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An Händen und an Füßen gebunden in der Höll'
Text und Fotos von Johannes Vesper
Kann die Welt ihre Erlösung immer noch von einem Messias erwarten? Als israelitischer Choreograph aus einer Familie von Holocaust-Überlebenden will der 1966 geborene Tamir Ginz mit seinem Tanztheater zu Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion eine Brücke bauen zwischen Nationen und Religionen in einer Welt, in der der gekreuzigte und geschundene Jesus als Ukrainer, als Flüchtling auf dem Mittelmeer oder sonst wo überall unter uns ist. Der Titel Matthäus-Passion 2727 deutet die Grundidee an, nämlich einen tausendjährigen Rückblick aus dem Jahr 2727 auf Bachs am 11. April 1727 in Leipzig uraufgeführtes Werk.
Das Projekt entstand 2017 als Gemeinschaftsproduktion der israelischen Kamea Dance Company aus Beer Sheva, der in Wuppertal ansässigen Kantorei Barmen-Gemarke, einem renommierten Laienchor, und dessen seinerzeitigem Chorleiter Wolfgang Kläsener sowie dem Orchester l'arte del mondo und dessen Leiter Werner Erhard. Gefördert durch die umtriebige Kulturabteilung des Bayer-Konzerns, steht das Projekt im Rahmen der seit 1977 bestehenden Städtepartnerschaft zwischen Beer Sheva, der Kapitale der Negev-Wüste, und Wuppertal - die erste Partnerschaft zwischen einer israelischen und einer deutschen Stadt überhaupt (die 2017 das 40jährige Jubiläum feierte). Jetzt ist das bemerkenswerte Projekt für eine Aufführungsserie in verschiedenen deutschen Städten und die Thüringer Bach-Wochen (dort mit anderem Chor) neu einstudiert worden.
Tamir Ginz und Werner Ehrhardt haben das hochkomplexe Riesenwerk (zwei Orchester, zwei Chöre, vier Solisten) von drei Stunden auf ca. 90 Minuten gekürzt und die Reihenfolge umgestellt. Zu Beginn liegt hinter blutroter Vorderbühne auf der mit glänzend weißer Plane belegten Bühne (Bühnenbild Adam Keller), in ganzer Tiefe ausgenutzt, der nackte schutzlose Mensch, während schwarz gekleidete Tänzer:Innen (Kostüme: Limor Hershko Dror) mit Lichtern seitlich im Dunklen positioniert sind. Christus wird, bodenlos in freier Luft schreitend und mit ausgestreckten Armen die Kreuzigung simulierend, davongetragen und die tänzerische Deutung auf der Bühne nimmt Fahrt auf. Kamea heißt auf Deutsch "Talisman". Möglicherweise wird, wenn gelegentlich schwarze Steine auf den Boden gelegt werden, darauf Bezug genommen.
Wechselnde Beleuchtung der großen Konzertorgel vervollständigt das karge Bühnenbild. Massenszenen, Folterung, maschinenartige, harlekinartige Bewegungen, Liebe, Erotik im innigen Pas de Deux, schnelles Klopfen auf die Oberschenkel, sich Dahinschleppen mit hängendem Köpfen über die Bühnendiagonale, Abendmahl kontrastieren ausdrucksstark Bachs Musik, bei der im Original der Himmel trotz allen irdischen Elends doch aufreißt und tröstet. Ideal ist die Wuppertaler Stadthalle, ein Prachtbau mit ebenem Parkett, allerdings für eine solche Produktion nicht. Spiegelungen und Schattenbilder auf dem Bühnenboden konnten vom Saal aus bei horizontaler Sicht leider nicht wahrgenommen werden. So war es für das Publikum nicht immer einfach, Tanzszenen, die gelegentlich auch ohne Musik abliefen, dem musikalischen Geschehen bzw. den Bildern der Passionshandlung zu zuordnen.
Dem hohen Niveau des Tanzens entspricht die musikalische Darstellung von Chor (Alexander Lüken) und Orchester. Musikalisch fallen Präsenz und Präzision der Kantorei auf, die auswendig singt und so bei dunklem Saal den Blick des Publikums auf das Bühnengeschehen fokussiert. Der Wechsel zwischen innigen Chorälen und hoch dramatischen Chören ("Sind Blitze und Donner…") bei leicht waberndem Theaternebel schlagen das stets konzentrierte Publikum in Bann. Die Gesangssolisten - Stephanie Elliott (Sopran), Andra Prins (Alt), Daniel Tilch (Tenor) und Gregor Finke (Bass) - werden teilweise in die Choreographie mit einbezogen. Mühelos und klar erklingen die Tenor-Rezitative und Arien, seelenvoll singen Solo-Sopran und Alt, der allerdings wie auch der würdige Bass von der Empore aus gelegentlich vom Orchesterklang überdeckt wird. Das souveräne Orchester, kaum getrübt durch wenige Unsicherheiten bei den Bläsern, begleitet unter dem souveränen Dirigat von Werner Ehrhard sicher trotz schwieriger Koordinaten aller Beteiligten infolge großer Entfernungen. Zuletzt dann der grandiose Eingangschor, in dem "Geduld", "Schuld", "Sünd" und die "Liebe" im unerwarteten, bedrohlichen Geschrei der Tänzer:innen untergeht, Jesus die Kleider vom Leib gerissen werden und sich der Kreis zum Anfang schließt.
Ankert der Frieden tatsächlich in der Liebe? Das hatte Arno Gerlach, Vorsitzender des Freundeskreises der stark vom bürgerlichen Engagement getragenen Städtepartnerschaft, der Aufführung in einer kurzen Ansprache vorangestellt. Tosender, langanhaltender Applaus, stehende Ovationen, immer wieder Verbeugungen, Bravi, Bravissimi.
Ein bemerkenswertes transkulturelles Festspiel, sehr aktuell in diesen Kriegszeiten, welches dem Publikum offensichtlich unter die Haut gegangen ist. Schade, dass wir nicht erfahren werden, was im Jahr 2727 aus uns geworden sein wird, ob die Matthäuspassion überhaupt noch gesungen oder getanzt wird.
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Produktionsteam
Choreographie
Idee
Musikalische Leitung
Kostüme
Bühne
Lichtdesign
Solisten
Sopran
Alt
Tenor
Bass
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