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Musikfestspiele
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Salzburger Osterfestspiele 2026

Das Rheingold

Vorabend des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen
Text und Musik von Richard Wagner

in deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 20' (keine Pause)

Premiere am 27. März 2026 in der Salzburger Felsenreitschule
(rezensierte Aufführung: 1. April 2026)


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Osterfestspiele Salzburg
(Homepage)

Ein Ring aus seiner eigenen Asche

Von Bernd Stopka / Fotos © Frol Podlesnyi

Die Salzburger Osterfestspiele beginnen einen neuen Ring, den dritten in ihrer Geschichte. 1967 eröffnete Karajan die ersten Osterfestspiele mit der Walküre (eine Rekonstruktion dieser Inszenierung wurde 2017 mit aktuellen Ergänzungen versucht). 2026 steht das Rheingold auf dem Spielplan, die anderen Teile folgen in den kommenden vier Jahren, zwischen Walküre und Siegfried unterbrochen durch Schönbergs Moses und Aron. Keine zufällige, sondern eine programmatische Kombination, die die archaischen Geschichten in einen Kontext stellt.

Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme liegen in den Händen von Kirill Serebrennikov, dessen erklärte Absicht es ist, den Ring als eine globale Reise durch eine postapokalyptische Welt zu zeigen. Da denkt der Wagner-Veteran an Harry Kupfers Bayreuther Ring-Inszenierung aus dem Jahre 1988, als der nach dem Weltuntergang überlebende Alberich im Scheinwerferlicht saß und man erwartete, dass er sein "Hehe! Ihr Nicker!" erneut den ebenfalls überlebenden Rheintöchtern zuruft.

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Die Rheintöchter in der Tiefe

Der Ring geht also in die nächste Runde. Nachdem die Welt zusammengebrochen ist, versuchen die überlebenden Menschen sich auf und aus den Trümmern eine neue, belebbare Welt zu schaffen und bedienen sich der Artefakte verschiedener Völker und Kulturen - Kulturelles aus der ganzen Welt statt des nordischen Heldenepos'.
Überdies wird dieser Ring durch die Jahreszeiten dekliniert, beginnend mit einem im Winter spielenden Rheingold - recht frisch für die badenden Rheintöchter. Bei diesem Neuanfang gibt es nun auch von Beginn an Menschen oder zumindest ähnliche Wesen, Performer genannt, die es in Wagners Rheingold ja noch nicht gibt.

Die Weltreise dieses Weltendramas startet in Afrika, einem verödeten, vereisten Afrika. Für die szenische Umsetzung arbeitet der Regisseur mit The Recycle Group zusammen, die sich darauf konzentriert, Futuristisches darzustellen und "die Schnittstellen zwischen den materiellen, spirituellen und virtuellen Dimensionen des modernen Lebens zu erforschen". Das Publikum soll den neuen Ring ganz vielfältig erfahren, daher bezieht die szenische Umsetzung Film, diverse Medien, Choreographie, Lichtdesign und Theater mit Mitteln, die nur das Theater hat (tatsächlich!), mit ein. Ganz bewusst wurden Solisten und Künstler aus verschiedenen Nationen und Kulturen engagiert, um das Universelle der Ring-Aussagen und der neu zu bildenden Welt zu unterstreichen.

Soweit das spannende Konzept. Doch was sieht man davon wirklich auf der Bühne? Vor allem viel Düsteres und Schmutziges.
Die Apokalypse scheint ein großer Vulkanausbruch gewesen zu sein. Die Bühne bedeckt erkaltete Lava. Alberich rennt (als Projektion auf acht beweglichen Bildschirmen) nackt und schmutzig durch die Öde, die mehr an Island erinnert, das Ursprungsland der Edda. Er läuft zum Vorspiel, was konzeptadäquat, aber störend ist, und dann die ganze Aufführung lang immer wieder. Er ist die Hauptfigur, mehr tragisch als negativ gezeichnet. Alles, was passiert, betrifft ihn. Aufdringlich unübersehbar in zum Teil abstoßenden Projektionen.

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Sarah Brady (Freia), Catriona Morison (Fricka), Bibata Maiga (Performerin), Thomas Atkins (Froh), Dina Mialinelina (Performerin), Christian Gerhaher (Wotan)

Dass das Rheingold in Afrika spielt, erkennt man dann vor allem an den Kostümen - besonders fantasie- und reizvoll sind die der Rheintöchter, der Riesen und des Feuergottes Loge, der als einziger Farbe auf die Bühne bringt. Die Götter sind wallend cremefarben gekleidet, Erda stoffreich in Erdtönen. Requisiten, die indigene Elemente enthalten, aber auch Tänze (zu den Ambossen in Nibelheim), Aktionen eines Bewegungschores, und Figuren, die immer wieder auch die Sänger doubeln, weisen ebenfalls auf Afrika hin. Bühnenarbeiter, die die Umbauten machen, sind geschickt einbezogen.

Das Rheingold stiehlt Alberich als ein Stück des (letzten?) ewigen Eises, das die Rheintöchter bewachen, denen Statisten im doppelten Sinne ihre Füße leihen: zum Bezirzen Alberichs und Getragen werden. Viele Figuren werden im Laufe des Abends herumgetragen...
In den Projektionen wird später gezeigt, wie das Eis geschmolzen ist. Der geschmiedete Ring ist dann ein Gebilde aus Gold.

Die Gegensätze von Lava und Eis, Feuer und Wasser regen Gedanken an. Zum ersten Walhall-Motiv werden feuerrote Lavaströme projiziert. Die gute Kraft des Feuers? Oder die Prophezeiung des nächsten Endes? Die Götter bewegen sich auf Stegen bzw. Plattformen, die auf Pfosten über die erkaltete Lava gestellt sind. Die Riesen tun so, als seien sie die Erbauer. Soll das schon Walhall sein? Die Riesen lassen sie jedenfalls zurückbauen, als ihnen Freia verwehrt wird: "Was du bist, bist du nur durch Verträge".


Vergrößerung in neuem Fenster Brenton Ryan (Loge), Georgy Kudrenko (Performer), Leigh Melrose (Alberich)

Loge erscheint mit clowneskem Gehilfen und einem fahrbaren kunterbunten Rundzelt. Hat er überall brauchbare Reste gesammelt? Seine Farben sind genauso vielfältig wie sein umfassendes Wissen. Ist er ein Medizinmann? Ein Scharlatan? Am Ende fügt er Wotans kurzen Speer, der aus einer römischen Garnisonsausgrabung kommen könnte, seiner Sammlung hinzu - schön abgewischt und eingepackt. Brenton Ryan singt den zwielichtigen Halbgott mit schlanken, klaren Tönen sehr textverständlich.

Freias gärtnerische Begabung, ewige Jugend bringende goldene Äpfel wachsen zu lassen, wird dadurch gezeigt, dass sie die Energie für ihr Gewächshäuschen (mit einer Pflanze, die zwei Tomätchen trägt) über ein archaisches elektrisches Gerät aus einem menschlichen Körper gewinnt. Ein ganz besonderer Wert in dieser Lavawüste. Daher entführen die Riesen dann auch nicht Freia, sondern ihre Gerätschaft. Die Götter fallen dann um und werden von Loge & Co. mit Lavasteinen beschwert. Warum nur?

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Schlussbild mit Regenbogen und einem recycelten Ring

Nibelheim befindet sich quasi unter den Planken. Die Nibelungen bilden als Kette den Riesenwurm, verfallen dann aber in eine wüste Schlägerei, eine von mehreren in dieser Inszenierung. Die Brutalität auf dem Weg zu einer Gesellschaftsordnung darf nicht fehlen. Die Kröte ist dann ein hinternwackelnder Nibelung. Wenn Alberich von Loge überlistet wird, ist er in der Filmprojektion wieder nackt. Zum Fluch quillt dem Gefilmten dann ziemlich eklig unendlich viel körnig-schleimiger Modder aus dem Mund. Die Projektionen funktionieren dann nicht mehr und werden erst bei Erdas Herauffahren aus einer Versenkung (typisches Theatermittel, s. o.) wieder aktiv. Den Ring schneidet Loges Gehilfe von Alberichs Finger, Loge nimmt ihm ihn ab und gibt ihn nur ziemlich unfreiwillig an Wotan weiter. Eine Berührung, und der Fluch wirkt.

Am Ende werden die Götter auf Brettern wie auf Tragen sitzend hinausgetragen, Donner in Buddha-Haltung (symbolisch für die neue Glaubensvielfalt?). Ein enttäuschender "Einzug nach Walhall". Es formen sich aus dem Bühnengrund aufsteigende Figuren zu einem transparenten Ring, der vor multiplen, nur schwachen Regenbögen über der Bühne schwebt.

Diese Rheingold-Interpretation betont keine aktuellen oder politischen Aspekte, sondern die zwischenmenschlichen oder besser gesellschaftlichen, denn die Personenregie hätte die Beziehungen der handelnden Personen zueinander gern genauer und tiefer ausarbeiten können.
Es gibt spannende Einfälle, aber auch Fragwürdiges und Unverständliches. Manches wirkt auch eher dekorativ als bedeutend. Die Projektionen auf die veränderlichen Leinwände weisen den Gedanken ihre Wege im Sinne des Regiekonzeptes, werden aber zunehmend lästig und was noch schlimmer ist: Sie sind aufdringlich und lenken ab, vom Geschehen und von der Musik. Der dort immer wieder gezeigte schmutzige, nackte Alberich ist irgendwann einfach nur noch anstrengend. Aber vielleicht muss er das sein, wenn die Geschichte einen speziellen Tiefgang haben soll.


Vergrößerung in neuem Fenster Lava als Ende und Anfang

Die konzeptionell orientierte Sängerauswahl zeigt sich nicht immer als großartig, aber durchaus spannend. Da stehen Wagner-Sänger anderen gegenüber, die sich eher erst als solche ausprobieren. Aber auch das kann konzeptionelle Absicht sein. Christian Gerhaher kommt natürlich in erster Linie vom Liedgesang, lässt auch als Wotan persönliche Eigenheiten in Artikulation und Vokalfärbung einfließen und gestaltet die Wotan-Partie besonders wortverständlich. Den jungen, draufgängerischen und energiegeladenen Wotan hört man da allerdings weniger. Aber wenn die Regie darstellen will, dass der Obergott nur den Schein wahrt und hinter der Fassade ein unsicher-ängstlicher Herrscher steht, ist das auch sängerisch gelungen. Leigh Melrose überzeugt als Alberich, dem er mit stimmlicher und schauspielerischer Ausdrucksvielfalt einen vielschichtigen Charakter verleiht.
Catriona Morison betont hochkultiviert und stimmschön sehr überzeugend die umschmeichelnde, Wotan zu ihren Gunsten verführende Fricka, die sie im Rheingold ja auch ist. Als Erda verströmt Jasmin White viel Wohlklang und Le Bu, der schon am Abend zuvor als Bass in Mahlers 8. Symphonie aufhorchen ließ, überzeugt auch als Fasolt mit satten, kraftvollen, aber auch sanften Tönen.

Kirill Petrenkos Dirigat ist in seiner Feinsinnigkeit sehr sängerfreundlich und unterstützt damit die überwiegend gute Textverständlichkeit. In den Zwischenspielen und im Finale bringt er die Musik umso üppiger zum Klingen. Dabei bevorzugt er durchaus rasche Tempi, die aber nie gehetzt wirken. Die großartigen Berliner Philharmoniker sind unter Petrenkos Dirigat das Beglückendste dieses Abends. Farbenreichtum, Detailgenauigkeit und Präzision verbinden sich zu einem Klangerlebnis der besonderen Art. Bei Petrenko hat jeder Takt Bedeutung, da hört man überraschende Details und Stimmkombinationen, die nicht aus Detailverliebtheit betont werden, sondern um das große Ganze zu bereichern und voranzubringen.


FAZIT

Die einzelnen Elemente des durchaus spannenden Regiekonzeptes teilen sich nicht immer unmittelbar mit. Im Detail gibt es Licht und Schatten und die Dauerprojektionen lenken zu oft ab. Sängerisch gibt es gute Leistungen, aber nicht jede überzeugt. Das wirklich großartige Ereignis ist Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern.






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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Kirill Petrenko

Inszenierung, Bühne und Kostüme
Kirill Serebrennikov

Skulpturen / Co-Bühnenbild
Recycle Group

Licht
Sergey Kucher

Video
Yurii Karikh

Co-Kostümbildnerin
Slavna Martinovic

Choreographie
Olga Pavluk

Co-Kostümbildnerin
Ivan Estegneev
Delavallet Bidiefono

Dramaturgie
Daniil Orlov



Berliner Philharmoniker


Solisten

Wotan
Christian Gerhaher

Donner
Gihoon Kim

Froh
Thomas Atkins

Loge
Brenton Ryan

Alberich
Leigh Melrose

Mime
Thomas Cilluffo

Fasolt
Le Bu

Fafner
Patrick Guetti

Fricka
Catriona Morison

Freia
Sarah Brady

Erda
Jasmin White

Woglinde
Louise Foor

Wellgunde
Yajie Zhang

Floßhilde
Jess Dandy


weitere Berichte von den
Salzburger Osterfestspielen 2026:
Gustav Mahler: 8. Symphonie


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