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Die Liebe ist natürlich stärker als das Chaosvon Stefan Schmöe / Fotos © Jan Versweyveld / Ruhrtriennale 2026
Eine Dystopie: In einer verfallenen Welt in nicht allzu ferner Zukunft terrorisiert eine Jugendbande die Stadt Hunger City. Menschliche Beziehungen sind verboten, warum auch immer. Trotzdem findet sich ein namenloses Paar, als "Girl" und "Boy" bezeichnet - wobei das maskulin anmutende Kostüm von "Girl" offen lässt, ob die Figur männlich oder weiblich gelesen werden soll (Kostüme: An D'Huys). Das ruft die Bande auf den Plan, die von einem Tanzensemble verkörpert und musikalisch durch einen Sänger mit der Rollenbezeichnung "Gang Leader" vertreten wird. Auf der Bühne der Bochumer Jahrhunderthalle stehen ein paar verrostete Container herum (in einem davon, mittig auf der Hinterbühne aufgestellt und nach vorn offen, spielt die Band), dazu Mülltonnen und Metallfässer (Bühnenbild und Lichtdesign: Jan Versweyveld). Per Videoprojektion werden zerstörte Hochhäuser eingeblendet (Videodesign: Christopher Ash). Der Soundtrack dieses düsteren Stücks, das Ruhrtriennale-Intendant Ivo Van Hove konzipiert und inszeniert hat und das ohne gesprochene Zwischentexte auskommt, stammt von David Bowie.
Rebel Rebel ist einer von 29 Songs, die das musikalische und inhaltliche Gerüst bilden. Die zunächst als Single veröffentlichte Glam-Rock-Nummer fand ihren Platz auf dem 1974 erschienenen Konzeptalbum Diamond Dogs. Inhaltlich knüpft Bowie darin an George Orwells Roman 1984 und Kurzgeschichten des amerikanischen Schriftstellers William S. Burroughs (1914 - 1997) an und entwirft eine apokalyptische Vision einer gefühllosen Welt (tatsächlich hatte er geplant, ein Musical über Orwells Roman zu schreiben, erhielt aber die Rechte dafür nicht). Van Hove bedient sich aber nicht nur hier, sondern bei Liedern unterschiedlicher Schaffensphasen Bowies, die er in eine Reihenfolge gebracht hat, aus der sich so etwas wie ein Handlungsfaden ergibt. Eine theatralische Dimension ist vielen Songs Bowies ohnehin eingeschrieben.
Das Projekt bildet den Abschluss eines Zyklus, in dem Van Hove jeweils aus einer Folge von Songs ein musiktheatralisches Werk kreiert. 2024 hieß es I Want Absolute Beauty mit Musik von PJ Harvey, eindrucksvoll interpretiert von Sandra Hüller; 2025 in I Did It My Way nach Frank Sinatra und Nina Simone wirkte Lars Eidinger überfordert (und hatte zum Glück die großartige Larissa Sirah Herden an seiner Seite). In diesem Jahr verzichtet Van Hove auf einen Schauspielstar als Zugpferd. Mit Diego Rodriguez als "Boy", Ari Notartomaso als "Girl" und Daniel Donskoy als "Gang Leader" interpretieren drei junge Musical-Darsteller*innen die Songs von Bowie mit ausdrucksstarken Stimmen und großer Energie. Die von Henry Hey (der auch für die Arrangements zuständig ist) am Keyboard angeführte siebenköpfige Band spielt mit rockigem Sound. Dabei dominiert das Schlagzeug, Keyboards und Gitarren eher als klangliches Füllmaterial, und das Saxophon bleibt arg nebensächlich. Das ist der Preis für einen zeitgemäß modernen Klang, härter und unbarmherziger als in alten Aufnahmen Bowies, was im Hinblick auf die Handlung plausibel ist.
Musikalisch sind die Voraussetzungen für einen starken Abend also gegeben - wenn da nicht die banale Story wäre, die sich mühsam an den Songtexten entlanghangelt und diesen gleichzeitig durch die szenische Festlegung die Unbestimmtheit und Vielschichtigkeit nimmt, die sie doch eigentlich auszeichnet. Van Hove zeigt zunächst viel Gewalt, dann die sich zart entwickelnde Liebesbeziehung - und das war's dann im Grunde auch schon. Weil die Gang sich nicht so recht entscheiden kann, ob sie eine Love Story gut oder schlecht finden soll, tanzt man erst einmal zusammen (zum massentauglichen "Let's dance", Bowies kommerziell erfolgreichster Single). "Starman" zeichnet die Utopie einer verwirklichten Liebe und fügt gleichzeitig eine kräftige Prise Sentimentalität hinzu. Und nach ein paar Momenten der Unklarheit geht es irgendwie gut aus. Die Texte liefern Stichwörter für die Handlung, aber keine plausible psychologische Entwicklung, und so wirkt Rebel Rebel trotz ein paar gelungener Szenen alles in allem arg konstruiert.
Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui lässt das Tanzensemble, dem es mitunter an dem entscheidenden Quäntchen von Präzision und Schärfe fehlt, mit oft stampfenden Schritten und weit ausholenden Armbewegungen Brutalität und Gefährlichkeit ausstrahlen. Die Kampfszenen sind akrobatisch durchgestaltet, aber da man schnell durchschaut, worum es hierbei geht, nutzen sich die Effekte umgehend ab. Wobei immer wieder der Eindruck entsteht, dass irgendeine Choreographie herbeigeholt werden muss, damit auf der Bühne überhaupt etwas passiert. In den besseren Momenten sieht das immerhin gut aus; in den schwächeren unterstreicht es eher, dass Van Hoves Konzept nicht aufgeht. Der Jubel des Publikums nach der hier besprochenen Aufführung war lautstark, aber nicht sehr ausdauernd.
Guter Soundtrack, schwache Story - Bowies Songs werden in ein musical-kompatibles Korsett gezwängt, das nicht wirklich aufgeht. Die toll singenden Darsteller*innen retten das Stück halbwegs. Wenn diese Form des Songzyklus-Musiktheaters mit dem Abschluss der Triennale ein Ende findet, muss man nicht traurig sein.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Konzeption und Inszenierung
Choreographie
Bühnenbild und Lichtdesign
Video Design
Kostümbild
Sound Design BandHenry Hey (Keys 1)Christian Frentzen (Keys 2) Erez Frank (Bass) Lennart Delissen (Gitarre 1) Scheroan Zibari (Gitarre 2) Chris Farr (Schlagwerk) Marc Doffey (Saxofon) Solisten
Boy
Girl
Gang Leader
Backing Vocals
Tänzerinnen und TänzerMaryna Kushchova (Ashotivna)Matt Antonucci Jade Bayonne Zoe Hollinshead Matys Kaïbo,Kazutomi "Tsuki" Kozuki Mason Kelly Nathalia Meneses Gonzalez Helena Olmedo Duynslaeger Nelson Parrish Earl Patrick Williams Seebacher (TwoFace) Zur Setlist im Abendprogramm (Link zur Internetpräsenz der Ruhrtriennale) weitere Berichte von der Ruhrtriennale 2024 - 2026 Homepage der Ruhrtriennale Die Ruhrtriennale in unserem Archiv |
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