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Lady Macbeth von Mzensk

Oper in vier Akten (neun Bildern)
Libretto von Alexander Preis und vom Komponisten nach der gleichnamigen Novelle von Nikolai Leskow
Musik von Dmitri Schostakowitsch


in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 10' (eine Pause)

Premiere am 22. Februar 2025 im Opernhaus Düsseldorf
(rezensierte Aufführung: 26. Februar 2025)


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Rheinoper
(Homepage)
Menschen, die auf Waschmaschinen starren

Von Stefan Schmöe / Fotos von Sandra Then

Die Musik zur Lady Macbeth von Mzensk ist wie ein Chamäleon. Ständig wechselt sie ihre Farbe. Zwischen grell strahlenden Blechfanfaren und zarter Innerlichkeit von Streichern und Harfe fast wie in Mahlers Adagietto, volkstümlichen Liedklängen und sentimentalen Operettenwalzern will sie sich nicht festlegen. Sie wiegt den Hörer in Sicherheit, um ihn im nächsten Moment zu überrumpeln und auszulachen. Die Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von Vitali Alekseenok bringen die dauernden Stilwechsel fabelhaft plastisch zum Klingen. So laut geht es im Düsseldorfer Opernhaus selten zu. So leise an anderer Stelle aber auch nicht. Dabei befeuert Alekseenok das Orchester zu höchster Intensität, und auch die ganz zurückgenommenen Passagen besitzen immense Spannung. In manchen Szenen klingt es nach Filmmusik, die suspense wie bei einem cineastischen Thriller erzeugt. Alekseenok interpretiert die Partitur weniger als durchlaufende Groteske denn als polystilistische Collage. Was natürlich eine erhebliche Menge an absurden Momenten mit sich bringt.

Szenenfoto

Das Verhältnis von Katerina und Schwiegervater Boris ist, vorsichtig gesagt, angespannt. Immerhin liebt er ihre Pilzgerichte. Überleben wird er diese aber nicht.

In ihren besten Momenten korrespondiert die Inszenierung von Elisabeth Stöppler gut mit diesem Ansatz. Eine Darstellung des Milieus in der russischen Provinz um 1860 (die Zeit, in der die Erzählung von Nikolaj S. Leskow spielt, die dem Libretto zugrunde liegt) oder in den 1930er-Jahren (der Zeit der Komposition) will die Regie unbedingt vermeiden, ebenso eine folkloristische Schilderung des staubigen Landlebens. Stattdessen sieht man auf der Drehbühne eine aseptisch weiße Wohnung unserer Tage mit elegant durchdesignter Küche, Bad und Schlafzimmer, reduziert auf die notwendigsten Möbel und Requisiten (Bühnenbild: Annika Haller). Die klinisch reine Atmosphäre wird ironisch kommentiert durch einen Raum mit mehreren Waschmaschinen. Oft sitzen die Menschen davor und schauen gebannt auf die rotierenden Trommeln. Die absolut keimfreie Oberfläche entspricht der Gefühlsökonomie, die man von Schwiegertochter Katerina hier im Haus erwartet: Keinesfalls eigene Bedürfnisse haben, sondern wie ein lebendiges Möbelstück ihrem Gatten Sinowi zu (sexuellen) Diensten sein. Gleichzeitig erzeugen die Arbeiter im Haus (in düsterem schwarz) eine Stimmung, die irgendwo zwischen Kaserne und KZ zu verorten ist. Kein schöner Ort.

Szenenfoto

Der Sex mit Katerina in der Dusche hat Folgen: Sergej wird ausgepeitscht.

Es kommt bekanntlich, wie es kommen muss: Katerina verbringt eine Liebesnacht mit Arbeiter Sergej, was Schwiegervater Boris umgehend entdeckt und straft; Katerina vergiftet Boris und erwürgt mit Sergejs Hilfe später auch ihren Ehemann Sinowi. Bis dahin erzählt Elisabeth Stöppler die Geschichte wie einen Albtraum (oder vielleicht auch Wunschtraum) Katerinas. Die Inszenierung wechselt zwischen filmisch genauer Personenführung und surrealen Momenten, in denen das Hauspersonal geisterhaft durch die Zimmer läuft. Die sorgfältig aufgebaute, orchestral gestützte Spannung entlädt sich mitunter in absurder Komik. Izabela Matula mit dunkel grundiertem, lyrischem, trotzdem durchsetzungsfähigem Sopran als Katerina und Andreas Bauer Kanabas mit großformatigem Bariton als ihr Schwiegervater Boris liefern sich ein szenisch wie vokal eindrucksvolles Duell zweier ungleicher Gegner. Sergey Polyakov gibt den Sergej mit geschmeidigem wie kraftvollem Tenor, und auch die Nebenrollen sind durchweg stark besetzt. Großes Musiktheater.

Szenenfoto

Nach dem Mord an Katerinas Ehemann Sinowi werden Katerina und Sergej von der Regie zu Puppen degradiert.

Im zweiten Teil des Abends fällt die Inszenierung allerdings mehr und mehr ab. Die korrupte Polizeitruppe ist eine schlechte und wenig sinnfällige Parodie auf ein amerikanisches Police Department. Die Szenerie bleibt, wie auch später beim Weg in das Straflager, dieselbe Wohnung wie im ersten Teil, jetzt ohne Mobiliar - nur passt jetzt alles nicht mehr so richtig. Katerina und Sergej tragen inzwischen vorgeschnallte unbekleidete Bäuche, sie dazu ein Reifrockgestell. Aus Menschen sind Puppen geworden. Das wirkt weder besonders schlüssig noch interessant, vielmehr verliert man schnell das Interesse an diesen zuvor noch so aufregenden Personen. Die Geschichte zieht sich.

Szenenfoto

Kein reißender Fluss in Sicht, in den sich Katerina stürzen könnte: Stattdessen tritt der Chor geschlechtsunabhängig im purpurfarbenen Kleid auf, wie es Katerina zu Beginn getragen hatte. Steckt etwa in jedem von uns ein Stück der Lady Macbeth von Mzensk?

Im Grunde ist in Elisabeth Stöpplers Sicht die Geschichte mit dem Mord an Sinowi, spätestens aber mit dem Auftauchen der Leiche ausgerechnet am Tag der Hochzeit von Katerina und Sergej, zu Ende erzählt. Wenn in der Vorstellung Katerinas das Eheleben die Hölle ist und der denkbare Mord die Befreiung, dann wirkt der Gedanke an die nachfolgende Bestrafung beinahe kleingeistig: Ist der neue Liebhaber vielleicht auch wieder nicht der Richtige? So wird das Finale, in dem Sergej von Katerina deren Strümpfe erbittet (um sie an seine neue Geliebte weiterzugeben), recht angestrengt abgewickelt. Für die Schlussszene, in der Katerina ihre Nebenbuhlerin und sich selbst in einem reißenden Fluss ertränkt, fehlt der Inszenierung ein angemessenes Bild. Der klangprächtige Chor (Einstudierung: Gerhard Michalski) besingt wehmütig eine Hoffnungslosigkeit, die sich aus dem Vorangegangenen nicht erschließt. Da können Waschmaschinen und Designerdusche nicht die trostlose Weite Sibiriens ersetzen.


FAZIT

Musikalisch kann die Düsseldorfer Produktion auf ganzer Linie überzeugen; szenisch fehlt der zunächst ziemlich spannenden, dann zunehmend bemühten Regie von Elisabeth Stöppler ein überzeugender Schluss.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Vitali Alekseenok

Inszenierung
Elisabeth Stöppler

Bühne
Annika Haller

Kostüme
Su Sigmund

Licht
Volker Weinhart

Chor
Gerhard Michalski

Dramaturgie
Anna Melcher



Düsseldorfer Symphoniker


Solisten

Boris Timofejewitsch Ismailow
Andreas Bauer Kanabas

Sinowi Borissowitsch Ismailow
Jussi Myllys

Katerina Ismailowa
Izabela Matula

Sergej
Sergey Polyakov

Aksinja
Anke Krabbe

Der Schäbige
Sergej Khomov

Verwalter
Valentin Ruckebier

Hausknecht / Alter Zwangsarbeiter
Torben Jürgens

Priester
Beniamin Pop

Polizeichef
Thorsten Grümbel

Sonjetka
Maria Polańska

Polizist
Constantin Moței

1. Vorarbeiter
* Dae-Il Park /
Zheng Xu

2. Vorarbeiter
Emanuel Fluck /
* Mamuka Manjgaladze

3. Vorarbeiter
* Zhive Kremshovski /
Igor Radushynskyi



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Rheinoper
(Homepage)



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