufgebaut (Bühnenbild: Anna Schöttl), und mehrere nackte Personen - Frauen und Männer - tanzen im Zeitlupentempo mit Skeletten, denen große rote Zungen an die Gebisse angeklebt sind. Mitunter umschlingen sich auch die Menschen, unendlich langsam. "Brustmassage / Orgie" heißt die Station (hier weicht das, was man sieht, deutlich ab von dem, was im Programm beschrieben ist). Es soll um die Sehnsucht nach den verstorbenen Partnern gehen. Nicht nur hier liegen Ernst und Parodie nah beieinander. Abramović spielt hier auf das Genre des Horrorfilms an (wie nebenan bei "Messertanz" auf Martial Arts - junge Frauen legen ein Keuschheitsgelübde ab und werden offenbar zu Amazonen). Balkan Erotic Epic ist auch ein Verwirrspiel mit und um Sehgewohnheiten, meist (aber nicht nur) in Hinsicht auf den Körper. Ein phasenweise nackter Mann stellt den Verstorbenen dar, der an der Station "Schwarze Hochzeit" symbolisch mit einer jungen Frau "verheiratet" wird, die weit oben auf einem Gerüst steht, dass durch eine kleine Kuppel eine orthodoxe Kirche andeutet. Er wird von einem Tanzensemble betrauert, das in manchen Augenblicken an die Ästhetik Pina Bauschs erinnert: Bewegungsfolgen, an deren Ende Mann und Frau in einer Umarmung dastehen.
Musik hat dabei keine führende, aber eine durchaus wichtige Rolle. Die Kapelle, die den Trauerzug für Tito anführt, ist an vielen Orten präsent (und bei den langsamen Märschen scheint mitunter ein rudimentärer Tango als Subtext mitzuschwingen). Später spielen sie im "Kafana Komplex", einer Café-Bar, in der Frauen reglos mit dunklen Sonnenbrillen und in Trauergewändern der Nachkriegszeit sitzen. Die Stimmung kann auch ins Heitere umschlagen. Dragana Jovanović singt mit opernhaftem Stil eindrucksvoll im Zusammenklang mit Countertenor Aleksandar Timotić (der zuletzt am Theater Münster als Oberon in Brittens Sommernachtstraum zu erleben war). Es gibt einzelne Szenen, in denen die Musik an Bedeutung gewinnt und im Zentrum einer Szene steht; in anderen bildet sich ein Klangteppich aus, der die verschiedenen Stationen verbindet - oder auch isoliert wie die "Hochzeitsrituale". In einem winzigen, nach vorn offenen Raum (das Publikum steht davor), eine Art Badezimmer, wird eine Hochschwangere von einer strahlend um sie herumtänzelnden älteren Frau permanent mit Milch übergossen, wobei von irgendwo her slawische Pop-Musik dudelt - nur zu hören, wenn man wirklich in der Nähe ist. Ein paar Meter weiter bekommt eine Braut das traditionelle, ungeheuer kunstvolle Hochzeits-Make-Up. Das dauert - wie die ganze Performance - vier Stunden.
Das ist ziemlich lang, zumal man zwischen den Stationen herumläuft (ein paar Stühle gibt es nur vor der oben erwähnten "Brustmassage / Orgie"). Da es keine Handlung gibt, kann man die Stationen in beliebiger Reihenfolge durchwandern und auch zwischendurch den Raum verlassen (um draußen ein Getränk oder einen Pausensnack zu erstehen, muss man aber lange Schlangen in Kauf nehmen). Die Zeit, gerade in ihrer Dehnung, spielt auf verschiedenen Ebenen eine Rolle. Man muss sich einlassen auf die Ästhetik, auch immer wieder auf Stillstand, man muss mitunter auf kleine Veränderungen schauen oder einfach abwarten. Zwischen manchen Stationen stellen sich Verbindungen ein, ganz konkret durch den Ortswechsel mancher Akteure, aber auch durch Klänge. Man merkt oft auch von fern, in welchem Teil der Halle gerade etwas passiert. Solche Verdichtungen des Geschehens laufen auf ganz eigene Weise durch den Raum. Die Dimension Zeit hat aber auch eine Funktion im Hinblick auf den selbstquälerischen Aspekt, der in den Aktionen Abramovićs immer eine Rolle spielt. Manche Performerinnen und Performer führen während der kompletten vier Stunden immer die gleiche oder fast gleiche Aktion aus (wie etwa die Frau, die die Schwangere mit Milch überschüttet). Dadurch bekommt die Aktion etwas Zwanghaftes. Der Schminkprozess nebenan dagegen ist von geradezu meditativer Ruhe.
Abramović, spannt ein Netz zwischen Körper und Sexualität, Fruchtbarkeit und Tod, Trauer und Freude auf - Grundelemente unserer Existenz. Die Grenzen zur Banalität werden gestreift oder vielleicht auch mitunter eingerissen, Spektakel und gezielte (letztendlich eher maßvolle) Provokation gehören auch dazu. Aber man kann auch erleben, wie sich der Blickwinkel im Lauf der Veranstaltung ändert, Banales eine Faszination gewinnt, Provokatives zur Selbstverständlichkeit wird. Es gibt viel zu sehen, zu hören, zu bestaunen, zum Kopfschütteln. Nicht alle Stationen sind hier beschrieben. Und ja, es ist anstrengend. Man könnte natürlich vor dem Ende der Veranstaltung gehen (was offensichtlich etliche machen, jedenfalls entspannt sich die zunächst sehr gedrängte Situation nach und nach merklich). Aber es gibt tatsächlich einen Abschluss: Die Kapelle führt, jetzt mit sehr fröhlicher Musik, das Publikum auch wieder aus der Halle heraus.
Balkan Erotic Epic ist oft verstörend, manchmal sehr zart und melancholisch, gelegentlich ziemlich witzig, und ab und zu lebensbejahend fröhlich, auch und gerade in den Widersprüchen. Und es ist inspirierend und aufregend.
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Produktionsteam
Künstlerin, Regie,
Co-Regie
Choreographie
Regie Durational Performance
Filmregie
Komposition
Komposition, Sounddesign
Licht Design
Bühnenbild
Kostümdesign
Animation
Fotografie
Künstlerische Beratung, Gesang und Bandleader
Künstlerische Beratung, Gesang
Performance-Künstler:in, Mitentwickler:in der Rolle
Gesang
Performance
Tanz
Performer*in
Performance, Maske
Akkordeon
Tuba
Trompete
Horn
Violine
Percussion
Sausofon
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- Fine -