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Die (alb)traumhafte Nacht vor der Hochzeit
Von Stefan Schmöe / Fotos © Bettina Stöß Was geht einem Hochzeitspaar kurz vor der Vermählung durch den Kopf? Sicher der Aspekt des Übergangs von einem vermeintlich freien zu einem durch die Institution der Ehe fortan auch erotisch klar geregelten Leben. Junggesellen- (und Junggesellinnen-)Abschiede mit bedruckten T-Shirts, auf denen Textfragmente wie "Last game" zu lesen sind, künden davon (an diesem schönen Frühlingspremierenabend in beachtlicher Zahl zu sehen in der Münsteraner Innenstadt). Regisseurin Cordula Däüper knüpft direkt an solche Überlegungen an und inszeniert Benjamin Brittens A Midsummer Night's Dream als knallbunte Hochzeitskomödie. Drei Brautpaare setzt sie in den Wartebereich eines Trausaals, der auf der moosbewachsenen Drehbühne nur durch eine Tür und eine elektrische Anzeige mit der aktuell aufgerufenen Wartenummer angedeutet ist (Ausstattung: Sophie du Vinage). Traumzustand trifft nicht ohne Witz auf Verwaltungswirklichkeit.
Helena will Lysander notfalls mit Gewalt zur Hochzeit "überreden"
Zwei dieser Paare sind bei Shakespeare vorgegeben, nämlich Hermia und Lysander sowie Helena und Demetrius. Das dritte heiratswillige Paar erfindet die Regie hinzu: Bottom und Flute, die beiden Handwerker, die im Theater auf dem Theater das tragische Liebespaar Pyramus und Thisbe spielen. So wird das "heteronormative" (der Begriff fällt im Programmheft wie im neu getexteten Prolog der Aufführung) Konzept der Ehe aufgebrochen und spielt gleichzeitig auf Benjamin Britten und dessen Lebenspartner Peter Pears (der Thisbe der Uraufführung) an. Beide Handwerker sind hier brave Anzugträger, bürgerlich durch und durch. Bottom allerdings hat die nächtlichen Stunden zuvor als Esel verbracht, verzaubert von Elfenkönig Oberon und dessen Gehilfen Puck, damit er als Tier eine Liebesnacht mit Elfenkönigin Tytania durchlebt (der Esel galt zu Shakespeares Zeit als Inbegriff ungeheurer sexueller Potenz). Die Mittsommernacht, die man sich hier als Traum wie als die Reifezeit zwischen dem Erwachsenwerden und der Hochzeit vorstellen kann, wird von der Regie als ein Erfahrungs- und Lernprozess verstanden. Oberon, dessen Kostüm bemoost wie die Bühne erscheint, wird zum Ausdruck der Triebkraft des Unbewussten. Wer diese Mittsommernacht mit allen Verwirrungen überstanden hat, der ist offenbar bereit für die Ehe.
Bevor es an die Hochzeitstorten geht, müssen noch erotische Lernprozesse durchlaufen werden: Bottom, in einen Esel verwandelt, und Tytania
Allerdings kommt ausgerechnet die erotische Komponente in der Inszenierung ziemlich kurz. Für die emotionale Entwicklung der Paare findet die Regisseurin wenig Zeit und Raum. Der Sommernachtstraum ist lange Zeit als vor allem romantische Komödie gelesen worden, nicht zuletzt durch die populäre Schauspielmusik Mendelssohns. Däuper und du Vinage drängen das romantische Element zurück und setzen auf eine leicht schrille, popkulturelle Ästhetik mit leuchtendem Schriftzug "forever". In der Rahmenhandlung erscheint Herzog Theseus wie der klassische Yankee, seine Braut, die Amazonenkönigin Hippolyta, wie ein Abklatsch von Melania Trump - eine Hochzeit im Showbusiness. Die Elfen kommen womöglich direkt von einem dieser gefürchteten Junggesell(inn)enabschiede. Das mag den Komödienaspekt durchaus plausibel unterstreichen, nimmt als holzschnittartige Parodie auf instagrammtaugliche Vermählungspartys den Figuren aber einiges an Entwicklungs- wie an Identifikationspotenzial. Schlüssig dagegen ist die Idee, den Puck zum allgegenwärtigen Regieassistenten zu machen, der nicht nur nach Bedarf die Übertitel manipulieren und durch launige Kommentierungen des Geschehens ersetzen kann (ein sparsamerer Einsatz dieses Mittels wäre noch effektvoller gewesen), sondern auch die Künstlichkeit der Szene unterstreicht. Es ist eben alles ein großes Theater, und da ist - wie im Traum - mehr an sexuellen Spielarten denkbar (was auf der Bühne pointierter angedeutet werden müsste). Nebenbei umgeht die Regie den problematischen Aspekt des indischen Knaben, um den Oberon und Tytania rivalisieren - hier interessieren sie sich beide für den smarten Regieassistenten. Thomas Halle spielt diesen Puck (eine Sprechrolle) mit viel Charme und komischer Überforderung.
Angehende Ehepaare im Wartestand: Links Leander und Hermia, rechts Demetrius und Helena
Die Leerstellen der insgesamt überzeugenden Inszenierung werden von der exzellenten musikalischen Interpretation ausgefüllt. Fabelhaft spielt das Sinfonieorchester Münster unter der Leitung von Golo Berg, prägnant in den vielen solistischen Passagen (den ausgezeichneten Solo-Trompeter bat der Dirigent zum Schlussapplaus verdientermaßen auf die Bühne) und doch immer in einen transparenten, filigranen Gesamtklang eingebunden. Dabei horcht Berg jedem Akkord, jeder Note nach. Jedes Detail bekommt Bedeutung, aber kein Übergewicht. So wird die Musik zum eigentlichen Träger der Erzählung und beschwört jenes Unbewusste herauf, das auf der eher plakativ angelegten Szene unsichtbar bleibt. Fabelhaft singen die Mädchen und Jungen des Theaterkinderchors am Gymnasium Paulinum, mit glasklarem Ton, sicher in der Intonation und sehr nuanciert - und das auch dann, wenn viel szenische Aktion verlangt wird.
Nur der Mond, gespielt vom Schneider Starveling, ist Zeuge: Bottom und Flute spielen mit Puppen die tieftraurige Komödie von Pyramus und Thisbe
Countertenor Aleksandar Timotic singt einen warm timbrierten, samtig schimmernden Oberon, Marie-Dominique Ryckmanns eine fast mädchenhafte, dabei durchaus selbstbewusste Tytania. Mit der brillanten und sopranhell leuchtenden Elisabeth Freyhoff als Helena, dem dezent dunkler timbrierten Mezzo von Wioletta Hebrowska als Hermia, dem klangschönen und wendigen Tenor von Garrie Davislim als Lysander und dem eleganten Bariton von Johan Hyunbong Choi als Demetrius sind die beiden Liebespaare nahezu perfekt besetzt: Vier Stimmen, die den Figuren Individualität verleihen und doch ausgezeichnet als Quartett harmonieren. Gregor Dalal als Bottom und Youn-Seong Shim als Flute (die das satirische Spiel von Pyramus und Thisbe mit Marionetten aufführen, wodurch sie selbst als Paar ihre Würde behalten) singen mit liedhafter Eleganz. Auch in den kleinen, durchweg sehr gut besetzten Partien bleibt keine Silbe nebensächlich - alles ist genau durchgearbeitet.
Das klug durchdachte Regiekonzept von Cordula Däuper ist auf der Bühne arg grobschlächtig umgesetzt - ein wenig mehr Subtilität täte der Szene gut, die sich in der delikaten, in allen Bereichen großartigen musikalischen Interpretation zeigt.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Regie
Bühne und Kostüme
Marionetten und Coaching Puppenspiel
Einstudierung Kinderchor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der Premiere
Oberon, König der Elfen
Tytania, Königin der Elfen
Puck, ein Elf
Theseus, Herzog von Athen
Hippolyta, Königin der Amazonen
Lysander
Demetrius
Hermia
Helena
Bottom, der Weber
Quince, der Zimmermann
Flute, der Bälgeflicker
Snug, der Schreiner
Snout, der Kesselflicker
Starveling, der Schneider
Cobweb, Peaseblossom, Mustardseed, Moth (Elfen)
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- Fine -